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IT-Arbeitsmarkt/Die Jobangebote sind zu verlockend


07.07.2000 - 

Nicht einmal jeder zweite IT-Student hält bis zum Diplom durch

Der bekannteste und erfolgreichste Studienabbrecher ist sicher Bill Gates. Aber er ist keineswegs der einzige: Trotz steigender Studentenzahlen im Fach Informatik schafft es nicht einmal jeder Zweite bis zum Diplom. Das mangelnde Durchhaltevermögen ist aber nicht nur auf die zu hohen fachlichen Anforderungen zurückzuführen.Von Ingrid Weidner*

Seit wenigen Jahren steigen die Studienanfängerzahlen im Fach Informatik wieder an. So gab es zum Wintersemester 1998/99 nach Angaben des Statistischen Bundesamts bundesweit 14500 Einschreibungen, was einem Plus von 6000 Studenten beziehungsweise von 74 Prozent entspricht. Das bedeutet aber nicht, dass Unternehmen in ein paar Jahren mit einer ebenso deutlich gestiegenen Zahl von Hochschulabsolventen rechnen können. Der Grund: Rein rechnerisch hält nur jeder zweite Studienanfänger bis zum Diplom durch. Das Informationssystem Studienwahl und Arbeitsmarkt (ISA) der Universität Essen kommt zu dem Ergebnis, dass 60 Prozent der IT-Studenten an Universitäten und 40 Prozent an den Fachhochschulen vorzeitig abbrechen. Die Statistik der Studienabbrecher verrät allerdings nichts über deren Gründe. Motive lassen sich nur schwer zurückverfolgen, da die Hochschulen nicht jeden Studierenden befragen können.

Angehende Mediziner gehören mit 20 Prozent Abbrechern noch zu den strebsamen Studenten. Von den Geistes- und Sozialwissenschaftlern schaffen es nur 20 bis 25 Prozent bis zum Abschluss, absolute Spitzenreiter sind die Philosophiestudenten mit 90 Prozent. In den naturwissenschaftlichen Fakultäten werfen 70 Prozent der angehenden Mathematiker das Handtuch, dicht gefolgt von den Informatikern mit 60 Prozent. Dagegen beendet laut der ISA-Berechnung niemand das Fachhochschulstudium Verwaltungswesen vorzeitig.

Uwe Baumgarten, Professor für Informatik und Studiendekan der Technischen Universität München, schätzt die Abbrecherquote bei den Münchner Informatikstudierenden auf rund 40 Prozent: "Es gibt immer wieder Studenten, die das Fach falsch einschätzen und nach dem ersten Semester merken, dass es nichts für sie ist." An Universitäten sei es relativ alltäglich, dass sich die angehenden Studenten vorab nicht ausreichend informierten oder während des ersten Semesters spürten, dass die Anforderungen zu hoch sind. Um sie macht sich der Hochschullehrer jedoch keine Sorgen. In seinen Augen ist es besser, eine Fehlentscheidung früh zu korrigieren, als sich jahrelang mit dem ungeliebten Fach herumzuquälen.

Problematischer sieht Baumgarten den Studentenschwund bei den Talentierten nach dem Vordiplom. Hier liegen die Gründe oft in reizvollen Stellenangeboten. "Die Nebenjobs bieten den Studenten außer der anspruchsvollen Arbeit auch viel Geld." So manches Mal sei der Job irgendwann nicht mehr mit dem Studium zu vereinbaren, und die Verdienstmöglichkeiten seien verlockender als die Diplomurkunde. Allerdings gibt es auch in München keine genauen Erkenntnisse, weshalb das Studium abgebrochen wird. "Viele verschwinden einfach", sagt Baumgarten. Schließlich bekommt keiner bei der Exmatrikulation einen Fragebogen in die Hand gedrückt. Gerade im Hauptstudium bietet die Universität den Studierenden Freiheiten, die manche nutzen, um eigene Wege jenseits der akademischen Welt zu gehen.

