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28.10.1988 - 

Der Informatik-Nachwuchs bestimmt die Wettbewerbsfähigkeit am Weltmarkt:

Nichts ist praktischer als eine gute Theorie

Theoretisches Wissen und praktische Erfahrung sind Anforderungen der Unternehmen an Informatiker. Aufgabe der Hochschulen ist es, solide wissenschaftliche Grundlagen als Rüstzeug für die Praxis zu vermitteln. Und: Die Ausbildung muß auf höchstem internationalen Standard stehen.

Die Zentralstelle für die Verteilung von Studienplätzen hatte wieder Hochbetrieb. Erneut war die Zahl der Studienplatzbewerber für das Hauptfachstudium der Informatik gegenüber dem Vorjahr deutlich (mehr als 20 Prozent) angestiegen. Über 7700 Studienbewerber, ein absoluter Rekord für die Informatik, mußten für das Wintersemester 88/89 auf 3400 Studienplätze an informatikanbietende Universitäten und Gesamthochschulen verteilt werden. Auch die Fachhochschulen melden eine weitere kräftig steigende Nachfrage nach Informatik-Studienplätzen, die das vorhandene Angebot bei weitem übersteigt.

Motivation bleibt auf lange Sicht bestehen

Was motiviert eine so große Zahl von jungen Menschen für einen Studiengang, den es vor zwanzig Jahren in der Bundesrepublik praktisch noch nicht gab? Befragt man Studenten der Informatik sind es hauptsächlich zwei Beweggründe für ihren Studienentscheid. Einmal sieht der angehende Informatiker natürlich die ausgezeichneten Chancen auf dem Arbeitsmarkt, die sich in einem deutlichen Überangebot an freien Stellen manifestieren. Die jüngste Entwicklung zeigt, daß sich die Sonderrolle der Informatik am Arbeitsmarkt weiter verstärkt. Während in den bisher ebenfalls vergleichsweise günstig positionierten Ingenieurberufen das Stellenangebot deutlich zurückgeht, bleibt es in der Informatik stabil, in einigen Sektoren zeigt sich sogar eine steigende Tendenz.

Das zweite Motiv für die Wahl des Informatikstudiums ist die - den jungen Menschen sehr bewußte - Tatsache, daß sich die Informatik erst am Anfang einer stürmischen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung befindet. Sie bietet damit in großem Umfang intellektuelle Anreize und Bewährungsmöglichkeiten beim Vorstoß in neue unbewältigte Aufgaben und Gebiete. Chancen, die gerade hochbegabte junge Menschen wieder in verstärktem Maße herausfordern.

Die Berufspraxis sieht den Zulauf zum Informatikstudium und das sich in den Erwartungen der Studenten ausdrückende Selbstbewußtsein der Informatik mit wechselnden Gefühlen. Unbestritten in der Breite der Unternehmenslandschaft ist der enorme Stellenwert, der dem Einsatz moderner Informations- und Kommunikations-techniken für die Modernisierung und die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens zukommt. Unkenntnis über die Bedeutung der Informatik, gepaart mit einer unterschwelligen Geringschätzung der "kostspieligen und schwer bewertbaren" Dienstleistung DV ist heute in den Führungsetagen kaum noch auszumachen. Im Gegenteil, das Pendel ist kräftig nach der anderen Seite ausgeschlagen von ursprünglicher Mißachtung in eine deutliche Hochachtung und vielleicht sogar Überschätzung der Informatik und der von ihr getragenen DV-, Informations- und Kommunikationstechniken.

Mangel an Informatikern ist volkswirtschaftliche Gefahr

Dieser Stimmungsumschwung und die neue Wertigkeit der Informatik führen auch zu neuen Vorbehalten und Kritikpunkten. War bis vor kurzer Zeit die Frage, ob das "Modefach" Informatik sich nicht maßlos überschätze, und wir bald zur Lehrer- und Ärzteschwemme auch einen schwer abzubauenden Informatikerüberhang haben werden, so laufen die Befürchtungen heute in die entgegengesetzte Richtung. Ein Mangel an Informatikern wird volkswirtschaftlich als Gefahr gesehen. Über viele Branchen hinweg gilt der Mangel an einschlägigen Fachkräften als wesentliche Wachstumsbremse und in einigen High-Tech-Bereichen schon fast als existenzgefährdend. So hört man zunehmend Meldungen, daß ausländische Softwerker in größerer Zahl in die Bundesrepublik verpflichtet werden, oder daß einheimische Firmen Softwareproduktionen in den USA oder Fernost aufbauen.

Kritiker: Es gibt zu viele Kerninformatiker

Mit dem wachsenden Interesse der Wirtschaft geht naturgemäß eine intensivere, durchaus kritische Auseinandersetzung mit dem Informatikstudium und dem jetzigen Qualifikationsstand der Informatikabsolventen einher.

