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25.11.1988 - 

DV-Ausbildungsinstitutionen kreieren attraktive Marketing-Tools:

Neue Berufsbezeichnungen sind nichts als Schall und Rauch

MÜNCHEN - Verwirrung stiften Ausbildungsinstitute bei Personalchefs und Absolventen: Viele Kurse schließen mit wohlklingenden, aber nichtssagenden Phantasie-Titeln ab. In vielen Fällen handelt es sich dabei lediglich um eine Art "Geschenkverpackung" für den Org.-Programmierer. Deshalb reagieren viele Unternehmen mit Skepsis auf allzu ungewöhnliche und hochtrabende Berufsbezeichnungen. Sie werten die Titelschwemme als das Ergebnis eines Marketingkonzepts der Schulungsanbieter. Viel wichtiger als solche Titel - so der einhellige Tenor - sind die persönlichen Qualitäten des Bewerbers.

Wie Pilze sind Bildungsträger für DV-Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen in den vergangenen Jahren aus dem Boden geschossen. Die Zahl derer, die an den Weiterbildungs-Budgets der Unternehmen und der staatlichen oder halbstaatlichen Förderungsmittel partizipieren wollen, ist fast unüberschaubar. Um gegenüber den Mitbewerbern die Nase vorn zu haben, locken viele Ausbildungsinstitutionen die potentiellen Kursteilnehmer mit wohlklingenden, aber häufig nichtssagenden Berufsbezeichnungen.

Manfred Lang, Leiter des Diebold Informationszentrums erklärt: "Die neuen Berufsbilder wie Medien-Didaktiker, Lernsystem-Architekt, DV-Instruktor, EDV-Pädagoge sind doch lediglich attraktive Marketing-Tools, um den potentiellen Teilnehmern irgendwelche Ausbildungswege schmackhaft zu machen." Auch würden die Bildungsträger häufig den benötigten Bedarf überzogen darstellen, um die DV-Umschüler von den vielversprechenden Karriereaussichten zu überzeugen.

Der Frankfurter Berater lakonisch: "Neue Berufsbilder entstehen ausgerechnet in einer Branche, in der die alltäglichen noch nicht einmal eindeutig definiert sind." Lang befürchtet, daß die Diskussion um die neuen Berufsbezeichnungen auch weiterhin auf dem Rücken der Absolventen ausgetragen wird: "Mit diesen eindrucksvoll klingenden Titeln können doch die meisten Personalleiter wenig anfangen, zumal diese nicht in die vorhandene Berufslandschaft der Unternehmen passen."

Diese Befürchtung des Diebold-Beraters teilt auch Herbert Rotthauwe, Leiter DV-Aus- und Fortbildung bei der Veba Oel in Gelsenkirchen-Buer: "Mit phantasievollen Namen wird derzeit tatsächlich viel Werbung betrieben. Die Teilnehmer erhalten sogar am Kursende ein Zertifikat über das erreichte Berufsziel - nur wird es von den Unternehmen nicht anerkannt." Ihm erscheint es sinnvoller, entweder bestehende Berufsbilder den Erfordernissen moderner Arbeitsplätze anzupassen, beziehungsweise neue Bezeichnungen mit entsprechenden Ausbildungsinhalten zu definieren. Nur offiziell anerkannte Berufsbilder, verbunden mit einer staatlich anerkannten Abschlußprüfung und einer allgemein bekannten und akzeptierten Berufsbezeichnung würden den Auszubildenden Chancen in der Großindustrie oder Verwaltung öffnen. Rotthauwe: "Denn die Institute haben nämlich, sofern nicht ein Hersteller dahintersteht, kaum einen solch guten Ruf, um ihren Schülern eine reale Chance bei Großunternehmen einräumen zu können."

Verständnis für die hochtrabenden Berufsbezeichnungen einiger Bildungsträger hat indes Hubert Metz, Personalleiter in einem großen Konzern: "Jedes Unternehmen fragt sich doch, wie verkaufe ich mein Produkt am besten. Wenn ich also einen in DV umgeschulten Lehrer rasch unterbringen will, nenne ich ihn DV-Instruktor oder EDV-Pädagoge." Der Titel ist für ihn die Geschenkverpackung, deren Inhalt überprüft werden muß. Der Butzbacher Fachmann kurz und bündig: "Wenn ein Personalchef heute nicht weiß, was ein Mediendidaktiker ist, hat er den falschen Job."

Metz will die Schuld daran, daß die Unternehmen "in der Not" auch weniger qualifizierte Bewerber einstellen müssen, nicht nur den Bildungsträgern zuschieben. Schließlich hätten die Firmen in den vergangenen Jahrzehnten die Ausbildung im DV-Bereich sträflich vernachlässigt. Häufig habe das Management es vorgezogen, teures Personal einzukaufen, statt eigene Mitarbeiter in Weiterbildungskurse zu schicken. Die Folge: In den Unternehmen gebe es zu wenig - in welcher Form auch immer - qualifizierte Mitarbeiter. Heute erwarte die Industrie von den Ausbildungsinstitutionen, daß diese ihr "fertig gebackene Brötchen" liefern. Da dies eine Illusion sei, müßten die Unternehmen künftig ihre Anstrengungen im Trainingsbereich, in der Weiterbildung und im Fachtraining verstärken.

Der Butzbacher Personalexperte rät, bei der Beurteilung eines Bewerbers vor allem dessen persönliche Qualitäten zu berücksichtigen. Während sich nämlich Wissenslücken mit vertretbarem Aufwand schließen ließen, seien charakterliche Merkmale eine feste Größe, die man schwerlich auf die betrieblichen Anforderungen umformen könne.

