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24.08.1984

Neue Techniken - schlechte Zeiten für Frauen?

Dr. Herta Däubler-Gmelin

Stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion und Vorsitzende des Arbeitsbereiches Gleichstellung der Frau

Über die Auswirkungen neuer Technologien auf die Beschäftigungschancen von Frauen zu reden, heißt auch sich ein paar Daten zur Arbeitsmarktsituation von Frauen ins Gedächtnis zu rufen. Gegenwärtig sind über; eine Million Frauen als arbeitslos registriert; nicht registriert bleiben annähernd eine Million Frauen, die sich entmutigt in die "stille Reserve" zurückgezogen haben. Zwei Drittel aller Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz sind Mädchen; 84 Prozent der weiblichen Auszubildenden konzentrieren sich auf 25 Berufe. Frauen arbeiten häufiger als Männer in untypischen Arbeitsverhältnissen: Die Statistik registriert allein 1,8 Millionen Frauen, das sind 27 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Frauen, die Teilzeit arbeiten. Die Statistik registriert aber nicht die Grauzonen der Teilzeitarbeit, in denen fast noch einmal so viele Frauen in ungeschützten Beschäftigungsverhältnissen unter 390 Mark im Monat arbeiten. Diese zum Teil besonders krassen Sonderformen der Teilzeitarbeit, wie etwa die Arbeit auf Abruf, treten immer häufiger auf. Zu Lasten der Frauen. Reguläre Arbeitsplätze für Frauen verschwinden, Restarbeitsplätze nehmen zu. Was hat dies mit den neuen Techniken zu tun?

Auch hier müssen wir befürchten, daß Arbeitsplätze für Frauen in Millionenhöhe wegrationalisiert werden. Ich verkenne nicht, daß neue Techniken zur Humanisierung und Erleichterung von Arbeitsbedingungen beitragen - beispielsweise bei Produktfertigung oder gesundheitsschädlichen Arbeiten wie Schweißen oder Lackieren. Aber bei diesen Arbeitsplätzen handelt es sich vorwiegend um Männerarbeitsplätze; Frauen profitieren von diesen Neuerungen kaum.

Die Techniken, um die es mir geht, nämlich Bildschirmtext, Textverarbeitungssysteme im Büro und Computerkassen im Einzelhandel, diese neuen Systeme werden immer "intelligenter" und billiger. Sie können mehr Arbeitsabläufe übernehmen, Informationen besser speichern und verarbeiten sowie Entscheidungen immer detaillierter vorbereiten. Diese Arbeitsabläufe, in der Regel standardisierbar und automatisierbar, sind vor allem im Büro- und Dienstleistungsbereich zu finden, eben dort, wo sich die meisten Frauenarbeitsplätze konzentrieren. Außer Zweifel steht auch, daß sich, falls diese Arbeitsplätze nicht ganz wegfallen, die Arbeitsinhalte verändern werden. Und dies nicht zum Vorteil für Frauen. Die Arbeit wird voraussichtlich noch schematischer, monotoner, etwa am Bildschirmarbeitsplatz, gleichzeitig aber intensiver. Frauen kann sie kaum noch Chancen für qualifizierte Tätigkeitsinhalte bieten. Egal, ob Sekretärin, Verkäuferin, Bankkauffrau, Buchhalterin oder Facharbeiterin - die neuen Techniken machen vor keinem Arbeitsplatz halt. Sie machen vor allem nicht halt vor den von Frauen ausgeübten Hilfstätigkeiten in Industrie, Büro und Handel. Und Anschluß an neu entstehende Arbeitsplätze finden Frauen kaum. Verschiedene Untergruppen sprechen allein im Bereich Banken- und Versicherungswesen sowie Einzelhandel von rund zwei Millionen gefährdeter Frauenarbeitsplätze; andere Experten geben noch weitaus höhere Zahlen an.

