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09.12.1998 - 

IT in Versicherungen/Kreativität versus Perfektionismus

Neue Akzente im Jahr-2000-Projekt der Württembergischen Versicherung

Was es bedeutet, eine komplexe DV auf das Jahr 2000 umzustellen, läßt sich am Beispiel der Württembergischen Versicherung AG studieren. Aus Stuttgart berichtet Winfried Gertz*.

"Auf einen Aufwand wie bei der bemannten Raumfahrt können wir verzichten", versichert Werner Bez, Projektleiter der Jahr-2000-Umstellung im Hause der Württembergischen. In Stuttgart steht man lieber mit beiden Beinen auf dem Boden. Im Unterschied zu Jahr-2000-Projekten anderer Unternehmen, die - wie Bez meint - nach Perfektion streben, setzte die Württembergische auf die Kreativität ihrer Mitarbeiter. Zwar gebe es bei der technischen Problemlösung kaum Alternativen zum Tool-Einsatz sowie zur Installation teurer Testumgebungen. Wie man jedoch mit den Kollegen umgehe und dem zunehmenden Druck standhalte, stehe auf einem anderen Blatt. Wie viele andere Anwender ärgert sich der Projektleiter darüber, daß einige Hersteller von Umstellungswerkzeugen aus der zunehmenden Bedrängnis der Unternehmen Kapital schlagen und unverschämte Preise verlangen.

Der Projektleiter hat alle Argumente auf seiner Seite, denn seine Kosten- und Zeitbudgets blieben bisher zum Teil weit unter Plan. So konnte die Konvertierungsphase vier Monate früher abgeschlossen werden, während nach der Hälfte der vorgesehenen Projektlaufzeit bereits 80 Prozent der Programme umgestellt sind. Die für das erste Quartal 1999 anstehenden Testläufe sind gut vorbereitet und dürften kaum Überraschungen liefern. Seit drei Monaten sind auch die Fachabteilungen dabei, ihre eigenen Systemumgebungen auf defizitäre Programme zu durchforsten. Nach der ABC-Analyse klassifizieren sie die Systeme in unbedingten Testbedarf (A), Klärungsbedarf des Herstellers (B) und eigenständige Problemlösung (C). Daß Buchhaltungssysteme eine höhere Umstellungspriorität haben als Excel-Tabellen, die man sozusagen "on the fly" korrigieren kann, versteht sich von selbst.

"Damit demonstrieren wir Anwendungsentwickler auch ein Stück Dienstleistungsmentalität für die Fachabteilungen", sagt Bez, der das Programm sukzessive auf die 67 Geschäftsstellen ausdehnen will. Parallel spüren die Experten auch den Embedded Systems nach, die in der Haustechnik oder in Zeiterfassungssystemen eventuell einen falschen Takt angeben könnten. Auch den Schnittstellen zwischen Informationstechnik und Telekommunikationsanlagen gilt derzeit besondere Aufmerksamkeit. Dennoch gibt sich Bez zurückhaltend, was den Sprung ins nächste Jahrtausend anbelangt. Unsicherheit sei eben menschlich, 100prozentige Sicherheit gebe es nicht. "Wer dieses Ziel verfolgt, setzt auf das falsche Pferd", urteilt Bez.

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Unter dem Druck der Jahr-2000-Projekte kommen nicht selten kulturelle Defizite zum Vorschein. Verantwortliche lassen sich im skurrilen Drang nach Perfektion und Sicherheit jeden Handgriff ihrer Entwickler dokumentieren und unterschreiben. Mit solchem Ordnungseifer kann man zwar kilometerlange Aktenkolonnen bauen, gleichzeitig aber auch innerbetriebliches Vertrauen opfern. Von der notwendigen Qualität ist man weiter entfernt denn je. Klar ist sich Bez darüber, daß Vorbehalte und Unsicherheit vollkommen normal sind und nicht dämonisiert werden müssen. Auch die Entwicklermannschaft der Württembergischen wollte zuerst der Tool-gestützten Analyse und Umstellung der Programmcodes nicht über den Weg trauen. Wie sollte sich auch ein externes System in individueller Logik zurechtfinden? Die Skepsis legte sich jedoch schnell, als manuell übersehene Programmzeilen durch das Werkzeug "C-Mill" der israelischen Crystal System Solutions entdeckt und richtig konvertiert wurden. Bereits Ende 1996 hatte man mit der manuellen 2000-Umstellung einiger hochstandardisierter Teilsysteme begonnen. Für die restlichen Host- und PC-Systeme entschied sich die Versicherung nun für eine Tool-unterstützte Vorgehensweise.

Das favorisierte Analyse- und Umstellungs-Tool deckt mit Cobol und Easytrieve die bei der Württembergischen eingesetzten Sprach- und Datenbankebenen in vollem Umfang ab. Sowohl die vom Werkzeug vorgeschlagenen als auch die manuellen Programmänderungen würden maschinell in den Programmcode implementiert. Dies habe laut Bez entscheidende Vorteile. Dokumentierte Programmänderungen können demnach wiederholt analysiert und eingebaut werden, was die Freezing-Zeiten auf wenige Tage verkürzt. Zudem würden manuelle Flüchtigkeitsfehler auf ein Minimum reduziert. Eine weiterer Vorteil sei es, daß über 60 Prozent aller Analyse- und Umstellungsaktivitäten auch von Programmunkundigen durchgeführt werden könnten. Dies verschaffe der Anwendungsentwicklung im Hause den dringend benötigten Freiraum für andere Aufgaben.

