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09.07.1993

Nordrhein-Westfalen foerdert massiv-parallele DV-Systeme Neues Zentrum verbindet Hochschulen, DV-Hersteller und Anwender

Im Herbst 1992 wurde in Herzogenrath bei Aachen das Zentrum fuer industrielle Anwendungen massiver Parallelitaet (Ziam) gegruendet. Ueber die Ziele dieser Initiative des Bundeslandes Nordrhein- Westfalen sprach Uwe Harms* mit Andreas vom Hemdt, dem Geschaeftsfuehrer des Ziam.

CW: Welche Ziele hat Ziam?

vom Hemdt: Wir wollen Missionarsarbeit fuer die industrielle Anwendung massiver Parallelrechner leisten. Gerade in Nordrhein- Westfalen engagieren sich Hochschulen und Grossforschungseinrichtungen wie die Gesellschaft fuer Mathematik und Datenverarbeitung (GMD), die Kernforschungsanlage Juelich (KfA) sowie mehrere Fraunhofer-Institute seit Jahren in der Parallelverarbeitung. Hinzu kommt die Anbieterindustrie wie die Rechnerhersteller Parsytec und GfTT (Gesellschaft fuer Transputer Technologie) oder Ingenieurbueros fuer Industrie-Automatisierung und Softwarehaeuser wie Genias und Pallas. Fuer das Ziam genau das richtige Umfeld, in dem es als Drehscheibe fuer den Technologietransfer zwischen Forschungseinrichtungen, Herstellern und potentiellen Anwendern fungieren kann.

Wir wollen ausserdem als unabhaengige Einrichtung Maerkte fuer Anbieter erschliessen und dafuer sorgen, dass Erfahrungen und Forschungsergebnisse wissenschaftlicher Institute nahtlos in die industrielle Nutzung einfliessen koennen.

CW: CW: Wie ist Ziam organisiert, und in welche Struktur ist es eingebettet?

vom Hemdt: Ziam wurde als GmbH gegruendet. Gesellschafter sind Parsytec als Rechnerhersteller, Genias Parallel Computing als Softwarehaus, Sentec als Partner fuer Industrie-Automation sowie Professor Burkhart Monien als Privatperson, da es einer Universitaet praktisch unmoeglich ist, einer GmbH beizutreten. Zusaetzlich zur GmbH als operativer Einheit wurde die Nordrhein- westfaelische Initiative fuer Parallele Datenverarbeitung e.V. ins Leben gerufen, die als Mehrheitsgesellschafter fungiert. Dieser Verein steht allen Interessierten offen. Bis heute haben sich 35 Mitglieder eingetragen, und wir sind zuversichtlich, bis Ende 1994 100 zu haben.

CW: CW: Massiv-parallele Datenverarbeitung: Ist der Begriff noch exotisch oder schon alltaeglich?

vom Hemdt: Parallelverarbeitung setzt sich seit Jahren bei Insidern durch. Selbst IBM und Cray haben massiv-parallele Serien angekuendigt. Ich sehe gute Chancen, dass sich die Parallelverarbeitung zu einer Basistechnologie der DV entwickelt. Das Gros der industriellen Anwender weiss wenig ueber Massively parallel processing (MPP). Hier wollen wir aufklaeren und Vertrauen schaffen.

CW: CW: Wie wollen Sie den Markt oeffnen?

vom Hemdt: Wir wollen Anbieter aus dem Umfeld der Parallelverarbeitung zusammenbringen. Das koennen auch Konkurrenten sein, die unter dem Dach des Ziam Projekte gemeinsam durchziehen und anschliessend wieder ihrer Wege gehen. In den USA ist das taegliche Praxis. In Deutschland haben sich auch bereits zweimal Firmen auf eine solche Zusammenarbeit verstaendigt: Genias und Pallas sowie Parsytec und GfTT. Wir haben uns vorgenommen, den Markt im Laufe von fuenf Jahren zu erschlieCW: CW: Wie finanziert sich das Ziam?

vom Hemdt: Wir haben Anschubmittel bekommen und werden mit einer Foerderquote von 75 Prozent vom Ministerium fuer Wirtschaft, Mittelstand und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen unterstuetzt. Bis Ende 1994 werden wir 6 Millionen Mark vom Land erhalten haben. Die restlichen 25 Prozent finanzieren wir durch Markterloese und Kredite, anschliessend wollen wir unser Geld am Markt verdienen wie jedes andere Unternehmen auch.

CW: CW: Hat das Ziam direkten Zugang zu Parallelrechnern?

vom Hemdt: Wir nutzen den Parallelrechner an der Universitaet Paderborn, der von der Ziam GmbH und dem Paderborner Center for Parallel Computing finanziert wurde. Auf diesem System verkaufen wir Rechenzeit. Der Kunde waehlt sich ueber Modem oder ISDN in die vorgeschaltete Workstation ein und kann dann den Rechner nutzen. Dank der Landesfoerderung koennen wir die Rechenzeit zu Selbstkosten fuer eine Mark pro Stunde je Prozessor oder mindestens 110 Mark anbieten. Werden groessere Datenmengen extern gespeichert, kommen inklusive Backup-Leistungen noch etwa 200 bis 300 Mark pro GB je Monat hinzu. Ausserdem entstehen Kosten fuer die Datenuebertragung. Mit diesem Time-Sharing-Angebot moechten wir dem Kunden die Tueren zur Parallelverarbeitung oeffnen.

