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20.01.1995

Noch haelt der Burgfrieden zwischen Novell und Gates Mit Netware 4.1 zur Vision des Pervasive Computing

Bei Novell scheint ein frischer Wind zu wehen. Mit der Ankuendigung von Netware 4.1 und Perfect Office hat die im vergangenen Jahr nicht vom Erfolg verwoehnte Company wieder deutlich an Elan gewonnen. Die Verantwortlichen des Unternehmens sind nicht nur optimistisch, mit ihrem juengsten Netware-Release die Kinderkrankheiten der Vorgaengerversion ausgemerzt zu haben, sondern draengen mit Perfect Office auch in den Suite-Markt (siehe Seite 21). Das wiedergewonnene Selbstbewusstsein der Networking- Company dokumentierte der neue Geschaeftsfuehrer der deutschen Novell GmbH, Andreas Zeitler, im Gespraech mit den CW-Redakteuren Peter Gruber und Juergen Hill.

CW: Herr Zeitler, Sie kommen von einem Utility-Hersteller zum Marktfuehrer in Sachen Networking. Ist das nicht eine ganz neue Materie fuer Sie?

Zeitler: Sicherlich ist es ein Unterschied, ob Sie Utilities im Stueckzahlenbereich von hunderttausend an den Mann bringen muessen oder Netware im Grosskundensegment verkaufen.

CW: Aber muessen Sie nicht Netware ebenso in Massen auf den Markt werfen, wenn Sie bis zur Jahrtausendwende, wie angekuendigt, eine Milliarde User gewinnen wollen?

Zeitler: Die Vision einer Milliarde Anwender ist nicht nur auf Netware bezogen. Wir wollen vielmehr, dass eine Milliarde User unsere Technologie verwenden. Ob das Netware oder NEST ist, spielt dabei keine Rolle. Es kann auch Perfect Office sein oder eine Groupware-Applikation.

CW: Selbst wenn man alle Novell-Anwender addiert: Ist eine Milliarde nicht utopisch?

Zeitler: Verstehen Sie die Aussage einfach dahingehend: Es werden signifikant mehr User sein als heute. Es geht lediglich darum, auszudruecken, dass nicht nur die PC-Anwender unsere Zielgruppe sind. Bis zum Jahr 2000 wird es keine Milliarde PCs geben, aber sehr wohl eine Milliarde Benutzer diverser Kommunikations- und Informationskomponenten: Videogeraete, Telefonanlagen, Faxe oder Pager sowie Drucker etc. In diese Geraete wollen wir unsere Technologie implementieren.

CW: Im Zusammenhang damit ist viel von NEST die Rede. Was verbirgt sich dahinter?

Zeitler: NEST steht fuer Netware Embedded System Technology und bedeutet, dass Teile von Netware ausgelagert werden. Sprich, wir legen die Schnittstellen und einen Teil von Netware offen, damit beispielsweise ein Drucker mit dieser Technologie in einer Netware-Umgebung optimal arbeitet und den PC frueher fuer andere Arbeiten freigibt. Diese Koordinierung der Peripheriegeraete ermoeglicht NEST.

CW: Welche Hersteller verwenden denn bereits diese Technologie?

Zeitler: Ein besonders eindrucksvolles Beispiel fuer den Einsatz von NEST ist Coca Cola. In den USA plant das Unternehmen, alle Getraenkeautomaten mit NEST auszustatten, um die Versorgung der Automaten besser planen zu koennen. Via Netz koennen Auslastung und Bedarf kontrolliert sowie die Preise modifiziert werden. Zudem verhandeln wir in den Vereinigten Staaten bereits mit allen wichtigen Druckerherstellern ueber die Einbindung von NEST. Im Bereich der Telefonsysteme fuehrt Novell Gespraeche mit AT&T.

CW: Das erinnert aber fatal an das Microsoft-Konzept "MS at Work"?

Zeitler: MS at Work war eine Vision, keine Technologie. NEST dagegen existiert. Es gibt ein Programmier-Interface und eine Dokumentation. Wie Microsoft haben wir die Absicht, unsere Technologie nicht nur dem PC-Anwender zur Verfuegung zu stellen, sondern jedem, der im weitesten Sinne etwas mit Informationsverarbeitung zu tun hat.

CW: Apropos Microsoft, Sie werfen der Gates-Company vor, unterhalb der Guertellinie zu agieren. Wie lautet Ihre Kritik?

Zeitler: Wir werfen Microsoft vor, unterschiedliche Verfahren wie zum Beispiel SFT III und Raid 5 zu vergleichen. Die anschliessende Behauptung, eine der beiden Technologien sei besser, ist so nicht haltbar.

CW: Also ist es mit dem Burgfrieden zwischen MS und Novell vorbei?

