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IT-Arbeitsmarkt/IT-Wirtschaft wirbt verstärkt um weibliche Arbeitskräfte


06.07.2001 - 

Noch lassen Computerberufe Frauen kalt

Szenario 2005: Dreimal mehr junge Frauen als heute qualifizieren sich für den IT-Arbeitsmarkt - elternfreundliche Arbeitsbedingungen sind Standard. Wenn diese Vorstellung kein Wunschtraum bleiben soll, müssen Politik und Wirtschaft noch einiges tun. Von Helga Ballauf*

Was haben der Versicherungskonzern Allianz, die Heidelberger Druckmaschinen AG, die Bundesanstalt für Arbeit und die Computerschule Profikids miteinander zu tun? Sie werben im Rahmen der Initiative "Idee-IT" speziell um weibliche Fachkräfte. Das neue Kooperationsprojekt von Bundesfrauenministerium und Wirtschaft unterstützt bisher mehr als 50 Unternehmen und Organisationen. Frauenministerin Christine Bergmann hat ein ehrgeiziges Ziel vorgegeben: "Bis zum Jahr 2005 soll der Frauenanteil an IT-Ausbildungen auf 40 Prozent wachsen." Derzeit liegt die entsprechende Quote im Informatikstudium bei 17 Prozent und bei den Azubis lediglich bei 14 Prozent. Das Bundesbildungsministerium unterstützt das Ziel mit eigenen Initiativen zur Frauenförderung, insbesondere an den Hochschulen.

Im Bielefelder "Kompetenzzentrum Frauen in Informationsgesellschaft und Technik" laufen die Fäden des Projekts "Idee-IT" zusammen. Geschäftsführerin Barbara Schwarze ist optimistisch, dass sich die Zahl der Berufseinsteigerinnen in den kommenden Jahren verdreifachen lässt: "Der Zeitpunkt ist günstig. Noch nie war die Motivation der Firmen so hoch, Frauen für IT-Arbeitsplätze zu gewinnen." Dass sich sowohl kleine als auch große Arbeitgeber aus dem Produktions- und dem Dienstleistungssektor ansprechen ließen, ist für Schwarze bereits ein Teil der Lösung: "So sehen Mädchen und junge Frauen, dass IT-Berufe attraktive Beschäftigungen in unterschiedlichen Wirtschaftszweigen bieten, dass es nicht nur ums Programmieren und um Technik pur geht."

Motivationsprojekte für MädchenBei Großveranstaltungen in jedem Bundesland werden die beteiligten Unternehmen in den kommenden Monaten die Werbetrommel rühren, um Frauen für IT-Berufe zu interessieren. Sie bieten spezielle Schul- und Ferienpraktika für Mädchen an und präsentieren sich bei dieser Gelegenheit als möglicher Arbeitgeber für weibliche IT-Azubis oder für BA-Studentinnen, Fachrichtung Informatik. Eine entsprechende Internet-Börse ist im Aufbau: www.idee-it.de. Ein schlechtes Beispiel liefert die Website www.werde-informatikerin.de. Hier versucht das Bundesbildungsministerium jungen Frauen mit Klischees in Rosarot und der Aufforderung "be it" das Informatikstudium schmackhaft zu machen.

Ein großer, konzertierter Wurf von Politik und Unternehmen soll genügen, damit sich junge Frauen scharenweise für IT-Berufe entscheiden? Keineswegs, meinen Expertinnen in Sachen Frauenarbeit und Informatik - im Jahr 2005 wird die Welt diesbezüglich noch längst nicht in Ordnung sein. "Motivationsprojekte allein reichen nicht aus, um den Frauenanteil im Informatikbereich zu erhöhen. Qualitative Veränderungen in Studium und Ausbildung sowie bei den beruflichen Rahmenbedingungen müssen folgen", betont etwa Ute Waag, Sprecherin des Frauen-Fachausschusses in der Gesellschaft für Informatik (GI). Sie fordert einerseits interdisziplinäre Ausbildung, moderne Lehr- und Lernformen sowie gute, für alle zugängliche technische Ausstattungen. Genau so wichtig sind ihrer Meinung nach andererseits flexible Arbeitszeiten, Teilzeit, auch in Führungspositionen, Kinderbetreuung sowie Mentoring für Frauen.

