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16.01.1998 - 

Verluste im vierten Quartal weisen auf strukturelle Defizite hin

Netscape: Schwieriger Weg zum Enterprise Computing

Als Ursachen werden die starke Konkurrenz durch Microsoft sowie Restrukturierungsaufwendungen genannt. Skeptiker sehen sich indes bestätigt: Der von den Kaliforniern eingeschlagene Weg in Richtung eines Anbieters von Enterprise-Computing-Lösungen dürfte lang und steinig werden.

Daß der frühere Börsenliebling die Gewinnprognosen für das vierte Quartal 1997 von 14 Cent je Aktie nicht wird erfüllen können, war Insidern klar - doch mit einem Absturz der Erträge in diesem Ausmaß hatten selbst die Analysten an der New Yorker Wallstreet nicht gerechnet.

Nach einer vergangene Woche herausgegebenen Gewinnwarnung rechnet Netscape im Schlußquartal des Geschäftsjahres 1997 mit einem Verlust zwischen 85 und 89 Millionen Dollar respektive 88 bis 92 Cent je Aktie. Und das, obwohl der Umsatz von 115 Millionen Dollar im vierten Quartal 1996 auf vermutlich 125 Millionen Dollar gestiegen ist. In dem Minus berücksichtigt sind, wie das Unternehmen mitteilte, diverse Restrukturierungs-Aufwendungen sowie die Kosten für die 180 Millionen Dollar teure Übernahme des Web-Server-Spezialisten Kiva Software. Unter dem Strich wird Netscape jedoch Ende Januar erstmals seit Gründung des Unternehmens ein operatives Minus zwischen 14 und 18 Millionen Dollar beziehungsweise 15 bis 19 Cent pro Anteilsschein bilanzieren müssen.

An der US-Computerbörse Nasdaq in New York fiel das Echo entsprechend verheerend aus: Der Kurs der Netscape-Aktie stürzte um 5,19 Punkte auf einen neuen Tiefststand von 18,19 Dollar. Enttäuscht zeigten sich die Analysten auch über den angesichts des miserablen Schlußquartals drohenden schlechten Jahresabschluß der Internet-Company.

Dieser läßt zwar für 1997 mit von 346 (1996) auf 534 bis 539 Millionen Dollar gestiegenen Einnahmen ein Wachstum von mehr als 50 Prozent erwarten; ein Nettoertrag von maximal zehn Millionen Dollar bedeutet jedoch kaum mehr als die berühmte "schwarze Null".

Das Management um Netscape-CEO Jim Barksdale reagierte daher prompt und kündigte einen festen Tritt auf die Kostenbremse an. Neben den in das vierte Quartal bereits einfließenden Kosten für den Abbau von Mitarbeitern in Höhe von 35 Millionen Dollar sollen die "allgemeinen Ausgaben" weiter gekürzt und diverse Niederlassungen geschlossen werden. Nähere Angaben, um wie viele Angestellte die Belegschaft reduziert werden soll, gibt es vom Unternehmen derzeit aber nicht.

Wirtschaftskrise in Fernost ist mitverantwortlich

In einer offiziellen Stellungnahme machte der Netscape-Chef neben der Wirtschafts- und Finanzkrise in Fernost den zunehmend härteren Wettbewerb im Browser-Geschäft, verantwortlich. Gleichzeitig betonte Barksdale jedoch, daß das Unternehmen bei seiner Wandlung vom Browser-Spezialisten zu einem Anbieter von Enterprise-Software "erfolgreich vorankommt". Die bereits Mitte 1997 eingeleitete und einen Großteil der momentanen Kosten verursachende strategische Neuausrichtung, inbesondere die Übernahmen der Electronic-Commerce-Companies Actra und Kiva Software, werde die eigene Position stärken. Netscape soll demnach noch in diesem Jahr "zu einem führenden Anbieter in den Bereichen Messaging, Service-Provider-Applikationen sowie kundenorientierte Internet-Lösungen" avancieren.

Genau daran zweifeln jedoch Börsianer und Branchen-Insider zunehmend. Der einstige Internet-Pionier steckt nach Auffassung vieler Experten in einem Dilemma: Einerseits bricht der Company der Umsatz im traditionellen Browser-Geschäft geradezu dramatisch weg, andererseits ist man auf dem Weg zu neuen Ufern - sprich: im Geschäft mit Servern für unternehmenskritische Anwendungen - auf halber Strecke stehengeblieben. Wie sehr Netscape im Browser-Markt gegenüber Microsoft an Boden verloren hat, machte Ende vergangenen Jahres eine Studie von Zona Research deutlich. Demnach ist der Anteil des Netscape-Produkts "Navigator" von April 1996 bis September 1997 weltweit von 87 auf 62 Prozent gefallen, während Microsofts "Internet Explorer" im gleichen Zeitraum von vier auf 36 Prozent zulegen konnte.

