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17.08.1984 - 

Bedeutungswandel bei Arbeitsplätzen im Produktionsbereich:

Neue Techniken bieten Frauen nicht nur Chancen

BERLIN (CW) - Der Einsatz Neuer Techniken kann im Produktionsbereich die Chance bieten, die Um- und Neubewertung von Frauenarbeit in Angriff zu nehmen. Die eingefahrene Betrachtungsweise der sogenannten "leichten Frauenarbeit" und der "schweren Männerarbeit" gerät dabei ebenso in den Blickpunkt der Kritik wie vorherrschende technisch-arbeitsorganisatorische und personalpolitische Strategien. Die Frage, ob die Entwicklung der Neuen Techniken als eine der wichtigsten Größen die Berufschancen der Frau bestimmt, geht Sabine Gensior vom Berliner Institut für Sozialforschung und sozialwissenschaftliche Praxis e. V. mit einigen Thesen an.

Durch die technische Entwicklung besteht die Gefahr, daß es in Zukunft zu einer starken Freisetzung weiblicher Arbeitskräfte beziehungsweise zur Schaffung von hocharbeitsteiligen Restarbeitsplätzen kommt. Das gilt in Bereichen, für die noch keine kostengünstigen technischen Möglichkeiten entwickelt worden sind.

Als Faktoren lassen sich der Einsatz spezifischer, numerisch gesteuerter Handling-Systeme und Prüfautomaten in der Elektronikindustrie oder der Einbruch von Informationstechniken in Tätigkeitsstrukturen des Dienstleistungsbereichs (Versicherungen und Banken), die bisher manuell oder maschinell bewältigt wurden, anführen. In diesem Zusammenhang sind weiterhin Datenkassen und elektronische Verbundsysteme zu sehen, die in der Lage sind, ganze Warenwirtschaftssysteme zu steuern. Damit können Umsätze zeitlich erfaßt und der Personalbestand den Umsatzerfordernissen angepaßt werden, beispielsweise im Einzelhandel.

Aber auch die starke Ausweitung der EDV-Technologien im öffentlichen Dienst, etwa im gesamten Vorbereich der Briefzustellung bei der Bundespost, sind hinzuzuzählen.

Die Konsequenz dieser Sachverhalte ergibt eine Reihe dringender Fragen, etwa ob bestimmte Formen der Arbeitsorganisation (job-enlargement, job-enrichment) zu qualifizierteren oder doch umfangreicheren Arbeitsplätzen führen, und ob durch geeignete betriebliche und außerbetriebliche Maßnahmen eine angemessene und rechtzeitige Requalifizierung der von Freisetzungen betroffenen Frauen erfolgen. Schließlich steht die Überlegung im Raum, welche Maßnahmen dazu beitragen können, ihnen zukunftsorientierte Tätigkeiten wie Maschinenführung, EDV-gestützte Sachbearbeitertätigkeit oder Einrichterarbeiten zu sichern.

Das zentrale Problem besteht nun darin, bei der Frauenarbeit nach Möglichkeiten zu suchen, wie die Stabilisierung des frauenspezifischen Arbeitsmarktes korrigiert werden kann. Teilzeitarbeit in der gegenwärtigen Form sowie elektronische Heimarbeit müssen die berufliche Sackgassensituation der Frauen verschärfen, indem sie verstärkt auf Arbeitsplätze mit einfachen Anforderungsprofilen und standardisierten Arbeitsvorgängen verweisen - typisch für den frauenspezifischen Arbeitsmarkt.

Eine wesentliche Voraussetzung die Struktur des Frauenarbeitsmarktes zu verändern besteht darin, die Bindung weiblicher Arbeitskraft auf inner- und überbetriebliche Arbeitsbereiche mit bestimmten Mechanisierungs- und Automatisierungsbedingungen aufzuheben.