Wesentliche Kritikpunkte sind dabei: Das Informatikstudium sei zu theorielastig, es werden zuwenig Programmiersprachen gelehrt, wie sie heute im Einsatz sind (zum Beispiel Cobol, Fortran oder Basic), Kenntnisse verbreiteter Betriebssysteme bekannter Hersteller sind eher unterentwickelt, auch fehlt es an Erfahrungen in Teamarbeit und Projektmanagement. Und ganz und gar bringt der Absolvent nicht die erforderlichen Spezialkenntnisse des speziellen Anwendungsgebietes mit, in dem der jeweilige Informatikkritiker seine großen Personalnöte hat. Es werden nach diesen Ansichten also zu viele "Kerninformatiker", das heißt Grundlagen-Informatiker und Entwickler von Informatikwerkzeugen, neudeutsch Tools, herangezogen und dem gegenüber die Felder der anwendungsbezogenen Informatik zu wenig gepflegt. Auch wird ein großer Mangel an praktischer Erfahrung mit moderner Arbeitsplatzrechner- und Telekommunikationstechnik konstatiert.

Zu diesem Bündel von Vorhaltungen muß man aus Sicht der Universität, die Informatikausbildung anbietet, in sehr differenzierter Weise Stellung nehmen.

Zuerst zum Thema Theorielastigkeit und Praxisbezug. Ältere DV-Fachkräfte erinnern sich noch gut daran, daß man sehr lange in Führungs-, aber auch in Fachkreisen die Softwareerstellung, damals reduziert auf den Vorgang des Programmierens, als ein Handwerk oder als Kunst, manchmal sogar in der Nähe der Magie, angesehen hat. Ein Programm wurde zu dieser Zeit in der Tat mehr mit Gefühl und Intuition erstellt als auf der Basis gesicherter wissenschaftlich-methodischer Vorgehensweisen.

So wie sich heute niemand in ein Großraumflugzeug setzen würde, das mit dem fachlichen Kenntnisstand eines frühen Flugzeugpioniers des angehenden 20. Jahrhunderts gebaut wäre, so wird zukünftig kaum jemand auf hochkomplexe Informatiksysteme vertrauen, die mit dem DV-Niveau der frühen Rechnerprogrammierer erstellt wurden.

Die Informatik steht auf fester theoretischer Basis

Der Unterschied ist der gleiche wie beim modernen Flugzeugbau. Nur mit wissenschaftlich gesicherten Methoden und Techniken, durchaus auch auf mathematisch-formaler Basis, lassen sich komplexe technische Systeme planen, entwerfen und betreiben. Das gilt für die Informatik genauso wie für alle anderen Ingenieurdisziplinen.

Und gerade dieses logisch-mathematisch fundierte Methodenwissen muß ein Informatikstudium für den mit wissenschaftlichen Ansprüchen auszubildenden Informatikstudenten bereitstellen. Während sich die zugrundeliegenden Hardwaretechnologien - wie jeder weiß - mit atemberaubender Geschwindigkeit ändern, hat sich das theoriegestützte Methodengerüst der System- und Softwareplanung und -erstellung von Informatiksystemen in wesentlichen Bereichen stabilisiert und ist als Grundlage fortgeschrittener Informatiklösungen unverzichtbar geworden. Der alte Spruch "Nichts ist praktischer als eine gute Theorie" gilt in besonders hohem Maße für die praxisbezogene Informatik und ihre Systeme.

Ein weiterer Vorwurf der Praxisferne des Informatikstudiums gilt dem angeblich mangelnden Faktenwissen, im Sinne: Der Absolvent will betriebswirtschaftliche Anwendungen programmieren und kann nicht einmal Cobol oder er kennt nicht das Betriebssystem X sondern nur Unix.

Grundsätzlich muß man dem entgegenhalten, daß eine Universität keine "paßgenauen" Akademiker, das heißt Fachkräfte, die genau in eine aktuelle Firmenumgebung maßgeschneidert hineinpassen, liefern kann. Das wäre auch sehr kurzsichtig, denn bei dem schnellen Wandel heutiger Hardware- und Softwaresysteme und der Erschließung immer neuer Anwendungen wäre ein so hochspezialisierter Absolvent schon nach wenigen Jahren eben nicht mehr auf dem neuesten Stand, im wahrsten Sinne des Wortes also unpassend.

Einem Informatiker der wertbeständig, beispielsweise an fortgeschrittenen, wissenschaftlich fundierten Programmiersprachen und Betriebssystemstrukturen ausgebildet ist, muß in der Lage sein, sich in kurzer Zeit auch andere Sprachen oder Betriebssysteme anzueignen.

