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01.07.2005

Networking: Firmen fürchten um Kontrolle

Winfried Gertz*
Von beruflichen Netzwerken profitieren Mitarbeiter und Firmen gleichermaßen. Doch Unternehmen gewöhnen sich nur schwer an den Gedanken, ihre Angestellten bei der Kontaktpflege zu unterstützen.

Der eine hat sie, der andere sucht sie. Ohne Kontakte kann ein Startup sein Geschäftsmodell nicht umsetzen, ohne weit gefächerte Beziehungen verkaufen Unternehmen ihre Produkte nicht. Unverzichtbar ist Vitamin B für den beruflichen Ein- und Aufstieg: "Bei Neueinstellungen", sagt Michael Louis, Geschäftsführer der Mindjet International GmbH in Alzenau, "achten wir immer mehr darauf, wie sehr sich Bewerber in Netzwerken engagieren." Diese Kontakte nutzt das Unternehmen, um mit potenziellen Kunden ins Gespräch zu kommen.

Welche Bedeutung die karriereorientierte Kontaktpflege für Berufseinsteiger hat, zeigen auch Umfragen. Danach findet jeder Dritte durch Beziehungen seinen Arbeitsplatz, ermittelte etwa die Jobbörse Stellenanzeigen.de. "Sich bei der Jobsuche auf Anzeigen oder die Arbeitsagentur zu verlassen", heißt es flankierend in einer Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), "ist nicht zu empfehlen." Für das in Hannover ansässige Hochschul-Informations-System (HIS) hat die staatliche Arbeitsvermittlung schlicht ihren Auftrag verfehlt: Lediglich einem Prozent der von HIS befragten 8000 Hochschulabsolventen verhalf sie zum Karrierestart.

Auch wer die erste Stelle schon gefunden hat, kann durch seine kommunikative Stärken berufliches Fortkommen fördern: Wer ungezwungen Kollegen anspricht und beim Smalltalk locker bleibt, steigert seine Beliebtheit und verdichtet so sein Netzwerk. Doch mit solchen Pfunden können nur wenige wuchern. "In Deutschland scheuen Menschen davor zurück, auf andere zuzugehen", sagt Miriam Keul. Die einstige Sprecherin des Verbands der Softwareindustrie (VSI) berät Unternehmen auf dem Gebiet der Kontaktpflege. Sie beobachtet, dass kommunikative Naturtalente auf beruflichem Parkett eher die Ausnahme sind. Tonangebend sind vielmehr Einzelkämpfer, die sich auf einige wenige Gefolgsleute stützen. "Jeder möchte derjenige sein, der angesprochen wird. Das hat schon fast Audienzcharakter." Anders als etwa in den Vereinigten Staaten oder Frankreich werde ungezwungenes Auftreten in deutschen Firmen noch immer mit der "Anbiederung von Versicherungsvertretern" identifiziert, bedauert Keul. Strikte Abteilungsgrenzen ständen einem produktiven Austausch ebenfalls im Weg. Mitarbeiter seien oft nicht in der Lage, solche Denkblockaden zu überwinden, moniert die Beraterin.

Hilfreich wäre es auch, wenn Mitarbeiter seitens der Führungskräfte ermutigt würden, quer durchs Unternehmen ihre Netze zu pflegen. Daran fehlt es oft. "Die Wertschätzung von sozialen Kompetenzen", ärgert sich beispielsweise Stefan Blank, Senior HR-Manager der Microsoft GmbH in Unterschleißheim, "fällt noch immer viel zu niedrig aus." Dass Entscheidungsträger kaum Zeit und Energie in Networking investieren, hat mehrere Gründe. Stephan Grabmeier, Mitglied von Open BC zufolge wird es vom Management oft als zeitverschwendendes "Kaffeekränzchen" diskreditiert. Blank hält dieses Argument für vorgeschoben. In Wirklichkeit hätten die Manager Angst: "Sie befürchten, dass in informellen Kreisen Ideen entstehen könnten, über die sie die Kontrolle verlieren."

