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11.03.1994

"Nichts ist praktischer als eine gute Theorie" Die Kerninformatik nicht mit Anwendungsfaechern verwaessern

Die Angelernten blockieren die echten Informatiker auf der Karriereleiter. Besonders in den Anwendungsunternehmen gilt es nach Auffassung von Werner Dostal*, den vermeintlichen Know-how- Vorsprung der in Schluesselpositionen sitzenden angelernten DV- Praktiker zu relativieren und auch fuer die echten Informatiker von der Hochschule den Weg an die Spitze frei zu machen.

Auch nach 50 Jahren Computer sind die Computerberufe noch nicht eindeutig professionalisiert. Es gibt nicht einmal eine allgemein akzeptierte Bezeichnung fuer die Berufsgruppe der Computerspezialisten: Sind es nun Datenverarbeiter, Computerfachleute oder Informatiker? Und: Sollte es ueberhaupt Computerberufe geben?

Neue Technologien fuehren zwar zu neuen Aufgaben, nicht immer jedoch zu neuen Berufen. Die computerisierte Informationsverarbeitung ist aber eine so grundlegende und wichtige Innovation, erfordert auch so viele neue und anspruchsvolle Qualifikationen, dass es durchaus sinnvoll ist, hier ein neues Berufsfeld zu definieren. Es muss mit Inhalt gefuellt werden, sich von anderen Berufsfeldern unterscheiden und einen eigenen Charakter bis hin zur spezifischen Berufsethik entwickeln.

Derartige Entwicklungen laufen meist naturwuechsig ab, entsprechend den Interessen der Akteure innerhalb und ausserhalb des Taetigkeitsfeldes. Insbesondere Ausbildungsinstitutionen sind an einer solchen Professionalisierung interessiert, da sie das Produkt "Qualifizierte Fachkraft" erzeugen, das um so eher einen Markt findet, je deutlicher das Berufsfeld abgegrenzt ist und je angesehener die Berufsangehoerigen sind.

40 Jahre Erfahrung mit Computerausbildungen muessten eigentlich gereicht haben, eine adaequate Professionalisierung zu erzielen. Doch die heutige Situation ist erschreckend. Grundlegende Divergenzen sind derzeit erkennbar.

- Es existieren Vorstellungen, nach denen es gar keine speziellen Computerberufe geben muesste: Der Computer sei fuer die Anwendung konzipiert, und es beduerfe der Anwendungsfachleute traditioneller Berufe, die das bisschen Computerwissen nebenher erwerben. Die Computer wuerden immer bedienungsfreundlicher, so dass sie zukuenftig ohne spezifische Kenntnisse eingesetzt werden koennten. Lediglich einige wenige Spezialisten seien zunaechst fuer komplexere Entwicklungsaufgaben noetig gewesen, diese Aufgaben seien aber inzwischen weitgehend geloest und wuerden ohnehin in anderen Laendern wie USA und Japan erledigt.

- Andere Diskutanten wollen Computerfachleute nicht von Informationsspezialisten aller Art abgrenzen. Zur Beherrschung der immer komplexer werdenden Informationsstrukturen brauche man Fachleute, die nicht unbedingt am Computer oder fuer eine computerisierte Infrastruktur taetig werden muessten; sie waeren vielmehr ueberall dort sinnvoll einzusetzen, wo Informationen verarbeitet werden.

- Beide Argumente werden auch gemischt genutzt: Einerseits wird ein auf Personalengpaessen beruhender Anwendungsstau bedauert (meist von Softwarehaeusern, die Hilfsprogramme zur Softwareherstellung anbieten), andererseits wird aber vor der Informatikausbildung gewarnt, da die Kerninformatiker zu theoretisch orientiert seien. Nur der Beruf des Anwendungsinformatikers sei zukunftssicher, eine Spezialisierung schaedlich, extrafunktionale Qualifikationen wie Kontaktfaehigkeit und Durchsetzungsvermoegen koennten Fachqualifikationen substituieren.

Diese Aussagen verwirren die Oeffentlichkeit und die Interessenten. Sie hoeren von zurueckgehenden Einstellungschancen, von wachsender Arbeitslosigkeit und von neuen Systemen kuenstlicher Intelligenz, die ohnehin den Menschen im Computerumfeld obsolet machen wuerden.

