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11.08.2000 - 

Dotcom-Pleiten, und was nun?

New Economy besinnt sich auf die alten Regeln

Spätestens nach dem Einbruch an der Börse im April begann sich die US-Internet-Szene neu zu formieren. "Hip" ist nun, wer nach den Regeln der Old Economy funktioniert und sich auf Produkte und Dienstleistungen konzentriert, für die die Kundschaft bereit ist, zu zahlen - zum Beispiel: Bandbreite, Wireless-Applikationen und Infrastruktur. Von Nicole Winkler*

In der E-Commerce-Szene herrscht helle Aufregung. Nach der dramatischen Talfahrt von Aktien, die an der US-Technologiebörse Nasdaq gehandelt werden, sind in den vergangenen Wochen eine Reihe hoffnungsvoller Internet-Firmen liquidiert worden: Boo.com, APB-News.com, Net-Imperative oder Toysmart.com lauten die Namen, die noch in aller Munde sind. Doch es sind nicht nur spektakuläre Pleiten, die die New Economy ins Tal der Tränen stürzten, sondern eine - vorsichtig formuliert - regelrechte Konjunkturschwäche. Seit Januar mussten nach Angaben der Personalberatung Challenger, Gray & Christmas die so genannten Dotcoms in den USA mehr als 5300 Mitarbeiter entlassen.

Dabei ist es gerade einmal fünf Jahre her, dass der damalige Newcomer Netscape Communications an die Börse ging und seine Mitarbeiter innerhalb von Stunden zu Multimillionären machte. Der damals 22-jährige Mitbegründer Marc Andreessen zum Beispiel, ein Student, der für 60 Dollar am Tag Programmierarbeiten verrichtete, war schon am Abend nach dem IPO um 58 Millionen Dollar reicher - die gesamte Company runde 2,5 Millarden Dollar wert. Netscape hatte einen neuen Geschwindigkeits-Weltrekord im Reichwerden aufgestellt. Shooting-Stars wie Yahoo, E-Bay und America Online (AOL) folgten und verbreiteten den Glauben, dass eine entsprechende "Internet-Phantasie" eine Art Lizenz zum Gelddrucken biete.

Inzwischen ist das Geld wertvoller geworden im Silicon Valley. Wo sich bis vor kurzem noch Investoren die Klinke in die Hand gaben, um Startups finanziell auf die Beine zu helfen, bleiben heute die Telefone stumm. Investments in Internet-Unternehmen sind gesunken - der erste Rückgang seit zwei Jahren, wie die Venture-Capital-Experten der in San Franzisko ansässigen Marktforschungs- und Investment-Gesellschaft Venture One feststellen.

Unternehmen ohne Gewinne sind nicht überlebensfähig, auch nicht in der Internet-Welt. Lange Zeit war diese Erkenntnis alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Konsequenz: Statt dem kalkulierten (ersten) Highlight, dem Börsengang, stehen viele der Firmen nun im Regen: aus den Dotcoms sind "Dotgones" geworden, heißt es zynisch in Finanzkreisen. Experten rechnen damit, dass im B-to-C-Bereich 90 Prozent der Unternehmen wieder von der Bildfläche verschwinden.

Mittlerweile wartete nahezu jede Börsenpublikation in den USA mit eigenen "Burnout"-Listen auf. Die vielzitierten "Todeslisten" hierzulande sind also nur ein müder Abklatsch dessen, was im Mutterland der New Economy läuft. Die "Opfer" stammen vorwiegend aus besagtem B-to-C-Sektor, also aus dem Segment der Online-Kaufhäuser, unzähligen Internet-Marktplätzen, Auktionshäuser und Communities für private Nutzer.

Es gibt, so die nüchterne Einschätzung der Analysten von Pegasus Research International, einfach zu viele davon, und ihr Ertragspotenzial wurde hoffnungslos überschätzt. Bei vielen reiche das Geld nicht einmal für die nächsten Monate.

Sicher mag da die eine oder andere Darstellung - ähnlich wie in Deutschland - übertrieben sein, doch am grundsätzlichen Problem der New Economy ändert dies nichts. Für reine Phantasie haben die Börsianer und VCs heute nichts mehr übrig. Heute verlangen Anleger Rentabilität statt Wachstum mit Defiziten ohne Ende. Das spürt inzwischen auch die "E-Business-Ikone" höchstpersönlich, Amazon.com-Chef Jeffrey Bezos. Zwar konnte seine Company mit dem Verkauf von Büchern und CDs übers Web bisher einen kumulierten Umsatz von rund 2,8 Milliarden Dollar erzielen, demgegenüber stehen jedoch insgesamt 2,9 Milliarden Dollar, die das Unternehmen bisher von Investoren erhalten hat. Während Bezos immer noch dem grenzenlosen Wachstum das Wort redet, wollen die Gläubiger endlich Gewinne sehen. Quartal für Quartal wird die Situation bei Amazon.com deshalb immer spannender.

