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16.02.1996 - 

IT-Normung/Anwenderinteressen sollen gewahrt bleiben

Normungsgremien wollen mehr De-facto-Standards aufgreifen

Von Ulrich Hartmann*

Zur Zeit findet eine Abstimmung mit den Fuessen statt: Immer mehr Konsortien und Foren werden gegruendet, in denen Hersteller gleicher Interessenlage rasch Spezifikationen erarbeiten und haeufig auch gemeinsame Pilotprojekte durchfuehren oder Testspezifikationen entwickeln. Solche Spezifikationen werden nicht selten Grundlage erfolgreicher Produkte.

IT-Normung wird damit in Nischenbereiche gedraengt, wo der Zeitfaktor nicht so entscheidend ist oder aus rechtlichen Gruenden Normen erforderlich sind. Das eigentliche Marktgeschehen hingegen folgt haeufig den De-facto-Standards der Hersteller. Dies ist eine nicht nur aus Sicht der "Berufsnormer" unerwuenschte Entwicklung. Sie fuehrt vielmehr dazu, dass die Interessen einer breiteren OEffentlichkeit hinsichtlich Funktionalitaet, Stabilitaet und Offenheit nur ungenuegend beruecksichtigt werden.

Die internationalen und europaeischen Normungsgremien haben diese Entwicklung erkannt. Sie suchen nach Auswegen. Grundsaetzlich bieten sich zwei Stossrichtungen an:

-die Beschleunigung des Normungsprozesses, also die Abkuerzung der Abstimmungsfristen, und

-die Nutzung "fremder" Arbeitsergebnisse.

Eine Beschleunigung kann beispielsweise durch Verschaerfung der Regularien erzielt werden. Durch E-Mail oder das World Wide Web (WWW) lassen sich Abstimmungsfristen verkuerzen.

Die Normungsgremien arbeiten schon deutlich schneller. Der Beschleunigung sind jedoch Grenzen gesetzt, weil eine ausreichende Beteiligung von "OEffentlichkeit" zu gewaehrleisten ist und weil dabei das Konsensprinzip, also auch die angemessene Beruecksichtigung von Minderheitenvoten, eine wichtige Rolle spielt. Im folgenden steht daher der zweite Loesungsansatz, naemlich die Nutzung "fremder" Arbeitsergebnisse in der Normung, im Vordergrund.

Mittlerweile hat sich eine Reihe von Konsortien und Foren gebildet, von denen einige auch einer breiteren OEffentlichkeit bekannt sind, zum Beispiel X/Open, ATM Forum, Davic etc. Diese Gruppierungen entwickeln technische Spezifikationen, die als Grundlage fuer Produktentwicklungen der Mitglieder dienen beziehungsweise dienen koennen.

Es liegt nahe, das hier vorhandene Know-how zu nutzen. Davon profitieren alle:

-Die Normungsgremien machen sich fortschrittliche Technologie zu einem fruehen Zeitpunkt zu eigen und verbessern damit auch ihr etwas ramponiertes Image.

-Anwender erlangen durch Bezug auf fortschrittliche Normen groessere Investitionssicherheit auch in hochinnovativen Bereichen.

-Konsortien und ihre Mitglieder werden aufgewertet, wenn ihre Arbeitsergebnisse in offfizielle Normen einfliessen.

Andererseits darf Normung aus wettbewerbsrechtlichen Gruenden nicht dazu fuehren, dass einzelne daraus besondere Vorteile ziehen. Wenn sich also die Normierer die Arbeitsergebnisse solcher Konsortien zunutze machen wollen, muesssen sie dabei mit der gebuehrenden Sorgfalt vorgehen. Grundsaetzlich bestehen jedoch gegen die Normung von geeigneten oeffentlich verfuegbaren Spezifikationen keine Bedenken.

