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19.08.1994

Netware 4.x: NDS-Konzept als Alternative zur Bindery

19.08.1994

Bisher blieb Netware 4.x der grosse Durchbruch versagt. Das liegt nicht zuletzt an der halbherzigen Unterstuetzung von Drittherstellern, die meistens auf der Bindery aufsetzen, wenn sie Produkte fuer die neue Version anbieten. Ein grosser Pluspunkt von Netware 4.x, die "Network Directory Services" (NDS), wird dadurch nicht genutzt.

Von Eric Tierling*

Als die damals noch recht junge Firma Novell 1986 das Server-

basierende Netz-Betriebssystem "Advanced Netware 2.0" vorstellte, handelte es sich um einen echten Insidertip im aufstrebenden Netzmarkt. 1989 kam der Nachfolger "Netware 3.0", der den Durchbruch zwei Jahre spaeter mit "Netware 3.11" schaffte. Mittlerweile ist Netware 4.x auf dem Markt. Gegenueber der Vorgaengergeneration besitzt Netware 4.x einige Vorteile: So wird der auf den Festplatten vorhandene Speicherplatz bedeutend effektiver genutzt. Optional besteht die Moeglichkeit, die auf der Festplatte gespeicherten Programme und Daten im Hintergrund zu komprimieren und so Speicherkapazitaet zu gewinnen. Ohne den taeglichen Betrieb zu stoeren und zum Vermeiden von Dekomprimierungs-Verzoegerungen beim Laden haeufig benoetigter Dateien werden sie erst dann gepackt, wenn fuer einen frei definierbaren Zeitraum keine Zugriffe mehr erfolgt sind. Zusaetzlich ist das Komprimierungsverhalten ueber entsprechende Parameter steuerbar.

Weitere Verbesserungen betreffen vor allem internationale Anwender: Im Unterschied zu allen bisherigen Funktionen spricht Netware 4.x nicht mehr nur Englisch, sondern auch Deutsch, Franzoesisch, Italienisch und Spanisch. Die Uebersetzungsqualitaet faellt allerdings sehr unterschiedlich aus. Da deutsche Woerter meistens laenger sind als im Englischen, stimmt bei vielen Utilities die Bildschirmformatierung nicht mehr, in der deutschen Oberflaeche erscheinen oft nur Abkuerzungen. Softwarehersteller wie Microsoft oder Lotus zeigen, dass es auch anders geht.

Marktakzeptanz ist grosses Plus von Netware 3.1

Novell hat Netware 4.x grafische Tools zur Netzverwaltung unter Windows und OS/2 spendiert - auf dieses Feature muessen Netzadministratoren frueherer Netware-Versionen verzichten.

Diesen und anderen Vorteilen der 4er Version, die wie Datenmigration oder Dokumentenverwaltung bisher allerdings nur ansatzweise oder gar nicht implementiert sind, stehen die Staerken von Netware 3.1x gegenueber: erprobte Praxistauglichkeit und eine breite Unterstuetzung seitens der Hard- und Softwarehersteller.

Seit einigen Monaten feuert Novell mit Netware 4.x aus vollen Rohren. Intensive Marketing-Kampagnen, Schulungsoffensiven und verguenstigte Upgrade-Preise sollen nicht nur neue, sondern vor allem bereits vorhandene Kunden dazu bewegen, auf das neueste Pferd umzusatteln. Der Grund dafuer liegt auf der Hand: Erst wenn eine entsprechend grosse Anwenderbasis vorhanden ist, ziehen Dritthersteller mit.

Deren Engagement wirkt bisher eher halbherzig: Zwar ruehmen sich viele Hard- und Softwarefirmen, Netware 4.x zu unterstuetzen. Bei genauerem Hinsehen auf das Datenblatt oder die Verpackung findet der Anwender dahinter meistens den Zusatz "Nur Bindery-Emulation".

Seit Advanced Netware 2.0 stellt die Bindery die zentrale Datenbank des Servers dar, in der alle Angaben ueber Benutzer, Gruppen, Printserver etc. verzeichnet sind. Mit dem zunehmenden Siegeszug der lokalen Netze statteten viele Anwender ihre Abteilungen aber gleich mit mehreren Servern aus und stiessen dabei auf ein kleines, in diesem Zusammenhang eminent wichtiges Detail: Die Bindery ist ausschliesslich auf einen Server orientiert.

