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27.02.1998 - 

Der Spaß ist wichtiger als die Funktion

Neue Interface-Konzepte in der Low-end-Bildbearbeitung

In Programmen zur digitalen Bildbearbeitung läßt sich derzeit ein Bruch mit Interface-Konventionen und damit ein neuer Softwaretrend beobachten. Gemeint sind Produkte wie "Kai's Photo Soap", "Art Dabbler" von Meta- creations, Microsofts "Picture It", Adobes "Photo Deluxe", "Iphoto Express" von Ulead, "Live Pix" aus dem Hause Live Picture oder die etwas konventionellere "Photosuite" von MGI. Die Tools kosten höchstens 180 Mark (meist nicht mehr als 80 Mark) und werden häufig im Bundling mit Scannern, Farbdruckern und Digitalkameras der unteren Preisklasse ausgeliefert. Zielgruppe sind Anwender, die Wert auf schnelle Resultate legen und für komplizierte Lösungen wie Photoshop, Picture Publisher oder Photopaint weder Geduld, Know-how noch Budget aufbringen.

Die Programmentwickler bemühen sich nicht nur, schwierige Funktionen ihrer Tools durch Automatismen zu ersetzen, auch die althergebrachte SAA-Benutzeroberfläche mit ihrer vertrauten Menügliederung von "Datei" bis "Hilfe" wird revolutioniert. Als Ziel propagieren die Erfinder neben dem eigentlichen Arbeitsergebnis vor allem auch den unterhaltsamen Weg dahin: mit vielen bunten Buttons sowie dreidimensionalen, fotorealistischen Software-Elementen, die rappeln, ploppen und blinken.

Besonders konsequent beschreitet Kai Krause diesen Weg. Der Grafik- und Interface-Guru der kalifornischen Firma Metacreations hatte schon mit Programmen und Plug-ins wie "Kai's Power Tools" (KPT), "Convolver", "Bryce" oder "Power Goo" leistungsstarke Grafikbearbeitung ermöglicht, die nicht zuletzt durch ungewöhnliche Oberflächen auffiel. Verspielt präsentierte der gebürtige Essener gefällige 3D-Bildschirmelemente und fotorealistische Vorschau-Werkzeuge, die an eine futuristische Kreuzung aus Kompaß und Schweizer Messer denken ließen - Bildschirmobjekte, die man gegen jede Konvention quer über die Programmfläche einschließlich der Menüleisten ziehen konnte und die sogar einen Schatten warfen. Witzig war das immer, praktisch nur manchmal.

Mit dem Bildbearbeitungsprogramm Photo Soap liefert Kai Krause jetzt sein Meisterstück. Die Arbeitsfläche wirkt gemasert wie edles Leder, die Bilddatei erscheint in einer Art Leuchtkasten. Stufenlos gleitend öffnen sich Schubladen, denen der verblüffte Anwender Pinsel und Radiergummi in fotorealistischer Gestalt entnimmt. Diese Retusche-Tools gleiten flüssig über die Datei und werfen einen Schatten dazu. Stufenlos zoomt das Bild durch alle Vergrößerungsmaßstäbe. Bilddateien läßt man wie Papierfotos irgendwo auf der Arbeitsfläche liegen oder räumt sie in Alben ein.

Zweiter Protagonist des neuen Spaßdesigns ist eine Firma, der man das eigentlich nicht zugetraut hätte: Microsoft liefert mit Picture It 2.0 ein Bildbearbeitungsprogramm, das keinesfalls das sonst so begehrte Prädikat "Office compatible" verdient. Picture It startet mit einer Überblendschau bei stimmungsvoller Musik, jede einzelne Schaltfläche klappert, rappelt oder quietscht. Ähnlich wie Photo Deluxe trennt auch das Microsoft-Programm zwischen freien Arbeiten und angeleiteten Projekten etwa für Grußkarten, Kalender oder digitale Diaschauen.

Die Programmierer fanden erkennbar Inspiration bei älteren Produkten des Hauses: Vor Jahren schon gab es pfiffige Ideen, die in den Kinderprogrammen "Fine Artist" und "Creative Writer" umgesetzt wurden und jetzt auch Picture It beleben. Während bei den Office-Programmen die Paletten oft unkontrolliert umherschwirren, zeigt Picture It eine ausgesprochen starre Oberfläche: Alle Montage-Objekte sieht man rechts, alle geöffneten Bilder erscheinen unten, Erklärungen und Buttons finden sich links, das Dateifenster prangt in der Mitte. Das wirkt zunächst unflexibel - doch schnelles Zurechtfinden ist garantiert.

Der Anwender soll es so einfach wie möglich haben: Darum werden nicht nur die Arbeitsschritte vordefiniert, er bekommt bei allen Anbietern auch dutzendweise fertige Kompositionen frei Haus. Hier muß man nur noch den eigenen Kopf ins Kalenderblatt einkopieren oder persönliche Grüße eintippen - fertig ist die "aufwendige" Montage. Freilich variiert die Qualität des mitgelieferten Materials stark. Während etwa Microsoft viele attraktive Objekte auf die CD packt, wirkt bei Adobe oder MGI einiges eher kindisch, Uleads Vorlagen triefen vor Kitsch.

Nur wer die konventionellen Bildprogramme kennt, entdeckt die oft verheerenden Mängel der neuen Spaßgeneration. So unterstützt Kai's Photo Soap nur eine einzige Schriftart und verschmilzt - wie auch die MGI Photosuite - montierte Objekte mit dem Hintergrund: Nach dem Speichern läßt sich also nichts mehr umarrangieren. Photo Soap liefert erst gar keine Auswahlwerkzeuge wie Lasso oder Zauberstab mit, so daß man gar nichts ausschneiden und verschieben oder selektiv bearbeiten kann.

Adobes Photo Deluxe 1.0 wird derzeit durch eine Folgeversion ersetzt. Wichtigste Neuerung: Das Programm kann mehr als eine Datei gleichzeitig öffnen. Die MGI Photosuite verweigert teilweise das Speichern, so daß man seine Montagen zwar drucken, nicht aber auf Platte verewigen kann. Dazu kommt, daß die Trennung in viele Schaltflächen und Registerkarten die Programme unübersichtlich macht, insbesondere Iphoto Express und Photo Deluxe.

Gar keine Frage: Konventionell gestaltete Software unter 100 Mark ("Photo Finish 4", "Photo Line 2.5", "Picture Publisher 4" oder "Micrografx Draw") bietet mehr Gestaltungsmöglichkeiten fürs Geld. Aber man erhält weder die vielen bunten Montagevorlagen noch die Extraportion Spaß.

*Heico Neumeyer ist freier Fachautor in Bad Tölz.