Zeitler: Nein, der haelt noch. Allerdings muss Microsoft, wenn sie den Desktop-Markt verlassen und in unseren Netzwerkbereich eindringen, etwas zu bieten haben. Mit NT den grossen Networking- Weitblick verkaufen zu wollen ist reines Marketing. Natuerlich ist NT ein gutes Produkt, jedoch nicht marktbeherrschend. Die Zahlen und Umfragen sprechen eine klare Sprache. Novell ist Marktfuehrer, mit steigendem Anteil. Deshalb fragen wir uns schon, woher MS die Frechheit nimmt, zu behaupten, das Netzwerk-Business dominieren zu koennen.

CW: Sie betonen die Spitzenstellung von Novell im Networking. Sicherlich gilt das fuer den LAN-Bereich, doch auf welche Klientel zielt Netware 4.1?

Zeitler: Netware 4.1 ist "das" Netzwerk-Betriebssystem fuer jedermann. Wir haben bei der Einfuehrung von Netware 4.0 den Fehler gemacht, das Produkt fuer Grossunternehmen sowie WANs im heterogenen Umfeld zu positionieren. Analysen ergaben, dass Netware nicht nur in Konzernen, sondern auch im Bereich zwischen zehn und 50 Arbeitsplaetzen einen grossen Marktanteil aufweist. Deshalb haben wir Netware 4.1 noch einmal unter anderem in Sachen Installation modifiziert. Mit anderen Worten: Netware 4.1 ist das Netz- Betriebssystem zur Vernetzung von fuenf Arbeitsplaetzen bis hin zu WANs und heterogenen Netzen, die entsprechende Management-Systeme und Wartungs-Tools zur Netzadministration benoetigen.

CW: Dann draengt sich die Frage auf, wann nimmt Novell Netware 3 vom Markt?

Zeitler: Es gibt kein konkretes Datum. Wir vermuten aber, dass die Verkaufszahlen von Netware 4.1 die des Release 3 im vierten Quartal 1995 ueberholen werden. Trotzdem bieten wir Netware 3 an, solange Nachfrage besteht.

CW: Ihre Prognose zu Netware 4 klingt sehr optimistisch. Weshalb sollte ein Unternehmen mit kleinem Netzwerk die neue Version und ihre Netware Directory Services (NDS) einsetzen?

Zeitler: Ich kann mir gut vorstellen, dass einer grossen Anzahl von Kunden Netware 3 fuer die Vernetzung von fuenf Rechnern genuegt. Kein Problem, da wir in Netware 4.1 die Tools fuer eine spaetere Migration integriert haben.

CW: Novell-CEO Bob Frankenberg hat den Begriff des Pervasive Computing gepraegt. Was hat der Anwender darunter zu verstehen?

Zeitler: Pervasive Computing ist im Grunde das Zusammenfuegen mehrerer unterschiedlicher Kommunikationsvarianten. Wo immer sich der An-wender auch befindet, wird er sich Informationen ueber ein Netz beschaffen koennen. Hinter Pervasive Computing verbirgt sich immer ein Netzwerk mit mindestens einer Kontrollstation, die die Ablaeufe reguliert. Das kann auch die Steuerung einer Heizungsanlage oder sogar ein Muellcontainer mit einem Sensor sein. Signalisiert der Sensor dem Server im Netzwerk des Entsorgers einen vollen Container, wird dieser automatisch geleert.

CW: Wie wollen Sie dem User Pervasive Computing mit Netware begreiflich machen?

Zeitler: Die Schluesselkomponente fuer das Pervasive Computing sind die Directory-Services von Netware. Nur anhand von Beispielen mit NDS, wie eben genannt, werden wir dem Anwender Pervasive Computing erklaeren koennen. Der Nutzer versteht Pervasive Computing spaetestens dann, wenn ihm sein Telefon die E-Mail automatisch vorliest. Dazu kann es nur mit Hilfe der verteilten Directory- Services kommen. Hier gibt es keinen Mitbewerber, der annaehernd so weit ist wie Novell.

CW: Banyan ging dieser Novell-Ent-wicklung mit seinem Verzeichnisdienst "Streettalk" sicher voraus.

Zeitler: Richtig, Banyan war seit jeher auf grosse Installationen spezialisiert und erkannte fruehzeitig, dass ein herkoemmliches Directory-System nicht ausreicht. Aber wo steht in diesem Zusammenhang der Windows NT Server?

CW: Versteht sich Novell kuenftig als Kommunikationsanbieter?

Zeitler: Wir gehen nicht in das Feld der Kommunikationstechnologie, und wir sind auch kein Service- Provider. Unser Geschaeft ist, ein Betriebssystem zu liefern, das neue Wege des Informationstransfers realisiert. Novell stellt das Leitsystem oder die Plattform zur Verfuegung, auf der andere Anbieter ihre Dienste aufsetzen.

CW: Novell beabsichtigt doch ebenfalls, Dienste und Applikationen anzubieten?

