Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

10.03.1989

Nichts gegen "High-Tech" und "High-Culture" auf der bundesdeutschen Visiten-Karte

Technik und Kultur? Nur auf den ersten Blick ist das ein unversöhnlicher Gegensatz. In Wahrheit könnten moderne Technologien ohne den Humus Kultur nämlich gar nicht entstehen, weil beides einander bedingt. Ich bleibe bei dieser Auffassung obwohl mir Kritiker und Kulturpessimisten immer wieder beweisen wollen, daß mit den neuen Technologien der Untergang der abendländischen Tradition eingeläutet werde, Ich erinnere diese Leute immer gern an Leonardo da Vinci, den Schöpfer des Bildes "Das letzte Abendmahl", der auch ein genialer Konstrukteur von Fluggeräten war. Er hat für meine Begriffe seine künstlerischen Fähigkeiten harmonisch mit seiner technischen Begabung vereinbart, hat Technik und Kultur harmonisiert - in der Renaissance wohlgemerkt.

Kultur und Technik werden hierzulande leider immer noch als klassische Gegenpole aufgefaßt, was wahrscheinlich mit einer bestimmten geistesgeschichtlichen Tradition zusammenhängt, die sich bei uns in besonderer Ausprägung findet. Die Folge: Moderne Technik wird, weil man sie nicht begreift oder begreifen will, dämonisiert und - gerade von Leuten mit einem ausgeprägt progressiven Selbstbewußtsein - mit einer fast schon biedermeierlichen Vorstellung von Kultur und Kunst verwoben. Ich dagegen bin der Meinung, daß die neuen Technologien der Gesellschaft die große Chance eröffnen, an Kultur teilzuhaben, die eigene Kreativität zu entdecken, künstlerisch und technisch schöpferisch tätig zu werden, weil eben moderne Technik den Menschen Freiraum gibt und sie von monotoner Arbeit entlastet.

Hält man sich vor Augen, daß vom Ende des Ersten Weltkriegs bis heute die Lebensarbeitszeit bereits um 45 Prozent abgenommen hat, wird deutlich, daß wir von der Industriegesellschaft alter Art, in der allein Manpower die Hauptrolle spielte, Abschied nehmen müssen, Dieser Prozeß, die Verlagerung der Arbeit von Menschen auf Maschinen, wurde nahezu ausschließlich durch die Entwicklung neuer Technologien ausgelöst.

Sie ermöglichten die enorme Steigerung der Arbeitsproduktivität, ihr Einsatz hat zur Folge, daß die Maschinenlaufzeiten immer länger werden, Arbeitszeiten dagegen kürzer und auf jeden Fall flexibler. Mehr Freizeit und mehr individuelle Lebensgestaltung bedeutet aber auch, daß die Menschen, denen es materiell zum großen Teil sehr gut geht, ihre bisherigen Konsumgewohnheiten nicht einfach fortschreiten, sondern ihre neu entdeckten Bedürfnisse, die im Kreativen liegen, konkret artikulieren und einfordern vom Arbeitgeber und von der Politik.

Was die Politik angeht, so meine ich, daß ein Staat, der seine Aufgaben ernst nimmt und über den Tellerrand der Tagesaktualität hinausblickt, zwangsläufig zu der Einsicht gelangen muß, daß es einen Fortschritt des einzelnen, der Gesellschaft nur geben kann, wenn die Gesellschaft sich der kulturellen und technologischen Werte annimmt. Konkret: In einer arbeitsteiligen Gesellschaft, in einer hochentwickelten wie der unseren, die von technischen Innovationen geprägt ist, gilt es, den Wert der Kultur und der neuen Technologien den Menschen zu vermitteln. Neue Produkte von hoher Qualität, neue Produktionsverfahren, der schnellstmögliche Wissens- und Informationsfluß, neue Dienstleistungen - all das stärkt die internationale Wettbewerbsposition der Bundesrepublik und sichert Arbeitsplätze. Zugleich liegt in der technischen Innovation eine ökologische Chance, und der Erhalt und Schutz unserer Umwelt ist mit Sicherheit auch eine kulturbewahrende Aufgabe. Vereinfacht könnte man sagen, "durch neue Technologien zu mehr Kultur", und dieser Aussage müßte eigentlich jeder zustimmen können. Dazu kommt, daß technische Innovationen insofern auch mehr Kultur mit sich bringen, weil die Qualifizierungsanforderungen an den einzelnen steigen.

