Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

01.09.1978

"Normen, bevor sich etwas auf dem Markt festbeißt."

01.09.1978

Mit Dipl.-lng. Lutz Groenke, Geschäftsführer des Deutschen

Instituts für Normung e. V., sprachen Dieter Eckbauer und Elmar Elmauer.

- Herr Groenke, der Bundesminister für Forschung und Technologie verbreitete die Meldung, Pearl sei Norm geworden, sozusagen abgesegnet vom Deutschen Institut für Normung. Tatsächlich ist diese Programmiersprache bisher erst als Normentwurf eingereicht. Läßt dieser Fall den Schluß zu, daß neben dem Bundesforschungminister auch andere nicht wissen, wie es bei der Normung zugeht und welche Arbeit das Deutsche Institut für Normung leistet?

Ich kenne diese Pressemitteilung nicht, bin aber der Meinung, daß da irgend jemand etwas falsch verstanden hat. Wir merken immer wieder, daß sehr viele Leute Norm-Entwürfe und Vornormen in einen Topf werfen. Und bei Pearl muß jemand in der Presseabteilung des BMFT nicht gewußt haben, daß vor jeder Norm stets ein Normentwurf kommt.

- Sind Sie verwundert, daß die Arbeit des DIN so mißverstanden wird - oder steckte hinter der BMPT-Meldung Absicht, zumal es ja ausgesprochene Pearl-Gegner auch gibt?

Ich glaube nicht, daß man hier jemand täuschen wollte, aber ich weiß, daß das BMFT bis zum Jahresende etwa 30 Millionen Mark in die Pearl-Entwicklung gesteckt hat und an dessen Normung, Anwendung und Durchsetzung natürlich interessiert ist. Wir verfolgen die Normung von Pearl schon seit etwa vier Jahren und haben extra einen Unterausschuß "Programmiersprachen zur Steuerung technischer Prozesse" gegründet. Wir haben zugleich beobachtet, was international läuft, aber unsere Spezialisten waren bis 1977 nie ganz zufrieden mit dem Entwicklungsstand von Pearl und dem anderer Echtzeitsprachen. Ende 1977 wurden dann von den Pearl-Entwicklern Unterlagen veröffentlicht, auf denen die Normungsarbeiten des NI einsetzen konnten.

- Herr Groenke, war wollen uns nicht an Pearl festhaken, sondern wissen, ob das Bild, das die DV-Öffentlichkeit vom

DlN hat, so klar ist?

Nein, ich glaube nicht. Hier muß der Nonnenausschuß Informationsverarbeitung (NI) noch mehr Öffentlichkeitsarbeit leisten. Wir dürfen auch nicht in Verruf kommen, daß wir uns irgendwelchen Interessen einseitig beugten. Sei es solchen des BMFT, anderer Ministerien oder Wünschen irgendwelcher Hersteller oder privater Anwender. Manchem Kritiker der Normungsarbeiten muß ich jedoch den Vorwurf machen, daß er sich die vorliegenden Informationen nicht beschafft und kritisiert, ohne hinreichend informiert zu sein.

- Wie, Herr Groenke, kommt's denn überhaupt zu einer Norm?

In der Grundnorm DIN 820 Teil 4 ist genau vorgeschrieben, wie eine Norm zu erarbeiten ist. Eine Norm wird initiiert durch einen Antrag einer an einer Norm interessierten Stelle. Interessierte Stelle kann jedermann sein: DIN-interner Ausschuß, Industrie oder Privatperson. Über einen Antrag muß der betreffende Normenausschuß des DIN innerhalb von drei Monaten entscheiden. Normungsanträge in Sachen Informationsverarbeitung werden beim NI vom zuständigen Beirat des Normenausschusses Informationsverarbeitung beraten und von ihm entschieden, ob die Voraussetzungen der Grundnorm DIN 820 Teil 1 zutreffen nämlich ob

- hierfür ein Bedarf besteht oder zu erwarten ist

- die interessierten Kreise bereit sind mitzuarbeiten,

- in regionalen oder internationalen

Normenorganisationen entsprechende Normungsvorhaben bereits bearbeitet werden,

- der Normungsgegenstand für die regionale oder internationale Normung in Betracht kommt.