Unverzichtbar: Training on the job

Auch bei dem Vorwurf fehlender Kenntnisse fachspezifischer Anwendungen der Informatik gilt das Argument des exemplarischen Lernens auf systematischer Basis und des nachfolgenden "training on the job". Alle Informatikstudienpläne sehen die vertiefte Auseinandersetzung mit einem Anwendungsgebiet der Informatik, zum Beispiel aus den Wirtschafts- oder Ingenieurwissenschaften vor. Dieses Ergänzungsfach kann aber nicht so verstanden werden, daß der Informatiker mit Ergänzungsfach Maschinenbau ausschließlich für Tätigkeitsfelder im Maschinenbau beruflich einsetzbar sein wird.

Er hat vielmehr an einem Anwendungsfall exemplarisch die Methodik, die Sprache und das Faktengerüst dieser Fachdisziplin kennengelernt und dabei auch erfahren, wie sich die Anforderungen an die Leistungen der Informatik von außen, aus der Perspektive eines informatikanwendenden Faches, darstellen.

Dieses exemplarische Anwendungsstudium sollte den Informatiker zusammen mit seinen im Studium herangebildeten Fähigkeiten der abstrahierenden Analyse und des funktionalen Denkens befähigen, sich in gründlicher Einarbeitung auch in andere Anwendungen der Informatik so einzuarbeiten, daß er im Team mit den Fachleuten dieser Gebiete fortgeschrittene informatikbasierte Anwendungen realisieren kann.

Informatik zentraler Faktor der Wettbewerbsfähigkeit

Fassen wir zusammen: Informatik und die auf der Informatik basierenden modernen Informations- und Kommunikationstechniken werden immer stärker zu zentralen Faktoren für die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmungen. Hardware-/Software- integrierende Informatikkomponenten bringen beispielsweise den wettbewerbsentscheidenden Mehrwert für viele technische Produkte; die Produktionsintegration ist ohne das steuernde und koordinierende Nervensystem der Informatik- und Kommunikationsinfrastruktur unvorstellbar. Büro, Handel und Dienstleistung ziehen ihre entscheidende Wettbewerbs-differenzierende Unterstützung aus der Nutzung umfassender Informatiksysteme.

Für die Beherrschung dieser Strukturen werden hochqualifizierte Informatik-Fachleute gebraucht. Sie müssen eine große intellektuelle Flexibilität und Mobilität auf der Basis solider wissenschaftlicher Grundlagen besitzen, die nur eine anspruchsvolle und theoretisch fundierte Ausbildung liefern kann. Der Wettbewerb der hochentwickelten Industrienationen und der technologischen Schwellenländer ist in erster Linie ein Wettbewerb der besten Köpfe und Ideen. Das zeigen auch die außerordentlich anspruchsvollen Informatikausbildungsprogramme, die in den USA und Japan, aber zum Beispiel auch in Singapur initiiert worden sind.

Die Aufgabe der Universitäten ist es, dem Informatik-Nachwuchs eine Ausbildung auf höchstem internationalen Standard zu geben und ihn zugleich auf den Einstieg in die berufliche Praxis vorzubereiten. Im Falle eines Auswahlkonfliktes muß aber immer die Vermittlung eines breiten wissenschaftlich-gesicherten Grundwissens vor der Vermittlung stark markt-, hersteller- und technologieabhängiger Einzelkenntnisse stehen.

Die Unternehmen müssen bereit sein, das von den Universitäten kommende Informatik-"Human-Kapital" zu nutzen, aber auch den jungen Informatiknachwuchskräften die Möglichkeit geben, sich in das geforderte konkrete Arbeitsfeld im Unternehmen einzuarbeiten. Berufserfahrung kann man eben nur im Beruf und nicht als Student auf der Universität erwerben. Was die Universität noch verbessern kann, ist, den Zugang der Studenten an moderne (Arbeitsplatz-)

Rechner und Kommunikationssysteme wesentlich zu erleichtern.

Unternehmen müssen "Human-Kapital" nutzen

Das Programm des Wissenschaftsrates der Bundesrepublik Deutschland, dessen Empfehlung es ist, auf je sieben Studenten der Informatik einen frei zugänglichen Arbeitsplatzrechner zu installieren, zeigt, daß diese Forderung von der Wissenschaftspolitik aufgegriffen wurde und in den nächsten Jahren zur Realisierung ansteht.

Abschließend noch eine Bemerkung zur Weiterbildung bereits im Berufsleben stehender DV-Fachkräfte. Selbstverständlich gilt die Aussage, daß fortgeschrittene Informatiksysteme effizient, zuverlässig und sicher nur noch auf der Basis wissenschaftlicher Informatikmethoden gestaltet werden können, nicht für das Qualifikationsprofil von Nachwuchsinformatikern, sondern im gleichen Maße für berufserfahrene Kräfte. An dieser Stelle entsteht ein kaum abzuschätzender Bedarf an Weiter- und Zusatzqualifikationen, an dessen Befriedigung sich auch die Hochschulen beteiligen müssen und werden.