Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

19.08.1988 - 

Trotz Bilanzkosmetik per Mietrechner-Verkauf an externe Leasinggesellschaften:

Nixdorfs Wachstumskurve wird immer flacher

MÜNCHEN (ujf) - Der Umsatz wächst nur mehr langsam, die Ertragslage ist unbefriedigend und der Korruptionsfall vom Frühjahr noch frisch im Gedächtnis, da schießt sich die deutsche Wirtschaftspresse auf den Nixdorf-Vorstand ein: Mit einem raffinierten Verfahren machte der Konzern Verkäufe von Mietmaschinen an Leasingfirmen zum Wachstumsmotor.

Klaus Luft gibt sich trotz aller eingestandenen Probleme betont optimistisch. "Wir sammeln unsere Kräfte", sagte der erste Mann des westfälischen Computer-Konzerns in einem Gespräch mit der Tageszeitung "Die Welt", kurz vor der Bekanntgabe des Halbjahresergebnisses. "In den nächsten fünf Jahren werden wir unseren Umsatz wie geplant auf zehn Milliarden Mark verdoppeln."

Der von einer jahrelang ausgesprochen wohlwollend berichtenden Presse verwöhnte Luft versucht gegen eine öffentliche Meinung anzureden, die inzwischen eher contra Nixdorf ausgerichtet ist. "Wirtschaftswoche" und "manager magazin", die Leib-und-Magen-Blätter deutscher Unternehmer, haben begonnen, das Paderborner Groß-Systemhaus kritisch unter die Lupe zu nehmen - unter anderem auch wegen seiner geringen Umsatzrendite.

Der "Welt" gestand Luft: "Mit der Ertragslage bin ich unzufrieden." Wie dünn die Profitdecke mittlerweile geworden ist, verriet Luft allerdings nicht; auf eine genaue Zahl müssen Aktionäre und Kunden bis zur Bekanntgabe der Jahresbilanz im kommenden Frühjahr warten.

Weil der Vorstand der zu hohen Kosten Herr werden wolle, müßten sich nun "Zulieferer Überprüfungen ihrer Abgabepreise gefallen lassen" - und Nixdorf-Mitarbeiter die kritische Betrachtung ihrer Reisespesen.

Bei der Vorlage der Halbjahresbilanz am 9. August kamen schließlich Zahlen an den Tag, die eine baldige Verbesserung der Profitabilität kaum erwarten lassen. So wächst der Umsatz in Deutschland nicht mehr zweistellig (noch neun Prozent). Dafür weisen die Personalkosten des Konzerns ein außergewöhnlich hohes Plus auf -18 Prozent über Vorjahreswert oder fast eine runde Milliarde Mark. Bei sehr geringer Steigerung auf der Investitionsseite - plus drei Prozent auf 281 Millionen Mark - nahm der Aufwand für Forschung und Entwicklung um 16 Prozent auf 237 Millionen Mark zu. Um wenigstens den 1987er Gewinn zu halten, müsse Nixdorf kämpfen, sagte Finanzchef Sven Kado.

Mittlerweile steht fest, daß die Manager von der Pader bereits seit längerem mit einem (durchaus legalen) bilanztechnischen Trick arbeiten, der bestimmte Umsätze zeitlich vorverlegt. Im Mittelpunkt stehen dabei Rechner, die von den Anwendern nur gemietet sind. Diese Computer, bislang Eigentum des Herstellers, hat die Nixdorf AG in großem Stil an "konzernfremde" Gesellschaften verkauft. Dann wurden die Geräte zurückgeleast und wieder an die Anwender weitervermietet. Der Clou dabei ist: Geld, das eigentlich - in Form von Mieteinnahmen - erst im Lauf der kommenden Jahre eingehen würde, erscheint in der Bilanz als Verkaufsumsatz, auch wenn die Mietgeräte bei denselben Anwendern stehen bleiben. Die Leasingfirma hat keinerlei Beziehungen zum Endkunden - den betreut nach wie vor Nixdorf.

Aus dem betreffenden Passus des an sich vertraulichen Wirtschaftsprüfungsberichts für 1987, der auch der COMPUTERWOCHE vorliegt, ist die Größenordnung dieser Geschäfte zu ersehen. Insgesamt wurden danach bisher von der Nixdorf Computer AG und ihren inländischen Konzernunternehmen Produkte im Verkaufswert von 1,227 Milliarden Mark an konzernfremde Gesellschaften veräußert und zurückgemietet. Ende vergangenen Jahres waren dem Bericht zufolge noch Geräte im Verkaufswert von annähernd 600 Millionen Mark im Bestand; der "Finanzierungsrestwert" lag bei rund 400 Millionen Mark.

In der Konzernbilanz sucht man diese Beträge vergebens: Dort werden "vermietete Erzeugnisse" nur mit 69,3 (Vorjahr: 151,9) Millionen Mark aktiviert. Während der vergangenen Jahre hatte dieser Bilanzposten stets in der Größenordnung zwischen 300 und 400 Millionen Mark gelegen. Doch vergleichbar sind die Zahlen kaum, denn im Jahre 1987 änderten sich durch das Bilanzrichtliniengesetz (BiRiLiG) viele Bewertungsvorschriften. Zudem strukturierte der Konzern seine Vermietungs-Aktivitäten um: Systeme im Bilanzwert von über 42 Millionen Mark wurden von Töchtern, so der Nixdorf Computer Leasing GmbH in Salzkotten und der Nixdorf Computer Miete GmbH in Berlin, an die Aktiengesellschaft überschrieben, die in den letzten Jahren nicht mehr über einen nennenswerten Bestand an Mietmaschinen verfügt hatte.

Im Jahr 1987 erreichten die Geschäfte mit der Besitzumwandlung eine Zuwachsrate, von der selbst die Paderborner Softwerker (aktuelle Steigerungsrate: 23 Prozent) nur träumen konnten. Um satte 100 Millionen Mark stieg nach offizieller Mitteilung der AG der Zuwachs dieser Verkäufe - auf insgesamt 324 Millionen Mark, wie dem Bericht der Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft Karoli zu entnehmen ist. Das entspricht einem jährlichen Plus um 45 Prozent. Der Konzernumsatz erhöhte sich dadurch, verglichen mit einem Beibehalten der vorherigen Besitzverhältnisse, um zwei Prozent Ohne Umwandlungs-Umsätze stieg der Umsatz von 1986 auf 1987 nicht um 13, wie vom Unternehmen publiziert, sondern nur um elf Prozent.

In einer Entgegnung auf den "Wirtschaftswoche"-Artikel "Geschöntes Wachstum" stellt sich die Nixdorf Computer AG auf den Standpunkt, es sei "branchenüblich, an Kunden vermietete/verleaste Computersysteme an nichtkonsolidierte oder fremde Gesellschaften zu veräußern". Auch ohne den Verkauf von Mietmaschinen gebe es "Grundsätze (zum Beispiel in den USA), die bei langfristigen Mietverträgen zu einer sofortigen Umsatz- und Gewinnrealisierung in der eigenen Bilanz führen (zum Beispiel sales-type-leases)".

Außerdem verweisen die Paderborner Öffentlichkeitsarbeiter auf den Geschäftsbericht 1987, wo es heißt, im "Zusammenhang mit dem weiteren Rückgang des Mietgeschäftes" sei ein "wesentlicher Teil der im Konzern bilanzierten vermieteten Erzeugnisse im Berichtsjahr veräußert worden". Davon, daß Nixdorf diese Produkte gleichzeitig wieder anmietete und trotz des "Rückgangs" im Mietgeschäft weitervermietete, steht dort allerdings nichts.