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01.09.1995

Nicht Microsoft ist irritierend, sondern die Reaktion der Presse Vorauseilende Unterwerfung vor einer epochalen PR-Maschinerie

MUENCHEN (jm) - So wie es aussieht, kann man dieser Tage mit dem Thema Windows 95 nicht viel falsch machen: Dessen Markteinfuehrung duerfte als einzigartiges Medienereignis in die DV-Geschichte eingehen. Keine Zeitung, kein Fernseh- und kein Radiosender, der das Betriebssystem nicht in die Schlagzeilen rueckte. Bill Gates lacht sich ob dieser unentgeltlichen PR-Hilfe ins Faeustchen.

So sehr geriet der Medienaufgalopp ausser Kontrolle, dass kritische Leser sich fragen muessten, ob die Presse noch in der Lage war, ihrem Auftrag gerecht zu werden, neutral und der Bedeutung des Ereignisses angemessen zu berichten.

An irgendeinem Punkt muss es selbst den Oberen der Gates-Company zuviel geworden sein - oder war es nur kuehle Berechnung von Microsoft-Manager Brad Silverberg, als er sich gegenueber der US- Fachzeitung "Infoworld" im Buesserhemd zeigte: "Es ist voellig klar, der ganze Hype um Windows 95 ist aus dem Ruder gelaufen. Wir uebernehmen unseren Teil der Verantwortung dafuer, ueberzogene Erwartungen geweckt zu haben." Als Beobachter allerdings fragt man sich, worueber man sich mehr wundern soll: ueber die perfekt geschmierte PR-Maschinerie des Softwarehauses oder die willfaehrige Presse.

Londoner "Times" laesst sich von Microsoft kaufen

Darueber, dass Microsoft eine komplette Tagesauflage der einstmals hochangesehenen "Times" in London aufgekauft hat, um sie kostenlos, erweitert allerdings um eine werbewirksam im Titel plazierte PR-Aussage, unter das Volk zu bringen? Selbstredend legte das unter seinem neuen Besitzer Ruppert Murdoch moeglicherweise leidende Blatt ein mehrseitiges Infomercial zu Windows 95 bei. Also kommerzielle Werbung, die - fuer den Auftragnehmer lukrativ - ins serioese Umfeld redaktioneller Information plaziert wird.

Soll man den Kopf schuetteln darueber, dass in Frankreich mit dem Windows-95-Logo bemalte Citroens durch das Land fahren? Oder dass in Wien Zelebritaeten und andere Sternchen eine Inaugurations-Party fuer Windows 95 feiern - ausgerechnet im sakralen Herzstueck der oesterreichischen Hauptstadt, dem Stephans-Dom? Natuerlich verbraemt die illustre Gesellschaft das profane Geschehen mit edlem Engagement und sammelt fuer die Restaurierung der im Zweiten Weltkrieg fast voellig zerstoerten, urspruenglich spaetromanischen Metropolitan- und Bischofskirche.

Oder sollte man sich als Deutscher vor Neid die Fingerknoechel blutig beissen, weil man hierzulande Windows-technisch in einer weniger guenstigen Zeitzone liegt als die Neuseelaender? Nein, geschaetzte "Frankfurter Allgemeine Zeitung", nicht Amerika hatte es besser, sondern die Kiwis. Zumindest in der Nacht zum 24. August 1995. Denn Schlag null Uhr stuermten unsere Antipoden in Auckland die extra fuer das besondere Ereignis naechtens geoeffneten Computerlaeden. Als erste dieser Welt konnten sie ihre ganz eigene Windows-95-Version nach Hause tragen, waehrend etwa Deutschlands Anwender das Microsoft-Betriebssystem noch tagelang entbehren muessen.

In Australien - man wundert sich schon ueber nichts mehr - erregt in Sydneys Hafen nicht etwa ein stolzer Viermaster vom Kaliber einer Gorch Fock die oeffentliche Aufmerksamkeit. Nein, ein vierstoeckiges Windows-95-Pappmache schippert vor der Kueste und zieht die Aussis an ihre heimische Waterkant, um Zeuge des von Redmond inszenierten Spektakels zu werden.

In Polen hingegen geht Microsofts Cashcow regelrecht unter - und mit ihr all deren vermeintliche Liebediener und oeffentlichkeitswirksamen Claqueure: Zumindest laesst das US- Softwarehaus seine oertlichen Manager samt Pressevertretern mit einem U-Boot zu Wasser. Wer Lothar Guenther Buchheims "Boot" gesehen hat, mag sich fragen, was beklemmender ist: der Anlass oder der Ort des Feierstuendchens.

