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11.04.1997 - 

Commerce im Internet/"Surfer's little helper" - mit einem Assistenten im Internet unterwegs

Netbots als Chauffeure auf den Datenautobahnen

Das Internet lädt nicht gerade zur Einkaufstour ein. Wer etwas sucht, braucht Zeit und Geld. Informationen gibt es in Hülle und Fülle. Aber das mühsame Herausfiltern einer Vielzahl unbrauchbarer Verweise strapaziert die Nerven.

Die Benutzer sind genötigt, sich die Informationspakete meist ohne Systemunterstützung selbst zu beschaffen. Die Auswertung von Dokumenten aus dem World Wide Web (WWW) und deren intelligente Verknüpfung müssen sie selbst vornehmen und dann noch die richtigen Schlußfolgerungen daraus ziehen.

Außerdem sind die angebotenen Netzdienste meistens undifferenziert in bezug auf Alter, Bildungsniveau, Internet-Erfahrung der Anwender und Nutzungskontexte. Im Web wird einheitlich bedient, egal ob jemand eine Kurzauskunft möchte oder eine wissenschaftliche Recherche betreibt.

Mit personifizierten, intelligenten Netzassistenten ließen sich diese Defizite beheben. Schon in naher Zukunft wird es möglich sein, relevante, auf den Benutzer zugeschnittene Informationen schnell und kostengünstig aus dem WWW herauszuziehen. Diese "Netbots", eine Kurzform von "Network-Robot", werden dem Anwender eine Menge Arbeit und Kosten ersparen und zu einer Verbreitung des Electronic Commerce beitragen.

Wolfgang Wahlster, Direktor des in Saarbrücken und Kaiserslautern ansässigen Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), erläutert die Funktion der "Chauffeure auf der Datenautobahn": "Der Anwender kann an seinen persönlichen Netbot die unterschiedlichsten Aufgaben delegieren." Das könnte zum Beispiel die Suche nach der preiswertesten Flugverbindung ans Urlaubsziel, das Einholen von Vergleichsangeboten zum Autokauf oder die Erstellung einer Übersicht von für ihn interessanten Immobilienangeboten sein.

Die kleinen Helfer sind laut Wahlster ziemlich selbständig: "Der Netbot entscheidet dann eigenständig, welche Schritte zur Bewältigung der Aufgabe notwendig sind, und führt diese im WWW aus. Anschließend faßt er die Ergebnisse der Suche im WWW zusammen und präsentiert dem Benutzer in individueller Form das Resultat."

Das in Deutschland unter anderem mit der Entwicklung von intelligenten Systemen für multimediale Netzanwendungen beschäftigte DFKI entwickelte für Daimler-Benz eine Erweiterung eines virtuellen Autosalons, der individuelle Kundenprofile berücksichtigt.

Die Benutzer können damit Produkte finden, die - falls nicht in der gewünschten Spezifikation verfügbar - eine Annäherung an ihren Wunsch darstellen. Hierbei wird eine Wissensbasis mit probabilistischen Bayesschen Netzen benutzt, um beispielsweise aus dem Angebot verfügbarer Jahreswagen das Fahrzeug zu finden, das dem Kundenwunsch hinsichtlich Fahrzeugtyp, Serien- und Sonderausstattung sowie Preis am nächsten kommt.

Gefällt einem Kunden der Spoiler an diesem Fahrzeug nicht, so folgert der Netbot, daß der Benutzer wahrscheinlich keinen Wert auf sportliches Ambiente legt, und sortiert auch die Modelle aus, die mit Breitreifen ausgestattet sind. Falls der Netbot anhand von Reaktionen des Benutzers feststellt, daß diesem Komfort besonders wichtig ist, stellt er passende Ausstattungsmerkmale wie zum Beispiel eine Klimaanlage unaufgefordert heraus.

Die Netbots können aber auch die Funktion eines Telemarketing-Assistenten ausüben und gezielt auf Kundensuche gehen. Da Web-Nutzer generell über E-Mail erreichbar sind, kann der Anbieter aufgrund von selbsterstellten Kundenprofilen zielgruppenspezifisches Direkt-Marketing über das WWW betreiben. Insbesondere beratungsintensive Branchen wie Reisebüros und Versicherungsgesellschaften dürften hiervon profitieren.

