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10.09.1999 - 

Thema der Woche

Neuer Softwareverband will kein Closed Shop sein

In der deutschen IT-Verbandslandschaft werden derzeit die Claims neu abgesteckt. Unter anderem gründete sich der Spitzenverband der Deutschen Software-Industrie (SVDS), der die einschlägigen Interessen bündeln soll. Die CW hat Vertreter der SVDS-Mitgliedsverbände zu einem Gespräch eingeladen.

CW: Die deutsche Softwarebranche hat Ende Mai mit der Ankündigung eines gemeinsamen Dachverbandes für Schlagzeilen gesorgt. Welche Gründe sprachen für die Gründung des SVDS?

Krüger (VSI): Zunächst einmal spiegelt diese Maßnahme einen Konsolidierungsprozeß wider, der nicht erst gestern begonnen hat. Wir hatten bereits auf der CeBIT ''98 die Interessengemeinschaft der deutschen Software-Industrie ins Leben gerufen. Dem ging die Erkenntnis voraus, daß sich die hier vertretenen Verbände beziehungsweise deren Vertreter bei diversen Anlässen treffen und dabei immer wieder das gleiche sagen. Warum also in zentralen, übergreifenden Fragen nicht mit einer Stimme sprechen? Die Gründung des SVDS ist nun der letzte Schritt, um nach außen hin - vor allem gegenüber der Politik - zu dokumentieren: Hier hat ein für die deutsche Volkswirtschaft wichtiger Bereich seine Interessenvertretung gebündelt. Und wir sind, das ist auch wichtig, offen für die Mitarbeit weiterer Mitgliedsverbände.

CW: Ist der SVDS im Moment nur ein Papiertiger, oder gibt es bereits klare Strukturen und Zuständigkeiten?

Felsenberg (DMMV): Der SVDS verfügt über eine Geschäftsordnung und einen Sprecher. Er hat präzise Ziele definiert, die er im Auftrag seiner Mitglieder erreichen möchte. Wir haben nicht auf der grünen Wiese begonnen, sondern reden über einen Prozeß, der seit mindestens eineinhalb Jahren andauert.

CW: Hat der SVDS überhaupt Vollmachten? Schließlich sollen alle Mitgliedsverbände bestehenbleiben und in ihren Zuständigkeiten nicht beschnitten werden.

Krüger: Ich würde das eher als Vorteil werten. Wir haben uns für eine klare Aufgabenteilung entschieden: Fragen, die uns alle betreffen, vor allem die politischen, regeln wir über den SVDS. Dazu gibt es weiterhin die flankierende Arbeit der jeweiligen Branchenspezialisten für Unterhaltungssoftware, Bau- und Architekturprogramme, Multimedia sowie Standardsoftware. Auf diese Weise handeln wir im Interesse unserer Mitgliedsfirmen am besten.

Felsenberg: Man sollte dies auch unter Identitätsgesichtspunkten betrachten. Wir bieten unserer Branche eine Soziosphäre und eine Gemeinschaft. Firmen haben sich beispielsweise dem Deutschen Multimedia Verband (DMMV) angeschlossen, weil sie von unserer Organisation eine bestimmte Problemlösungskompetenz erwarten. Dem können wir aber auf Dauer nur gerecht werden, wenn der SVDS federführend die Vertretung in gemeinsam definierten Kernbereichen (siehe Kasten, Seite 10: "Die neuen Verbände") übernimmt. Mit anderen Worten: Wir als DMMV müssen jetzt nicht mehr zu allen grundsätzlichen Fragen unseren Kommentar abgeben. Das spart Zeit und Ressourcen. Wir können uns auf Multimedia-Themen konzentrieren.

CW: Es scheint so, als hätten die bekannteren Verbände DMMV und Verband der Software-Industrie (VSI) im SVDS das Sagen.

Nagel (BVBS): Das würde ich so nicht unterschreiben. Alle Mitgliedsverbände sind formal und inhaltlich gleichberechtigt. Der Bundesverband Bausoftwarehäuser (BVBS) vertritt vor allem Anbieter von Anwendungssoftware - insofern sind auch für uns Themen wie E-Commerce, digitale Signatur sowie Urheberrecht und Patentschutz von zentraler Bedeutung. Daß wir uns, wie Sie eben unterstellt haben, durch die größere Popularität anderer SVDS-Mitglieder an die Wand gedrückt fühlen müßten, kann ich deshalb nicht bestätigen. Im Gegenteil: Es hilft uns nur.

CW: Wie schlagkräftig ist denn eine virtuelle Organisation, wie sie der SVDS offensichtlich darstellt?

