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22.04.1988

Nichts ist praktischer als eine gute Theorie

Dr. Wolfgang Schreck, Direktor bei der Dalmier-Benz AG, Werk Bremen

Grau ist alle Theorie dieser Satz skizziert eine Einstellung, die noch vor wenigen Jahren das Verhältnis von Forschung und Praxis zu kennzeichnen schien. Daß die Bande zwischen Wissenschaft und Praxis, gerade in den letzten Jahren, immer enger geworden sind, beweisen jedoch Kooperationsprojekte, die von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik ins Leben gerufen wurden.

Technik, technischer Fortschritt, Technologie und Hochtechnologie - neudeutsch "High-Tech" - sind Schlagworte, die in der jüngsten Vergangenheit bei Diskussionen um die "Herausforderungen der Zukunft" oft benutzt wurden. Was verbirgt sich hinter dem Begriff einer "zukunftsorientierten Technologie"? Technologie wird in der Wissenschaftslehre als Umformung der durch Forschung gewonnenen theoretischen Erkenntnisse im Hinblick auf vorher festgelegte Ziele definiert. Das allgemeinste Ziel einer Wirtschaft besteht in der Befriedigung zivilisatorischer Bedürfnisse durch die zweckgerichtete Nutzung der natürlichen Ressourcen. Technologischer Fortschritt ist aus der Sicht der Wissenschaft somit die Umsetzung von Forschungsergebnissen zur verbesserten Befriedigung der durch die Nachfrage auf einem Markt artikulierten Bedürfnisse.

Die auf diese Zielrichtung hin entwickelten Verfahren - die Technologien - können jedoch nur dann als "zukunftsorientiert" bezeichnet werden, wenn mit ihnen Mittel zur Verfügung gestellt werden, die den zuvor beschriebenen Bedürfnissen gerecht werden. Dabei unterliegt deren Zusammensetzung einem stetigen Wandel.

Als Beispiel seien hier Neuentwicklungen genannt, die zwar das Postulat einer höheren Produktivität der Fertigung und einer an den Markt weiterzugebenden Kostensenkung erfüllen, gleichzeitig aber die gerade für die Automobilindustrie zum "Muß" erhobenen Forderungen nach Umweltverträglichkeit und sparsamen Energieverbrauch nicht zu entsprechen vermögen. Was nutzt demnach das modernste Produktionsverfahren, wenn das Produkt veraltet, das heißt nicht mehr marktfähig ist? Eine solche Neuentwicklung wäre dann wohl kaum noch als "zukunftsorientiert" zu bezeichnen!

An diesem Beispiel wird deutlich, daß die Suche nach zukunftsorientierten Technologien heute weder allein durch eine auf die Gewinnung theoretischer Forschungsergebnisse ausgerichtete Wissenschaft noch durch die einzig auf die Vermarktung von Produkten zielende Wirtschaft zu bewältigen sein wird. Das Tempo des technologischen Fortschritts macht es zwingend erforderlich, möglichst viele Gruppen und Disziplinen in den Prozeß technologischer Veränderungen einzubeziehen. Der Informationsfluß muß in beide Richtungen erfolgen: Vom Forscher zum Anwender und vom Anwender zum Forscher. Tatsache ist, daß vor allem die Bundesrepublik als Hochlohnland sich der technisch-wissenschaftlichen Herausforderung, die mit den sogenannten "neuen Technologien" heraufzieht, stellen muß, wenn es in einem sich stetig verschärfenden Wettbewerb qualitativ bestehen will.

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es Universitäten, Hochschulen und eine Reihe renommierter Forschungseinrichtungen, die über ein erhebliches Wissenspotential verfügen und für die in den letzten Jahren nennenswerte Investitionen getätigt wurden. Nun gilt es, damit einen für beide Seiten gleichermaßen wertvollen Nutzen zu erzielen.

Für unsere Unternehmen bieten sich eine Reihe von Ansatzpunkten, um ein fruchtbares Miteinander von Wissenschaft und Wirtschaft zu verstärken. Stellvertretend für die Vielzahl von Unternehmen, die sich in dieser Richtung stärker engagieren, seien hier nur einige Maßnahmen genannt, die die Daimler-Benz AG in den letzten Jahren ergriffen hat. Zu nennen sind zunächst Aktivitäten, die die Forschung an unseren Universitäten direkt unterstützen. Diese reichen von der Leistung von Sachspenden zur Ausstattung von Instituten über Kooperationsprojekte bei Forschungsvorhaben und die Vergabe von Forschungsaufträgen bis zur Förderung von Stiftungsprofessuren.

Hervorzuheben ist sicherlich auch das geplante Forschungszentrum Ulm. Diesem Vorhaben liegt die Erkenntnis zugrunde, daß gerade die Verarbeitung von Wissen ein Verbindungselement industrieller und universitärer Forschung ist. Zwar sollen Industrie und Universität dort auch weiterhin unabhängig voneinander forschen, ihre Zusammenarbeit jedoch durch gemeinsame Institute im vorwettbewerblichen Raum intensivieren. Nicht weniger wichtig für ein fruchtbares Zusammenwirken von Wissenschaft und Wirtschaft ist die Unterstützung der Lehre durch Vermittlung von Exkursionen, Praktika, Diplomarbeiten und Dissertationen sowie die Wahrnehmung von Lehraufträgen. Inzwischen sind über 70 Mitarbeiter der Daimler-Benz AG, die aus unterschiedlichen Hierarchiestufen stammen, als Honorarprofessoren oder Lehrbeauftragte an Universitäten und Hochschulen tätig.

Die Palette der von ihnen behandelten Themen reicht von Fragen des Fahrzeugbaus über Betriebswirtschaft und Informatik bis zu Industriedesign und Arbeitsschutz. Dies zeigt das gegenwärtige Interesse, das auf allen Gebieten der Wissenschaft und Praxis unterstellt werden darf und sich keineswegs auf den Bereich der Hochtechnologie beschränken muß. Natürlich weist die Forschungslandschaft noch Lücken auf, und die Wirtschaft wird ihre Wünsche weiterhin klar nennen müssen. Insgesamt läßt sich jedoch auch in der Forschungslandschaft eine Trendwende feststellen, die mit der Entwicklung eines positiven Wechselspiels zwischen Wirtschaft und Wissenschaft einhergeht. Dies gilt es auszubauen, denn bekanntlich "ist nichts praktischer als eine gute Theorie"!