Unser Bildungssystem beispielsweise ist noch zu sehr auf bloße Wissensvermittlung und zu wenig auf die Förderung der Kreativität eingestellt. Um nicht mißverstanden zu werden: Natürlich brauchen wir auch künftig Fachkenntnisse, und natürlich müssen wir dieses spezifische Fachwissen vermitteln. Aber die Entwicklung in Technik, Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung geht immer schneller, und deshalb ist das Wissen von heute oft morgen schon veraltet. Mithalten kann deshalb nur der, der die Fähigkeit entwickelt hat, seine Kenntnisse ständig zu vermehren und sein Wissen ständig flexibel an neue Gegebenheiten anzupassen - derjenige also, der die Bereitschaft mitbringt, lebenslang zu lernen.

Die veränderte Berufswelt, das neue Freizeitverhalten, die höheren Bildungsanforderungen, das Spannungsverhältnis von Fortschritt und Identität all das ist für mich eine kulturelle Herausforderung ersten Ranges. Mit wirtschaftspolitischen Instrumenten allein werden wir sie nicht lösen. Denn der Abschied von der Industriegesellschaft alter Art ist ein kulturhistorischer Vorgang, und die Entfaltung kreativer Kräfte, die wir zur Bewältigung der vor uns liegenden Aufgaben dringend brauchen, setzt eine dynamische und infrastrukturell verstandene Kulturpolitik voraus, wie wir sie in Baden-Württemberg betreiben. Wir wollen erreichen, daß Kultur und Technik aus ihrer jeweiligen Isolation befreit, die Grenzen zwischen beiden Bereichen beseitigt und ein wechselseitiger Dialog in Gang gesetzt wird. Auch Experimente im Grenzbereich zwischen Wissenschaft, Technik und Kunst scheue ich nicht. Kunstpolitik muß ebenso wie alle andere Politik, wie Wissenschaft und Forschung, stets und ständig offen sein für neue Ideen und Strömungen, mögen sie auf den ersten Blick auch noch so verblüffen.

Mit einer aktiven Kulturpolitik läßt sich im übrigen handfeste Wirtschaftsförderung betreiben. Früher fragten potentielle Investoren bei der Suche nach geeigneten Unternehmensstandorten vor allem danach, wie weit es zur nächsten Autobahn sei, und ob sich ein Flughafen in der Nähe befindet. Heute hingegen fragen sie auch danach, welche Hochschulen und Forschungseinrichtungen in der Umgebung angesiedelt sind, und wie es um die Attraktivität des Freizeit- und Kulturangebotes bestellt ist. Ich gehe sicher nicht fehl, wenn ich auch daraus auf einen hohen Stellenwert der Kultur bei den Menschen schließe.

Ein weiterer Aspekt, der mir wichtig erscheint: Die Bundesrepublik ist ein exportorientiertes Land, unsere Produkte sind auf der ganzen Welt gefragt. Was uns wirtschaftlich im internationalen Raum gelungen ist, haben wir im Kulturellen bisher sträflich vernachlässigt. Wir müssen die Kultur als verbindendes Element internationaler Beziehungen viel stärker einsetzen als bis jetzt geschehen. Denn Kultur hat - ebenso wie politische oder wirtschaftliche Ereignisse - auch einen nach außen gerichteten Aspekt, weil alles was kulturell passiert, auf vielfältige Weise ins Ausland transportiert wird, auch als Quintessenz dessen, was Millionen Besucher in ihren Heimatländern erzählen. Zusammenfassend: Wenn auf der bundesdeutschen Visitenkarte, die im Inland gedruckt wird, "High-tech und High-culture" stehen würde, hätte ich nichts dagegen. Im Gegenteil.

* Ministerpräsident , Staatsministerium Baden-Württemberg, Stuttgart