Hohes Maß an FingerspitzengefühlDas gestiegene Interesse der Unternehmen an IT-Fachfrauen hängt nicht nur mit der generell hohen Nachfrage nach Computerspezialisten zusammen. "Was wir brauchen, sind dienstleistungsorientierte, kommunikative und teamfähige Mitarbeiter, die in der Lage sind, sich auf die Wünsche der Kunden einzustellen. Neben technischem Know-how und Spaß am Umgang mit neuen Medien erfordern die IT-Berufe auch ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl, sozialer Kompetenz und Einfühlungsvermögen", sagt einer der wichtigsten Idee-IT-Promotoren, Alcatel-Geschäftsführer Gottfried Dutiné. Kreativ, anwendungs- und teamorientiert an die Lösung von Kundenproblemen heranzugehen - das können nach landläufiger Meinung Frauen besonders gut - nicht weil sie schon so geboren, sondern weil sie dazu erzogen wurden.

Das konzeptionelle und projektorientierte Arbeiten an der Schnittstelle Mensch-Technik komme Fraueninteressen entgegen, werde aber erst selten ausdrücklich gewünscht, meint auch Qualifikationsforscherin Karin Kühlwetter. "Für Frauen ist der Rechner ein Instrument, mit dem sie Aufgaben lösen wollen. Wenn es dagegen nur um reine Technikbeherrschung geht, überlassen sie das Feld eher den Männern - auch wenn sie das genau so gut bestellen könnten."

Wie wichtig offensive Öffentlichkeitsarbeit ist, beschreibt Doris Schweikl, Betriebsratsvorsitzende bei Microsoft in München: "Um mehr Frauen für IT-Berufe zu gewinnen, muss mehr Transparenz in der Gesellschaft erzeugt werden." Schulen und Elternhaus legten den Mädchen noch allzu oft nahe, andere berufliche Richtungen einzuschlagen, beobachtet Schweikl: "Die Jungen drängen in den Computerräumen die Mädchen beiseite. Die alte Rollenverteilung existiert weiterhin."

Berufspädagogin Kühlwetter empfiehlt deshalb, bei der Computergrundbildung in der Schule Mädchen und Jungen zu trennen, wenn es um die Beherrschung des Rechners geht. Ansonsten plädiert sie dafür, die neuen Informationstechniken in jedes Fach einzubeziehen: "Dann können Mädchen und Jungen gemeinsam über die Chancen und Grenzen der Technik und der mit ihr transportierten Inhalte nachdenken."

Ein weiter Weg. Denn in vielen Stellenanzeigen und Lehrstellenangeboten ist nach wie vor schlichte Technikbeherrschung Trumpf. Da wird analysiert, konfiguriert und installiert - Teamarbeit, Kundenorientierung und vernetztes Denken spielen anscheinend keine Rolle. Das es auch anders geht, erkannte das Ausbildungsteam der Deutschen Telekom in Potsdam bereits vor Jahren und änderte sowohl die Werbung als auch das Verfahren zur Auswahl der Azubis. Statt im Einstellungstest technische Detailkenntnisse abzufragen, musste ein Lernauftrag im Team gelöst und präsentiert werden. Ergebnis: Es interessierten sich mehr junge Frauen für eine Ausbildung zur Systemelektronikerin - und es wurden auch mehr eingestellt. Die BA-Studentinnen von Alcatel durften unlängst eine Anzeige für IT-Nachwuchs entwerfen, die sie selber ansprechen würde: "Wer braucht eigentlich noch Männer?" texteten sie frech - und die Resonanz der Bewerberinnen war stark.

