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28.05.1993

Next bewaeltigt Uebergang zum reinen Software-Unternehmen Nextstep-Version fuer Intel soll Betriebssystem-Markt erschliessen

Nach den Geruechten und den Ankuendigungen der Vergangenheit ist es nun soweit. Next hat den Uebergang von einem Computerhersteller zu einem reinen Software-Unternehmen in einem Zeitraum vollzogen, der fuer deutsche Verhaeltnisse unmoeglich scheint. Innerhalb von drei Monaten entliess Next zirka die Haelfte seiner Mitarbeiter und verkaufte seine Produktionsstaetten. In Zukunft will das Unternehmen nur noch sein objektorientiertes Betriebssystem Nextstep vermarkten.

Die kubischen schwarzen Rechner von Next galten nicht nur wegen ihres aeusserst avantgardistisch anmutenden Designs als fortschrittlich und zukunftsweisend. Auch ihr Inneres enthielt nur das Feinste vom Feinen.

Waehrend der erste Next-Rechner 1988 als schwarzer Wuerfel vorgestellt wurde, waren die nachfolgenden Geraete flache Tischmodelle, die deshalb auch den Spitznamen Pizzabox erhielten. Allein die ueberzeugende Hardware haette jedoch nicht die Begeisterungsstuerme ausgeloest, die damals in Kennerkreisen ausbrachen. Vor allem das Betriebssystem Nextstep gefiel sowohl Anwendern als auch Entwicklern.

Mit Hilfe des objektorientierten Paradigmas gelang es der Steve- Jobs-Company schon sehr frueh, ein Betriebssystem zu schaffen, dessen Entwicklungsumgebung in das eigentliche System eingebettet ist. Somit ist Nextstep ein ernstzunehmendes objektorientiertes Betriebssystem, das heute fuer eine breite Basis zur Verfuegung steht.

Diesem System, das es bislang nur fuer die Next-eigenen Rechner gab, wird die einfache Bedienung eines Macintosh und die Leistungsfaehigkeit einer Unix-Maschine nachgesagt.

Eine externe Studie von Booz-Allen & Hamilton Inc. belegt, dass Nextstep- Applikationen im Vergleich zu anderen Entwicklungsumgebungen bis zu zehnmal schneller entwickelt werden konnten. Dabei verwendeten die Programmierer zirka 83 Prozent weniger Lines of code.

Obwohl Next nun schon einige Jahre auf den Markt draengt und die Rechner den Konkurrenzprodukten mehr als nur gleichwertig sind, blieb ein Massenerfolg aus. Die Wuerfel und Pizzaboxen aus Redwood City sind nicht die ersten gewesen, die aus Mangel an Kompatibilitaet zu DOS auf der Strecke geblieben sind.

Auch Next bekam zu spueren, dass die Anwender vor allem Kompatibilitaet suchen. Doch insbesondere an Standardanwendungen herrschte und herrscht noch immer eklatanter Mangel.

Erschwerend kam hinzu, dass die erste Next-Generation mit einem Motorola-68030-Prozessor zu langsam war. Farbe war in diesem Modell ebenfalls nicht moeglich, so dass man sich mit einer Schwarz- weiss-Ansicht begnuegen musste. Sah Next seinen eigentlichen Konkurrenten bislang in Sun (Steve Jobs: "Die Mutter des Wettbewerbs"), so wird Nextstep fuer Intel nun auch gegen Windows NT und Unix antreten muessen.

Dass sich die Marketing-Strategie des oefteren aenderte, liegt unter anderem auch daran, dass Next sich schwertat, den Einsatzbereich seines Systems zu definieren. Die Entwicklung der 88K-RISC-CPU vollzog sich ausserdem zu langsam. Next will in Zukunft Marketing und Vertrieb staerker betonen. Dem widerspricht allerdings die Aufloesung der Next-Gesellschaften im Ausland. Die gesamte Power wird sich nun auf Muenchen und London konzentrieren muessen.

Wenig Fruechte im

DTP-Bereich geerntet

Das objektorientierte Betriebssystem verkauft sich bisher am besten durch die Demonstration seiner Leistungsfaehigkeit. Deshalb wird die neue Software-Company auch mehr Wert auf Veranstaltungen beim Endkunden legen. Eine Plazierung im DTP-Bereich brachte nicht viel ein.

Die Anwender in diesem vom Macintosh dominierten Sektor sind zu zufrieden, um sich in eine voellig neue Welt bewegen zu wollen, zudem wuerde die entsprechende Software fehlen. Erfolgreicher dagegen ist der Einsatz von Nextstep in Client-Server-Netzen. Hier sieht Next auch die groessten Absatzmoeglichkeiten.