An der Universität Karlsruhe sehen die Abbrecherzahlen für das Fach Informatik ähnlich aus. Auch hier geben ungefähr 40 Prozent der Studenten frühzeitig auf. Detlef Schmid, Dekan der Fakultät für Informatik, sieht für die Studienabbrecher vor allem das Problem, dass sie keinen krisensicheren Abschluss haben. Oft fehle ihnen nur noch die Diplomarbeit, doch Arbeitsangebote, Nebenjobs oder Firmengründungen ließen vielen keine Zeit mehr für den Abschluss.

Gerade Studenten, die parallel zur wissenschaftlichen Ausbildung eine eigene Firma gründen, gelingt der Spagat oft nicht mehr. So blieb auch bei Achim Weiss, der in Karlsruhe mit Kommilitonen den Internet-Provider Schlund + Partner aufbaute, das Studium auf der Strecke. "Anfangs wollte ich zwar noch die Vordiplomprüfungen ablegen, aber ich hatte einfach keine Zeit mehr", so der Ex-Informatikstudent. Seinen drei Gründerkollegen und ehemaligen Mitstudenten ging es ähnlich. Die Firma wuchs schneller als erwartet, und die Geschwindigkeit des Internet-Geschäfts ließ keine Zeit mehr für Universitätsseminare. Irgendwann mussten sie sich für eine Sache entscheiden.

Die Gründe, ihr Informatikstudium frühzeitig zu beenden, sind bei manchen Studenten auch anderer Natur: "Die mathematische Seite ist vor allem im Grundstudium für viele eine Hürde", so Baumgarten. Allerdings können und wollen die Hochschulen nicht auf ihr hohes Niveau verzichten, nur um die Statistik zu verbessern. "Die Studenten bewegen sich in künstlichen Welten. Ein Programm ist etwas sehr Abstraktes. Deshalb kommt der Mathematik und der Theorie eine große Bedeutung zu", betont der Münchner Professor. Auch in Zukunft wird es manchen Studierenden geben, der hieran bereits im Grundstudium scheitert.

Stattdessen denkt man über kürzere Studienzeiten und neue Studiengänge nach. In München und Karlsruhe gibt es Überlegungen, mit dem Bachelor in Informatik eine andere und kürzere Alternative anzubieten. Zwar beträgt die Regelstudienzeit an der Universität bis zum Informatikdiplom neun Semester, doch brauchen die Studenten laut ISA durchschnittlich 12,9 Semester und sind dann schon fast 28 Jahre alt. An den Fachhochschulen beträgt die Regel- und tatsächliche Studienzeit acht Semester. Allerdings sind die FH-Absolventen beim Berufseinstieg kaum jünger als die Uni-Abgänger, da viele vor dem Studium eine Ausbildung gemacht haben.

Hat sich ein Informatikstudent einmal entschlossen, der Hochschule den Rücken zu kehren, nutzen laut Baumgarten auch die besten Überredungskünste nichts: "Mit guten Worten sind die Leute nicht zu halten." Sein Karlsruher Kollege Gerhard Krüger versucht dennoch, seine Studenten von der Notwendigkeit des Diploms zu überzeugen: "Spätestens wenn Ihre Kinder in der Grundschule den Beruf der Eltern nennen sollen, könnte es für Sie peinlich werden." So mancher erinnerte sich später an die Worte des Professors, kam in dessen Sprechstunde geschlichen und erkundigte sich nach Möglichkeiten, doch noch einen Abschluss zu machen.

Auf die Frage, wie es mit den Berufsaussichten der Studienabbrecher aussieht, meint Uwe Baumgarten: "Wir haben den Markt gut im Blick. In den nächsten zehn Jahren gibt es einen nachhaltigen Bedarf in der IT-Branche. Gerade bei den Studienabbrechern ist es wichtig, ob sie abhängig arbeiten oder selbständig." Für Letztere sieht er nicht so große Probleme wie für Angestellte. "Oft besetzen die Selbständigen einen Nischenmarkt und sind dort Experten." Solange die Geschäfte gut liefen, könne das Diplom zweitrangig sein und die eigene Firma eine gewisse Sicherheit bieten.

*Ingrid Weidner ist freie Journalistin in München.