Die Ablehnung eines Normungsantrages muß von uns begründet werden.

- Warum ist etwas aus DIN-Sicht nicht normungstauglich?

Wenn die oben genannten vier Voraussetzungen nicht zutreffen. Schwierig ist in diesem Zusammenhang, den rechten Zeitpunkt für die Normungsarbeit zu bestimmen. Wir möchten nicht normen, bevor sich eine gewisse Entwicklung durchgesetzt hat oder zumindestens absehbar ist. Wir möchten nicht etwas vorzeitig festschreiben, um hinterher feststellen zu müssen, daß der Entwicklungsprozeß auf der falschen Rille liegt.

- Wann können Sie entscheiden, ob eine Entwicklung in der Schlußphase ist?

Es ist sehr schwierig, den richtigen Zeitpunkt für den Beginn eines Normungsvorhabens zu bestimmen. Oft wird zum Beispiel sehr frühzeitig mit der Normung begonnen, um sich noch während der Normungsarbeiten dem Stand der Entwicklung anpassen zu können Dafür arbeiten wir mit Norm-Vorlagen, die von Sitzung zu Sitzung geändert werden können. Wenn wir warten würden, bis sich konkurrierende Produkte, die nicht kompatibel zueinander sind, auf dem Markt durchgesetzt haben, dann wäre es für die Normung schon zu spät.

- Heißt das, das DIN lasse sich bei seinen Norm-Vorhaben weitgehend von Marketing-Aspekten leiten?

Nein. Der Inhalt der Normen ist an den Erfordernissen der Allgemeinheit zu orientieren. Die Normen haben den jeweiligen Stand der Wissenschaft und Technik sowie die wirtschaftlichen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Dafür, daß diese Regeln eingehalten werden, sorgt im NI ebenfalls der Beirat. Die Mitglieder des Beirates sind Techniker oder DV-Fachleute, die aus der Herstellung oder aus der Entwicklung kommen. Sicher ist es Firmenvertretern im Beitrat nicht zu verwehren, Firmeninteressen zu vertreten. Aber hier sorgen wir durch Zusammensetzung für den Ausgleich der Interessen. Da sind dann eben die wichtigsten Hersteller und die wichtigsten Anwender ausgewogen vertreten. Und wenn zwischen 30 Leuten im Beirat kein Konsens herzustellen ist, dann muß eben notfalls abgestimmt werden, ob etwas genormt wird oder nicht.

- Wenn man die beiden Kriterien, daß eine Entwicklung weitgehend abgeschlossen sein soll, aber noch keine konkurrierenden Verfahren auf dem Markt sein sollen, auf den Bereich Datenverarbeitung anwendet, kommt man eigentlich zu dem Schluß: Dieses Gebiet entzieht sich generell der Normung.

Wenn ein Gebiet der Normung bedarf, danach schreit, dann jenes der Informationsverarbeitung. Ich möchte nur das Stichwort "Begriffsnormen" nennen. Begriffsnormen sind notwendig, damit sich Anwender und Hersteller, Ministerielle und Hochschullehrer untereinander eindeutig verständigen können. Sie sind zum Teil Voraussetzung für die Erarbeitung von Sachnormen. Und Sachnormen in der Informationsverarbeitung müssen weltweit abgestimmt sein, um

eine weltweite Kommunikation, Verständigung zu erzielen. Als Dienstleistungsunternehmen mit gemeinnützigem Zweck können wir es uns überdies nicht leisten, nur dem Trend eines Marktführers zu folgen.

- Mit "Marktführer" liefern Sie ein Stichwort: Aus dem Hause IBM soll der Satz stammen, wir lassen uns unsere schöne Arbeit nicht durch Normen kaputtmachen....

