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Neue Medien - wer gewinnt den Krieg der Knöpfe?

07.04.1989

Dr. Ahmet Cakir Ergonomic Institut für Arbeits- und Sozialforschung

Forschungsgesellschaft m.b.H. Berlin

Es war einmal .. .", so beginnen die Märchen, die der Wind der Zeit aus dem Orient herübergeweht hat, "Es wird einmal...", so klingen moderne Erzählungen, die der Zeitgeist aus dem Fernen Westen bringt. Und um zeitgemäß zu erscheinen, wird gleich ein Chart mitgeliefert, der zeigt, wie die gerade besprochene Technik von einem bescheidenen Anfang ausgehend exponentiell ansteigende Verbreitung finden wird. Wer solche Charts lieber selber erstellen möchte, kann einen "Drachenschnurkurvengenerator" für sein neues Medium geliefert bekommen, so genannt, weil die Wachstumskurve der Form der Schnur eines Kinderdrachens gleicht. Leider, so scheint es mir, geht es vielen Projekten wie den Drachen von Charly Brown: Sie stürzen einfach ab.

Funkmedien, in den Siebzigern vehement gefordert, können nur deswegen nicht stark nachlassen, weil sie schon schwach gestartet sind, Radio GAGA der Alternativen ist ebenso sanft entschlafen wie viel teurere Projekte der Etablierten. Wenn wir jedem verblichenen Medienprojekt das angemessene Begräbnis mit Live-Übertragung könnten zuteil werden lassen, könnten die verbliebenen auf die vielen Wiederholungen der Ereignisse von gestern auf lange Sicht verzichten. Und manche von denen sehen älter aus, als sie jemals werden. Der Kommerz auf Megahertz gestaltet sich schwieriger als vermutet.

Bis Btx die von (Medien-) Zukunftsforschern für heute vorausgesagten Anschlußzahlen erreicht, werden dieselben ihre berufliche Zukunft voraussichtlich schon hinter sich gebracht haben. Sollte Btx nicht doch die (Büro-)Welt verändern, wie mancher Experte im Jahre 1983 prophezeit hatte? Vielleicht wäre es an der Zeit, eine kurze Zwischenbilanz zu ziehen, schließlich ist manches Neue Medium auch nicht gerade jung. Vor allem scheint mir eine Analyse der Gründe wichtig.

Einen dieser Gründe sehe ich in der fehlenden Übereinstimmung zwischen der gebotenen Leistung und den Bedürfnissen der potentiellen Anwender. Warum blieb den privaten Fernsehsendern der kometenhafte Aufstieg des Fernsehens in den fünfziger Jahren versagt? Damals vor vierzig Jahren wurde der an die Wochenschau im Kino gewöhnte Mensch mit der mehrmaligen Tagesschau regelrecht verwöhnt. Den Gang zum Kino brauchte er nicht mehr anzutreten, das Pantoffelkino war geboren. In vier Jahrzehnten Medienentwicklung wurde eine gediegene Präsentationsform gefunden. Was bieten die Neuen hingegen? Videoclips am Bande oder Serien, die man in seiner Jugend zu sehen versäumt hatte, sowie jede Menge anderer geistiger Konservennahrung.

Ähnlich scheint es mit Btx zu laufen, insbesondere an seiner Oberfläche. Die wurde nämlich für den Heimfernseher mit Fernbedienung gestaltet. Wer ein bißchen Ahnung von DV-Terminals hat, läßt an dieser Oberfläche kein gutes Haar. Neu ist die Kritik indes nicht, sie wurde bereits vor der Einführung von Btx deutlich formuliert. Die Verantwortlichen hatten jedoch die Ohren auf Durchzug geschaltet. Und die Antwortzeiten! Daß diese untragbar wären, hatten Untersuchungen in den sechziger Jahren gezeigt. Btx wird eben nicht bewundert wie weiland Ceefax oder Prestel, er wird mit der Leistung moderner Computer verglichen. Gewogen und zu leicht befunden? Dieser Meinung war ich im Jahre 1983, als ich eine Broschüre für das RKW für Klein- und Mittelbetriebe verfaßt habe. Heute sehe ich die Lage als Anwender völlig anders. Erstens hat die Benutzbarkeit von PCs viele Falten aus dem Gesicht des Systems weggebügelt, zweitens rechtfertigt manches Angebot an Informationen alleine die Kosten für den Anschluß.

Für geschickte Profis hat sich das System ohnehin als billiges Datenübertragungsmedium qualifiziert. So vermute ich, daß Btx durchaus sehr alt werden kann, ohne zu altern. Dieser Drachen wird wahrscheinlich nicht abstürzen, er braucht nur eine lange Schnur, sprich einen Geduldsfaden.

Etwas anders denke ich über Telefax, der viel älter ist, als die meisten unter uns vermuten: so alt wie Telex. Für Spezialisten, Polizei, Presse ("Telephoto"), Militär und vieles anderes mehr, existiert Telefax seit Jahrzehnten und teilweise in hoher Qualität. Als allgemeiner Dienst wird er gerade zehn Jahre alt und ist leider so unausgereift wie ein Mensch in seinem Alter. Die Druckqualität ist auch bei modernsten Geräten nicht die beste, schwerer wiegt indes die Verzerrung beziehungsweise Vernichtung von Zeilen bei der Übertragung. Etwa jedes dritte bei uns eingehende Dokument weist Verluste und Verzerrungen auf. Intelligenter wäre es gewesen, das System nicht wie erfunden und technisch nachgebessert einzuführen, sondern die Rechner-zu-Rechner-Kommunikation gleich einzubeziehen, Telefax in seiner jetzigen Form entspricht nicht gerade den Wünschen der Anwender der Bürokommunikation, die Dokumente "medienbruchfrei" weiterverarbeiten möchten. Ein langes Leben wird ihm eher in einem anderen Gewand beschieden sein als in seiner heutigen Form.