In der jüngsten Zeit werden die Probleme der modernen Frauenarbeit einseitig mit der Entwicklung der Neuen Technik in Zusammenhang gebracht. Die Ausbreitung der Informations- und Kommunikationstechniken in Büro, Verwaltung, Dienstleistung und Industrie wird weitgehend als Rationalisierung, die speziell Frauen betrifft, verstanden. Technik gestaltet sich somit im öffentlichen Bewußtsein zur entscheidenden Bestimmungsgröße der Frauenarbeit.

Auf den ersten Blick bestätigen diese Sichtweise auch die aktuellen Sachverhalte. Informations- und Kommunikationstechniken bieten bereits die Möglichkeit zur Fernarbeit, Arbeitsplätze können aus Unternehmen und Organisationen in die Wohnungen der Beschäftigten ausgelagert werden.

Die Struktur und die Probleme, die den frauenspezifischen Arbeitsmarkt kennzeichnen, erfahren durch den Einsatz Neuer Techniken - speziell die technisch bereits mögliche elektronische Heimarbeit - bisher jedoch keine grundsätzlich neue Qualität.

Nach wie vor ist bei der Auslegung und Entstehung frauenspezifischer Arbeitsplätze und Zuordnung bestimmter Personen auf minderwertigere Arbeitsplätze bestimmend, ob diese Stellen extrem monoton und stark dequalifizierend sind. Dann werden ihnen mit Hilfe subtiler Einstellungs- und Versetzungsstrategien in vielen Fällen Frauen zugeordnet. Der mögliche "Erfolg" elektronischer Heimarbeitsplätze kann deshalb bruchlos an bestehende technisch-arbeitsorganisatorische Strukturen und die vorhandene, Frauen in weiten Feldern diskriminierende Personalpolitik anknüpfen und sie entsprechend den neuen Anforderungen und Möglichkeiten ausformen.

Es ist anzunehmen, daß wir es in der Frauenarbeit nur mit einem begrenzten Einsatz Neuer Techniken zu tun haben. Die Probleme der Frauenerwerbsarbeit lassen sich nicht allein darauf zurückführen, da die Ursachen betriebs-, tarif- und gesellschaftspolitisch zu sehen sind. Die historisch "gewachsene" Frauendiskriminierung im Bereich der Lohnarbeit kann man nicht den Neuen Techniken "in die Schuhe schieben". Ein Großteil der erwerbstätigen Frauen in der Industrie und im Dienstleistungsbereich ist derzeitig auf Produktions- oder Arbeitsbereiche konzentriert, die durch Mechanisierungssperren und erhebliche Mechanisierungslücken gekennzeichnet sind oder in denen der technische Wandel an hochmechanisierten sowie automatisierten Aggregaten Restarbeitstypen hervorbringt die eine starke inhaltliche Reduzierung erfahren haben.

In den nicht-industriellen Bereichen der Frauenarbeit ist die Möglichkeit zum Einsatz von Techniken noch begrenzter, da die spezifischen Formen der Dienstleistungen (Verkaufs-, Bedien- und Reinigungstätigkeiten im Einzelhandel, Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe) sich dagegen sperren. Bei dem Versicherungs- und Kreditwesen, in den Verwaltungen der gewerblichen Wirtschaft und des öffentlichen Dienstes, in denen Daten und standardisierbares schriftliches Material geradezu fabrikmäßig unter Einsatz von EDV-Techniken verarbeitet werden, können sich ebenfalls Restarbeitsplätze als dominierende Form der Frauenarbeit bilden. Der Anteil an relativ qualifizierten Sachbearbeiterinnentätigkeiten dürfte dagegen gering ausfallen.

Es ist von großer Bedeutung, diese einseitige Fixierung von Frauen auf die sogenannten Restarbeitsbereiche zu durchbrechen. Der Einsatz Neuer Techniken ruft einen wachsenden Weiterbildungsbedarf bei Männern und Frauen hervor. Dabei erhebt sich die Frage, in welchem Maße es gelingen kann, die Beteiligung an Anpassungsfortbildung, Anlernqualifizierung und Umschulung zu erhöhen. Frauen müssen eine besondere Zielgruppe von Weiterbildungsmaßnahmen sein.

