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Existenzgründungen am Standort Deutschland (Teil 8)

Neuer Markt: Schwacher Start im Schatten der Nasdaq

11.04.1997

Die Vorschußlorbeeren waren groß: Endlich sind in Deutschland die zarten Blüten einer mit den Verhältnissen in den USA halbwegs vergleichbaren Aktien- und Venture-Capital-Kultur erkennbar. Und stets wurde in diesem Zusammenhang das Beispiel von Microsoft-Chef Bill Gates genannt, der sein Unternehmen nicht zuletzt mit Hilfe von Venture-Capital und dem Gang an die Börse zur weltweit führenden Software-Company machte. In den Vereinigten Staaten gab und gibt es allem Anschein nach stets genügend Geld für halbwegs ausgegorene Geschäftsideen - die zunächst fremdfinanzierten Aktivitäten des Browser-Spezialisten Netscape oder des US-Carriers Global Link, der in Sachen Internet-Telefonie den Markt erobern möchte, sind zwei weitere Belege dafür. Dahinter steckt, wie Experten urteilen, nicht nur eine erfahrene und finanzkräftige Risikokapital-Branche, die in junge, aufstrebende Unternehmen investiert, sondern auch Aktienmärkte wie die Computerbörse Nasdaq, über die sich Newcomer mit Hilfe des Going Public Kapital beschaffen können.

Von Zuständen wie diesen träumt man hierzulande noch, wenngleich der Neue Markt ein bescheidener Anfang sein soll. Über ein Jahr hat das verantwortliche Projektteam der Deutschen Börse AG an dem neuen Handelssegment gebastelt, dessen Start mehrmals verschoben wurde. Vorstandsmitglied Reto Francioni sprach denn auch bei der offiziellen Aufnahme des Handels am 10. März von einem "schweren Rennen", das man habe bestreiten müssen. Damit war allerdings nicht etwa der Kampf gegen Mitläufer oder die Uhr gemeint, sondern die wenig erfreuliche Tatsache, daß sich bis dato lediglich zwei Firmen für eine Neuemission am Neuen Markt entschieden haben: der Mobilfunkanbieter Mobilcom AG und der Ingenieurdienstleister Bertrand AG.

Viele Zeitgenossen wollten daher von einem klassischen Fehlstart wissen; von 2500 branchenintern als börsenfähig eingestuften deutschen Unternehmen konnten die Frankfurter ganze zwei für ihren High-Tech-Hoffnungsträger gewinnen, spottete etwa das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Gleichzeitig wird immer wieder auf das europäische Umfeld verwiesen. So hat der vor einem Jahr in Paris etablierte Nouveau Marché trotz mittlerweile 23 registrierter Titel die Erwartungen bei weitem nicht erfüllt. Dasselbe gilt für die vor kurzem in Amsterdam und London eingerichteten "Wachstumsbörsen" - von der Brüsseler Easdaq ganz zu schweigen. Alle diese Handelsplätze stehen mit ihrer im Vergleich äußerst geringen Marktkapitalisierung völlig im Schatten ihres großen Vorbilds Nasdaq, wo inzwischen mehr als 5000 Unternehmen und damit doppelt so viele Firmen wie an der New York Stock Exchange notiert sind.

Insider von den in Deutschland führenden Risikokapitalgebern Atlas Venture, Techno Venture Management (TVM) und Technologieholding sprechen denn auch offen von einem gewissen Kannibalisierungseffekt, den die Flut neuer High-Tech-Börsen in Europa nach sich ziehen könnte. Ein Handelsplatz für Aktien innovativer Firmen sei genug, heißt es dort, wobei London aufgrund seiner "Special Relationship" zu den USA die besten Chancen eingeräumt werden.

Was natürlich auch etwas mit der nach wie vor fehlenden Aktienkultur in Deutschland zu tun hat. Nur knapp 700 der rund 2,7 Millionen deutschen Unternehmen sind jüngsten Analysen zufolge an der Börse notiert. Und immer noch decken die meisten Firmen hierzulande ihren Kapitalbedarf durch einbehaltene Gewinne oder Bankkredite - kein sehr praktikabler Weg für kleine High-Tech-Companies in der Gründungsphase, wie man mittlerweile weiß. Wenn aber in seltenen Fällen Venture-Capital seinen Weg zu den deutschen Abnehmern findet, muß irgendwann der Börsengang folgen, damit die Risikokapitalgeber, die ihren Investoren in der Regel eine Rendite von 20 Prozent versprechen, ihre Firmenanteile gewinnbringend veräußern können. Erste Adresse ist dabei jedoch wie eh und je die Nasdaq in New York; zuletzt dokumentiert durch die erfolgreiche Neuemission der Digitale Telekabel AG.

Kritik am Neuen Markt kam aber noch in einem weiteren Zusammenhang auf. Die Verpflichtung junger Unternehmen auf anspruchsvolle internationale Bilanzrichtlinien (deutsch- und englischsprachige Quartals- und Jahresberichte nach US-GAAP und IAS sowie regelmäßige Analysten- und Investorenveranstaltungen) sei überzogen, hieß es vielerorts.

Ansonsten bleibt es bis auf weiteres bei der bekannten Planung. Noch bis zum Jahresende hofft man mindestens auf ein Dutzend Unternehmenswerte, die dann im Neuen Markt gehandelt werden. Bis jetzt hat man allerdings nur die halbwegs feste Zusage der Utimaco Safeware AG, eines in Frankfurt ansässigen Spezialisten für Electronic-Commerce-Sicherheits-Tools, die im Herbst eine Premiere am Neuen Markt in Betracht zieht. Für die Verantwortlichen der Deutschen Börse AG ist dies jedoch kein Grund zur Panik. "Auch die Nasdaq hat nicht mit 5000 Firmen angefangen", gab Deutsche-Börse-Sprecher Walter Allwicher zu Protokoll.