Damit ein Benutzer mit den auf mehrere Server verteilten Netzressourcen arbeiten kann, muss der Netzadministrator die Bindery auf jedem Server einzeln einrichten und mit den entsprechenden Profilen versehen. Genauso besteht fuer den Anwender die Notwendigkeit, sich bei jedem Server separat anzumelden. Ferner darf er nur mit bis zu acht Servern verbunden sein.

Netware 4.x setzt all dem mit den Netware Directory Services

(NDS) ein Ende: In einem netzweiten Verzeichnisbaum werden alle am Verbund beteiligten Ressourcen eingetragen; so spielt es keine Rolle mehr, wo sie sich tatsaechlich befinden. Ausserdem benoetigt der Benutzer nur noch eine Anmeldung, um die ihm zugedachten Ressourcen zu nutzen. Es sind bis zu 50 gleichzeitige Server- Verbindungen erlaubt.

Die meisten der derzeit fuer Netware erhaeltlichen Add-ons bauen auf der Bindary auf und beziehen von dort einen Grossteil der Informationen. Deshalb hat Novell in Netware 4.x einen Modus zur Bindery-Emulation implementiert. Dabei kommen die Vorteile der neuen NDS nicht zum Tragen - vielmehr verhaelt sich Netware 4.x in diesem Fall wie eine modernere Netware-3.x-Version. Produkte, die in der Lage sind, die Vorteile der NDS auszuschoepfen, sind nur sehr selten erhaeltlich.

Novell gibt in diesem Zusammenhang selbst kein gutes Beispiel ab: Programme zur NFS- und SAA-Anbindung beispielsweise laufen unter Netware 4.x nur in Verbindung mit der Bindery-Emulation. Das bei vielen NDS-Ressourcen, allen voran beim Benutzer, bereits vorgesehene Feld "E-Mail-Adresse" fristet auch beim juengsten Spross Netware 4.02 immer noch ein Schattendasein: Zwar hat es Novell geschafft, das hauseigene Nachrichtentransportsystem MHS auch unter Netware 4.x zum Laufen zu bringen, Voraussetzung hierfuer ist aber die Aktivierung der Bindery-Emulation.

Netware 3.x-Verwalter muessen bei 4.x umdenken

Dabei waere gerade fuer den Bereich E-Mail ein direkter Zugriff auf den NDS-Verzeichnisbaum relevant: Anstatt den Namen eines Benutzers sowohl im Netz als auch im E-Mail-System manuell zu definieren und zwischen beiden geeignete Verknuepfungen herzustellen, koennte sich ein Netzadministrator bei einer NDS- faehigen Loesung die doppelte Arbeit sparen: Das E-Mail-System bezieht alle Informationen aus dem NDS-Verzeichnisbaum, in dem als netzweite Datenbank alle Benutzer ohnehin bereits festgehalten sind. Dieses Feature ist jedoch erst fuer das Anfang naechsten Jahres erwartete Netware 4.1 vorgesehen.

Die NDS stellen Netzadministratoren vor neue Aufgaben: Zwar laesst sich ein grosser Teil des erlernten Netware-Know-hows auch bei der neuen Version anwenden. Der Umfang der neu hinzugekommenen Aspekte ist aber nicht unerheblich. So muessen unter Netware 4.x etwa neben Zugriffsrechten auf Verzeichnisse und Dateien auch Berechtigungen fuer den NDS-Verzeichnisbaum erteilt werden. Ferner besitzt Netware 4.x unterschiedliche Verfahren, einem Objekt die Berechtigungen eines anderen Objekts zukommen zu lassen.

In Zeiten, in denen Usability einen steigenden Stellenwert in der Entwicklung neuer Systeme einnimmt, ist dieses Verhalten nur bedingt nachvollziehbar. Allerdings resultiert die mitunter komplizierte Verwaltung aus dem Bemuehen, den C2/E2- Sicherheitsstandard zu erreichen und sich groesstenteils an dem X.500-Standard der ITU (frueher CCITT) anzulehnen. Mancher Netzadministrator sieht so den Wald vor lauter Baeumen nicht mehr, besonders wenn er noch nicht allzufest im "Netware"-Sattel sitzt.

