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15.05.1998 - 

Thema der Woche

Neuaufstellung von Siemens löst Unruhe bei Anwendern aus

Gerhard Schulmeyer war wie immer ehrlich: Die Siemens-Aktionäre haben sich, wie der SNI-Chef vor zwei Wochen im Gespräch mit der COMPUTERWOCHE (siehe CW 18/98, Seite 9) einräumte, für eine von zwei Möglichkeiten entschieden. Statt einer gerüchteweise immer wieder gehandelten Fusion mit einem großen Computerhersteller oder IT-Dienstleister zogen sie jedoch die "Integration nach innen" vor. SNI gibt, so der Inhalt einer Ende April veröffentlichten Presseerklärung, die Produktion von PCs auf. Das Werk in Augsburg wird an den taiwanischen PC-Hersteller Acer veräußert, der die Münchner künftig als Auftragsfertiger beliefert. SNI wird mit Ausnahme des Geschäfts mit Kassen- und Handelssystemen wieder in den Mutterkonzern eingegliedert, der künftig das gesamte Produkt- und Lösungsportfolio in Sachen Information und Kommunikation (IuK) in den drei Bereichen "IuK-Dienstleistungen", "IuK-Netze" und "IuK-Produkte" bündelt.

So weit zu den Fakten, die Horst Rittenbruch, Vorstandssprecher der Siemens-Anwendervereinigung Save e.V., angeblich schon ein bißchen eher kannte als die breite Öffentlichkeit. Für ihn werden Unternehmen von Menschen repräsentiert. Welche Mitarbeiter jedoch in Zukunft bei Siemens wofür zuständig sind, ist dem Save-Chef "noch nicht ganz klar". Weitere Einzelheiten, etwa welche Produkte man welchem der drei neuen Geschäftsbereiche zuordnen wird, wisse man nach seinen Eindrücken "bei Siemens selbst noch nicht". Im Juni will Rittenbruch jedoch auf der turnusmäßigen Save-Jahresversammlung den Mitgliedern reinen Wein einschenken - Besuch aus der SNI-Vorstandsetage habe sich deshalb vorab zum Informationsaustausch angesagt. Und was ist mit der ersten Reaktion der Basis? Der Save begrüße generell, daß die von den Anwendern seit Jahren geforderte Zusammenführung von Informations- und Kommunikationstechnik im Siemens-Konzern "nunmehr richtig angepackt wird".

Nun könnte es natürlich sein, daß Rittenbruch aus diplomatischen oder anderen Gründen doch nicht so ganz die Stimmung an der Basis wiedergibt. Bei dieser Einschätzung muß man übrigens gar nicht das vernichtende Ergebnis einer aktuellen CW-Umfrage im Internet (siehe "Frage der Woche") bemühen. Es genügt schon, SNI-Anwender persönlich auf das Thema anzusprechen. Etwa bei einer in München ansässigen Siemens-Tochter, wo man allerdings - weil man dazu vieles zu bemerken hätte - nur zu anonymen Andeutungen bereit ist. Eine Aussage zu den aktuellen Vorkommnissen bei SNI würde "sicherlich nicht besonders freundlich ausfallen", gibt ein Mitarbeiter in der DV-Abteilung des besagten Leuchtmittel-Herstellers zu Protokoll. Warum, wird zumindest noch angedeutet. Man habe bisweilen Probleme mit den vom CIO der Mutter vorgegebenen Standards und sich demzufolge in der Vergangenheit oft gegen SNI-Lösungen entschieden.

Deutlicher wird Josef Reichhard, verantwortlich für Systembetreuung Großrechner und PCs bei der Agip Deutschland AG in München. Und er fächert dabei einen Großteil der Problematik auf, die die jüngste Entscheidung des Siemens-Vorstandes für die SNI-Anwender in sich bergen könnte. Mit SNI verabschiedet sich zum Beispiel für ihn der "letzte deutsche Markenhersteller aus dem PC-Geschäft". SNI-PCs habe man im gleichen Atemzug mit Rechnern von IBM und Compaq genannt; jeder wisse in Zukunft, daß in den Boxen der Münchner - Label hin, Label her - "Acer drinnen ist". Man werde es mit einem "Billiganbieter wie Vobis" zu tun haben, der seine Ware auch "entsprechend qualitativ bestückt". Aussagen, über die man sicherlich streiten kann, die aber zugleich dokumentieren, daß das Standing von Siemens im hartumkämpften PC-Markt auf keinen Fall besser werden dürfte.