Next baut also konsequenterweise keine Hardware mehr und beschraenkt sich auf seine eigentlichen Staerke. Nextstep hat nach Einschaetzung von Bernhard Woebker (Vice-President von Next Europa) einen Entwicklungsvorsprung von mindestens zwei Jahren gegenueber anderen Betriebssystemen. Entscheidend sei, dass Next schon heute mit einem solchen Angebot aufwarten koenne, waehrend zum Beispiel die IBMApple-Allianz (Taligent, Pinkund Microsoft (Cairo) fruehestens 1994 mit aehnlichen Produkten antreten wuerden. Nextstep dagegen sei schon vor sieben Jahren als objektorientiertes Betriebssystem entworfen worden. Heute liegt es in der Version 3.0 vor.

Hardware zu entwickeln ist fuer Woebker nur bei entsprechendem Absatzvolumen interessant. Auch verschlinge die Forschung Unsummen, da man immer auf dem neuesten technologischen Stand bleiben muesse. Die Kunden, die sich bisher fuer einen Next-Rechner entschieden, taten dies vor allem wegen seines Betriebssystems und nicht wegen des Rechners selbst. Aus diesem Grund hat man sich von der Hardware-Entwicklung getrennt und vermarktet nun ausschliesslich das Betriebssystem.

Dass dies nicht einfach ist, zeigt sich vor allem daran, dass vor nicht allzu langer Zeit noch ein Next-Rechner mit RISC-CPU das Licht der Welt erblicken sollte.

Zwar war damals schon bekannt, dass Next eine Version fuer Intels 486er entwickelte, allerdings als weitere Plattform, die neben der schwarzen Hardware unterstuetzt werden sollte.

So schrumpfte das urspruengliche Jobs-Unternehmen um mehr als 50 Prozent seiner Mitarbeiter; von den verbleibenden 250 Next-Leuten sollen ungefaehr 150 mit Entwicklung beschaeftigt sein.

Druckerspezialist Canon ist zwar als zweitgroesster Geldgeber jetzt Besitzer der Produktionsstaetten von Next, wird die Produktion indes nicht weiter fortfuehren. Next jedoch will durch die Bell- Atlantik-Tochter Sorbus den Hardwaresupport seiner schwarzen Kisten noch bis 1995 sicherstellen. Und Nextstep soll bis zu diesem Zeitpunkt auf allen Plattformen in gleicher Weise weiterentwickelt werden. So wird Ende Mai 1993 sowohl Nextstep 3.1 fuer Intel-Prozessoren zur Verfuegung stehen als auch ein Update von der Version 3.0 fuer die Motorola-Ausfuehrung.

Die neue Nextstep-Version fuer Intel-Prozessoren erforderte eine neue Strategie, was die Vermarktung des Produktes angeht. Bisher hat sich Next dabei sehr schwer getan. Die Strategien wurden genauso wie die dafuer Verantwortlichen am laufenden Band gewechselt. Als letzte Fuehrungspersoenlichkeit ist nur noch Steve Jobs selbst uebriggeblieben.

Nextstep soll nicht als Konkurrenz fuer DOS und Windows antreten. Angestrebt ist Platz

drei hinter Microsoft und Apple.

Die bereits installierte Basis von zirka 50 000 Next-Rechnern erscheint dafuer jedoch zu niedrig. Man bewegt sich damit in Bereichen, die IBM im Betatest fuer OS/2 2.0 erreicht hatte. Die Positionierung soll deshalb vor allem als "Client Desktop for Enterprise Solutions" erfolgen. Die Zielgruppe ist damit also nicht der Normalverbraucher, der vor allem Standardapplikationen benutzt, sondern Unternehmen, die eigene Programme schreiben. Next selbst wird auch keine eigenen Anwendungen entwickeln, sondern sich auf die Unterstuetzung von Entwicklern beschraenken.

Nextstep ist keine

Regalsoftware

Waren Next-Rechner bisher nur ueber ausgewaehlte Systemhaeuser zu beziehen, so soll die Intel-Version vor allem einfach und fuer den Anwender leicht erhaeltlich sein. Wahrscheinlich wird aehnlich wie bei OS/2 eine Shrinkedwrap-Packung angeboten. Auf der anderen Seite soll Nextstep jedoch nicht als Regalsoftware verkauft werden. Dies waere auch gar nicht so einfach moeglich, da sich unter der grafischen Benutzeroberflaeche ein komplexes Unix- Betriebssystem

befindet. Der typische DOS-Windows Anwender (und auch Verkaeufer) duerfte also nicht so ohne weiteres mit den Feinheiten des Betriebssystems zurechtkommen.

