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23.12.1998 - 

Arbeitslose im Netz

Neue Strukturen stellen die Arbeitsämter auf den Kopf

MÜNCHEN (ua) - Die regionalen Arbeitsämter bekommen für ihre Leistungen schlechte Noten vom Bürger. Nun organisieren sie sich neu, wollen bürgernah sein. Die Bundesanstalt für Arbeit (BA), Nürnberg, steuert die zugehörige Infrastruktur bei.

Rund 600 Millionen Mark zahlt die Bundesanstalt für Arbeit (BA) täglich aus. Die Summe setzt sich aus Arbeitslosengeld und -hilfe, Unterhaltsgeld, Berufsausbildungs-Beihilfe sowie Kindergeld zusammen. Berechnet und angewiesen werden die Lohnersatzleistungen allesamt in der Nürnberger BA-Zentrale. Dabei fallen pro Tag rund 400000 Überweisungen an.

Das Transaktionsaufkommen bewältigt die BA mit Hilfe eines zentralen Rechenzentrums in Nürnberg, das mit BS/2000-OSD-Rechnern sowie rund 30 Unix-Systemen ausgestattet ist. Neben den Anwendungen für die Bearbeitung der Daten mit zahlungsrechlicher Relevanz sind auch zentrale BA-Anwendungen wie Haushaltsführung und Personalverwaltung sowie ein zentrales Supportzentrum in Nürnberg angesiedelt. In der IT-Projektorganisation der BA-Zentrale arbeiten rund 260 Mitarbeiter und im Rechenzentrum zusätzlich etwa 150 Personen.

Den Datenaustausch mit den 181 regionalen Arbeitsämtern bewerkstelligte die BA bislang im Batch-Verfahren. Die Leistungsdaten werden zwar in den Ämtern vor Ort berechnet, laut Kassenrecht der Bundeshaushaltsordnung aber von der Nürnberger Zentrale angewiesen. Die tagsüber geänderten Daten wurden hauptsächlich nachts überspielt. Dabei verursachte etwa die gegenwärtig hohe Zahl von Arbeitslosen ein Zeitproblem: "Allmählich wurde die Nacht zu kurz", kommentieren BA-Mitarbeiter das Mißverhältnis von Datenvolumen und Übertragungstechnik.

Die regionalen Arbeitsämter sind mit eigenen Rechenzentren ausgestattet. Dort stehen im wesentlichen jeweils zwei Siemens-Rechner der Serie "RM 600", auf denen das Unix-Derivat "Sinix" sowie Informix-Datenbanken laufen. Einer der Rechner beheimatet die operativen Arbeitsamtanwendungen "Cosima 1". Auf der zweiten Maschine sind Applikationen implementiert, die die interne Verwaltung wie das Finanzwesen und Statistikanwendungen unterstützen. Außerdem verfügen die Arbeitsämter jeweils über das Stelleninformationssystem "SIS" und das Ausbildungsplatzpendant "ASIS".

Diese Anwendungen sind wie der Internet-Stellenmarkt "Arbeitsamt Online" an Cosima 1 angeschlossen. Für die Jobbörse im Web etwa werden die Daten aus der Cosima-1-Anwendung extrahiert, in die Nürnberger Zentrale überspielt, konsolidiert und von dort aus publiziert.

Alle Arbeitsamtanwendungen, mit Ausnahme von ein paar speziellen PC-Lösungen, stammen aus der Nürnberger Zentrale. Dort werden sie entwickelt und gewartet. Das soll auch in Zukunft so sein, wenn sich auch die Struktur der Arbeitsämter ändert. Mit dem Organisationskonzept "Arbeitsamt 2000" strebt die BA eine stärkere Kundenorientierung sowie die Integration der verschiedenen Aufgabenbereiche an. Das Arbeitsamt der Zukunft wird nicht mehr funktional gegliedert sein, sondern nach Kundengruppen. Jeder Arbeitssuchende und Arbeitgeber findet ein Team vor, das sich um ihn kümmert, ihm beim Antrag auf Arbeitslosengeld hilft und Arbeit vermittelt. Seit Mai 1998 wird das Konzept in vier Modellämtern erprobt (siehe Kasten "Arbeitsämter im Test"), und es soll ab 1999 sukzessive bundesweit eingeführt werden.

