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05.09.1986

Nicht "Rädchen", sondern Teil des Ganzen

Es ist für uns alle längst kein Geheimnis mehr: Wir befinden uns in einer Phase großer Gesellschaftsveränderungen. Veränderungen, die durch neue Technologien bedingt sind. Die neuen Informations- und Kommunikationstechniken sowie deren Einsatz in beinahe sämtlichen Bereichen des wirtschaftlichen und auch privaten Lebens haben solch große Bedeutung, daß vielerorts von einem Übergang von der "Industriegesellschaft" zur "Informationsgesellschaft" gesprochen wird.

Das neue Zugpferd Künstliche Intelligenz beflügelt den Verein deutscher Ingenieure (VDI) Anno 1985 gar zu folgenden Zukunftsaussichten: "... Künstliche Intelligenz steht heute erst am Anfang einer stürmischen Entwicklung, an deren Ende eine völlig veränderte Gesellschaftsstruktur stehen wird. Berufsaussichten, die heute nicht im entferntesten daran denken, daß Computer ihre Arbeit erledigen könnten (Lehrer, Ärzte, Anwälte, Steuerberater), werden sich dann verwundert die Augen reiben - falls sie nicht auf diese Situation vorbereitet sind."

Noch weiter geht Roger Schank, KI-Forscher an der Yale University. Er ist überzeugt, daß ein Computer "eines Tages einen guten Präsidenten der USA abgeben wird". Aber noch befinden wir uns im Jahre 1986. Zeitlich haben wir das Jahr 1984 von George Orwell überlebt. Ob inhaltlich auch - das ist selbst in Fachkreisen noch umstritten.

Pro ...

Mittels der modernen Errungenschaften der Informationstechnik ist die Basis geschaffen für folgende Zielsetzungen:

þrationelle und gezielte Informationsbeschaffung,

þkomprimierte Datenhaltung,

þVermeidung redundanter Informationsspeicherung,

þschneller und gezielter Abruf gespeicherter Daten,

þSimulation,

þNutzung gespeicherter Daten zur Entscheidungsfindung.

Die eben genannten DV-technischen Komponenten sind nun in jedem fachlichen Kontext anwendbar.

Angefangen bei der Produktionssteuerung in der Automobilindustrie über die Karteisysteme im Einwohnermeldewesen, die vollautomatisierte Lagerhaltung im Großhandel, das POS-Banking und den Geldautomaten, Personalinformationssysteme in den Unternehmen, Rasterfahndungen der Polizei, sekundenschnelle Flugreservierungen per Terminal, das elektronisch gesteuerte Auswuchten neuer Autoreifen, die computerunterstützte medizinische Diagnostik, den optimierten Tourenplan des Transportunternehmens, die militärische Planung durch Kriegssimulation bis hin zur Voraussage der Großwetterlage durch meteorologische Meßstationen und Verfahren - all das sind nur bodennahe Beispiele aus der heutigen Einsatzbreite der Elektronik und Mikroelektronik. Zukunftsprognosen lauten: Schwere und körperlich anstrengende Arbeit wird abgeschafft werden, der Anteil der Freizeit den der Arbeitszeit übersteigen, die volkswirtschaftliche Produktion energiesparend und umweltschonend sein. Demokratie und Freiheit sollen durch Information für jedermann erst wirklich ermöglicht werden.

Für die meisten von uns ist evident: Die Aufgabenbewältigung in Wirtschaft, Staat und Verteidigung kann heute schneller und zuverlässiger vonstatten gehen als noch vor 40 Jahren, als Operations-Research gerade in den Babyschuhen steckte.

... und Kontra

Doch die Visionen der technokratischen Optimisten werden immer häufiger gestört durch die Einwände und kritischen Stimmen der Geschichtspessimisten. Sie kritisieren zum einen Auswirkungen der bereits heute erreichten technischen Realität wie auch befürchtete zukünftige Entwicklungen.

Die vorgebrachten Kritiken und Bedenken lauten auszugsweise dahingehend:

þInformationen auswerten kann nur, wer sie in der dargestellten Form versteht.

þSeine Interessen in den informationstechnischen Verfahren und Anwendungen verfolgen kann nur, wer bei ihrer Gestaltung mitwirkt.

þTransparenz ist nicht dadurch gegeben, daß eine erdrückende Flut von Informationen geschaffen wird.

þDie Vorzüge der informationstechnischen Gesellschaft sind nach wie vor abhängig vom Platz des Betroffenen innerhalb dieser Gesellschaft.

þDie Frage der Umweltbelastung und Energieversorgung wird nicht per se durch den Umstand der informationstechnischen Gesellschaft gelöst-

þDemokratische Grundwerte werden durch Informationstechnologien keinen Aufschwung erfahren. Im Gegenteil, sie werden in erster Linie von und für Institutionen (privater und öffentlicher Natur) eingesetzt und nicht von und für den "demos", das Volk.