CW: CW: Den Nutzen der numerischen Simulation und der Parallelverarbeitung haben vor allem mittelstaendische Unternehmen noch nicht erkannt. Es wird daher nicht leicht sein, Rechenzeit zu verkaufen. Gibt es schon Kunden?

vom Hemdt: Noch nicht, aber ich bin zuversichtlich, dass in drei bis vier Monaten die ersten Anwender an den Rechner in Paderborn gehen werden. Weil uns das Problem, das sie angesprochen haben, bekannt ist, haben wir in den vergangenen Monaten Kontakte zu Softwarehaeusern geknuepft, mit denen wir zusammenarbeiten werden. So wird heute schon Simulationssoftware auf den Parallelrechner in Paderborn umgestellt. Im Augenblick sprechen wir mit einigen Beratungsunternehmen aus der Fertigungslogistik ueber ihre Simulation. Kleine Aufgaben sollen aber auch in Zukunft auf Workstations geloest werden.

CW: CW: Sie wollen also nicht nur Rechenzeit verkaufen, sondern auch bei Anwendungen und Projekten fuer die Parallelverarbeitung mitmischen?

vom Hemdt: Um es anhand eines Bildes zu erlaeutern: Parsytec und andere Parallelrechner-Hersteller haben wunderschoene Strassen gebaut, doch niemand hat die Autos, um darauf zu fahren. Es fehlt an Anwendungen. Wir werden deshalb, wie schon gesagt, mit Beratungsunternehmen zusammenarbeiten. So gibt es zum Beispiel in der Industrie fuer Aluminiumdruckguss eine Reihe von kleinen Aufgaben, die auf einer Workstation geloest werden. Nur bei einigen grossen Projekten im Jahr ist es sinnvoll, auf unsere Maschine auszuweichen.

CW: CW: Wir haben ueber den Rechenzeitverkauf und die Anwendungen gesprochen. Mit welchen weiteren Massnahmen und Dienstleistungen wollen Sie der Industrie den Einstieg in die Parallelverarbeitung schmackhaft machen?

vom Hemdt: Ein weiterer wichtiger Bereich sind Projekte, die wir als Generalunternehmer entweder mit der eigenen Mannschaft oder gemeinsam mit Forschungseinrichtungen abwickeln wollen. Dadurch werden wissenschaftliche Arbeiten zu Industriestandards, und unsere Mitarbeiter eignen sich das noetige Wissen an, mit dem sie Software und Anwendungen langfristig professionell warten und weiterentwickeln koennen. Wir starten gerade Projekte im Bereich numerische Simulation und Industrieautomatisierung. In den naechsten beiden Jahren wollen wir mit unseren Partnern in Projekten beweisen, dass parallele Echtzeitverarbeitung industriell einsetzbar ist.

CW: CW: Welche Aktivitaeten sind zur Unterstuetzung der beteiligten und zukuenftigen Gesellschafter geplant?

vom Hemdt: Die passenden Unternehmen verfuegen aufgrund ihrer Groesse von durchschnittlich zehn bis 30 Mitarbeitern nur ueber einen begrenzten Marketing-Apparat. Hier bieten wir gemeinsame Marketing-, Messe- und Presseaktivitaeten sowie Schulungen an. Gutes Beispiel dafuer ist eine Studie, mit der wir zur Zeit in Nordrhein-Westfalen bei 5000 Unternehmen den Bedarf an Simulation erheben. Gemeinsam mit Genias wollen wir diese Befragung auf das gesamte Bundesgebiet ausdehnen. Der damit verbundene zweiseitige Fragebogen ist schnell zu beantworten. Wir versprechen uns aussagekraeftige Ruecklaeufe, die anschliessend durch gezielte Interviews weiter verifiziert und vertieft werden.

CW: CW: Zu Foerdermitteln, Lobbying, oeffentlichen Geldern: Wie werden Sie ihren Mitgliedern da unter die Arme greifen?

vom Hemdt: Die deutschen Foerdermittel werden im Gegensatz zu den EG-Mitteln immer weniger. Letztendlich ziehen 80 Prozent der EG- Zuschuesse Grossunternehmen wie Siemens oder Daimler-Benz an Land - die EG besteht aber, bezogen auf die Arbeitsplaetze, zu 95 Prozent aus kleinen Betrieben. Wir planen, ab 1994/95 als Lobbyist fuer kleine und mittlere Unternehmen bei der oeffentlichen Hand und in Bruessel aktiv zu werden. Denn trotz ihres innovativen Potentials haben kleine High-Tech-Schmieden bisher nur wenig Chance, einen erfolgreichen EG-Antrag zu stellen. Wir informieren in Zukunft ueber Foerderprojekte, stellen Antraege und fuehren das Projekt durch bis hin zum kaufmaennischen Fuehren der ECU-Konten.

CW: CW: Fuer dieses breite Dienstleistungsspektrum braucht das Ziam qualifizierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Wie viele Koepfe aus welchen Fachgebieten haben Sie heute an Bord, und wie sieht Ihre Planung aus?

vom Hemdt: Zur Zeit beschaeftigen wir sechs Wissenschaftler unter anderem aus den Disziplinen Betriebswirtschaft, Mathematik, Informatik und Maschinenbau. In jedem Anwendungsgebiet wird der Kunde mit Partnern sprechen koennen, die ueber Parallelverarbeitung Bescheid wissen. In drei Jahren wollen wir etwa 20 festangestellte Mitarbeiter in Herzogenrath beschaeftigen. Unser Umsatz muss bis dahin auf vier Millionen Mark geklettert sein. Wir haben eine grosse Herausforderung angenommen und werden die naechsten Jahre mit Spass daran arbeiten, die hochgesteckten Ziele zu erreichen.

*Uwe Harms ist freier Autor und Supercomputing-Berater in Muenchen.