Im Sprachgebrauch der Normungspolitik hat sich der Begriff PAS (Publicly Available Specification) fuer eine Kategorie von technischen Spezifikationen eingebuergert, die gewisse Kriterien der Offenheit und Akzeptanz erfuellen. Sowohl das internationale informationstechnische Normungsgremium ISO/IEC JTC 1 (Joint Technical Committee 1) als auch die europaeischen Komitees CEN, Cenelec und ETSI haben nun Verfahren festgelegt, wie solche PAS in internationale beziehungsweise europaeische Normen ueberfuehrt werden koennen. Am Beispiel JTC 1 wird dieser Prozess nachstehend beschrieben.

ISO/IEC JTC 1 hat im Oktober 1994 einen Prozess zur Transposition von PAS in internationale Normen beschlossen. Dabei waren gegenlaeufige Forderungen in Einklang zu bringen: Die in ISO/IEC ueblichen hohen Qualitaetsanforderungen und die Schutzrechte (Intellectual Property Rights = IPR) sollten beibehalten, unnoetig komplexe, die Konsortien abschreckende Prozeduren aber vermieden werden. Der beschlossene Prozess laesst sich in folgenden Schluesselbegriffen beschreiben.

-Publicly Available Specification (PAS): Wenn eine technische Spezifikation gewisse Kriterien erfuellt, die sie fuer die moegliche Umsetzung in eine internationale Norm geeignet machen, wird sie PAS genannt.

-PAS Originator heisst eine Organisation, die eine PAS entwickelt hat und folglich die Rechte an ihr besitzt. Hinsichtlich der Organisationsform gibt es keinerlei Vorschriften.

-Recognized PAS Submitter: Ein PAS Originator kann bei ISO/ IEC JTC 1 die Anerkennung als PAS Submitter beantragen. Einmal erteilt, ist dieser Status fuer die Dauer von zwei Jahren gueltig mit der Moeglichkeit der Verlaengerung. Er verleiht das Recht, PAS zur Umsetzung in internationale Normen vorzulegen.

-Explanatory Report: Ein Explanatory Report liefert alle Informationen, die notwendig sind, um eine zum Zwecke der Transposition vorgelegte PAS zu erlaeutern. Ein PAS-Originator, der eine Spezifikation praesentieren moechte, beantragt beim Sekretariat von ISO/IEC JTC 1 die Anerkennung als PAS-Submitter. Der Antrag soll insbesondere Aussagen zu den organisationsbezogenen PAS-Kriterien (siehe unten) enthalten. UEber ihn stimmen die nationalen JTC-1- Mitgliedsorganisationen ab.

Sobald ein PAS-Originator anerkannt ist, kann er PAS-Vorlagen beim JTC 1 einreichen. Ihnen muss jeweils ein Explanatory Report beiliegen, der vor allem Aussagen hinsichtlich der dokumentbezogenen Kriterien (siehe unten) macht. Format und Stil der PAS selbst werden von JTC 1 nicht vorgeschrieben.

Die Abstimmung ueber die Umsetzung einer PAS in eine internationale Norm folgt den ueblichen JTC-1-Regeln. Die Gesamtdauer der Umsetzung einer PAS in eine internationale Norm haengt vom Grad der Akzeptanz ab und duerfte etwa ein Jahr betragen, verglichen mit typischerweise zwei bis drei Jahren fuer die Entwicklung einer Norm in einem Komitee der Normungsorganisationen.

JTC 1 hat Kriterien aufgestellt, anhand derer darueber entschieden wird, ob eine bestimmte Organisation als PAS-Submitter anerkannt werden und ob eine bestimmte Spezifikation fuer die Umsetzung in eine internationale Norm in Betracht kommt. Diese Vorgaben haben eher den Charakter einer Checkliste als den eines Katalogs von mit "ja" oder "nein" beantwortbaren Fragen. Sie sollen dazu dienen, fuer die Abstimmungsprozesse alle noetigen Informationen bereitzustellen.

Der erste Submitter und die Perspektiven

Die PAS-Kriterien werden in zwei Kategorien eingeteilt. Einige davon, zum Beispiel die Schutzrechte, gehoeren zwar ueberwiegend zu einer Kategorie, sind aber auch fuer die andere relevant:

-Organisationsbezogene Kriterien: moegliche Zusammenarbeit mit JTC 1; Charakteristika der Organisation, insbesondere hinsichtlich Offenheit; Schutzrechte, also vor allem Patente, Copyright, Warenzeichen.