Von der Sommeruniversität für Frauen in der Informatik bis zum Weiterbildungskurs Online-Publishing für Berufsrückkehrerinnen: Geschlechtsspezifische Qualifizierungsangebote nehmen zu. Sie kommen dem nutzerorientierten Herangehen der Frauen an Technik entgegen, halten männliches Konkurrenzgehabe fern und erlauben es, eigene Netzwerke zu knüpfen. Ein Beispiel ist der Verein "Kompetenz für Frauen" in München, mit dem unter anderem die Frauencomputerschule und das Arbeitsamt neue Wege der Bildungsarbeit einschlagen.

"Neben den Chancen, die die IT bietet, sollen auch die potenziellen Risiken und Nachteile diskutiert werden", berichtet Mitinitiatorin Silvia Bauer. Sie bestätigt einen Eindruck, den der hohe Frauenanteil bei vielen IT-Weiterbildungen nahelegt: Es ist leichter, Frauen zum Umsatteln zu bewegen, als Mädchen für die Informationstechnik als Beruf zu interessieren. "Ich vermute, dass das mit Persönlichkeitsentwicklung und individuellen Biografien zu tun hat," sagt Bauer.

In einer Phase, in der sich junge Frauen intensiv mit Identität und Geschlechtsrolle auseinandersetzten, sei es schwieriger, einen für die "normale" weibliche Sozialisation immer noch ungewöhnlichen Beruf zu wählen. Lebenserfahrene Frauen dagegen, so die Expertin, gingen die Frage pragmatischer an: Was kann ich? Wohin will ich? Welche Weiterbildung hilft mir dabei?

Die Initiative Idee-IT und andere Frauenförderprogramme können den Mangel an Computerfachkräften lindern und die Entwicklung eines anwendungsorientierten Technikverständnisses beflügeln. Dennoch lohnt sich ein differenzierter Blick darauf, in welchen Arbeitsfeldern die Frauen tatsächlich landen: dort, wo es um IT-Architektur und das elektronische Netz geht, oder dort, wo die Multimedia-Welt gestaltet und verwaltet wird? Einschlägige Gehaltsspiegel verraten, dass sich mit techniklastigen Tätigkeiten mehr verdienen lässt als mit kreativen. Und nach heutigem Stand bereiten sich die jungen Männer eher auf die "harten" und prestigeträchtigen Felder vor: In der IT-Systemelektronik gibt es nur vier Prozent weiblicher Azubis. In der Mediengestaltung dagegen stellen junge Frauen die Mehrheit.

Die IT-Wirtschaft wird Frauen auf Dauer nur anziehen und halten können, wenn die Arbeitsbedingungen attraktiver werden. Der latente Anspruch der Branche, Mitarbeiter sollten zeitlich und räumlich flexibel jederzeit zur Verfügung stehen, wird für Frauen spätestens dann zum Problem, wenn sie Kinder bekommen. Microsoft versucht einen anderen Weg, berichtet Betriebsratsvorsitzende Schweikl: "Flexible Arbeitszeiten, die Möglichkeit, ein Sabbatjahr zu nehmen, Teilzeit oder teilweise im Home-Office zu arbeiten, unterstützen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ab Herbst gibt es auch eine Kinderbetreuung in unmittelbarer Nähe der Firma."

Erste Schritte in die richtige Richtung. "Je mehr IT-Fachfrauen in den Unternehmen arbeiten, um so schneller verändert sich das ganze Feld", meint Idee-IT-Projektleiterin Barbara Schwarze optimistisch. Doch sie glaubt nicht an einen Automatismus: "Personalentwicklungspläne müssen bewusst so gestaltet werden, dass Frauen und Männer sich mal eine Auszeit für die Familie nehmen können. Und wir brauchen neue Schranken, um zu verhindern, dass sich Beschäftigte, die fasziniert von ihrem Job sind, völlig auspowern. Ein Feld, das Arbeitswissenschaft, Gewerkschaften und Unternehmen gemeinsam beackern müssen."

*Helga Ballauf ist freie Journalistin in München.