Next selbst wird dagegen keinen direkten Vertrieb uebernehmen. Einen weiteren Vertriebsweg stellt das Bundling mit Hardwareherstellern dar. So bieten zum Beispiel Intel, Epson und Dell speziell fuer Nextstep ausgestattete Rechner an, die schon mit Nextstep vorinstalliert sind. Bei diesen Modellen handelt es sich ausnahmslos um Hochleistungs-PCs, die um einiges exklusiver ausgestattet sind, als das, was man von PCs gewohnt ist. HP und SNI sollen leicht diversifizierte PCs ausliefern. Mit Compaq ist man bisher noch im Gespraech. Ebenso soll in den naechsten Tagen Nextstep auch fuer eine RISC-CPU eines "fuehrenden Client-Server- Anbieters" vorgestellt werden. Details waren jedoch noch nicht zu erfahren.

Nextstep ist

nicht billig

Im Vergleich zu anderen Betriebssystemen auf Intel-Rechnern stellt Next gehobene Ansprueche an die Geldboerse. Fuer die Benutzerlizenz wird man zirka 1500 Mark hinlegen muessen, fuer die Entwicklerversion sogar 3500 Mark. Dies scheint auf den ersten Blick sehr viel, jedoch will Next fuer kommerzielle Entwickler sowie fuer Universitaeten beziehungsweise Studenten erhebliche Rabatte einraeumen. Hintergrund ist der Wunsch, Nextstep an Universitaeten als Standard-Betriebssystem zu etablieren. Vergleicht man die Leistungsfaehigkeit der Entwicklungsversion mit anderen aus diesem Bereich, so duerfte der Preis auch nicht zu hoch angesiedelt sein. Insbesondere kommerzielle Entwickler muessten an geringerer Entwicklungszeit und trotzdem qualitativ hochwertiger Software interessiert sein.

Im Gegensatz zu Microsoft und IBM verteilt Next keine CDs mit der Betaversion nach dem Giesskannenprinzip. Nur ausgewaehlte Entwickler bekamen bisher ein Exemplar, das sich dann auch nicht Betaversion, sondern Pre-Release nennt. Wohl deshalb, weil es nach Aussagen von Next die stabilste Betaversion eines Betriebssystems ist, "die man je gesehen hat".

War Nextstep in den allerersten Tagen lediglich in Englisch erhaeltlich, so wird die zu erwartende Version in insgesamt sechs Sprachen, darunter auch Deutsch, ausgeliefert werden. An Bus- Systemen wird der AT-Bus und auch EISA unterstuetzt. Die Micro Channel Architecture (MCA) wird zur Zeit noch nicht unterstuetzt.

Als Prozessor empfiehlt Next unbedingt einen 486er, wer hat, darf aber auch schon den Pentium einsetzen, obwohl Nextstep nicht auf diesen Prozessor optimiert wurde. Die Compiler

kennen jedoch schon eine Pentium- Optimierung. Da Nextstep den Protected Mode des 486er nutzt, koennen bis zu 4GB an Speicher adressiert werden. Das Bios des Rechners benoetigt Nextstep lediglich zum Booten des Systems, anschliessend uebernimmt der Mach- Kernel die Kontrolle. Das Pre-Release duerfte zur Zeit nur auf den wenigsten Rechnern laufen, da die Peripherie bisher nur recht eingeschraenkt unterstuetzt wird. VGA/SVGA-Karten werden nur in Schwarzweiss und in einer Aufloesung von 640 x 480 Pixel unterstuetzt. Normalerweise wird ein Next-System mit einer Aufloesung von 1120 x 832 Bildpunkten und in Farbe benutzt. Auch tut es eine serielle Maus noch nicht, man benoetigt eine Bus- Master-Maus, die die wenigsten besitzen duerften. Weiterhin braucht man einen SCSI-Controller, damit von der CD gebootet werden kann.