Felsenberg: Ich sage noch einmal: Wir haben einen Sprecher, eine funktionierende Geschäfts- und Pressestelle wie jeder andere Branchenverband auch. Zur Kommunikation nutzen wir Technologien wie E-Mail beziehungsweise Intranet. Mit diesen Instrumenten lassen sich beispielsweise Dokumente oder schriftliche Stellungnahmen sehr schnell und effektiv gemeinsam erarbeiten.

Achilles (VUD): Vieles in der Verbandsarbeit läuft hinter den Kulissen - also ohne große Öffentlichkeitswirksamkeit. Nicht, weil wir etwas zu verbergen hätten. Wenn aber beispielsweise in Brüssel über die Inhalte einer Copyright-Direktive verhandelt wird, ist dies für die Medien nicht so spannend. Im übrigen schließt das von Herrn Felsenberg Gesagte nicht aus, daß wir bei Bedarf die Infrastruktur des SVDS - also Geschäftsstelle samt Mitarbeitern - deutlich ausbauen.

CW: Apropos Geschäftsstelle: Warum siedeln Sie Ihre Zentrale in München an, wo doch die Musik in Sachen Verbandsarbeit eher in Berlin und Brüssel spielen dürfte?

Achilles: Jeder einzelne Mitgliedsverband verfügt über Büros oder zumindest Verbindungsleute in Berlin und Brüssel. In Namen des SVDS wird dann jeweils der Verband aktiv, der von seiner Zuständigkeit und Kompetenz her für das entsprechende Thema oder Problem prädestiniert ist.

Krüger: Es kommt nicht auf den Ort der Geschäftsstelle an, sondern auf die Kontakte, die man hat. Wir haben uns vor allem wegen der kurzen Wege zu unseren Mitgliedsfirmen für München entschieden. Schauen Sie sich an, wo die meisten Softwarefirmen in Deutschland sitzen. Auch in dieser Hinsicht dürfte sich die Frage nach Berlin relativieren.

CW: Kann der SVDS überhaupt für sich in Anspruch nehmen, die gesamte deutsche Software-Industrie zu vertreten?

Nagel: Eindeutig ja. Die in der Branche bedeutendsten Verbände haben sich hier zusammengeschlossen. Alle wichtigen Anbieter und Firmen in den jeweiligen Marktsegmenten gehören zu unseren Mitgliedern. Wir können uns zwar nicht um jede Ein-Mann-Softwareschmiede kümmern, die erst gestern um Mitternacht gegründet wurde. Aber wir widmen uns natürlich auch dem unternehmerischen Nachwuchs.

CW: Wie?

Nagel: Wir beobachten die Newcomer-Szene intensiv und werden gegebenenfalls aktiv. Etwa in der Form, daß wir für junge Firmen Messeauftritte organisieren und diese zum Teil auch sponsern. Oder wir bieten Seminare und Workshops zu Themen wie Vertriebsschulung und Zielgruppenansprache an.

Felsenberg: Natürlich registrieren wir - und ich denke, das gilt für alle im SVDS vertretenen Verbände - mit Genugtuung, daß sich in unserer Branche seit längerem Aufbruchstimmung breitgemacht hat. Also müssen wir uns, wie es Herr Nagel gerade andeutete, zunehmend mit inhaltlichen Angeboten wie Organisationsberatung, Wachstums-Management und Professionalisierung an unsere Mitglieder wenden.

CW: Finden denn die strukturierte Verbandslandschaft und die pulsierende Newcomer-Szene überhaupt zueinander?

Felsenberg: Ab einem gewissen Zeitpunkt schon. Nehmen Sie allein die Tatsache, daß es einen Deutschen Multimedia Verband gibt - eine Agentur- und Dienstleistervereinigung, die stark von Kreativen und Individualisten geprägt ist. Ab einer bestimmten Größe und Marktreife benötigen die Unternehmen dann Tips, Services und Hilfestellungen, die wir ihnen geben können. Nennen Sie es Branchen-Know-how, Best Practice oder wie auch immer. Wenn es nicht mehr nur um das Kreative, sondern auch um das Kommerzielle geht, bekommen vermeintlich einfache Dinge wie Angebotserstellung, Projekt-Management, Kalkulation, Mitarbeitergewinnung oder Gehaltsüberblicke schnell eine ganz andere Dimension. Irgendwann stellt sich daher für junge Unternehmen die Frage einer Verbandsmitgliedschaft fast von selbst.

CW: Ist der Boom am Neuen Markt in Frankfurt der deutschen Software-Industrie zuträglich? Es zeigt sich deutlich, daß die börsennotierten Unternehmen das zugeflossene Kapital dazu verwenden, Wettbewerber aufzukaufen...