Weiterhin also bleibt die Frage unbeantwortet: Gibt es zukuenftig spezialisierte Computerberufe mit langfristigen Berufschancen oder nicht?

Diese Widerspruechlichkeit resultiert zunaechst vor allem aus der Vermischung von Computerkernberufen im Systembereich und den Computerrandberufen in Anwendungsnaehe. Hier handelt es sich um voellig verschiedene Berufsfelder.

Der traditionelle Qualifizierungsweg vom Computerrandberuf in einen Computerkernberuf mit einer Vielzahl von Kursen und langjaehriger Anwendungserfahrung hat die Grenzen zwischen beiden Berufsfeldern verwischt. Es war zunaechst vorgesehen, dass die Computerspezialisten fuer die Kernberufe eine einschlaegige Grundausbildung erhalten, waehrend die Computeranwender der Randberufe in ihren jeweiligen Taetigkeiten verbleiben und zusaetzlich ad hoc am Computer angelernt werden sollten.

Da aber die einschlaegigen Grundausbildungen traditionell von staatlichen Einrichtungen angeboten oder zumindest kontrolliert, Zusatzqualifikationen jedoch von privaten Bildungstraegern vermittelt wurden, ergab sich schnell ein zahlenmaessiges Uebergewicht der Angelernten: Grundausbildung wurde auf kleiner Flamme geboten, mit hoher Qualitaet, aber geringer Kapazitaet. Angelernt wurden dagegen Hunderttausende, beguenstigt durch eine kaum ueberschaubare Menge von Bildungstraegern, die hier ein gutes Geschaeft witterten und nicht enttaeuscht wurden.

Fuer Computerberufe ausbilden oder anlernen

Unter ihnen waren auch die renommierten Computerhersteller zu finden, die zunaechst ihre Mitarbeiter und ihre Kunden schulten und schnell erkannten, dass auch offene Bildungsangebote Gewinne bringen koennen. Vor allem aber haben Fortbildungsfoerderung und Umschulungen gemaess dem Arbeitsfoerderungsgesetz, das zeitgleich entstand, speziell die Computerqualifikationen beguenstigt und den Markt erst so richtig angeheizt.

Der hohe Bedarf an qualifizierten Computerspezialisten konnte durch die Grundausbildung (DV-Kaufmann, Mathematisch-technischer Assistent, Informatik an Berufsfachschulen, Berufsakademien und Hochschulen) bei weitem nicht gedeckt werden, so dass die Angelernten auch in den Kernberufen eine Chance erhielten: Sie blieben nicht bei der Computeranwendung in ihrem angestammten Berufsfeld stehen, sondern diffundierten auch auf die Arbeitsplaetze fuer Computerspezialisten, wo sie die Probleme im Rahmen ihrer Moeglichkeiten zu loesen versuchten.

Besonders breitgemacht hat sich die Gruppe der Umschueler: Juengere Leute, die fuer chancenlose Berufsfelder ausgebildet worden waren, zum Teil Hochschulabsolventen ohne weitere Berufspraxis, wurden nach einer Arbeitslosigkeitsphase zu Computerfachleuten umgeschult. Dies geschah aber nicht durch die Vermittlung von theoretischen Grundlagen wie im Informatikstudium, sondern erfolgte anhand modularer Computeranwendungskurse auf Fachschulniveau und umfasste lediglich das Einueben von Programmiersprachen und das Ausprobieren von Betriebssystemen und Standardpaketen. Auch hier handelt es sich also um Angelernte.

Heute sind die Arbeitsplaetze der Computerkernberufe zu ueber 75 Prozent von derartigen Angelernten besetzt, die kaum ueber die erforderliche Professionalitaet verfuegen (vgl. Abbildung 1). Sie praegen das Arbeitsfeld rund um den Computer, bestimmen die Aufgabenverteilung und bewerten die Ergebnisse.