Cosima 1 kann die neuen Anforderungen nicht abdecken und wird ersetzt. Die Anwendung "IT 2000" entwickelt die Siemens-Tochter Siemens Business Services (SBS). Die Datenhaltung verschwindet aus den regionalen Büros und findet künftig nur noch zentral statt. In rund einem Jahr soll das erste Arbeitsamt die neue Applikation mit Online-Datenzugriff testen können.

In der Zwischenzeit hat die BA schon einmal die bisherigen Arbeitsamtanwendungen an ein leistungsfähigeres Netz angeschlossen. Zuvor waren die Rechenzentren der Dienststellen durch Wählleitungen, zuletzt via ISDN, und Zugangsrechner miteinander verknüpft. Den File-Transfer regelte die Individualsoftware "Nadis", die die Siemens-Nixdorf Informationssysteme AG Ende der 80er Jahre für das BA entwickelt hatte. Etwa 15000 Übertragungen täglich mußte das Netz bewältigen, 5000 davon gingen von den Ämtern in die Nürnberger Zentrale. Während an die Zentrale vorwiegend Leistungsdaten fließen, tauschen die Arbeitsämter untereinander Statistiken, Daten über die Finanzmittel, Post, Vordrucke sowie überregionale Stellenangebote aus.

Das neue Netz basiert auf dem Standardprotokoll TCP/IP. Standleitungen mit variablen Bandbreiten von 64 Kbit/s bis zu 2 Mbit/s führen in ein Datex-M-Backbone, das seit März 1997 in Betrieb ist. Datex-M ist die Bezeichnung für den Metropolitan-Area-Network-Dienst der Telekom-Tochter Dete System für Datenübertragungen mit 64 Kbit/s, 2 Mbit/s und 34 Mbit/s. Das virtuelle Backbone verfügt über Broadcast-Funktionen: Informationen können gleichzeitig an eine ganze Benutzergruppe gesandt werden. Zudem erlaubt die Infrastruktur Punkt-zu-Punkt-Verbindungen; ein Rechner kann mit einem anderen kommunizieren, ohne daß ein Zugangsrechner angewählt werden muß, der die Nachrichten verteilt. Bis jetzt benötigt die BA Transferraten bis zu 2 Mbit/s in den Standleitungen. Sollte sich der Bedarf erhöhen, läßt sich die Bandbreite laut Dete System innerhalb von 48 Stunden vergrößern.

Auch bei den Local Area Networks (LANs) hat sich in den Arbeitsämtern einiges getan. Allein 1996 wurden rund 800 Liegenschaften gemäß der Norm EN 50173 neu verkabelt. Die Steigleitungen bestehen aus Lichtwellenleitern. Zu den Arbeitsplatzrechnern führen 600-Megahertz-Kupferkabel. Desktops und Rechenzentrumsmaschinen stehen per Ethernet miteinander in Kontakt. Für den Anschluß ans Wide Area Network (WAN) verfügt jedes Arbeitsamt-Rechenzentrum über einen IP-Router, der es mit dem nächsten Einwählpunkt verbindet.

Die Online-Kommunikation läßt zwar noch auf sich warten, doch den File-Transfer hat die BA bereits neu auf die Beine gestellt. Das Übertragungs-Management-System Nadis wurde ersetzt.

BS/2000 bestimmte die Auswahl

Die alte Software verfügte beispielsweise lediglich über "einfache" Kompressionsmechanismen. Das Tool, das die BA nun verwendet, den "Extended File Broker" (XFB) des französischen Softwarehauses Sopra, Paris, ermöglicht eine vertikale und horizontale Datenverdichtung. Das Volumen von Textdateien schrumpft dadurch bis zu 80 Prozent.

Zu den weiteren Kriterien, die das Übertragungswerkzeug erfüllen mußte, gehören Möglichkeiten für eine zentrale Konfiguration und Verteilung, Accounting- und Auditing-Funktionen, Sicherheits-Features für Datenzugriff und -übertragung sowie Verschlüsselungsmechanismen. Außerdem forderte die Bundesanstalt Browser-Fähigkeit. Sopra gestaltet die User-Interfaces von XFB mit Hilfe von Java-Modulen.