Darüber hinaus stellt sich in Reichhards Verantwortungsbereich wie bei vielen SNI-Kunden die Frage, wie es mit dem Großrechnersystem BS2000 weitergeht - beziehungsweise, ob Siemens in Zukunft überhaupt noch eine ernstzunehmende Migrationsstrategie in die Client-Server-Welt anbieten wird. Der IT-Spezialist von Agip hat noch Glück, sich im Trend zu befinden. 1999 soll bei der deutschen Tochter des italienischen Mineralölkonzerns der einzig verbliebene BS2000-Mainframe abgeschaltet werden; ein sogenanntes Pächter-Verwaltungssystem, das die Versorgung der einzelnen Tankstellen in Deutschland koordiniert, wird dann von R/2 auf R/3 portiert - zunächst mit Primergy-Servern von SNI als Hardwarebasis. Nicht, daß Reichhard in diesem Zusammenhang das Verschwinden der SNI-Großrechner-, Unix- und NT-Server-Produkte quasi im Bermuda-Dreieck der Siemens-Organisation großes Kopfzerbrechen bereiten würde. Aber als Anbieter zeitgemäßer IT-Lösungen wird der Münchner, wie er andeutet, Siemens nicht mehr lange auf der Rechnung haben: "Nur mit dem Server allein kann ein Hersteller auf Dauer nicht überleben, er muß auch den passenden Client dazu bieten."

Manfred Schramm, zuständig für Programmierung/Organisation bei den Frenzelit-Werken in Bad Berneck, sieht dieses Problem als klassischer BS2000-Anwender noch ein bißchen kritischer: "SNI verläßt sich im Unix-Geschäft auf andere, gibt jetzt auch die PCs auf, da fragt man sich schon, wie es mit BS2000 weitergeht." Laut Schramm deutet alles darauf hin, daß sich die Münchner "weniger als Anbieter von Hardware, sondern als Dienstleister positionieren". Die DV-Mannschaft des auf die Fertigung von Kompensatoren, Dichtungen und Schlauchwaren spezialisierten Unternehmens im Fichtelgebirge hat sich jedenfalls ihre eigene Überlebensstrategie zurechtgebastelt. Zunächst wolle man, so Schramm, abwarten, "wie sich Siemens im DV-Geschäft aufstellen wird und welche Perspektive es dann noch für die BS2000 gibt".

Die Ankündigung von SNI, im Server-Bereich künftig auf Intels 64-Bit-Technologie und das Unix-Betriebssystem "Solaris for Intel" zu setzen, wertet er wie viele andere Branchenkenner als weitere Etappe der Münchner auf dem Rückzug aus dem Unix-Geschäft. Doch der Oberfranke ist Pragmatiker und setzt sich primär mit dem auseinander, was ihn aktuell beschäftigt: Mit dem C70-Mainframe von SNI käme man noch ein, zwei Jahre über die Runden, notfalls müsse man aber "Hersteller und Strategie wechseln". In welche Richtung, ist für den DV-Mitarbeiter und seine Kollegen auch klar: NT wäre für den eigentlich zufriedenen Anwender des ehemaligen SNI-Produkts "Siline" "durchaus eine Alternative".

Stimmen wie diese lassen sich zuhauf im Markt finden. Angedachte oder schon teilrealisierte Migrationsstrategien in eine NT-basierte Client-Server-Umgebung haben durch die jüngsten Ereignisse im Siemens-Konzern an Aktualität gewonnen. Nicht selten stand die Ablösung des SNI-Equipments ohnehin bevor. Für so manchen SNI-Kunden ist daher "Bestandspflege" oberstes Gebot. Helmut Mandlick, Leiter EDV beim Maschinenbauer Karl Schaeff KG in Langenburg, bringt seine Sicht der Dinge folgendermaßen auf den Punkt: "Ich behalte meinen VB (Vertriebsbeauftragten, Anm. d. Red.), das ist mir mit das wichtigste."

Auch sonst zeigt sich dieser SNI-Kunde wenig beeindruckt vom vermeintlich großen strategischen Wurf der Siemens-Lenker. Die Reintegration von SNI in den Mutterkonzern hat er jedenfalls "schon lange erwartet - eigentlich schon, seitdem das Unternehmen Siemens-Nixdorf heißt". Was seine künftige Erwartungshaltung angeht, gibt sich Mandlick deshalb keinen Illusionen hin. Er geht davon aus, auch weiterhin "von den gleichen Leuten bedient zu werden, ob das nun IuK oder anders heißt".

Im übrigen haben es die Münchner auch in Mandlicks Zuständigkeitsbereich mit einem für sie hartnäckigen Wettbewerber zu tun - Genosse Trend läßt grüßen. Mandlick formuliert es so: "Wir wollen sowieso auf R/3 umstellen. Dann sind wir endlich vom Host abgenabelt, und die notwendige Hardware können wir überall kaufen - darüber entscheidet eine Ausschreibung."

So ganz bei den Kunden angekommem - dieser Eindruck drängt sich dem Beobachter auf - ist die Botschaft von Siemens-Vorstand Volker Jung, daß es falsch sei, in Zeiten "technologischer Konvergenz" Kommunikations- und IT-Geschäft länger voneinander zu trennen, jedenfalls noch nicht. Vielmehr dürfte sich der Münchner Elektronikriese bei dem Unterfangen, vermeintliche Kompetenzen in beiden Bereichen zu einer im Markt schlagkräftigen "IuK"-Unit zu bündeln, in puncto Außenwirkung (zunächst) einen Bärendienst erwiesen haben. Rückzug aus dem PC-Geschäft, Behördenmentalität, alte Rechnungen im Konflikt zwischen Nixdorf- und Siemens-Seilschaften, die nun beglichen werden könnten - eine auch aus Sicht der Anwender gefährliche Mixtur aus noch nicht bewältigten Altlasten und strategischen Klimmzügen.