Natuerlich sind sich die Kluegeren unter ihnen bewusst, dass sie durchaus Qualifikationsdefizite haben und dass sie langfristig bei zunehmender Komplexitaet der Aufgaben den Konkurrenten mit solider Informatikgrundausbildung unterlegen sein werden. Als Mehrheit bewerten die Angelernten aber heute die Brauchbarkeit der Minderheit der echten Informatiker und blocken damit deren Weg in die Entscheidungspositionen ab.

Normalerweise ist dies ein Uebergangsphaenomen: Die Angelernten werden nach und nach durch Ausgebildete ersetzt, so dass nach Konsolidierung eines Berufsfeldes die Mehrheit der Berufsangehoerigen "Profis" sind, das heisst Personen, die schon bei ihrer Berufswahl dieses Taetigkeitsfeld angesteuert haben, danach eine einschlaegige Grundausbildung absolvierten und anschliessend Berufserfahrungen erworben haben, und dies auf professionellem Niveau.

So war das auch fuer die Computerkernberufe beabsichtigt. Doch wegen des stuermischen Wachstums des Betaetigungsfeldes und der gebremsten Entwicklung der Grundausbildung (hohe Abbrecher- und Durchfallquoten) war der Kompromiss mit den Angelernten lange Zeit die einzige Moeglichkeit, Computer in der erforderlichen Menge fuer die anstehenden Aufgaben einzusetzen. Auch die meisten DV-Chefs sind so zu ihrem Beruf gekommen, und auf dem Arbeitsmarkt sind bis heute vor allem Angelernte zu erhalten. Arbeitsteiligkeit und Aufgabenzuschnitt bis hin zur Nutzung von Tools sind auf diese Personengruppe abgestimmt. Was wundert es, wenn die echten Informatiker von der Hochschule, die vor allem theoretische Basisqualifikationen einbringen, in dieser Szene grosse Schwierigkeiten haben, sich einzufuegen und durchzusetzen. Sie werden als zu theoretisch, zu anspruchsvoll, kurzum als ungeeignet abklassifiziert.

Echte Informatiker sind deshalb immer weniger bei den Computeranwendern zu finden, sondern gehen vor allem zu Computerherstellern oder Softwarefirmen.

Diese haben mittlerweile eingesehen, dass bei steigender Komplexitaet der Aufgaben die Angelernten das Handtuch werfen und nur noch Profis mit soliden Grundlagen faehig sind, zukunftssichere Konzepte zu entwerfen und anspruchsvolle Loesungen zu realisieren. Wegen der Knappheit solcher Fachleute - frisch ausgebildete Informatiker benoetigen einige Jahre, um diese Kompetenz zu erreichen - werden sie nur dort eingesetzt, wo sie dringend gebraucht werden, waehrend Management-Positionen eher von den Angelernten besetzt werden, die in ihren Fachgebieten nicht so unentbehrlich sind. Der Trend zum Outsourcing ist sicherlich auch in diesem Kontext zu verstehen. Nur groessere Dienstleister sind offenbar in der Lage, den Informatikern ein Umfeld zu bieten, in dem sie professionell arbeiten koennen. Durch Auslagerung koennen die Anwender die Hypothek der Angelernten leicht ueber Bord werfen: Entweder werden diese in ihre vormaligen Fachgebiete zurueckgeholt, oder sie verlassen das Unternehmen.

Die Computerberufe befinden sich in einem schwierigen Strukturwandel. Die Angelernten stoeren in diesem Prozess und versuchen mit allen ihnen zur Verfuegung stehenden Mitteln, den Wechsel zu verzoegern. Da kommen dann die Argumente der mangelnden Praxisbezogenheit der Informatiker, ihr angebliches Elitegebaren, ihre Unverstaendlichkeit und fehlende Integrationsfaehigkeit.

Diese Argumente sind nicht von der Hand zu weisen. Bereits die Selektion in der Berufswahl und verstaerkt die Anforderungen im Studium der Informatik erfordern spezifische Qualifikationen, die eher introvertierte und aufgabenzentrierte Menschen ansprechen. Die Forderung nach kommunikativer und ausgleichender Haltung sollten bei dieser Selektion fairerweise nicht gestellt werden. Schliesslich konnten die Informatiker diese extrafunktionalen Qualifikationen nicht ueben, denn fuer die Aufgaben am Rande ihrer Profession hatten sie bisher keine Zeit. Weil es zu wenige von ihnen gab, waren sie mit ihren unmittelbaren Aufgaben staendig mehr als ausgelastet.