Der Erfolg von Telefax indes ist keine reine Freude für den Anbieter des Dienstes, stellt er doch den ehrgeizig vorbereiteten und aufwendig propagierten Teletex-Dienst in Frage. Dieser brachte nämlich bis vor kurzem eine ansehnliche Grundgebühr von 210 Mark und kam vielleicht auch deswegen nicht auf nennenswerte Anschlußzahlen. Er sollte beliebige Maschinen, die Texte elektronisch speichern können, miteinander verbinden und anstelle der 31 Zeichen des Telex gleich deren 310 übertragen können. Der Traum, mit Teletex Telex weitgehend abzulösen, scheint ausgeträumt, die Post hat es indirekt zugegeben, indem sie die Teletexteilnehmer neuerdings im Telexverzeichnis aufführt. In diesem Fall gilt das bereits für das Fernsehen gesagte: Teletex wird an Telex gemessen und leider für zu leicht befunden. Während Telex von Anbeginn ein integriertes und dialogfähiges System gewesen ist, entspricht die Speicher-zu-Speicher-Kommunikation von Teletex eher einer Batch-Verarbeitung. Der Anwender bekommt nicht ein Mehr an Leistung sondern eine andere Art von Leistung, jedoch nicht unbedingt die erhoffte.

Unvorhergesehenes spielt sich auch am Ende der Datex-P-Leitung des Teletex-Systems ab. Einst hofften die Hersteller von (Stand-alone) Textsystemen, die Textverarbeitung zu revolutionieren. Müde lächelten sie über die Bemühungen der PC-Software-Hersteller, ihnen das Wasser abzugraben. Mit überlegener Miene erläuterten sie, wie man zu einem schönen Text kommt, vorausgesetzt, man gewinnt den Krieg der Knöpfe. Wirtschaftlich sollte das Ganze auch noch sein, wenn man die ganze Firma um die Textverarbeitung herum organisiert. Zur Enttäuschung der Hersteller konnten viele Organisatoren das Problem nicht finden, dessen wirtschaftliche Lösung diese Maschinen darstellen sollten.

Ein abtrünniger Protagonist nannte die Wirtschaftlichkeitsberechnungen später schlicht Milchmädchenrechnung. Zu allem Überdruß haben auch noch einige Wissenschaftler nachgewiesene daß einfache Texte mit der elektronischen Schreibmaschine, die komplizierten mit Tippex, Pattex und Schere - etwa so wie seit Goethes Zeiten - besser und leichter zu erstellen sind und weniger Tippfehler aufweisen. Die neue PC-Software, die auch die Integration von Grafiken - teilweise wirklich kinderleicht - erlaubt, hat den Spaß gründlich verdorben. Fehlt nur noch der Segen der Bundespost, das ganze unausgedruckt zu faxen.

In dem Geschehen um sogenannte Neue Medien, die ich etwas weiter gefaßt habe als üblich, sehe ich einen nüchternen Ausleseprozeß, der mehr und mehr durch Wahrnehmung der Interessen mündiger Anwender geschieht. Wer glaubt, Produkt beziehungsweise Dienste ließen sich durch Aufbessern des chronischen Defizits der deutschen Sprache an Superlativen mit Hilfe von Anglizismen an den Mann - beziehungsweise an die Frau - bringen, möge eine Schlacht gewinnen den Kampf wird er nicht so leicht bestehen. Wer hehre Ziele vorgibt, muß sich eben daran messen lassen, wie zum Beispiel Start, das die Benachteiligung kleiner Reisebüros gegenüber den mächtigen der Branche mit beseitigen wollte.

Mittlerweile ist das Gegenteil eingetreten. Die Getäuschten messen das System nach den Zielen, die im Anfang geschrieben standen. Und das Deutsche, Forschungsnetz sollte ein Medium sein, das alle Forschenden des Landes verbinden wollte, entwickelte sich aber per Grundgebühr wie Start zum exclusiven Club der Großen; IBM, Siemens und die Massenuniversitäten zahlen dieselbe Gebühr wie eine Drei-Mann-Firma aus dem Berliner Innovationszentrum. Wenn das keine Gerechtigkeit ist!

Das nächste Mega-Projekt, ISDN, steht vor der Tür. Auch seine wesentlichen Leistungsmerkmale wurden festgelegt, ohne die Anwender zu fragen, was sie denn für nötig halten. Ohne eine gewisse Unehrlichkeit scheint es auch hierbei nicht zu gehen, man bietet eine Übertragung mit 64 kBit/s anstelle von 3,4 kHz der Analogleitungen an, sagt dem Telefonkunden aber nur selten, daß dies für ihn auf Fernleitungen dasselbe bedeutet.

Ob die neuen Schwalben des "Chippokrates" einem Frühling entgegenfliegen werden oder müde auf den (digitalen) Telefonleitungen sitzenbleiben, vermag heute keiner zu prophezeien. Es wäre zu wünschen, daß sie ihre Flügel nach unseren Interessen schlagen.