Ich kenne diesen Satz nicht, Natürlich ist es so, daß ein großes Unternehmen, das führend in der Entwicklung ist und Quasi-Normen erstellt hat, viel größere: Schwierigkeiten hat, sich der Normung anzupassen als ein Anwender, der noch völlig frei ist.

- Da wäre es doch einfacher, die Bereiche, in denen IBM noch nicht de facto Norm ist, den IBM-Standards anzupassen?

Nein. Es ist wichtig, daß IBM bei der Erstellung von Normen in den Ausschüssen mitarbeitet, seine Erfahrungen einbringt und mit für die Durchsetzung der Norm eintritt.

- Herr Groenke, seit dem 5. Juni 1975 ist durch Vertrag zwischen dem DEN-Verein und der Bundesrepublik geregelt, daß sich beispielsweise die Bundesrepublik bei Ausschreibungen und Bestellungen grundsätzlich der DIN-Normen bediene und hinwirken will, daß andere öffentliche Auftraggeber in gleicher Weise verfahren. Frage: Wenn eine Norm geschaffen wurde; Haben Sie die Möglichkeit, zu prüfen, ob die Norm angewendet wird - ob sie lebt?

Zu diesem Zwecke gibt es im DIN einen eigenen "Ausschluß Normenpraxis", der seit etwa 15 Jahren besteht und die Anwendung und Durchsetzbarkeit von Normen prüft und seine Erfahrungen an die Normenausschüsse zurückfließen läßt.

Das Interesse an einem Normvorhaben zeigt sich insbesondere am Verkauf des Normentwurfs, der das vorläufig abgeschlossene Arbeitsergebnis des Ausschusses darstellt. Der Normentwurf kann auf der Grundlage sehr vieler Norm-Vorlagen erarbeitet worden sein, die aber so lange nicht veröffentlicht werden können, solange sie im Ausschuß noch diskutiert werden. Wenn nun eine Norm-Vorlage verabschiedet ist, stellt sie praktisch das Manuskript für den Norm-Entwurf dar. Der Norm-Entwurf - bei ihm wird auch vom "Gelbdruck" gesprochen - kommt nun an die Öffentlichkeit und ist normalerweise mit einer Einspruchsfrist von 4 Monaten versehen. Es ist Sache des Beirats, die Länge der Einspruchsfrist bei einer umfangreicheren Vorlage zu verlängern, bei Pearl läuft die Einspruchsfrist beispielsweise bis zum Jahresende....

- .... findet dabei eigentlich die größte Kabbelei in der Phase eins statt oder dann, wenn die Einspruchsfrist läuft?

Das läßt sich generell nicht beantworten. Wir sammeln jedenfalls die Einsprüche, bereiten sie auf und laden, wenn es sich um kritische Stellungnahmen handelt, die Einsprechenden ein, persönlich ihr Anliegen vorzutragen. Wenn alle Stellungnahmen behandelt sind, dann wird das Manuskript für die Norm erstellt.

- Nun ist immer noch die Frage offen, wie überprüfen Sie eine Norm, wie pflegen Sie eine Norm?

Es ist bei uns Bestimmung, daß eine Norm spätestens alle fünf Jahre überarbeitet werden muß. Wir nehmen uns im Ausschuß aber spätestens nach vier Jahren Normen wieder vor, um zu sehen: Ist das noch Stand der Technik. Wenn sich nur ganz wenig geändert hat, kann die Norm im Kurzverfahren auf aktuellen Stand gebracht, wieder neu rausgegeben werden. Es steht dann links auf dem Rand der Norm, wo es Änderungen gab. Andernfalls wird ein Normentwurf für die Folgeausgabe veröffentlicht.

- Und wieviel Normen müssen Sie nach fünf Jahren zurückziehen?

Wir haben bisher etwa 120 bestehende Normen auf dem DV-Sektor seit 1965 geschaffen und mußten davon fünf, weil sie nicht mehr aktuell waren, zurückziehen. Alle anderen über fünf Jahre alten Normen sind überarbeitet worden.