Wenn wir uns die einzelnen Sektoren ansehen, in denen Frauen tätig sind, ergibt sich folgendes Bild: Im Büro- und Verwaltungsbereich, in dem etwa 27 Prozent aller Frauen beschäftigt sind, erwartet man durch die neuen Informations- und Kommunikationstechniken veränderte Arbeitsstrukturen. Einerseits wird eine höhere Arbeitsteilung möglich werden, die durch entsprechende Maschinen und Einrichtungen - Phonodiktat und Dateneingabe - noch unterstützt wird, andererseits können auch Einzelaufgaben zusammengefaßt werden, wenn dies Informationssysteme ermöglichen und erleichtern. Die Arbeitsteilung aber läßt zukünftig entgegengesetzte Strukturen entstehen: Voraussichtlich werden gering qualifizierte Hilfstätigkeiten von Frauen, die höher qualifizierten, anspruchsvollen Aufgaben hingegen von Männern übernommen. Die Datenverarbeitung, die einen unaufhaltsamen Siegeszug in den Bürobereich hält, wird beispielsweise positive Beschäftigungseffekte für EDV-Spezialisten, die Männer, haben, während Frauen - da sie kaum als EDV-Fachkräfte ausgebildet sind - wiederum negativ betroffen sind. Die insgesamt negative Tendenz der Auswirkungen dieser neuen Techniken verstärkt sich noch dadurch, daß der Anteil der formalisierbaren und automatisierbaren Arbeitsabläufe im Bürobereich relativ hoch angesetzt wird. Die Berufe Stenokontoristin, Rechnungskauffrau oder Lohn- und Gehaltsbuchhalterin werden sich erübrigen. Schätzungen gehen davon aus, daß künftig die Informations- und Kommunikationstechniken allein im Bürobereich 2 bis 2,5 Millionen Arbeitsplätze wegrationalisieren.

Im Produktionsbereich, in dem 24 Prozent der erwerbstätigen Frauen beschäftigt sind, werden die neuen Techniken am schnellsten vordringen. Die Veränderung der Arbeitsinhalte in der Produktion hat zwar in den letzten Jahren zu einem Beschäftigungsrückgang von Männern und Frauen insgesamt geführt - seit 1973 bis 14,4 Prozent. Dennoch werden Frauenarbeitsplätze der unteren Qualifikationsstufe, bei Bearbeitungs- und Montageaufgaben, durch die weitere Automatisierung wegfallen. In qualifizierten Arbeitsbereichen, beispielsweise in der Endmontage, kommen die positiven Auswirkungen den dort vorwiegend beschäftigten Männern zugute, also Technikern und Ingenieuren beispielsweise. Die arbeitsplatzschaffenden Wirkungen neuer Techniken, die man nur in diesem Bereich erwartet, werden sind aller Voraussicht nach nur ein Plus für Männer. Ähnliche Auswirkungen stehen in der Textil- und Bekleidungsindustrie an, wo der ohnehin bedrohliche Beschäftigungsrückgang der Frauen - seit 1970 bis 27,3 Prozent - noch weiter steigen wird.

Den Dienstleistungsbereich im allgemeinen nimmt man von der Bedrohung durch neue Techniken aus. Gerade in diesem Bereich aber, in dem fast die Hälfte aller erwerbstätigen Frauen arbeiten - fast drei Millionen, werden die technischen Neuerungen zunehmend an Bedeutung gewinnen und Frauenarbeitsplätze vernichten.

Alles in allem: Der Einsatz neuer Technologien verändert Arbeitsplätze, Arbeitsinhalte und Arbeitsstrukturen in radikaler Weise. Bisher "typische" Frauenarbeitsplätze sind schneller und umfassender betroffen und werden in großem Ausmaß wegrationalisiert, die geringere Zahl der durch den technischen Wandel neu entstehenden Arbeitsplätze setzen Qualifikations- und Mobilitätsprofile voraus, die Frauen auf absehbare Zeit regelmäßig kaum erfüllen können.

Wir müssen also davon ausgehen, daß Frauen unter den gegebenen sozialen und ökonomischen Bedingungen eher von den negativen Auswirkungen der neuen Techniken betroffen sein werden. Das gilt vor allem auch für die sogenannte Telefernarbeit.

Was tun? Ansetzen muß man bereits bei der Verbesserung der Ausbildungs- und Berufschancen junger Frauen; die traditionell verengten Berufsfelder für Mädchen müssen ausgeweitet, Umschulung, Fortbildung und Wiedereingliederungshilfen für Frauen ebenfalls in Richtung Berufsfelderweiterung intensiviert werden. Teleheimarbeitsplätze wie auch die Vergabe derartiger Arbeit sind mitbestimmungspflichtig zu machen. Nur durch eine aktive Arbeitspolitik und eine vorausschauende Technikfolgenabschätzung können bessere Zeiten für Frauen heraufziehen.