Entscheidend für die Auswahl des Sopra-Tools war jedoch die Plattformunterstützung. Das Netz-Management-Werkzeug muß nicht nur auf den Unix- und Windows-NT-Rechnern in den Arbeitsämtern, sondern auch auf den BS/2000-Rechnern in der Nürnberger Zentrale laufen. An dieser Vorgabe scheiterten die Produkte "Connect Direct" von Sterling, "IFMS" von Systematik-Datentechnik sowie "Multicom Coconet" von Coconet.

Um die Entscheidung für XFB abzufedern, erkundigte sich die BA nach vergleichbaren Installationen des hier in Deutschland weitgehend unbekannten Produkts. In Frankreich haben vor allem Banken ihre Filialen mit Hilfe des Transfer-Management-Tools verbunden. In Deutschland nutzt etwa die Gesellschaft für Zahlungssysteme (GZS), Frankfurt am Main, das Werkzeug für den Datenaustausch mit ihren Euro- card-Partnern.

Besonders schätzt die BA an der Sopra-Software, daß sie keine Add-ons zur Standardausführung des Werkzeugs benötigt, wie das beim ausgemusterten Nadis der Fall war. Außerdem verfüge das Produkt über Schnittstellen zu handelsüblichen Netzdiensten. Bei der Adreßverwaltung bedient sich die Bundesanstalt der Domain Name Services (DNS), und das Netz-Mangement bewältigt die Behörde mit Hilfe von "HP Openview".

Hardware für das Arbeitsamt 2000

60 000 PCs kauft die Bundesanstalt für Arbeit (BA) der Digital Equipment GmbH ab. Der Deal ist rund 128 Millionen Mark wert. Bis Ende 1999 sollen die Maschinen installiert sein. Die BA ist einer der größten deutschen Behörden. Sie zählt 96 000 Mitarbeiter in zehn Landesarbeitsämtern, 181 Arbeitsämter und etwa 700 Geschäftsstellen.

Die Hardware-Anschaffung steht im Zusammenhang mit der Neukonzeption der Arbeitsämter unter dem Stichwort "Arbeitsamt 2000". Die Ämter sollen künftig kundenfreundlicher arbeiten. Dazu gehört, daß sich von ein und demselben Arbeitsplatz aus Aufträge bearbeiten und Auskünfte erteilen lassen. Der Arbeitssuchende braucht nicht mehr von einer Bearbeitungsstelle zur anderen geschickt zu werden.

Bei den Rechnern handelt es sich um "Compaq Deskpro EN Small". Dazu liefert die Detesystem Deutsche Telekom Systemlösungen GmbH, Frankfurt am Main, im Wert von 106 Millionen Mark rund 20 000 Drucker, 1000 Server sowie Netz-Komponenten und Backup-Tools. Die Logistik für die Hardware-Einführung liegt ebenfalls in den Händen der Telekom-Tochter. Außerdem sollen 10 000 im Einsatz befindliche Computer aufgerüstet werden.

Arbeitsämter im Test

Die Stiftung Warentest machte sich dieses Jahr auf, Arbeitsämter zu prüfen. Es hagelte schlechte Noten für die Arbeitsvermittler, wie das August-Heft 8/98 von "Test" berichtete.

Neben herkömmlich organisierten Behörden nahm das Testteam aber auch vier Modellämter in Augenschein: Dortmund, Heilbronn, Halberstadt und Saarbrücken. Entsprechend dem Konzept "Arbeitsamt 2000" sind hier die bisherigen funktionalen Strukturen wie Arbeitsvermittlung und Leistungsbemessung aufgelöst und zusammengeführt worden. Statt mit Antragstellern haben es die Mitarbeiter jetzt mit Kunden zu tun. Diese sollen schneller und kompetenter als bislang bedient werden. Tatsächlich schnitten die neu organisierten Ämter besser ab als die traditionell strukturierten (siehe Tabelle "Testergebnisse im Überblick").