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18.04.1995

Neun von zehn Programmen sind Raubkopien Osteuropa ist eine Hochburg des illegalen Softwarehandels

18.04.1995

Von Marc Ferranti, Torsten Busse und Daryl Willcox*

PARIS - Seit Jahren versuchen Software-Entwickler, Haendler und Gesetzgeber, Urheberrechten in Osteuropa Geltung zu verschaffen. Bisher ohne durchschlagenden Erfolg: Nach wie vor ist diese Region neben Asien eine Hochburg der Softwarepiraten. Moskau kann dabei ruhigen Gewissens als das Zentrum des Handels mit illegal kopierter weicher Ware bezeichnet werden.

Am offensten dealen die fliegenden Haendler vom "Radio Rynok" vor den Toren Moskaus mit raubkopierter Software. In Blechhuetten und auf Tapeziertischen werden Softwaresammlungen auf diesem Basar zu Spottpreisen angeboten. Dabei handelt es sich keineswegs um Shareware. Die neueste Beta von Windows 95 und ein Lotus 1-2-3 fuer Windows konnten vor Ort fuer 30 Dollar erworben werden. Eine Sammlung von Business-Software auf CD-ROM - 113 verschiedene Programme - kostete den Korrespondenten ganze zehn Dollar.

Doch nicht nur auf dem Basar kann man illegale Software erwerben. Professionelle Anbieter von Bootlegs preisen ihre Ware nach wie vor unbehelligt in Zeitschriften an; bei anderen Haendlern und OEM- Herstellern steht je nach Kundenwunsch und -boerse entweder das legale Produkt oder die illegale Kopie davon zur Auswahl.

Die meisten CDs mit raubkopierter Software stammen den Angaben serioeser Haendler, Industrieverbaende und der Rynok-Piraten zufolge aus China. Nach Mengenrabatt gefragt, sagte einer dieser fliegenden Haendler, dass Preisnachlaesse ab 50 Kopien moeglich seien. Allerdings musste der Reporter angeben, wie viele CDs er erwerben wollte: "Wir bekommen jede Woche eine Lieferung aus China - wenn Sie mich innerhalb der naechsten zwei Tage anrufen, haben wir die Ware bis zum naechsten Wochenende fuer Sie parat", erklaerte der Pirat und ueberreichte seine Preisliste, komplett mit Name, Adresse, Fax- und Telefonnummer.

Doch auch in den anderen Staaten Osteuropas fuellen Hinterhoffirmen Disketten und CDs mit geraubter Software. In Bulgarien, so wird kolportiert, setzen Piraten vorzugsweise deutsches Equipment fuer diesen Zweck ein. "Seit die USA verstaerkt Druck auf China ausueben, den illegalen Handel dort einzudaemmen, tauchen hier immer mehr dieser Bootlegs auf", berichtet Virginia Clough von der Business Software Alliance (BSA) in Moskau. Waehrend es in China 30 Fabriken gebe, die Raubkopien als Massenware herstellen, verfuegten die Russen lediglich ueber zwei solche Produktionsstaetten, erzaehlt die BSA-Repraesentantin. Ausserdem boeten in letzter Zeit immer mehr sogenannte Software-Boutiquen ihre Dienste an, die, ausgestattet mit CD-ROM-Brennern, CDs je nach Kundenwunsch mit Software fuellen. Allerdings wird der Markt in Russland und dem gesamten ehemaligen Ostblock nicht in erster Linie mit industriell produzierten Raubkopien versorgt. Wie im Westen auch wird meistens zu Hause fuer Bekannte kopiert, in der Firma fuer Kollegen oder beim Hardwarehaendler, der seinen Kunden den Gebrauch preiswerter Programme ermoeglichen will.

Nicht nur der entgangene Umsatz treibt Hersteller und Wiederverkaeufer um. Auch die Sorge, dass sich das organisierte Verbrechen des Softwareverkaufs genauso annimmt, wie es den Vertrieb illegaler Videos fest im Griff hat, laesst legale Anbieter zittern.

"Der Softwaremarkt ist noch nicht so gross wie der fuer Videos, aber kriminelle Strukturen sind eine echte Bedrohung", fuerchtet Anatoly Gaverdovsky, Vice-President eines Moskauer Distributors. "Die Mafia ist clever und zukunftsorientiert, und sie sieht sich staendig nach neuen Betaetigungsfeldern um." Radio Rynok koenne von diesem Standpunkt aus als Testmarkt begriffen werden, meint der russische Manager.

Trotz vieler Versuche der Softwarehersteller und ihrer Verbaende, legale Software durch Uebersetzungen in die Landessprache und Preisnachlaesse von bis zu 200 Dollar pro Produkt attraktiver zu machen, konnte das Kopierunwesen in Osteuropa nicht nennenswert eingedaemmt werden. Auch ein Gesetz zum Urheberschutz, das Russland 1992 verabschiedete, half aufgrund bisher fehlender Ausfuehrungsbestimmungen wenig. Bei neun von zehn eingesetzen Programmen handelt es sich um Raubkopien. Selbst die in diesem Jahr eingefuehrten Strafen, die bis zu Geldbussen von 200000 Dollar reichen, verhindern kaum etwas: Einfach deshalb, weil sie bislang noch nicht verhaengt worden sind.

Zwar verfolgt die BSA in Russland zur Zeit drei Faelle von Softwarepiraterie, aber bis heute ist keine Klage erhoben worden. Bis es soweit ist, will Virginia Clough "sicher sein, dass unser erster Fall ein Erfolg wird, damit wir ein Beispiel setzen koennen".

* Die drei Autoren sind Korrespondenten des IDG-Newsservice