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30.05.1980

Normung muß auch ein Evolutionspotential haben

Mit EG-Direktor Christopher Layton sprachen Dieter Eckbauer und Elmar Elmauer

- Mr. Layton, betrachten sie die Gründung des " Verbandes der mittleren und kleineren europäischen Datenverarbeitungsunternehmen" als einen Schritt in Richtung auf einen einheitlichen europäischen Datenverarbeitungsmarkt?

Ja, das ist ein positiver Schritt. Wir haben in der europäischen Gemeinschaft viele Kontakte mit der Industrie, aber natürlich ist es besonders attraktiv, Kontakte mit großen Firmen zu haben. Deshalb ist es wertvoll, daß sich kleinere Firmen, die sehr initiativ sind auf dem Gebiet der Informatik, in einem europäischen Verband zusammengeschlossen haben. Ich hoffe, daß der Mitgliederkreis des Verbandes noch erweitert werden kann; das würde den Dialog mit uns reicher machen. Die Firmen könnten dann zusammen diskutieren und ihre eigenen Ideen einbringen, zum Beispiel auf dem Gebiet der Standardisierung. Da ist es besonders wichtig, daß die kleinen und mittleren Firmen ihre eigenen Ansichten vorbringen und formulieren können. Und auch in vielen anderen Gebieten, zum Beispiel im Exportgeschäft, ist es vorrangig, daß sie ihre Meinung zusammen entwickeln und die Gemeinschaft unterstützen.

- Standardisierung ist eines der Ziele des Vierjahresprogrammes der Europäischen Gemeinschaft. Nun ist Normung eigentlich ein Widerspruch in sich, denn die verhindert, indem sie eine Technologie festschreibt, unter Umständen Fortschritt.

Das ist immer das Problem bei der Normung. Normung muß auch ein Evolutionspotential haben. Nehmen wir zum Beispiel das Gebiet der Textverarbeitung. Wenn diese Produkte nicht miteinander kommunizieren können, werden wir keine elektronische Post haben. Die Anwender werden große Probleme mit dem Training haben. Deshalb wird es zu großen Wachstumshindernissen kommen.

- Das Problem der Geräteverträglichkeit regelt doch eigentlich der Markt von ganz alleine. Ein Marktführer setzt Standards und die anderen passen sich an. Wozu also noch Normung?

Das ist das Problem. Wenn ein Marktführer alles regelt, heißt das, daß die anderen nur nachziehen können. Und das blockiert Innovation. Wir wissen, daß zum Beispiel die Betriebssysteme eines großen Herstellers jeden Tag geändert werden, also neue Instruktionen zum Anwender kommen. Das bedeutet, daß die Normung nicht von allen gemeinsam akzeptiert, sondern von einem großen Unternehmen zum eigenen Nutzen befürwortet wird. Ziel der Europäischen Gemeinschaft ist, diese Situation zu ändern, so daß speziell die mittleren und kleineren Firmen, die keine ähnliche Marktmacht haben immerhin in den Markt kommen. Ich glaube, die Standardisierungschancen liegen speziell im Interesse von kleineren und mittleren Unternehmen.

- Halten Sie die Subventionierung dieser Unternehmen für notwendig und für sinnvoll?

Historische Tatsache ist, daß diese Industrie in ihrer Geburtsphase - zuerst in Amerika und dann in Japan durch Subventionen unterstützt wurde. Bei uns geschah das hauptsächlich, um ein europäisches Gleichgewicht herzustellen. Aber ich halte Subvention nicht für die Hauptsache in der Europäischen Gemeinschaft. Ich glaube, daß es wichtigere Initiatoren gibt.

Wir müssen zum Beispiel eine effektive Telekommunikations-lnfrastruktur aufbauen. Das heißt, wir müssen zu einer Digitalnetz-Harmonisierung kommen und mit gemeinsamen Schnittstellen einen europäischen Endgerätemarkt schaffen. Das ist viel wichtiger für die europäische Elektronik-Industrie als Gemeinschaftssubventionen. Ich glaube auch, daß die Gemeinschaft in der Beschaffungspolitik eine zwar begrenzte, aber wichtige Rolle übernehmen kann. Deshalb war das erste Gebiet, in dem man ein Unterstützungsprogramm hatte, ein Vierjahresprogramm; hier können wir Unterstützung geben zu Anwendungen von gemeinschaftlichem Charakter, das heißt, Anwendungen im Transportgebiet zum Beispiel, Anwendungen in Zoll- oder Handelsgebieten, alles internationale Gebiete, in denen man öffentliches Geld sparen kann, falls man zusammenarbeitet.