Kehrtwendung auch

bei den Standards

Auch in Sachen Standards nimmt Next eine neue Haltung ein. Nicht nur, dass man mit der Intel-Version nun die verbreitetste CPU unterstuetzt. Wurden die Bemuehungen der Object Management Group vor noch gar nicht so langer Zeit nur milde belaechelt, so will man nun Cobra (OMG) und DCE (OSFdoch unterstuetzen. Ausserdem wird man bald die Portable Distributed Objects (PDO) vorstellen. Damit soll es moeglich sein, Objekte auch ueber ein Netz ausfuehrbar zu machen. Unter Nextstep werden dann Objekte zur Verfuegung gestellt, die zum Beispiel auch auf einem Unix-Server ablaufen koennen.

Die Roadmap fuer die

naechsten Versionen

Die Roadmap fuer die naechsten Versionen sieht wie folgt aus: Seit 25. Mai soll die Version 3.1 von Nextstep sowohl fuer Intel- Architekturen als auch fuer Motorola zur Verfuegung stehen. Im vierten Quartal wird die Version 3.2 als kostenloses Update kommen, das hauptsaechlich neue Treiber und Bug-Fixes enthalten soll. Portierungen von Anwendungen von der Motorola- auf die Intel-Hardware sollen laut Next binnen weniger Tage moeglich sein. Um sicherzustellen, dass Neuentwicklungen auf beiden CPU- Architekturen laufen, wurde das "Multi-Architecture-Binaries", Version 3.1, geschaffen. Ebenfalls neu in Version 3.1 ist der Token-Ring-Support und die Moeglichkeit, ueber ein Boot-Menue mehrere Betriebssysteme auf unterschiedlichen Partitionen zu booten. Ferner soll eine CD mit 50 Demo-Anwendungen im Lieferumfang enthalten sein.

Nicht vergessen sollte man, dass unter der grafischen Oberflaeche ein Unix liegt, naemlich Bwar BSD 4.3 (Sun os, Ultrix). Auf den Mach-Kernel der

Carnegie-Mellon-University hat

Next von Anfang an gebaut. Dieser Kernel zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er sehr klein ist und damit auch leicht auf andere Plattformen portiert werden kann.

Auch Windows NT und das Unix der OSF bauen auf diesem Kernel auf. Ueber diesem Unix liegt der Windows-Server, der auch das Display Postscript Level II zur Verfuegung stellt. Darauf basiert die Software-Entwicklungsumgebung. Den Abschluss bildet der Workspace- Manager, der in anderen Systemen auch als Desktop-Manager bezeichnet wird.

Verschiedene Welten

im Unified Desktop

Next vertritt die Idee des "Unified Desktop". Damit ist die Koexistenz verschiedener Welten gemeint, zum Beispiel von einer 3270-Terminalemulation, X-Windows, VT220 und auch DOS gemeinsam auf einem Desktop. An Dateisystemen unterstuetzt Nextstep neben dem Unix-ueblichen auch DOS und das Macintosh-System.

Netzunterstuetzung ist fuer TCP/IP und auch fuer Novell Netware als Client gegeben. Nextstep stellt fuer die Verbindung und die Kommunikation der einzelnen Anwendungen untereinander das Protokoll zur Verfuegung (Object Linking). In Zukunft soll auch eine Kommunikation mit OLE moeglich sein. Die Software- Entwicklungsumgebung von Nextstep besteht aus dem Interface Builder, den Toolkits, den integrierten Programmier-Tools, dem Project Builder, dem Objective-Cii- Compiler und den entsprechenden Analyse-Tools. An Toolkits enthalten sind Appkit, DB-Kit, IX-Kit, Machkit (Distributed Objects), 3D-Graphic-Kit, Sound-Kit und das Device-driver-kit. Alle Compiler sind Cross Compiler. Das heisst, Code kann sowohl fuer die Intel-als auch fuer die Motorola-Version von Nextstep entwickelt werden.

Hochgespanntes

Selbstverstaendnis

Nextstep fuer Intel-Prozessoren versteht der Anbieter als das zur Zeit modernste Betriebssystem. Allein an Anwendungen fehlt es bisher. Die Anforderungen an die Hardware zielen denn auch eher auf den professionellen Einsatz von Nextstep ab. War Next bisher Aussenseiter im Betriebssystem-Markt, so koennte sich dies mit der neuen Version gruendlich aendern. Schafft das Unternehmen es auch diesmal nicht, eine breite Masse von installierten Systemen durchzusetzen, dann duerfte das auch spaeter nicht gelingen. In Anbetracht der harten Konkurrenz durch Microsoft, IBM, Apple und Novell wird es Next nicht leicht haben, sich als fester Teil innerhalb des Betriebssystem-Marktes zu stabilisieren.

*Markus Weyerhaeuser ist freier DV-Fachjournalist in Mainz