Allein arbeitsplatzbezogene Maßnahmen sind in der Lage, die randständige inner- und überbetriebliche Arbeitsmarktsituation von Frauen zu korrigieren und eine Trendumkehr zur Aufstiegsmobilität und Arbeitsplatzsicherheit einzuleiten. Mit ihrer Hilfe wird es möglich sein, Frauen aus der beruflichen Sackgasse herauszuführen. Die "Pflege" und Weiterentwicklung vorhandener Qualifikationspotentiale der Frauen sind hierbei ein erster Schritt.

Da die Qualifikationen arbeitender Frauen nicht durchweg als Engpaß auf dem Arbeitsmarkt angesehen werden können, sollte an Stelle elektronischer Heimarbeit eher offensiv die Gründung eigener Dienstleistungsunternehmen von Frauen in Angriff genommen werden. Dadurch kann zugleich mehreren Funktionen entsprochen werden: Diversifizierung der Aufgabenstruktur durch die neuartig zusammengestellten Arbeiten, wie etwa auch durch Produktdiversifizierung (eigene Schreibbüros); Verbesserung in den Qualifikations- und Belastungsdimensionen; angemessene Beweglichkeit in den Arbeitszeitformen sowie eigenständige soziale Sicherung. Eine Anpassungsqualifizierung muß hier ansetzen. Die Neuen Techniken können dabei unmittelbar Anstöße und Anregungen für bisher ungewohnte Arbeits- und arbeitsmarktpolitische Strategien liefern.

Neue technische und technisch-arbeitsorganisatorische Lösungen setzen sich bei genauerem Hinsehen nicht mit der vielfach angenommenen Geschwindigkeit durch. Ihrer Anwendung stehen auch auf betrieblicher Ebene finanzielle, organisatorische und - vor allem - personelle Probleme entgegen, die den Zeitraum einer breiten Umsetzung wahrscheinlich auf fünf bis zehn Jahre ausdehnen. Dies bietet den Ansatzpunkt für veränderte Strategien, für eine "politische Überformung" der gegenwärtigen betrieblichen Arbeitsteilung.

Aktuelle "Eckdaten" für richtungsweisende Konzeptionen sind: Es gibt eine erhebliche technische Heterogenität in den Betrieben, die unterschiedliche arbeitsorganisatorische Handlungsspielräume mit sich bringen.

Die Gesamttendenz weist nicht auf Sprungrationalisierung.

Die Vielschichtigkeit des technisch-arbeitsorganisatorischen Entwicklungsstandes und der genannte Zeitfaktor ermöglichen es, die Abgrenzung männlicher und weiblicher Tätigkeiten nicht nur bei der Heimarbeit, sondern auch in den Betrieben kritisch zu hinterfragen.

Durch den Einsatz Neuer Techniken in den Betrieben wird die Qualifikations- und speziell der Anpassungsqualifikationsbedarf steigen. Die Ausbildung von Frauen für komplizierte Tätigkeiten mit Prozeßkenntnissen ist daher so notwendig wie gleichzeitig eine qualifikationsorientierte Arbeitsbewertung.

Die historische Abgrenzung von "leichter" Frauenarbeit und "schwerer" Männerarbeit wird speziell in einigen Produktionsbereichen endgültig ihrer Grundlage beraubt: Die Arbeiten auf der Basis Neuer Techniken wie Bedienungs-, Überwachungs- und Instandhaltungsaufgaben sind sogenannte leichte Arbeiten, die sowohl von Frauen als auch Männern geleistet werden können.

Wir befinden uns nicht auf einer Einbahnstraße; die Richtung kann geändert werden.