Der wichtigste Aspekt ist die katalysatorische Rolle, einen europäischen Markt zu schaffen und Zusammenarbeit zwischen Unternehmen zu stimulieren.

- Wenn Sie jetzt die Betonung auf den europäischen Endgerätemarkt legen, dann heißt dies wohl, daß zum "Buy British" oder "Made in Germany" nun "Kaufen Sie Europäisch" kommt und daß dies eindeutig gegen unseren Handelspartner USA gerichtet ist?

Die Europäische Gemeinschaft hat im Dezember Handelsabkommen mit den Amerikanern und den Japanern geschlossen, und diese Handelsabkommen werden wir natürlich einhalten. Die Vereinbarung ist eine liberale Sache, die eine gewisse Öffnung von Märkten für verschiedene Partner bringt. Der Akzent unserer Vorschläge und Programme ist keinesfalls Protektion, vielmehr die Schaffung eines europäischen Marktes und eine gewisse Hilfe auf einigen Schlüsselgebieten. Das einzige Gebiet, in dem eindeutig ist, daß Unterstützung notwendig ist, ist die Entwicklung einer starken europäischen Mikroelektronik-Technologie. Sie ist einer der Schlüssel für die Zukunft aller Industrien. Allgemein wurde ich sagen, die Rolle der Gemeinschaft ist vorrangig Schaffung eines europäischen Marktes und Unterstützung von Schlüsseltechnologien, nicht die Unterstützung und Subvention von Produkten, die zur Zeit auf den Markt kommen.

- Sind Sie überzeugt, Mr. Layton daß es den Europäern durch Bündelung von Know-how gelingt, den Rückstand von drei Jahren, den wir beispielsweise im Halbleiterbereich und in der Kommunikationstechnologie gegenüber den Amerikanern und Japanern haben, aufzuholen?

Wir können nicht die Technologie von heute aufholen, wir folgen ihr. Aber wenn wir in Zukunft sehen werden, daß eine Technologie erst am Anfang ihrer Entwicklung steht, dann wird es für die Europäer möglich sein zu überholen, wenn sie die richtigen Ziele behalten, wenn sie diese klar definieren und dann die Ressourcen bestimmen, die zur Erreichung dieser Ziele nötig sind. Das können große Unternehmen machen; das haben die Japaner gemacht. Aber das könnten wir Europäer auch machen, wenn wir rational in die Zukunft schauen und systematisch vorgehen.

- Aber unsere Unternehmer schauen ja bereits rational in die Zukunft und sie sagen heute immer noch daß es eben wesentlich billiger ist, Halbleiter für dreieinhalb Pfennige einzukaufen als diese selbst zu bauen. Und hier scheint uns, ist der politische Wille dies aus einem gemeinsamen EG-Topf zu finanzieren, noch nicht vorhanden. Ist das richtig?

Heute müssen sie die billigsten Bauelemente kaufen, das ist eine plausible Sache für jede Firma. Deshalb müssen sie amerikanische und japanische Bauelemente kaufen, um profitabel zu sein. Aber das Problem für die europäischen Elektronikfirmen ist, daß sie - wenn Sie drei Jahre lang hintan sind - nicht die Gewinne haben, um die künftige Entwicklung zu finanzieren, um den Überholungssprung zu machen. Das ist der Grund, warum wir solche Unterstützung geben oder geben wollen. Wenn wir einen Vorschlag auf den Tisch des Rates des Europäischen Parlamentes bringen, dann fordert das eine wichtige politische Entscheidung. Die europäischen Regierungen müssen dann entscheiden, ob sie diesen Sprung machen wollen, ob er nötig ist und wenn er nötig ist, dafür zu sorgen, daß dann die Bereitschaft entsteht, das zu unterstützen und zu finanzieren.

- Mr. Layton, alle Bemühungen, die Innovationsbasis in Europa zu verbreitern, können doch nur Erfolg haben, wenn ein Technologieaustausch zwischen den führenden europäischen und außereuropäischen Herstellern stattfindet. Dies verdeutlicht die Abhängigkeit, in der sich die europäischen Halbleiterhersteller heute befinden.