Die Welt beherrschen und Windows zu Wasser lassen

Diesem Blitzlichtgewitter von PR-Gags mag die hiesige Journaille nicht nachstehen und veroeffentlicht, was das Zeug, nicht immer aber, was die Realitaet so haelt. Manche vergaloppieren sich sowohl im Ton wie in der Branche: "Die Woche" rueckt Bill Gates - vorsorglich um einen Superlativ bemueht - schon mal in das diktatorische Caesarengefuege von Hitler, Stalin und Konsorten ein und titelt: "Bill Gates - ein Mann greift nach der Weltherrschaft." Ihre weitere Berichterstattung allerdings beweist Mass und Einsichten, die anderen Federn offensichtlich fehlen.

So lernen wir aus dem Berliner "Tagesspiegel" nicht nur, dass Gates zu Beginn seiner Karriere Computer zusammengestueckelt haben soll - natuerlich in einer Autogarage, wie die Autorin ebenso klischeegerecht wie wahrheitswidrig schreibt.

Der Berliner Gazette verdanken wir auch die Einsicht, dass es in der sonst so knallharten Computerbranche vor allem auf Topebene geradezu unmenschlich menschelt. Ueberschreibt doch die verantwortliche Redakteurin einen Artikel ueber den "Mythos der Allmaechtigkeit" (nichts anderes als Windows 95 ist gemeint) im Stil einer zweiseitigen Zeitungsannonce von Apple. In Blaettern wie der "Financial Times" las sich das am Tag eins von Windows 95 so: C:

ONGRTLNS.W95.

Gedacht war der Wortstummel ja eigentlich als aetzende "Verappelung" einer nur als Stueckwerk eingeschaetzten Eigenschaft von Windows 95, naemlich lange Dateinamen verwalten zu koennen.

Die Kollegin wusste hingegen zu berichten, mit diesem mediengerechten Handschlag habe Apple-Chef Michael Spindler Gates zum grossen Wurf gratuliert. Mit solchem Glueckwunsch erwiesen sich, so die Deutung, die "Giganten der Computerindustrie" ihre Reverenz. O-Ton: "Die Maechtigen wissen eben, wie man Macht auch inszeniert."

Sogar die manchmal etwas betuliche, deshalb natuerlich serioese "Sueddeutsche Zeitung" will sich im allgemeinen Presseauftrieb nicht kleinlich zeigen und raeumt Windows 95 mehrfach ihre prominentesten Plaetze auf Seite eins, ja sogar im "Streiflicht" ein. Welcher Teufel aber hat Josef Joffe geritten, den kenntnisreichen Kommentator fuer auslaendische Umtriebe, bei seinem leitartiklerischen Ausritt in "Die Welt als Windows"?

Wahrscheinlich war's wieder mal die Ironie eines unverstandenen Gebildeten - oder sollte es wirklich ein Zufall gewesen sein, dass er mit diesem Titel ausgerechnet auf Arthur Schopenhauers Lebenswerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" verwies? Nun ist der Autor des CW-Artikels alles andere als ein Kenner des deutschen Philosophen. Trotzdem bleibt die Frage, ob Joffe mit Blick auf Schopenhauer tatsaechlich glaubt, wir jetzigen und alle zukuenftigen Windows-95-Benutzer seien nur noch Objekte. Objekte, die sich das Subjekt Bill Gates via Windows 95 zu seiner Sicht der Welt zurechtbiegt. "Sklaven des Software-Pharaos" aus Redmond sind wir nach Meinung des SZ-Autors ohnehin bereits. Denn unsere Art, "zu sehen, zu denken, ja zu leben", habe sich durch die Gatessche "Ikonographie", vulgo die Fenster- und Bildchentechnik eines Betriebssystems, heftiger veraendert als durch den Buchdruck.

Apropos Teufel: Wie der's will, findet sich doch in dem Rolling- Stones-Hit "Start me up" auch die Zeile "You make a grown man cry". Diesen Song schwatzte Microsoft den Alt-Rockern fuer etliche Millionen Dollar Lizenzgebuehr als Windows-95-PR-Song ab. Und tatsaechlich: Es ist zum Heulen. Wenn nicht alles doch auch zum Lachen waere.