Wenig hilfreich ist Experten zufolge in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, daß der Anteil des Browser-Geschäfts am Netscape-Umsatz von mehr als 50 Prozent (Anfang 1997) auf nunmehr 13 Prozent weiter rückläufig ist. Der "Browser-Krieg" mit Microsoft interessiere ihn nicht mehr, tönte Netscape-Mitbegründer Marc Andreessen unlängst noch in einem "Spiegel"-Interview, doch sein Mentor Barksdale korrigierte ihn umgehend: Der Markt kenne Netscape als Browser-Company; hier müsse man schon aus Image-Gründen weiterhin Flagge zeigen und Microsoft Paroli bieten, erklärte der Netscape-CEO gegenüber der CW-Schwesterpublikation "Infoworld". Nur dann habe man bei den Anwendern ein Chance, als ein auch in anderen Bereichen "wettbewerbsfähiges Unternehmen" wahrgenommen zu werden.

Wie zutreffend Barksdale die Lage seiner Company einschätzt, zeigt auch ein Blick auf den Markt, in dem die Kalifornier erst reüssieren möchten. Das sogenannte Corporate-Solutions-Geschäft, also Paketlösungen mit entsprechender Client- und Server-Software inklusive Service und Support, entsprach im vierten Quartal 1997 mit Umsätzen von 91 Millionen im Vergleich zu 95 Millionen Dollar im dritten Quartal ebenfalls nicht den Erwartungen, heißt es bei Netscape vielsagend. Zudem müsse man sich an die Zusammenarbeit mit Value-Added-Resellern und die wegen der längeren Entscheidungswege und Upgrade-Zyklen im Lösungsgeschäft nicht so schnell fließenden Einnahmen erst noch gewöhnen. Etliche Experten sehen aber hier bereits ein Scheitern programmiert. Für Mitte 1998 angekündigte neue Produkte wie die Client-Plattform "Mercury" oder das Server-Paket "Apollo", deren Entwicklung und Fertigstellung Netscape derzeit mit großem Aufwand betreibt, kämen möglicherweise zu spät. Überdies hätten es die Kalifornier hier nicht nur mit Microsoft, sondern auch mit anderen Branchengrößen wie IBM (Lotus) oder Oracle zu tun und würden sich auf Dauer vermutlich übernehmen.

Auch die Börsianer zeigen Netscape offensichtlich zunehmend die kalte Schulter. Der vom Management angestrebte Wandel sei "nicht binnen eines Quartals zu bewältigen und werde hart sowie mit dem Risiko eines ungewissen Ausgangs behaftet sein", stuft die in Boston ansässige Aberdeen Group die Netscape-Aktie als derzeit nicht unbedingt empfehlenswertes Investment ein. Zudem seien die strategischen und strukturellen Defizite der Company zu lange durch die überdurchschnittlich hohen Einnahmen mit Werbung auf der eigenen Homepage oder durch Internet-Provider (22 Millionen Dollar allein im vierten Quartal 1997) überdeckt worden, heißt es in der Analyse weiter.

Navigator vermutlich bald wieder umsonst zu haben

Immer mehr Zeitgenossen raten daher dem Unternehmen, quasi zu den Anfängen zurückzukehren - will heißen: Microsoft nicht in allen Bereichen des Enterprise Computings Konkurrenz zu machen, sondern zu versuchen, als "Communications"-Company in Nischenmärkten wie E-Mail, IP-Telefonie oder spezifischen Web-Angeboten zu überleben und vor allem mit dem einzigen Pfund, das man (noch) hat, zu wuchern - dem Browser. In einem Punkt scheint der Netscape-Chef diesem Wunsch bereits nachzukommen. Barksdale deutete an, daß man zumindest in Betracht zieht, den "Navigator" wieder kostenlos an die Kundschaft abzugeben. Ansonsten zeigte sich der Frontmann der Kalifornier eher kämpferisch: "Wir sind keine Start-up-Company mehr und gehören zu den zwölf größten Softwarefirmen der Welt. Wir sind finanziell gesund, und wir werden uns daran gewöhnen, Wettbewerb zu haben.