Agip-IT-Spezialist Reichhard plaudert aus dem Nähkästchen. Von einzelnen SNI- und Siemens-Divisions, die sich "untereinander bekriegt haben", berichtet der Münchner und von dem im Tagesgeschäft sicherlich nicht sehr hilfreichen Umstand, daß "im Siemens-Konzern die rechte Hand selten ohne schriftliche Anweisung der linken etwas unternommen hat". Reichhards Zukunftsprognosen hören sich denn auch entsprechend düster an. Was soll sich unter der "neuen Flagge IuK" ändern? Man habe schon in der Vergangenheit stets "von Pontius bis Pilatus rennen müssen". Siemens "war, ist und bleibt öffentlicher Dienst".

In die gleiche Kerbe schlägt auch ein DV-Verantwortlicher eines großen deutschen Meßtechnik-Unternehmens, der seinen Namen jedoch nicht genannt wissen möchte. "Die Koordination zwischen SNI- und Siemens-Private-Netze-Vertrieblern war sehr schlecht. Die haben sich gegenseitig das Schwarze unter den Nägeln nicht gegönnt." Jetzt dürften daher, so der skeptische SNI-Anwender, einige wieder gehörig Oberwasser bekommen - die Stimmung draußen im Markt scheint es zu dokumentieren. Der Anonymus wörtlich: "Wenn Sie sich mit einigen Vertriebsleuten unterhalten, bekommen Sie ganz klar mit, daß die Siemensianer gegenüber den SNI-Spezialisten mehr oder weniger triumphieren."

Abgesehen von den zwischenmenschlichen Problemen innerhalb der großen Siemens-Familie klemmt es für den IT-Fachmann auch im produktstrategischen Bereich. Prinzipiell habe man die Lösungskompetenz von Siemens nie in Frage gestellt - aber der "Versuch", mit Siemens Business Services (SBS) ein Projekt zu realisieren, habe das gängige Vorurteil, es mit einer Bank mit angeschlossener Elektroabteilung zu tun zu haben, "eindrucksvoll bestätigt".

Zum Thema Kundenorientierung fällt dem Siemens-Kunden nur ein knapp formulierter Rat an seinen Hersteller ein: "Das könnten sie von Firmen wie Dell lernen." Womit wir wieder beim Thema PC wären, das den IT-Spezialisten erst recht auf die Palme bringt: "In der Presse war immer zu lesen: Wir sind die Factory of the future, wir haben in Augsburg eine hochprofitable PC-Fertigung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man mit zwölf Prozent Marktanteil in Deutschland auf eine schwarze Null kommt - es sei denn, die Controller haben nicht sauber gearbeitet."

Miese Stimmung unter den Anwendern also - wenngleich das genannte Beispiel vielleicht einen besonders gravierenden Einzelfall darstellt. Doch auch Save-Vorstand Rittenbruch findet bei weiterem Nachfragen zu deutlicheren Worten: "Was ist die SNI und was ist die Siemens-Kommunikationstechnik von morgen? Diese Frage beunruhigt uns trotz aller Informationen, die wir bekommen haben." Wichtig sei vor allem im Unix-Umfeld die Frage, mit welchen Rechnern Siemens für die Zukunft plane. "Das wird Gegenstand unserer künftigen Gespräche sein."

Und dann bricht es aus dem Siemens-"Chefanwender" doch noch heraus: "Was uns ein bißchen ärgert ist, daß wir mit dem Hause SNI in den letzten Jahren sehr viele Neuorganisationsrunden gefahren haben. Mal hat man sich zentral, dann wieder dezentral aufgestellt. Jetzt wird erneut eine ganz andere Richtung vorgegeben. Da fragen wir uns schon: Mußte das alles so sein?" Rittenbruch weiß, wo die Siemens- Klientel der Schuh drückt und wo sich vielleicht Ansätze zu einer sinnvollen Lösung geboten hätten. Viele Anwender, gibt der Save-Vorstand zu, fänden es nicht gut, daß das "dynamische IT-Geschäft in den Moloch Siemens zurückgeführt wird". Mehr noch: Viele der Mitglieder seiner Organisation hätten sich durchaus vorstellen können, daß "die Siemens AG die Produkte aus dem Bereich PN (Private Netze, Anm. d. Red.) in eine neu definierte SNI einbringt. Dazu würde ich auch persönlich sehr stark neigen".

Pech gehabt, Herr Rittenbruch! Diese Idee hatten auch schon andere - in aller Bescheidenheit auch die COMPUTERWOCHE. Lassen wir hierzu noch einmal SNI-Chef Gerhard Schulmeyer zu Wort kommen, der auf eine diesbezügliche Frage der CW-Redaktion das aus einer Sicht Notwendige der interessierten Öffentlichkeit mitteilte: "Sie meinen, man sollte Siemens in der SNI auflösen? Ihre Phantasie ist unbegrenzt. Ich werde das Herrn von Pierer von Ihnen ausrichten lassen." Auf die Antwort dürfen wir gespannt sein.