Management- und Integrationsfunktionen haben die Angelernten uebernommen, die ohnehin nicht in dem Masse auf die Informatik zentriert waren und die durch ihren meist krummen Berufsweg extrafunktionale Qualifikationen wie Lernfaehigkeit, Durchsetzungsvermoegen und Ueberwindung von Frustrationen besser ueben konnten. Oft bringen sie aus ihrem Erststudium paedagogische und psychologische Kenntnisse und Erfahrungen mit. Vielleicht sind sie auch - gepraegt durch eine laengere Arbeitslosigkeitsphase - nicht so anspruchsvoll und besser in Unternehmensstrukturen einzubinden als ein Informatiker, der im Vollbewusstsein seiner Fachkompetenz und seines Marktwertes ist. Es waere aber sehr gefaehrlich, wenn durch dieses Phaenomen die Bereitschaft, Informatik-Kernqualifikationen zu erwerben, zurueckginge. Eher sollte die informatische Grundausbildung massiv ausgeweitet werden, damit Informatiker auch am Rand ihres Berufsfeldes taetig werden koennen, wo haeufig entscheidende Strategien entwickelt und langfristig Weichen gestellt werden. Die Verwaesserung der Kerninformatik durch das Aufnehmen von Anwendungsfaechern bis hin zur Bindestrich-Informatik ist der falsche Weg. Der Spruch des Karlsruher Informatikprofessors Gerhard Krueger: "Nichts ist praktischer als eine gute Theorie" sollte ernstgenommen werden und die Vertreter der Informatik das Selbstbewusstsein entwickeln, das andere Fachrichtungen bis hin zur Betriebswirtschaft haben, wo Grundlagen und hohe Professionalitaet als unverzichtbar fuer eine hervorragende Arbeitsqualitaet angenommen werden. Gerade im Zuge immer komplexer werdender Informatikstrukturen ist hier eine Umorientierung dringend erforderlich.

Die DV-Ausbildung staendig weiterentwickeln

Wie sieht nun die Binnenstruktur der Computerberufe aus? Eine Ordnung nach Ausbildungszertifikaten, wie dies bei anderen Berufen ueblich ist, scheidet bei den Computerfachleuten aus, da die meisten nicht ueber eine derartige einschlaegige Berufsausbildung verfuegen. Aus diesem Grunde muss hier der schwierige Weg begangen werden, ueber Taetigkeitsbezeichnungen eine Struktur zu entwickeln. Die etwa 160 unterschiedlichen Berufs- beziehungsweise Taetigkeitsbezeichnungen, die in der Volkszaehlung 1987 fuer Computerkernberufe genannt wurden, verwirren und zeigen eine unuebersichtliche Vielfalt. Zwar sind 70 Prozent der Computerspezialisten in zwoelf Berufen taetig (vgl. Abbildung 2), doch ist dies nicht differenziert genug. Oft kennzeichnen die Befragten selbst ihre Taetigkeit mit Sterotypen wie "Programmierer", die eher historisch zu verstehen sind.

Aussagekraeftiger ist die Uebersicht European Informatics Skill Structure (EISS), die eine Arbeitsgruppe des Council of European Professional Informatic Societies (Cepis) erstellt hat. Sie gibt die Taetigkeitsfelder an, jeweils weiter untergliedert in Taetigkeiten, fuer die dann ein Spektrum fachlicher Kompetenzen vermerkt ist.

Deutlich wird, dass es heute ein breites Spektrum von Computerberufen gibt, das sich sicherlich auch weiter veraendern wird. Allerdings ist es erforderlich, Ausbildung, Arbeitsteilung und Kompetenz in diesem Berufsfeld weiterzuentwickeln.

Dies sollte aber auf europaeischer Ebene erfolgen. Aus einem nationalen Arbeitsmarkt fuer Computerfachleute wird schnell ein internationaler werden, in dem Fachleute unterschiedlichster Qualifikation miteinander konkurrieren.

*Dr. Werner Dostal ist Wissenschaftlicher Direktor am Institut fuer Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Nuernberg.