Achilles: Daß gewisse Phänomene, die wir aus den Vereinigten Staaten kennen, zum Beispiel die zum Teil unrealistisch hohe Börsenbewertung von Internet-Firmen, mit zeitlicher Verzögerung auch bei uns in Deutschland auftreten, muß man nicht uneingeschränkt gut finden.

CW: Führt das nicht dazu, daß manch vielversprechendes Unternehmen oder manch gute Produktidee im Interessengeflecht zwischen Analysten, Anlegern, Risikokapitalgebern, Banken und Emissionsberatern auf der Strecke bleibt - einfach aus dem Grund, daß das von außen forcierte und gewünschte Wachstum nicht verarbeitet werden kann?

Achilles: Zunächst einmal sollte man es positiv sehen, daß die Deutschen die Aktie als Anlageform entdeckt haben und umgekehrt junge IT-Firmen die Möglichkeit haben, an der Börse Kapital zu beschaffen. Wenn nicht aus jeder Wachstumsstory eine dauerhafte Erfolgsgeschichte wird, liegt das nicht an der Börse, sondern an der Natur des Geschäfts. Was die Business-Strategie und Expansionspläne einzelner Firmen angeht, nehmen wir als Verbände eine neutrale Haltung ein - das müssen wir sogar. Man kann aber nicht ständig der Globalisierung das Wort reden und dann kritisieren, wenn sich auch deutsche Software-Unternehmen durch Zukäufe entsprechend verstärken und positionieren.

CW: Wie schafft es der SVDS, die Interessen seiner Mitgliedsfirmen unter einen Hut zu bringen? Verhalten sich die deutschen Töchter amerikanischer Softwarehäuser nicht anders als originär deutsche Firmen, die auf den Weltmarkt streben?

Krüger: Darauf gibt es drei Antworten. Es funktioniert erstens, weil es das Grundprinzip eines jeden Verbandes sein muß, zum Teil unterschiedliche Interessen zu bündeln. Was auch bedeutet, im Wettbewerb zueinander stehende Unternehmen zu integrieren. Es funktioniert zweitens, weil man in den USA zunehmend die Bedeutung des deutschen Softwaremarktes erkennt und deshalb bei dessen Entwicklung und Ausprägung mitreden möchte. Und es funktioniert schließlich, weil wir gar nicht zwischen groß und klein, deutsch, amerikanisch, russisch oder indisch unterscheiden können._TX:Aufgabe des SVDS und seiner derzeit vier Mitgliedsverbände ist die Verbesserung von Rahmenbedingungen in Deutschland - für alle, die in dieser Branche tätig sind. Dabei sind wir offen für weitere Mitstreiter. Wir sind kein "Closed Shop" und auch nicht die vier Musketiere, die angetreten sind, um alleine die Welt zu verbessern.

CW: Das klingt, als gäbe es diese Probleme nicht. Gerade dem VSI wird aber gelegentlich vorgeworfen, zu sehr von einzelnen Unternehmen, zum Beispiel Microsoft, abhängig zu sein.

Krüger: Das sind haltlose Vorwürfe, die dementsprechend bis dato auch in keiner Weise belegt werden konnten.

Felsenberg: Die Microsoft-Niederlassung in Unterschleißheim und andere Töchter von US-Firmen sind deutsche Unternehmen, die hier Wertschöpfung betreiben, Arbeitsplätze schaffen und Steuern abführen. Ich habe als Sprecher eines Verbandes kein Problem, sie dabei zu unterstützen. Ich muß Herrn Krüger beipflichten: Es geht um den Standort Deutschland und um die Verbesserung seiner Attraktivität.

CW: Seit kurzem gibt es in Deutschland eine weitere neue Dachorganisation, die sich als Spitzenverband der Informations- und Kommunikationsbranche (siehe Kasten "Die neuen Verbände") definiert. Warum marschiert die Softwarebranche nun im SVDS alleine? Das ist doch das Gegenteil der gewünschten Konsolidierung der Verbandslandschaft in der deutschen IT-Industrie.