In regelmaessigen Abstaenden versucht Novell zudem, die Anwender mit Patches und Updates zu begluecken, die im Durchschnitt alle ein bis drei Monate erscheinen und so gut wie keine Sprachmodule ausser dem englischen Original enthalten. Wohl dem, der ueber einen Compuserve- oder Internet-Anschluss verfuegt: Das Pruefen der entsprechenden Libraries gehoert mehr oder weniger zum woechentlichen Pflicht-Check eines Netzadministrators. Andernfalls heisst es, auf das naechste offizielle Update zu warten, das alle Patches seit der letzten Auslieferungsversion einschliesslich der lokalisierten Sprachmodule besitzt.

Und selbst dann ist der Kunde nicht vor Ueberraschungen gefeit: So verschickte Novell im Mai 1994 eine "Update-CD" zu Netware 4.01 an alle registrierten Kunden. Wenige Tage spaeter befanden sich auf Compuserve jedoch bereits die ersten Patches hierzu, denen weitere zur Praesentation von Netware 4.02 bereits im Juli folgten.

Viele Anwender bleiben zunaechst lieber bei der Loesung, die sich in ihrem Hause als lauffaehig erwiesen hat, und verfolgen die derzeitige Entwicklung mit einem "Evaluierungs-Auge" im Hinblick auf das naechste Major-Update: Netware 4.1. Einige Benutzer, die davon bereits die Alpha-Version im Hause haben, bescheinigen dieser sogar ein besseres Betriebsverhalten als Netware 4.01, so dass die derzeitige Alpha von Netware 4.1 eher einem spaeten Betastatus entspraeche.

In der Zwischenzeit versucht Microsoft mit Nachdruck, Netware- Kunden fuer sich zu gewinnen. Windows NT hat sich vor allem in der neuen Version 3.5 zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten fuer Netware 4.x gemausert. Das groesste Problem, die Verbindung zu vorhandenen Netware-Umgebungen fuer den Zugriff und Transfer vorhandener Datenbestaende, hat Microsoft dabei geloest: Seit Juni ist der "Netware Compatible Client" ("NCC") in einer endgueltigen Version verfuegbar. Der Clou dabei: Stationen, die ausschliesslich Treiber zum Zugriff auf den NT-Server geladen haben, koennen ueber die in NCC enthaltene Gateway-Komponente direkt auf einen Netware- Server zugreifen, ohne dafuer eingebundene Novell-Treiber zu erfordern.

Das Konzept der Netware Directory Services, in einer zentralen Datenbank alle fuer das Netz relevanten Informationen bereitzustellen, eroeffnet neue Aspekte und koennte so manche Doppeleingabe vermeiden helfen. Die gegenwaertig verfuegbaren Moeglichkeiten sind aber unzureichend, um diesen Ansatz weiter zu verfolgen. Auch wenn Novell Netware 3.1x wohl noch mindestens zwei Jahre unterstuetzt, wird die Zukunft bei Netware 4.x liegen. Entscheidend dafuer ist, dass die Version 4.1 auch tatsaechlich die versprochenen Features enthaelt.

Eine grosse Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang auch der Art und Anzahl NDS-faehiger Applikationen zu, die kurz darauf erscheinen muessen, will Novell Netware 4.x zum breiten Erfolg verhelfen und die Netware Directory Services nicht verkuemmern lassen.

Gut beraten waere der Hersteller des weiteren, die Patch-Flut einzudaemmen. Vielen Netzad-

ministratoren fehlt naemlich nicht nur die Zeit, sondern zunehmend auch die Lust, sich staendig darum zu kuemmern, mit den neuesten Versionen von Treibern und Utilities up-to-date zu sein.

Pro und Contra

+ Netware Directory Services (NDS) als Namensverzeichnis aller Netzressourcen,

+ bessere Ausnutzung der Festplattenkapazitaet durch Komprimierung,

+ nur noch eine Anmeldung zum Zugriff auf mehrere Server erforderlich,

+ ausgefeilte Sicherheitsmerkmale (C2/E2-Zertifikat in Vorbereitung),

+ bis zu 50 gleichzeitige Server-Verbindungen,

+ grafische Verwaltungswerkzeuge fuer Windows und OS/2 sowie

+ lokalisierte Utilities.

- Erst wenige Hersteller von netzfaehiger Hard- und Software unterstuetzen die NDS von Netware 4.x,

- Zusatzprodukte von Novell selbst nutzen die neuen Moeglichkeiten ebenfalls noch nicht aus,

- noch keine E-Mail-Unterstuetzung fuer die NDS sowie

- teilweise komplexe Administration.

*Eric Tierling arbeitet als freier Journalist in Leichlingen.