Das Problem, das Amazon.com und viele andere Dotcoms haben, lässt sich einfach auf den Punkt bringen - aber vermutlich nicht so ohne weiteres lösen. Sie müssen hohe Marketing-Aufwendungen ebenso finanzieren wie eine kompetente Mannschaft und eine komplexe Technik. Liquidatoren, die üblicherweise mit etablierten "Brick-and-Mortar"-Unternehmen arbeiten, haben die Gunst der Stunde erkannt.

Dotcoms müssen bereits ihr Tafelsilber verkaufenDie Firma i-Solve zum Beispiel, die sich auf das Verkaufen von überschüssigem Inventar spezialisiert hat, bekommt zunehmend Kundschaft aus der Dotcom-Welt. Denn in den Unternehmen haben immense Ausgaben für Marketing und Werbung innerhalb kurzer Zeit alle Mittel geschluckt und nur den einschlägigen Agenturen satte Gewinne beschert. Mit weiteren fatalen Folgen: Denn neben dem akuten Geldmangel, der droht, haben viele der B-to-C-Himmelsstürmer dabei ihr eigentliches Kerngeschäft aus den Augen verloren - ihren Service mit einer stabilen und anwenderfreundlichen Internet-Technik zu unterlegen.

Das hat sich allerdings geändert. Wo noch im letzten Jahr Dotcoms einen Großteil ihres Venture Capitals für großzügige Werbekampagnen ausgaben, ist inzwischen wieder Vernunft eingekehrt - in vielerlei Hinsicht. Eine Art Umdenken im Silicon Valley, das sich am besten am Verhalten der geistigen Elite ausmachen lässt. So revidieren College-Studenten, die noch vor kurzem einen IPO mit der selbst gegründeten Firma anstrebten, gleich reihenweise ihre Karrierepläne. Ein M.B.A.-Absolvent wählt heute einen Job aus, der finanzielle Sicherheit bietet. Ganz groß im Kurs sind dabei Stellen im Investment-Banking oder Management-Consulting. "Hier kann ich weiter im E-Business bleiben und bin gleichzeitig auf der sicheren Seite, was Geldverdienen anbelangt", bringt es einer der Campus-Abgänger auf den Punkt.

Wer etwas im Internet verkaufen will, muss mehr für seine Kunden tun, als nur einen Warenkatalog ins Netz zu stellen, schreibt auch das US-amerikanische Consulting-Unternehmen Cambridge Technologie Partners in seiner Studie "Building the New Economy". Erfolg hat, wer Netzwerke knüpft und auf die richtige Branche setzt. Hoch im Kurs ist zum Beispiel alles, was sich um Infrastrukturtechnik, Bandbreiten oder den Wireless-Sektor dreht und dabei ein tragfähiges, langfristiges Business-Modell mit einer guten Mannschaft vorweisen kann.

Einer der Vorreiter dieser Entwicklung ist wieder einmal Marc Andreessen, der schon mit seinem Unternehmen Netscape großen Erfolg hatte. Doch anders als vor fünf Jahren hat er ein Unternehmen gegründet, das keine spektakuläre Geschäftsidee verfolgt, sondern auf ein grundsolides Business setzt: Loudcloud, so der Name der neuen Company, macht eigenen Angaben zufolge Websites von Unternehmen sicher und robust. Kaum ein halbes Jahr alt, kann das Unternehmen bereits 30 zahlende Kunden vorweisen - das freut die VCs. Als Andreessen im April die zweite Finanzierungsrunde anging, hoffte er auf 60 Millionen Dollar. Am Ende hatte er 120 Millionen Dollar in der Kasse.

Startups im "richtigen" Marktsegment und mit einem plausiblen Business-Plan bekommen auch heute noch genügend Geld, um ihre Geschäftsideen zu verwirklichen. Auch wenn im zweiten Quartal das Investment in Internet-Firmen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum in den Vereinigten Staaten leicht rückläufig war, wurde doch mit insgesamt 30,15 Milliarden Dollar im ersten Halbjahr mehr in die New Economy investiert als im gesamten letzten Jahr, heißt es in einer Analyse von Venture One.

Allerdings wird heute nicht so ohne weiteres ein Unternehmen mit dem primären Ziel gegründet, unter nahezu allen Umständen an die Börse zu gehen. "Heute wird eine Company gestartet, um einen gute Company zu sein", gibt beispielsweise Judy Estrin zum Besten, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Bill Carrico seit 1981 vier Unternehmen gegründet hat, darunter Precept Software, das 1998 für vier Millionen Dollar an Cisco verkauft wurde. Im Mai hat das Gründerpaar sein neuestes "Baby" Packet Design vorgestellt - eine Firma, deren Geschäftszweck die Entwicklung von Internet-Infrastruktur-Software ist. Glaubt man dem Business-Plan, wird die Firma auf absehbare Zeit das Going Public wie der Teufel das Weihwasser scheuen - einfach deshalb, weil nach Ansicht von Estrin die Vorbereitungen für einen IPO "die Sicht auf eine langfristig erfolgreiche Geschäftspolitik verstellt".

*Nicole Winkler ist freie Journalistin in München.

Abb: Neue Regeln: Gewinne und der "Held von gestern", Marc Andreessen, sind in der New Economy gefragt. Quelle: Fortune