Für das Individuum ergeben sich in seiner Rolle als Arbeitnehmer, aber auch als Konsument zum Teil unliebsam Perspektiven: Da sein Verhalten in beiden Sparten seiner Rollenwahrnehmung von fundiertem Interesse für die Wirtschaftsorgane ist, besteht für ihn die Gefahr, zum Informationsobjekt, zum n=1 der statistischen Masse, degradiert und im Anschluß daran auch als solches behandelt zu werden. Er reagiert als Mensch, nicht als Nummer mit einem bestimmten Leistungskoeffizienten, Krankheitskoeffizienten, Konsumkoeffizienten ...

Die Brücke über den Graben

Die Erkenntnis der Notwendigkeit des ganzheitlichen Denkens, die sich im ausgehenden 20. Jahrhundert nicht nur in den Wissenschaftsreihen, sondern auch - in modifizierter Form - in den Führungsebenen der Wirtschaft etabliert, hat eine neue Form der Kooperation zwischen beiden Bereichen hervorgebracht. Es wird nicht mehr nur in gemeinschaftlichen FuE-Projekten auf rein fachlicher Ebene zusammengearbeitet.

Vielmehr institutionalisiert sich die Einbeziehung gesellschaftspolitischer Betrachtungsweisen.

Das sind bereits die Denker von gestern, die der Parole huldigen: "Was technisch machbar ist, wird gemacht". Zunächst laufen sie Gefahr, die technische Verifizierbarkeit zu überschätzen: Die Challenger-Katastrophe ist passiert, nachdem der Mensch auf dem Mond war; der Tschernobyl-Unfall ist eingetreten, nachdem drei Jahre zuvor der sowjetische Reaktor von der deutschen Atomwirtschaft als sicher gelobt worden war.

Darüber hinaus fehlt den puren Technokraten in ihrem Anspruch die erwartete zeitgemäße Komponente, nämlich hinsichtlich der Ganzheitlichen Denkensweise differenziert denken zu können.

Die Komponente der mittelbaren Auswirkungen neuer Technologien ist sowohl einzelunternehmerisch als auch volkswirtschaftlich bedeutsam. Die Rationalisierungswelle, die seit geraumer Zeit aus dem Produktions- in den Dienstleistungssektor überschlägt, verändert nicht nur die Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz, sondern scheint zudem kritisches Wähler- und Arbeitnehmerpotential zu schaffen.

Auch die Regierung versucht, den Strukturwandel aus der einseitigen technischen Orientierung zu lösen, so beispielsweise mit dem umfangreichen Forschungsförderungsprogramm "Humanisierung des Arbeitslebens". "Wesentliches Ziel ... (ist) ... zu demonstrieren, daß Reorganisationsmaßnahmen zugleich menschengerecht und wirtschaftlich sein können." Bemängelt wird unter anderem, daß das Arbeitsschwerpunktthema "Menschengerechte Gestaltung von Software" bis heute zuwenig unter Gesichtspunkten der kognitiven Psychologie und Streßforschung untersucht wird.

Privatwirtschaftliche, wissenschaftliche und staatliche Versuche, der Dissonanzen

im Bereich der forschenden und angewandten Informationstechnik Herr zu werden, stehen aber nicht alleine. So gibt es berufsspezifische Zusammenschlüsse von Fachkollegen wie zum Beispiel die amerikanische Gruppe CPSR (Computer Professionals for Social Responsibility) und das bundesdeutsche FIFF (Forum Informatiker für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung). In diesen Gruppen versuchen Professoren, DV-Manager, Informatik-Studenten und Software- Engineers ihre eigene Haltung durch Diskussionen und Vorträge sowie durch interne als auch öffentliche Veranstaltungen zu festigen und zu verbreiten. Die zentrale Frage liegt, wie die Gruppentitel verraten, nicht in der Ansammlung fachspezifischen Know-hows, sondern in der Bewertung des eigenen Tuns.

Kein "nach mir die Sintflut" mehr

Zwar bilden erwartete gesellschaftspolitische Veränderungen und soziale Aspekte noch keinen Sachzwang im Prozeß der informationstechnischen Entwicklung, aber es ist nicht auszuschließen, daß sich die Kriterien der Sozialverträglichkeit in einen Beurteilungskatalog fest integrieren werden.

Auf den Spezialisten in der Computerwelt kommt also zu der bereits heute bestehenden Notwendigkeit kontinuierlicher fachlicher Weiterbildung die Anforderung, das Umfeld seiner Arbeitsergebnisse und nichtquantifizierbare Faktoren zu berücksichtigen. Die Frage der Verantwortbarkeit des eigenen - beruflichen - Handelns gewinnt zunehmend an Gewicht.

Die Beantwortung kann nicht universeller Natur sein, sondern muß individuell gefunden werden. Zu wünschen ist nur, daß sich jedes Individuum als Teil des Ganzen sieht und nicht als dessen Rädchen. Denn die Zukunft ist "machbar" - sie ist die Summe unserer heutigen Einzelbeiträge dazu ...