Es ist notwendig, daß heute die europäischen Halbleiterfirmen engere Kontakte und Bindungen haben mit außereuropäischen Firmen, daß beispielsweise Siemens Kontakt mit Intel hat. Das ist eine natürliche und notwendige Sache. Aber das bedeutet nicht Abhängigkeit von einer Technologie, die noch nicht existiert. Noch in diesem Jahr wollen die Amerikaner für die neue Geräte-Generation Entwicklungsprogramme vorlegen, die die Produktionstechnologie von morgen bestimmen werden. Wir wollen diese Aktion unterstützen und die Infrastruktur für eine europäische Elektronik-Industrie aufbauen helfen, wie sie heute noch nicht existiert.

- Glauben Sie denn, daß an europäischen Hochschulen und Instituten die Voraussetzungen geschaffen werden, auf dem Gebiet der Grundlagenforschung einen Schritt voranzukommen.

Nehmen Sie das Beispiel Computer Aided Design. Es gibt mehrere Forschungszentren in Europa, die sich auf diesem Gebiet hervorgetan haben: Aachen, Leuwen in Belgien oder Grenoble. Aber wir brauchen in der Zusammenarbeit eine neue Richtung - und die definieren wir jetzt. Das ist eine merkwürdige Sache: Oft, wenn gute Arbeit an diesen Hochschulen gemacht wurde, kam das größte Interesse, diese zu verwerten, von Amerika und Japan. Dazu kommt ein weiteres Element: Eine wichtige Idee ist, einen gemeinsamen Markt von Ideen zu schaffen.

- Kleinere und mittlere Elektronikfirmen sagen, daß der Know-how-Transfer zwischen Hochschule und Industrie hier nicht funktioniere und daß dies die Marktsituation verschlechtere. In Amerika wäre es anders. Können Sie dem zustimmen ?

Ich habe diese Kritik auch gehört, kann ihr jedoch nicht so voll zustimmen. Aber es gibt vielleicht doch etwas zu tun, daß wir nämlich überlegen und diskutieren, wie die Kommunikation zwischen Forschung und Industrie verbessert werden kann.

- Eine vernünftige Kommunikations-Infrastruktur kann nur auf der Basis eines mit sämtlichen Beteiligten abgestimmten Programms geschaffen werden. Das heißt, es müssen alle Ressourcen genutzt, alle Betroffenen erreicht werden. Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Förderung auf die Belange kleiner Unternehmen im Bereich der Kommunikationstechnologie zuzuschneiden?

Auf dem Gebiet der Kommunikationstechnologie ist die erste Sache, die wir anregen können, daß die Post und Telekommunikationsverwaltungen eine liberale Kommunikationspolitik entwickeln - liberal im internationalen Sinn. Das heißt für mich, daß der Prozeß nicht zu komplex, nicht zulang werden darf, und daß die Kosten stimmen müssen. Das ist ein wichtiger Punkt für kleine und mittlere Firmen. Das ist das erste Ziel, das wir verfolgen. Und das ist ein Grund - vielleicht nicht der wichtigste -, aber ein Grund, warum es sehr wertvoll ist, daß diese Firmen jetzt einen europäischen Verband gemacht haben, Ein weiterer Punkt ist, wie ich schon gesagt habe, die Standardisierungspolitik, die einen offeneren Markt schaffen könnte.

- Mr. Layton, das Weiße Haus hat 200 Millionen Dollar bereitgestellt, mit dem Ziel, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten in diesen Basistechnologien zu halten und auszubauen. Welche würde hier in Europa erforderlich sein ?

Diese 200 Millionen Dollar sind zum Teil für spezielle Verteidigungsanwendungen vorgesehen, aber ein Teil, ich würde sagen, wenigstens 100 Millionen Dollar gehen in die Entwicklung für diese Schlüsseltechnologie. Und ich würde sagen, obwohl ich hier heute keine präzisen Angaben machen will, daß eine ähnliche Größenordnung für Europa gilt.

- Sollten diese Mittel für Forschung und Entwicklung eingesetzt werden oder für die Erreichung von Marktzielen ?