Netbots können auf dem Monitor Gestalt annehmen, entweder als Comicfigur oder als Bild eines Menschen. Mit Hilfe eines "Persona"-Editors lassen sich Gestik und Mimik von realen Personen, die man mit einer digitalen Videokamera aufgenommen hat, zu Filmsequenzen weiterverarbeiten. Das KI-System steuert jede Aktion dieser sogenannten Persona.

Diese Personifizierung entstand im Rahmen der Projekte "Personalized Planbased Presenter" (PPP) und "Adaptive Communication Assistant for Effective Infobahn Access" (AIA), die das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie gefördert hat. Den Ansatz haben auch Forscher am kalifornischen Stanford Research Institute International (SRI) und in den NTT Basic Research Laboratories der Nippon Telegraph and Telephone Corporation (Japan) aufgegriffen. Inzwischen vermarktet das DFKI die Entwicklungsergebnisse in Projekten mit Unternehmen.

Das Interessante an der Personifizierung ist, daß die Bildabfolge in dem Moment generiert wird, in dem der persönliche Assistent seine Aufgabe ausführt und präsentiert. Der Netbot kann in diesem Augenblick auch reaktives Verhalten an den Tag legen, dann nämlich, wenn der Benutzer aktuell in eine Recherche eingreifen will, zusätzliche Wünsche äußert oder eine Multimedia-Präsentation als zu schnell, zu detailliert oder zu weitschweifig kritisiert.

Die Persona haben die Java-Spezialisten des DFKI in einer Client-Server-Architektur realisiert. Auf dem Server werden die Aktionen der Persona geplant, die eigentliche Animation erfolgt auf dem Client. Dabei treten zahlreiche Java-Applets auf den Plan. Um eine hohe Animationsgeschwindigkeit zu erreichen, entstand ein spezieller Compiler, der für eine Anwendung alle möglichen Verhaltensschemata der Persona in ein effizientes Automatenmodell überführt.

Wahlster bezeichnet diese Netbots als "animierte Präsentations- oder Interface-Agenten"; geläufig ist auch der Begriff "life-like characters". Die Persona kann mit einer oder beiden Händen auf Bildelemente zeigen, wobei auch Zeigestöcke, Lupen etc. zum Einsatz kommen. Sie bewegt sich ständig zu den gerade relevanten Teilen der WWW-Präsentation und gibt auch gesprochene Zusatzinformationen aus. Über einen Dialog mit der Persona kann ein Benutzer die Web-Anwendung steuern. Ein hierarchischer Planungsalgorithmus erzeugt das situationsgerechte Verhalten des Interface-Agenten.

Das Beispiel dieses Präsentationsagenten, den Wahlster und sein Team im Rahmen einer Marktstudie für die Fluggesellschaft Condor entwickelt haben, verdeutlicht die Einsatzmöglichkeiten von Netbots. Ein Präsentationsagent, den ein Anwender beauftragt hat, eine Flugreise zu buchen, kann eine Reservierungsdatenbank durchsuchen und dabei zum Beispiel Präferenzen für bestimmte Fluggesellschaften oder eine negative Bewertung von Flügen mit Zwischenstops berücksichtigen. Er zeigt dann dem Benutzer mit einem Stab auf dem Plan der Flugzeugkabine, wo sich sein Platz befinden würde. Wenn es konveniert, nimmt er auch sofort die Buchung vor. Der Benutzer kann von seinem Präsenta- tionsagenten aber noch viel mehr verlangen: Sind die Daten für eine geplante Urlaubsreise ermittelt, kann der Netbot auch Zusatzinformationen bereitstellen. Dazu gehören zum Beispiel Filme, Fotos und Kartenmaterial von touristischen Attraktionen am Zielort, der aktuelle Wechselkurs im Urlaubsland oder auch Informationen über das laufende kulturelle Programm. Der Netbot rät dem Benutzer nach Präsentation der neuesten Wetterkarte auch, welche Kleidung angesagt ist.