Bei der 2000-Analyse wollte sich Bez nicht nur auf die Reportgenerierung beschränken, sondern zugleich auch den Grundstein für die maschinelle Weiterverarbeitung der Daten bis zu ihrer Konvertierung legen. Ein Analysefundus, der neben anwendungsbezogenen Quellelementen wie Programmen, Job Control, Datei- und Datenbankbeschreibungen die entsprechenden Objekt- und Systemelemente einschließe, trage auch wesentlich zu der von Anwendern geforderten Planungssicherheit bei. Je höher die Qualität der Analyse, desto leichter würden auch die weiteren Arbeiten von der Hand gehen, war der Projektleiter überzeugt.

Die Inventarisierung einschließlich der Gesamtanalyse aller Programme ging bereits im Dezember 1997 über die Bühne. Wie aus dem Protokoll hervorgeht, wies das erste Untersuchungsergebnis in über 9 000 Programmen und ebenso vielen Copybooks rund 400 000 mutmaßlich datumsrelevante Felder auf, von denen etwa jedes achte aufgrund seiner zweistelligen Form genauer untersucht werden mußte. Im zweiten Schritt wurden Umstellungspakete (Cluster) geschnürt, die sich für konkrete Anwendungsgebiete und Zuständigkeiten herausgebildet hatten.

Bis zu vier Cluster, die zwischen 300 und 1 300 Programme aufweisen, ließ Bez parallel bearbeiten. Die Umstellungsaufgabe teilten sich einige Tool-Spezialisten der Dienstleister DAT Systemhaus, Neckarsulm, und der Münchener Interchip sowie Anwendungsentwickler der Versicherung. Erwartungsgemäß fand man in Programmen neueren Datums nur wenige Datumsfelder mit Umstellungsbedarf. "Fündig wurden wir aber überall", hält Bez fest. Fiel der Test der konvertierten Codes positiv aus, wechselten die bereinigten Programme sofort in die Produktion. Um das Zeitbudget nicht zu strapazieren, ging man in den Tests nur punktuell auf die Zeitreise "hinter" das Jahr 2000. Der vollständige Testlauf auf drei mit fixem Termin ausgestatteten Rechnern ist im Frühjahr geplant.

Bis auf wenige Ausnahmen kam es während der Konvertierungsphase nicht zu Beeinträchtigungen des Tagesgeschäfts. Nur für kurze Dauer mußte Bez die zu konvertierenden Programme blockieren, zumal er sehr früh bestimmte Zeitkorridore für die erforderlichen Integrations- und Abnahmetests festgelegt hatte. Insgesamt habe die werkzeuggestützte Vorgehensweise insbesondere den Analyse- und Konvertierungsaufwand stark entlastet. Der Projektleiter ist stolz darauf, nicht einen einzigen Freelancer angeheuert oder sogar das eigene Entwicklungsteam personell aufgerüstet zu haben.

Einmal mehr habe sich gezeigt, daß sich Programmierstandards oder einheitliche Prozesse in der Anwendungsentwicklung durchaus auszahlen können. Dazu zählen laut Bez vor allem Routinen sowie eine einheitliche Namensgebung, die sich gerade bei der Erkennung von Datumsfeldern bezahlt mache. Folge man dieser Linie, so hätte man es womöglich nur mit einer Handvoll Programmen zu tun, die einem das Leben schwermachen könnten.

Das Haus

Zur Württembergischen Versicherungsgruppe gehören die Komposit-, Lebens- und Krankenversicherung mit Versicherungsangeboten für Privat- und Firmenkunden. 1997 betrugen die Bruttobeitragseinnahmen 4945 Millionen Mark. Die Württembergische hat ihren Sitz in Stuttgart und beschäftigt 4634 Mitarbeiter im Innen- und Außendienst. 2011 hauptberufliche und 16043 nebenberufliche Vertreter betreuen in 67 Geschäftsstellen rund 2,5 Millionen Kunden.

Die Konfiguration

Mit ihrer Komplexität braucht die DV-Architektur der Versicherung keinen Vergleich zu scheuen. Zum Einsatz kommen die Datenbanken IMS-DB/DC und DB2, die auf zwei CMOS-Rechnern mit insgesamt 425 MIPS und Ein-Terabyte-Platten laufen; zudem verteilen sich rund 5000 PCs in Local (LAN) und Wide Area Networks (WAN). Analysiert werden mußten 11 339 Programme (77 Prozent Cobol, 18 Prozent Easytrieve, fünf Prozent Assembler, PL1 und sonstige) mit insgesamt 13,5 Millionen Lines of Code (LOC) sowie 10435 Copies mit 1,3 Millionen LOC.

Angeklickt

Daß man mit Jahr-2000-Projekten keine Lorbeeren verdienen kann, ist den Anwendern klar. Wie das Beispiel der Württembergischen Versicherung zeigt, ist man gut beraten, gelassen ans Werk zu gehen und nicht Perfektionismus um jeden Preis anzustreben. Zwar ist das Angebot an Problemlösungsstrategien begrenzt. In Panik zu geraten und dieses Gefühl hinter technischer Aufrüstung und bürokratischer Beckmesserei zu verbergen, dürfte jedoch kaum zum gewünschten Ergebnis beitragen.

*Winfried Gertz ist freier Journalist in München.