Das Ziel der Resolution des EG-Rates vom letzten September und der Politik des Vierjahres-Programms ist hauptsächlich, die Grundtechnologie aufzubauen. Das hat zwei Elemente: Eines ist die neue Konzeption des Computer Aided Design Test. Das ist Grundlagenforschung zwischen Instituten, Universitäten und Industrie. Das zweite Element ist die Unterstützung der Entwicklung von Geräten deren Einsatz die zukünftige Produktion prägen wird.

- Sie haben mit "Computer Aided Design ein Stichwort geliefert, das augenblich den Gewerkschaften dazu dient, den Einzug der Kommunikations- und Informationstechnologie in viele Unternehmen zu bremsen oder Negativauswirkungen zu skizzieren, weil man eben am Beispiel Computer Aided Design nachweist wie schädlich es für die Arbeitsplätze ist. Hat die EG-Kommission Vorstellungen, wie man hier Barrieren abbauen kann?

Wir müssen weiter einen Dialog mit den Gewerkschaften auf einem hohen Niveau entwickeln. Es gibt ein, "Standing Komitee of Imployment" in der Europäischen Gemeinschaft, einen Ausschuß, der sich mit den Auswirkungen der neuen Technik auf die Arbeitsplätze beschäftigt. Da hat die Kommission im Monat Januar ein Papier über die ganzen Probleme und die Verbindung mit Arbeit, Kondition etc. vorgebracht und hatte daraufhin sehr positive Reaktionen. Die Gewerkschaften und auch die Arbeitgeber wollen, daß die Gemeinschaft schnell den Versuch macht, einen Pool von Studien anzulegen insbesondere über die Konsequenzen dieser neuen Technologie. Wie Sie wissen , gibt es viele Studien in vielen Ländern. Oft sind ihre Resultate sehr kontrastreich. Wir machen den ständigen Versuch, eine gewisse rationelle Synthese von all diesen verschiedenen Meinungen herzustellen und eine statistische Basis zu schaffen, so daß die Debatte in der Gemeinschaft so solide wie möglich ist.

- Und was will die EG-Kommission konkret tun?

Für uns ist die wichtigste Konsequenz dieser Arbeit, bessere und schnellere Erziehungs- und Trainings-Programme zu entwickeln, denn wir haben heute das Paradoxon in Europa, daß die größte Wachstumsbremse zum Beispiel in der Software-Industrie ist, daß diese nicht genug qualifizierte Leute hat. Das ist die eine Seite, auf der anderen Seite haben wir Arbeitslosigkeit. Das beste was wir machen können, ist Impulse zu geben für dieses ganze Gebiet von Training und Erziehung - mit spezifischen objektiven Zielen.

- Wie weit, Mr. Layton, ist denn in der EG-Kommission das Verständnis für die Probleme der Informatik gewachsen in den vergangenen Jahren? Sind Sie der einzige Fachmann, den es in Brüssel im Augenblick gibt?

Ich hoffe nicht. Ich glaube vielmehr, daß es in den letzten vier Jahren eine Entwicklung zu wachsendem Verständnis gibt. Wenn man heute zum Beispiel mit den Leuten im Europäischen Parlament spricht, stellt man fest, daß vielmehr von ihnen interessiert sind. Auch nimmt die Kommission der Europäischen Gemeinschaft seit einem Jahr diese Technologie-Frage ernst. Vor ein paar Jahren noch hatte man ein Datenverarbeitungsprogramm, das war gut mit Industrie etc. ausgearbeitet. Die Regierung hat es dann adaptiert. Heute sind solche Programme bereits von sehr allgemeinem Interesse, und auch viele Minister in den Mitgliedsländern oder Kommissäre in der Europäischen Gemeinschaft haben ein persönliches Interesse und suchen technischen Rat. Es gibt da tatsächlich ein zunehmendes Interesse, auch gibt es viel mehr Verbände und Gruppen, auch innerhalb der Gewerkschaften, die ständig fragen und wissen wollen, wie wird sich die neue Informationstechnik auswirken. Aber natürlich gibt es auch viele Mißverständnisse, viele Vereinfachungen. Es ist sehr leicht zu sagen, morgen gibt es die Katastrophe oder morgen wird alles schön. Und diese extreme Haltung kommt auch von der neuen Diskussion in der Öffentlichkeit. Es ist sehr wichtig, daß wir die Füße auf dem Boden behalten und die Sachen zu einem guten und praktischen Verständnis bringen.