Zeitler: Natuerlich werden wir Applikationen liefern, die unsere Netware-Services nutzen.

CW: Sind das die Netware Connect Services?

Zeitler: Das sind einmal die Netware Connect Services, aber auch netzspezifische Applikationen wie zum Beispiel das E-Mail-System Groupwise in Perfect Office oder andere Groupware-Applikationen wie Informs und Soft Solutions. Groupwise wird als E-Mail-System natuerlich auf die in Netware vorhandenen NDS mit ihren Adresslisten zurueckgreifen. Kuenftig werden sich am Markt nur noch Applikationen durchsetzen, die Netzdienste optimal nutzen, weil wir alle vernetzt sind.

CW: Bei Netware Connect hat Novell mit AT&T bereits einen Partner gefunden. Welche weiteren werden hinzukommen?

Zeitler: Namen kann ich im Moment noch keine nennen. Novell-Chef Bob Frankenberg verhandelt mit zahlreichen Carriern.

CW: Auch in Deutschland?

Zeitler: Ich weiss nicht, ob ein deutscher Netzbetreiber dabei ist.

CW: Denkt Novell ueber einen eigenen Online-Dienst nach?

Zeitler: Derzeit sicher nicht. Wir verstehen uns nicht als Informationsanbieter, der zum Beispiel eine Reuters-Datenbank dupliziert. Novell stellt lediglich die Infrastruktur zur Verfuegung, die es den Anwendern ermoeglicht, auf solche Datenbanken zugreifen zu koennen, egal wo sie sind.

CW: Novell hat im Zusammenhang mit Pervasive Computing die Entwicklung des Super-NOS als Verschmelzung von Netware und Unixware angekuendigt. Werden beide Produkte dann vom Markt verschwinden?

Zeitler: In dem erwaehnten Super-NOS kombinieren wir das Beste aus beiden Systemen. Unixware und Netware werden aber als Produkte weiterentwickelt und am Markt bleiben. Zum heutigen Zeitpunkt ist es eine Technologie und kein Produkt. Das Super-NOS soll 1996 als Technologiebasis zur Verfuegung stehen.

CW: Verkoerpert Super-NOS dann ein drittes Betriebssystem neben Netware und Unixware?

Zeitler: Nein. Super-NOS stellt, wie gesagt, eine Technologiebasis fuer Betriebssysteme der neuen Generation dar.

CW: Netware 5 zum Beispiel?

Zeitler: Keine Ahnung, wie das dann heissen wird. Als Produkte werden zu diesem Zeitpunkt Netware und Unixware sicher noch weiterleben. Ich kann mir aber vorstellen, dass wir irgendwann ein neues Betriebssystem brauchen, weil Super-NOS ein skalierbares System ist. Bis dahin ist noch ein langer Weg. Wir wollen jetzt nicht den Fehler machen, zu sagen, ein Super-NOS kommt 1996 auf den Markt. Das waere nicht zu realisieren.

CW: Inwiefern tangiert das Super-NOS die Anwender?

Zeitler: Der herkoemmliche Anwender muss sich nicht fuer das Super- NOS interessieren, sondern mit Applikationen auseinandersetzen. Deshalb wollen wir Anwendungen, die Netzdienste nutzen, verstaerkt verkaufen.

CW: Sie sprechen von Applikationen und wollen nach dem Kauf von Wordperfect in den Consumer-Markt vordringen. Warum sind dann ihre Mainstreet-Produkte in den deutschen Laeden ein gut gehuetetes Geheimnis?

Zeitler: Wordperfect hat sich zu stark darauf konzentriert, nur das Produkt Wordperfect zu vermarkten. Die Company hatte leider noch nicht das Entree in den Bereich Consumer-Software geschafft.

CW: Wie schaetzt Novell dieses Marktsegment ein?

Zeitler: Der Markt fuer Consumer-Software hat sich nicht so entwickelt, wie sich viele Hersteller dachten. Novell darf dieses Segment nicht mit zu grosser Euphorie angehen, indem wir sagen, wir haben Mickey-Mouse- oder Edutainment-Software. Es ist nicht einfach, Software in diesem Bereich zu verkaufen.

CW: Wird es, ganz ketzerisch gefragt, bald Wordperfect-Produkte nicht nur bei Bertelsmann, sondern auch im Kaffeeladen um die Ecke geben?

Zeitler: Wordperfect-Produkte wird es nicht mehr geben. Die Abgrenzung zwischen Wordperfect- und Novell-Produkten gehoert der Vergangenheit an. Wenn es Sinn macht, werden wir neue Vertriebskanaele auftun. Es ist durchaus denkbar, dass wir neben Bertelsmann noch andere Partner finden, so dass Kunden Mainstreet- Produkte oder Groupwise auch an der Tankstelle erwerben koennen.