-Dokumentenbezogene Kriterien: Qualitaet; Konsens und Anerkennung im Markt; Grad der UEbereinstimmung mit internationalen Normen.

Seit Oktober 1995 ist X/Open als erster PAS-Submitter von ISO/IEC JTC 1 anerkannt. Damit hat X/Open also das Recht, seine Spezifikationen unmittelbar bei JTC 1 zum Beschluss als internationale Normen einzureichen. Andere Organisationen bereiten gegenwaertig ihren Antrag auf Anerkennung vor. Mit der Vorlage erster PAS zur internationalen Normung ist in diesem Jahr zu rechnen.

Zur Beratung und Unterstuetzung von Konsortien in Fragen der PAS-Transposition haben die Mitgliedsorganisationen von JTC 1 sogenannte PAS-Mentoren benannt. Damit soll Interessenten die Scheu vor der Kontaktaufnahme mit den gelegentlich als unflexibel und buerokratisch angesehenen Normungsorganisationen genommen werden.

Mit der UEberfuehrung von PAS in Normen betreten die Organisationen Neuland. Die naechste Zeit wird erweisen, ob der gewaehlte Ansatz den Beduerfnissen der Marktbeteiligten ausreichend entgegenkommt. Die PAS-Transposition ist ein Angebot, auch auf hochinnovativen Gebieten wie der Informations- und Kommunikationstechnik Normung zu betreiben. Sie ist sicher nicht auf alle Normungsaspekte anwendbar, aber sie stellt eine Bereicherung des Instrumentariums dar. Dieses wird in Kuerze noch ergaenzt werden um die Moeglichkeit, in besonderen Faellen auf solche PAS normativ Bezug zu nehmen statt sie selbst in Normen zu ueberfuehren.

Andere, noch viel weiter reichende Instrumentarien zur Verbesserung der Marktnaehe und Effizienz der Normungsarbeit werden gegenwaertig in Europa eingefuehrt. Dazu gehoert die Trennung von Anforderungs- und Entwicklungsprozess: Eine ausserhalb der Normungsgremien angesiedelte High Level Strategy Group on ICT Standardization (HLSG) formuliert die Anforderungen. Erarbeitung und Ratifizierung von Normen erfolgen in den ueblichen Gremien.

Die europaeischen Normungsgremien CEN, Cenelec, ETSI und andere Spezifikationsentwickler (zum Beispiel X/Open, ATM Forum, ECMA) haben ein ICT Standards Board gegruendet, um ihre Entwicklungen zu koordinieren und Doppelarbeit zu vermeiden (ICT = Information and Communication Technology).

Bleibt zu wuenschen, dass all diese Initiativen die Resonanz finden, die sie verdienen, dass ihnen auch von den Anwendern die Akzeptanz gewaehrt wird, die diese letztlich selbst einfordern.

*Ulrich Hartmann, Siemens AG, Muenchen, Bereich Gewerblicher Rechtsschutz und Normen. Der Autor nimmt in Deutschland im Auftrag des Deutschen Instituts fuer Normung (DIN) und seines Normenausschusses Informationstechnik (NI) die Aufgabe eines PAS-Mentors wahr.

Kurz & buendig

Viele IT-Anbieter und -Anwender empfinden die offiziellen Normungsgremien als zu langsam. Deshalb haben sich Herstellerforen wie die X/Open oder das ATM-Forum gegruendet, deren neuerdings als Publicly Available Specifications (PAS) bezeichnete Vereinbarungen sich oft als De-facto-Standards durchsetzen. Dabei besteht allerdings die Gefahr, dass die Interessen der Anwender hinter denen der Hersteller zurueckstehen muessen. Normungsgremien wie die ISO/ IEC JTC 1, CEN, Cenelec und ETSI haben daher ein Verfahren erarbeitet, das es ermoeglichen soll, die PAS rasch in offizielle Normen einfliessen zu lassen, dabei aber den oeffentlichen Interessen gerecht zu werden.