Die aktuellen Zusatzinformationen holt sich der Präsentationsagent selbständig aus verschiedenen Web-Servern. Dabei greift er nicht auf eine vorgefertigte statische Darstellung zurück, sondern synthetisiert - passend zur jeweiligen Aufgabenstellung - jeweils überarbeitete aktuelle Formen der Präsentation.

Völlig neuartig ist dabei, daß das System dem Kunden beim Teleshopping Zusatzinformationen über das Produkt gibt. Diese werden aufgrund des bisherigen Dialogverlaufs mit dem Internet-Benutzer ausgewählt. Es ist also möglich, Hobbies und Präferenzen eines Kunden im Angebot zu berücksichtigen. So kann zum Beispiel bei einer Offerte ein und desselben Ferienhauses ein Kunde, von dem bekannt ist, daß er gerne angeln geht, die Information erhalten, daß zum Mietobjekt kostenlos ein Ruderboot gehört, während der Kunde mit Kleinkind auf das flache und damit sichere Seeufer hingewiesen wird.

Der übrigens auch noch sprechende persönliche Netzwerkagent kann nach den Vorstellungen des Entwicklungsteams am Intellimedia-Labor des DFKI seinen Benutzer ein Leben lang begleiten. Da er ja ständig von ihm lernt und im Lauf der Zeit genau weiß, was er präferiert und was nicht, kann er sich exakt auf dessen Informationswünsche einstellen.

Wahlster berichtet in diesem Zusammenhang von ersten Produkten im Bereich "personalized newsreaders": Auch hier hat der Assistent genaueste Kenntnisse davon, welche Meldungen und Rubriken in welchen Zeitungen und Zeitschriften den Benutzer interessieren. Er filtert sodann diese Informationen aus der Datenflut heraus und bereitet sie nach dem Benutzerwunsch in einem individuellen Layout auf.

Die Internet-Lösungen des DFKI finden mittlerweile weltweit Beachtung. Wie Wahlster erwähnt, hat inzwischen auch Microsoft die Idee aufgegriffen, eine animierte Persona als ständigen Ansprechpartner des Nutzers zu realisieren. Bei Microsoft gehen die Überlegungen dahin, das Persona-Modell auf die Entwicklung einer neuen Benutzeroberfläche für Betriebssysteme zu übertragen. Statt der Fenstertechnik würde dann beispielsweise ein personifizierter Assistent auf dem Bildschirm erscheinen, der auf Kommandos wartet.

Netbots können den Zugang zum WWW für jedermann drastisch vereinfachen und dem Benutzer viel Aufwand für Such- und Filterungsprozesse ersparen. Sie sind in der Lage, neuartige Informationsdienste zu offerieren und dabei ganz auf die Wünsche eines Online-Kunden eingehen.

Wahlster rechnet damit, daß auch in Deutschland der Electronic Commerce größere Bedeutung erlangen wird. Dafür seien allerdings nicht nur technische Hürden zu überwinden, sondern auch wirtschaftliche Barrieren abzubauen. In den USA kann man beispielsweise das Internet im Ortsnetz kostenlos nutzen. Eine sicherere Zahlungsabwicklung und höhere Übertragungsgeschwindigkeiten sind weitere Voraussetzungen.

Angeklickt

Das World Wide Web bietet ausgezeichnete Möglichkeiten für kommerzielle Zwecke. Zunächst müßten allerdings die Defizite ausgeräumt werden, die breiten Bevölkerungskreisen den Zugang noch unnötig erschweren. Einer der wichtigsten Nachteile des Internet resultiert aus seiner Stärke: der gewaltigen Fülle an Informationen. Netbots, personifizierte digitale Assistenten, die im Lauf der Zeit die Wünsche und Vorlieben ihrer Benutzer immer besser kennen, sollen ihnen die enervierende Sucherei abnehmen.

*Gerd Martin ist Referent und Firmenberater bei der Zentrale für Produktivität und Technologie (ZPT) in Saarbrücken.