Firmen sollten den informellen Austausch fördern

Keul warnt, was lange versäumt worden sei, lasse sich nicht von heute auf morgen einführen. Ohnehin würden sich niemals alle mit allen austauschen. Besser sei es, die Kunst des punktuellen Zweckbündnisses zu fördern: "Wer aus einer anderen Abteilung könnte wichtig sein für meine Aufgabe?" Auf dieses Denken legte bereits der deutsche Computerpionier Heinz Nixdorf großen Wert. Das "Nixdorf Auftakt Programm" (NAP) lud neue Mitarbeiter vom ersten Tag an ein, mit Kollegen und Führungskräften wichtige Kontakte zu knüpfen. Für Christine Dietrich, heute bei der Siemens Business Services GmbH in München für Change-Management verantwortlich, wirkte das Programm als Karrierebeschleuniger. "Noch jetzt profitiere ich von dem Netzwerk, das mir seinerzeit eröffnet wurde."

Bei Microsoft Deutschland kommen Mitarbeiter in "Learning Networks" zusammen, bauen Vorurteile ab und lernen voneinander. "So fördern wir die Kommunikation zwischen Organisationsbereichen und überblicken die Qualifikationen in den eigenen Reihen besser", erläutert Blank. Das externe Pendant heißt "Business Partnerships". Dort treffen sich Microsoft-Führungskräfte mit Entscheidern anderer Firmen, um an konkreten Problemen zu arbeiten. Ziel seien weniger neue Geschäftskontakte, sondern: "Wir wollen voneinander lernen und den Blick für andere Unternehmenskulturen und Werte erweitern."

Dass Unternehmen Netzwerken gegenüber aufgeschlossener werden, ist für Bernhard Schmid, Geschäftsführer des Münchner Management-Dienstleisters Global Value Management GmbH, überfällig. Während oft vernetztes Denken und partnerschaftliche Kooperation eingefordert werde, herrsche unter Entscheidungsträgern hoher Anpassungsdruck. "Wenn alle das Gleiche denken", amüsiert sich der einstige Vorstand des IT-Dienstleisters Tria AG über Manager, "wird bald überhaupt nicht mehr gedacht."

Schmid empfiehlt Managern, im Unternehmen integre, kommunikative und fachlich versierte "Network Champions" aufzuspüren. Deren Aufgabe soll es sein, den informellen Austausch zu fördern und die Mitarbeiter zu intensiverem Austausch zu ermutigen.

Im Internet tun sich viele mit der Kontaktpflege leichter. Networking-Plattformen boomen. In Open BC zum Beispiel halten 500000 Mitglieder nach Geschäftskontakten Ausschau. Für den Performers Circle der Verlagsgruppe Handelsblatt registrierten sich in den ersten Tagen 5000 Interessenten. Nach einer W3B-Umfrage der Marktforscher Fittkau & Maaß stufen zwei von drei europäischen Managern Internet-Kontaktpflege als "wichtig" oder "sehr wichtig" ein.

Eine andere Möglichkeit, online Leute kennen zu lernen, sind Blogs. Der Münchner Blogging-Fachmann Klaus Eck weiß von Softwarespezialisten, die durch ihr Online-Tagebuch einen neuen Job gefunden haben. Amerikanische IT-Konzerne erlauben ihren Mitarbeitern zu bloggen - vor allem, um den Wissenstransfer zu beschleunigen. Schmid empfiehlt dafür klare Spielregeln ("Code of Conduct"), damit der "Gedanke des informellen Networking nicht missbraucht wird". Sei jedoch überhaupt keine Kritik erlaubt, "ist das Netzwerk tot, ehe es richtig zu leben begonnen hat".

Unternehmen haben Angst vor Abwerbungsversuchen

Während Jonathan Schwartz, President und COO von Sun Microsystems, nach aktuellen Schätzungen inzwischen etwa 10000 bloggenden Mitarbeitern mit gutem Beispiel vorangeht und nahezu täglich seine Gedanken im Web verbreitet oder sich Microsoft-Windows-Chefentwickler Jim Allchin per Weblog als Gitarrist von außergewöhnlicher Begabung zeigt, erinnern die Blogs aus der SAP-Chefetage eher an den Duktus offizieller Verlautbarungen.

Dass Unternehmen befürchten, extrem vernetzte Mitarbeiter könnten ihre Fähigkeiten so lange steigern, bis sie von der Konkurrenz abgeworben würden, ist verständlich. Durch eine defensive Haltung bleiben aber auch Chancen ungenutzt: "Softwareentwickler sind hochmotiviert", lobt Schmid, "sie haben ein starkes Bedürfnis nach Teamarbeit und gemeinsamer Problemlösung." (iw)