- Herr Groenke, in Frankreich sind Normen beispielsweise Gesetz, bei uns ist deren Anwendung freiwillig: Möchten Sie französische Zustande haben?

Wir sollten es so handhaben wie bisher: Die Normen in einem repräsentativ zusammengesetzten Gremium be- und überarbeiten und die Normen so gut machen, daß sie sich kraft ihrer Qualität durchsetzen. Immerhin betrachtet das DIN den Vertrag mit der Bundesrepublik als großen Erfolg.

- Nun würde eine Norm von vorneherein eine um so größere Wirksamkeit haben, je mehr Leute sich bereits im Entwurfs-Stadium mit dem Problem befaßt haben. Anwender argumentieren aber immer wieder: Wir verstehen im Detail zuwenig davon, und wenn wir in den Gremien Fachleuten gegenübersitzen, dringen wir mit unserer Meinung nicht durch.

Der NI normt in erster Linie und überwiegend für die Fachleute der Datenverarbeitung, für Hersteller, Anwender, Hochschulen, Ministerien und sonstige Institutionen, die auf dem Gebiet der DV tätig sind. Es ist allerdings schwierig, auf unserem Gebiet Anwender zur Mitarbeit zu gewinnen, vor allem, wenn sie nicht organisiert sind.

- Herr Groenke wie erfährt die Öffentlichkeit überhaupt von einem Normvorhaben? Kann es nicht sein, daß Ihre Beiratsmitglieder einen geschlossenen Zirkel darstellen? Wo kriegt der Mann, der interessiert ist, DIN-Mitteilungen her - oder erscheinen die unter Ausschluß der Öffentlichkeit?

Alle Normvorhaben werden in den "DIN-Mitteilungen und Elektronorm" angekündigt, ebenso alle neuerschienenen Normentwürfe und Normen. Außerdem werden die Fachzeitschriften von dem Erscheinen der Normentwürfe und Normen informiert, mit der Bitte um Veröffentlichung. Die DIN-Mitteilungen sind für jedermann bei der Beuth-Verlag GmbH käuflich zu erwerben.

- Welche praktischen, positiven Auswirkungen hat es für den Anwender, wenn er sich an der Normungsarbeit beteiligt?

Ich möchte dazu das Beispiel Bildschirmarbeitsplätze heranziehen, bei denen es nicht um reine Fragen der Informationsverarbeitung geht sondern breite Anwenderkreise angesprochen werden müssen. Hier müssen Ergonomen und Lichttechniker als Fachleute mitsprechen, aber genauso Anwender die bei Versicherungsuternehmen, Fluggesellschaften etc. damit umgehen. Bi uns läuft zum Beispiel mit in diese Normungsarbeit hinein, was Anwender wie zum Beispiel Lebensversicherungen auf diesem Gebiet schon alles an Erfahrungen gesammelt haben. Viele Anwender haben Studien durchgeführt, die jetzt für unsere Arbeit nützlich sind. Der Anwender seinerseits kann seine Interessen in die Norm einbringen. Dies ist eine der wichtigsten Grundsätze, daß die interessierten Kreise an der Normungsarbeit beteiligt werden. Außerdem erfahren alle Mitarbeiter in den Normungsgremien naturgemäß als erste, welche Normen sich anbahnen und welche keine Chancen haben. Sie genießen die Vorteile des Insides schlechthin.

- Nun haben Sie sicherlich schon über Normen nachgedacht; die vom Anwender nicht akzeptiert wurden.

Ja. Das Beispiel ist die handschriftliche Schreibung von Null und dem Großbuchstaben O. Der eine Anwender setzt, wie die Bundeswehr einen Punkt rein, der andere durchkreuzt die Null. Und weil man in 95 Prozent der Fälle aus dem Zusammenhang erkennen - kann, was gemeint ist, wurden wir international überstimmt, hier eine ISO-Norm zu schaffen, um unsere deutsche Norm DIN 66 002 zu stützen, die sich national bisher nicht durchsetzen konnte.