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21.05.1993 - 

Computermulti hat kuenftig keinen Freifahrschein mehr

Neuer industriepolitischer Kurs in Paris beschert Bull Probleme

In seiner ersten Pressekonferenz seit seinem Amtsantritt Anfang April verwarf Longuet zunaechst einmal den Plan seines sozialistischen Vorgaengers Dominique Strauss-Kahn, der die Beteiligung der Industrieholding des Pariser Atomkommissariats (CEA-I) an Halbleiter-Hersteller SGS-Thomson vorsah. Dies sei ein "ueberfluessiges

Baukastenspiel" und eine "kreuzweise Verarmung" der beiden Unternehmen.

Dann rief er Bernard Pache, Vorstandsvorsitzender der Groupe Bull, dazu auf, ihm binnen zweier Monate konkrete Vorschlaege "zur Beendigung einer unertraeglichen Situation" zu machen. Es sei unvorstellbar, so der Minister vor der versammelten Tages- und Wirtschaftspresse, dass ein Unternehmen im Laufe des Jahrzehnts vom Steuerzahler 15 Milliarden Franc (umgerechnet etwa 4,3 Milliarden Mark) Zuschuesse erhalte und dabei permanent Verluste anhaeufe.

In der Tat sehen auch die Zahlen fuer das erste Quartal 1993 bei Bull wieder miserabel aus. Der Umsatz schrumpfte um 10,6 Prozent auf 5,1 Milliarden Franc, wobei vor allem die Hardware-Einnahmen mit einem Rueckgang um 16,5 Prozent auf rund 2,3 Milliarden Franc stark sanken. Mieten und Dienstleistungen verringerten sich um fuenf Prozent auf 2,8 Milliarden Franc.

Zwar lassen die Ergebnisse des Eingangsquartals eines Geschaeftsjahres in der Regel nur wenig Rueckschluesse auf den Gesamtverlauf zu, weil die ersten drei Monate bei den meisten Unternehmen der DV-Branche schwach sind. Bei Bull aber kommt erschwerend hinzu, dass der Computermulti nach aehnlichen Einbruechen im Vorjahr einmal mehr Staatshilfen von insgesamt rund vier Milliarden Franc beantragt und auch erhalten hatte. Dies bescherte damals nicht nur dem Pariser Finanzminister Probleme, sondern provozierte auch den Einspruch der Bruesseler EG-Kommissare. Per ultimo drueckte Bull seinen Betriebsverlust zwar auf 642 Millionen Franc, doch nachdem Premierminister Edouard Balladur jetzt die Begrenzung des Haushaltsdefizits zum obersten politischen Ziel erklaerte, kann und will Longuet dem von Pache gefuehrten Unternehmen nicht wieder finanziell aus der Patsche helfen. Auch auf einen weiteren Streit mit der EG-Kommission will sich der neue Industrieminister nicht einlassen, da er deren Unterstuetzung fuer andere industrie- sowie handelspolitische Absichten Frankreichs braucht.

Indirekt liess Longuet gar durchblicken, dass Bull fuer die Regierung nicht mehr die gleiche strategische Bedeutung besitze wie zu frueheren Zeiten. Zu der von Pache geforderten Radikalkur koennten daher auch Teilverkaeufe gehoeren. Gerade in den vergangenen Jahren hatte der Pariser DV-Multi mit Honeywell und Zenith Data Systems kraeftig einkaufen duerfen. Denkbar ist zumindest, dass nach der IBM und nach Siemens-Nixdorf nun auch die Groupe Bull ihr Heil in der Ausgliederung einzelner Unternehmenssparten in selbstaendige Profit-Center suchen wird.

Nachdem IBM und NEC in den Vorjahren bereits Minderheitsanteile an Bull erwarben, ist abzusehen, dass die franzoesische Regierung im Zuge der bevorstehenden Privatisierungswelle auch fuer den Computermulti weitere Partner suchen wird. Dies duerfte sich zwar angesichts der misslichen Finanzlage heute als weitaus schwieriger darstellen als noch vor wenigen Jahren, doch ist der damals noch unvorstellbare Gedanke, bei Bull nicht nur die Staats-, sondern auch die franzoesische Kapitalmehrheit aufzugeben, in Paris jetzt nicht mehr von der Hand zu weisen.

Fuer SGS-Thomson wiederum wuenscht sich Longuet eine Kapitalstruktur, die nicht von finanziellen Gesichtspunkten diktiert wird, sondern "technischer sowie industrieller Logik" entspricht. Der franzoesisch-italienische Halbleiter-Produzent, der gerade eine Entwicklungskooperation fuer 16-MbitEEPROMs mit Mitsubishi vereinbarte, braucht nach Ansicht des Industrieministers Partner, "die ihm seine Produkte regelmaessig abkaufen oder sich zumindest des dauerhaften Zustandes ihrer Bezugsquelle versichern wollen".

Vor diesem Hintergrund fielen in der Vergangenheit immer wieder die Namen France Telecom sowie Alcatel. Doch auch andere - nicht zuletzt auslaendische - Industriekunden von SGS-Thomson kommen als kuenftige Gesellschafter in Betracht. Bei France Telecom duerfte Longuet, der zugleich fuer das Post- und Fernmeldewesen sowie den Aussenhandel zustaendig ist, demnaechst wegen einer Aufstockung der derzeitigen 45-Prozent-Quote vorsprechen.