Ins gleiche Horn wie Hubert Metz stößt Werner Dostal, Personalexperte beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit. Der Nürnberger Arbeitsmarktexperte hat grundsätzlich nichts gegen Berufsbilder mit phantosievollen Titeln einzuwenden: "Allerdings dürfen sie nicht irgendwelche Mängel verdecken beziehungsweise Hoffnungen wecken, die nicht erfüllt werden können." Für ihn steht ebenfalls fest, daß die bombastischen Berufsbezeichnungen hauptsächlich das Marketingkonzept der Schulungsanbieter widerspiegeln. Schließlich wolle jeder Bildungsträger die Mitbewerber übertrumpfen. Dostal: "Nimmt man die Ausbildungsinhalte genauer unter die Lupe, so entdeckt man eine erstaunliche Homogenität." Im Grunde genommen seien die Schulungsangebote nämlich alle gleich aufgebaut. "Sie beginnen", erklärt der Nürnberger Fachmann, "mit der Einführung in die DV, beinhalten Hard- und Softwarekenntnisse, dazu kommen ein oder zwei Programmiersprachen sowie einige Datenverwaltungselemente." Mit welcher Berufsbezeichnung der Kurs letztendlich abschließt, sei demzufolge nicht so wichtig. Die Personalchefs würden es bevorzugen, wenn die Kursinhalte nicht so sehr spezialisiert wären. Je spezieller nämlich die Ausbildung ist, desto schwerer können sie den neuen Mitarbeiter in das bereits bestehende Team integrieren.

Keine guten Erfahrungen hat Günther Mayr, Geschäftsführer ABC Computer, München, mit Bewerbern aus den Schulungszentren des Control Data Instituts und der Siemens AG gemacht. Derartige Bewerber hatten sich mit wohlklingenden Zertifikaten in der Tasche in seinem Haus vorgestellt. Mayr: "Auf Stellenanzeigen, in denen Entwickler für CAD-Software gesucht werden, melden sich Bewerber, die eine Umschulung zum "Computer-Grafik-Designer" gemacht haben." Ergebnis: Der Absolvent könne als Anwender mit einem bestimmten Softwarepaket, das ihm während der Ausbildung vermittelt wurde, umgehen, das heißt "Bildchen malen und mit der entsprechenden Präsentationssoftware bewegen". Von der Komplexität solcher Programme, geschweige denn von deren Programmierung hätte er aber keine Ahnung. Dafür lege der Bewerber mehr als 20 000 Mark auf den Tisch.

Um Mißverständnissen vorzubeugen, suchte Mayr bei der nächsten Stellenausschreibung ausdrücklich einen erfahrenen C-Programmierer mit - wenn möglich - CAD-Erfahrung. Diesmal meldeten sich - neben einigen qualifizierten Bewerbern - auch CDI-Absolventen mit Titeln wie Wirtschafts-Informatiker und Technik-Informatiker. "Dahinter verbargen sich", erklärt DV-Fachmann Mayr, "12-Monats-Lehrgängler, die eine intensive Einführung in die DV erhalten hatten." Der Münchener Profi staunt nicht nur über die Unwissenheit der Absolventen, sondern ist auch über die Unverfrorenheit der Schulungsanbieter verblüfft: "Das Programmieren in C war ebenso wie das in Basic, Assembler, Cobol in 14-Tage-Blöcken vermittelt worden. Die CAD-Erfahrung brachte man aus der Zwei-Wochen-Einführung in AutoCAD mit."

"Hier muß wohl zunächst einmal ein großes Mißverständnis ausgeräumt werden", betont dagegen Gerhard Held, Leiter Berufsbildung bei der Siemens AG, Schule für Kommunikations- und Datentechnik. Die Seminare, egal wie sie hießen und wer sie durchführe, könnten nie das Ziel haben die Absolventen für einen speziellen Arbeitsplatz auszubilden. Der Münchener Ausbildungsexperte: "Die Schulen vermitteln lediglich jenes Rüstzeug, das den Kursteilnehmern die Tür in die Berufswelt öffnen soll." Auch er fordert die Unternehmen auf, ihre Erwartungshaltung an künftige Mitarbeiter herunterzuschrauben. Der ideale Bewerber, das heißt der Diplom-Informatiker 25 Jahre alt, mit sieben Jahren Berufserfahrung und niedrigem Gehaltswunsch sei eben nicht zu haben.

Fortbildungsexperte Held erklärt, daß Siemens immer dann neue Berufsbilder kreiere, wenn ein entsprechender Bedarf entsteht. Gleichzeitig räumt er ein, daß einige Kurse durchaus mit Phantasie-Titeln abschließen. Held großzügig: "Namen sind letztendlich Schall und Rauch." Wichtig sei doch nur, daß sich der Absolvent auch auf eine Stellenanzeige, in der ein Organisations-Programmierer gesucht werde, bewerben könne. Schließlich gebe es lediglich drei Berufsbilder, für die überhaupt eine Prüfungsordnung vorhanden ist: den Wirtschaftsinformatiker, den Org.-Programmierer und den DV-Kaufmann. Dafür, daß vielen Personalchefs die wohlklingenden Berufsbezeichnungen nicht bekannt sind, hat der Siemens-Schulungsexperte ebenfalls eine Erklärung parat. Zwar sei der Bedarf nach solchen Tätigkeiten vorhanden, dem Kinde aber noch kein Namen gegeben worden.

Held reicht den Schwarzen Peter weiter: "Wenn ein Personalchef durch einen hochtrabenden Titel etwas verwirrt sein sollte, muß der Bewerber eben durch persönliche Qualitäten überzeugen."