Felsenberg: Wir wollen gezielt die Belange der deutschen Software-Industrie vertreten und uns nicht um Dinge wie Umweltschutz bei der Herstellung von Platinen oder Altgeräte-Rücknahmeverordnungen kümmern. Sicher ist das jetzt etwas überspitzt formuliert, aber es trifft genau das, was wir uns zum Ziel gesteckt haben. Wir haben uns zum SVDS zusammengeschlossen, um als Organisation im Softwarebereich schlagkräftiger zu sein. Gleichzeitig gewährleistet das Prinzip der Arbeitsteilung auch in Zukunft die notwendige Tiefenschärfe und Detailkenntnis unserer Arbeit. Das Ganze in einer noch größeren Organisation aufgehen zu lassen, halten wir im Hinblick auf die Identitätsproblematik nicht für empfehlenswert. Im DMMV werden wir das aber im September auf unserer Jahreshauptversammlung diskutieren.Beim IuK-Spitzenverband handelt es sich um ein Konglomerat aus zahlreichen Mitgliedsunternehmen und -Verbänden, in dem auch sehr viele Hardwarehersteller organisiert sind. Deren Geschäft ist aber nicht unbedingt das unsere. Das hat nichts mit Konkurrenz zu tun, aber wir sehen uns eben mehr als die autorisierte Vertretung der deutschen Software- und Multimedia-Branche.

CW: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, es gehe Ihnen eher um Einfluß und die Sicherung von Posten und Pöstchen?

Krüger: Einfluß möchten wir schon haben, sonst wären wir als Verbandsleute ja völlig fehl am Platze. Das mit den Pöstchen lassen wir mal beiseite. Warten wir doch ab, wie viele Geschäftsführer und Vorstände der neue IuK-Verband in Berlin haben wird. Nein, es geht um die Interessen unserer Firmen, die irgendwann einmal ein handfestes Motiv hatten, dem DMMV, VUD (Verband der Unterhaltungssoftware Deutschlands), BVBS oder VSI beizutreten.Das vielzitierte andere Lager ist für uns deshalb keine Konkurrenz - jedenfalls keine, die man wie der Teufel das Weihwasser scheut. Man sieht sich, spricht miteinander und arbeitet punktuell zusammen - auch in Zukunft. Wenn sich die hiesige IT-Industrie künftig unter dem Dach zweier Spitzenverbände sammelt, wäre ein großer Schritt in Sachen Konsolidierung getan. Was nichts daran ändert, daß wir beim SVDS der Überzeugung sind, mit der Beibehaltung der Individualität unserer Mitgliedsverbände den effektiveren Weg beschritten zu haben.

Die neuen Verbände

Der Ende Mai gegründete Spitzenverband der Deutschen Software-Industrie (SVDS) bezeichnet sich mit über 1000 Mitgliedsfirmen und deren Umsatzvolumen von rund 15 Milliarden Mark als größter Zusammenschluß der Softwarebranche auf nationaler und europäischer Ebene. Mitgliedsverbände sind derzeit die Bundesvereinigung Bausoftwarehäuser (BVBS), der Verband der Software-Industrie Deutschlands (VSI), der Deutsche Multimedia Verband (DMMV) sowie der Verband der Unterhaltungssoftware Deutschland (VUD). Zum Sprecher des SVDS wurde VSI-Geschäftsführer Johannes Krüger berufen. Sitz der Dachorganisation ist München.

Die einzelnen Mitgliedsverbände werden individuell weiterarbeiten und folgende Arbeitsbereiche federführend betreuen:

- Arbeitsrecht und Sozialrecht, "Scheinselbständigkeit" (DMMV),

- Freigabe-Vorbehalte für Online- und Offline-Content beziehungsweise "digitale Zensur" (VUD),

- duales System Deutschland (VUD),

- Besteuerung von Online-Geschäftstätigkeit (DMMV),

- Urheberrecht (VUD),

- digitale Signatur/Sicherheit (VSI),

- öffentliche Vergabeordnung für Software-Aufträge (VSI),

- EU-Förderungen (BVBS),

- Personalentwicklung (DMMV/VSI).

Der Bundesverband für Informations- und Kommunikationssysteme (BVB), der Bundesverband Informationstechnologien (BVIT) und der Fachverband Informationstechnik in VDMA und ZVEI wollen sich in Kürze zu einem Spitzenverband der deutschen Informations- und Kommunikationsbranche mit Sitz in Berlin zusammenschließen. Mehr als 1000 Unternehmen der IuK-Industrie mit einem Gesamtumsatz von 200 Milliarden Mark jährlich und rund 700000 Beschäftigten sollen hier vertreten werden.

ES DISKUTIERTEN:

Hermann Achilles, Geschäftsführer des Verbandes der Unterhaltungssoftware Deutschland (VUD);

Alexander Felsenberg, Vizepräsident und Geschäftsführer des Deutschen Multimedia Verbandes (DMMV);

Johannes Krüger, Geschäftsführer VSI Verband der Software-Industrie;

Manfred Nagel, Geschäftsführer Bundesvereinigung Bausoftwarehäuser (BVBS);

Gerhard Holzwart, Redakteur COMPUTERWOCHE.