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19.02.1999 - 

Notfall 2000/Wie sich Hamburg auf den Ernstfall 2000 vorbereitet

Notfalls gibt's die Sturmflutwarnung wie früher durch Böllerschüsse

Von Ludwig Mertens Obwohl sich Hamburger Behörden und Institutionen zum Teil erst seit wenigen Monaten intensiv mit dem Datumswechsel befassen, fühlen sie sich gut für das Jahr 2000 gerüstet. Doch Integrationstests stehen noch aus, Notfallpläne sind bislang kaum erstellt. Und daß es in einigen Bereichen zu Fehlfunktionen kommt, wird inzwischen nicht mehr ausgeschlossen.

Eine Sturmflut Anfang Januar ist in Hamburg nicht gerade ungewöhnlich. Behörden und Einsatzkräfte sind für diesen Fall normalerweise gut gerüstet. Doch was passiert, wenn Energie- und Wasserversorgung, Telekommunikation, Rundfunk oder Notrufdienste durch einen Jahr-2000-Fehler versagen?

"Die Wasserstandsmeldungen aus der Elbmündung können wir notfalls manuell bearbeiten." Heinz Kosak, Pressesprecher des Amtes Strom- und Hafenbau, gibt sich hanseatisch gelassen. Seine Behörde ist zuständig für die gesamte Infrastruktur des Hafens - vom Betrieb der Hafenbahn über die Radarkette für die Schiffsnavigation bis zum Hochwasserschutz. Auch das Warnen der Anwohner sei kein Problem, selbst wenn das Radio stumm bliebe. Kosak: "Sturmfluten werden hier seit Menschengedenken durch drei Böllerschüsse angekündigt."

Nach heutigem Stand ist nicht auszuschließen, daß die mittelalterlichen Warnsignale lebensnotwendig werden könnten. So befaßt sich Strom- und Hafenbau erst seit Mitte 1998 ernsthaft mit dem Jahr-2000-Problem. "Wir haben viel um die Ohren", gibt Kosak zu. Zum Beispiel stehen Tests der Radaranlagen noch aus.

Erst 25 Prozent der Umstellungsarbeiten im Zuständigkeitsbereich der Behörde sind bis heute erledigt. Zahlreiche Komponenten, darunter Embedded Systems in Schiffen, Bahnanlagen, Kraftwerken, Hubbrücken, Aufzügen, Signalanlagen etc. müssen noch überprüft und möglicherweise ersetzt werden. Von Notfallplänen will die Behörde jedoch zur Zeit nichts wissen, denn das Ziel steht fest: Im Herbst 1999 soll alles Jahr-2000-sicher sein.

Vorsichtshalber wird es aber beim Amt Strom- und Hafenbau um den Jahreswechsel Urlaubssperren geben. Kosak: "Was geschieht, wenn ein Öltanker die Elbe hochfährt und das Radar ausfällt? Da müssen wir uns noch was überlegen."

Jörn Riedel, Abteilungsleiter im Amt für Organisation und zentrale Dienste der Finanzbehörde, verwaltet das Budget der Hansestadt für die Umstellung der gesamten DV und kontrolliert den Projektfortschritt in den einzelnen Behörden. Seit 1996 wird hier an dem Problem gearbeitet. Eine wahre Sisyphusarbeit: Elf Fachbehörden sowie zahlreiche Ämter und Dienststellen mit komplex geregelten Zuständigkeiten und diffizilen Abhängigkeiten werden auf den Tag X vorbereitet.

26000 DV-Arbeitsplätze und ein IBM-Großrechner sind hardwareseitig zu überprüfen. Im Bereich Anwendersoftware wurden 940 möglicherweise gefährdete Komplexe identifiziert. 324 befinden sich noch in der Überwachung, darunter 99 als "umfangreich und komplex" eingestufte Anwendungen.

Für die Umstellung der DV in der Verwaltung stehen Riedel 20 Millionen Mark zur Verfügung, davon zwei Millionen für externe Dienstleister und 6,6 Millionen für Investitionen in Hard- und Software. Der Rest wird für die rund 80 Personenjahre benötigt, die das eigene Personal in die Umstellung investieren muß.

"Verglichen mit Großunternehmen sicher ein geringer Betrag", meint Riedel. Jedoch müsse man bedenken, daß die DV in den Behörden relativ spät Einzug gehalten habe, so daß die Systeme noch verhältnismäßig jung und weniger anfällig für den Jahrtausend- Fehler seien.

"Die Analysephase ist nahezu beendet", schildert Riedel den Stand der Dinge. Rund 40 Prozent der Umstellungsprozesse sind bislang erledigt, erste Tests haben begonnen: "Auf dem IBM-Host haben wir einen virtuellen Jahr-2000-Rechner eingerichtet, über den alle Anwendungen gejagt werden."

Insbesondere beim Kassenverfahren geht man in der kaufmännisch geprägten Hansestadt auf Nummer Sicher. Es wird als behördenübergreifendes Querschnittsverfahren in seiner Gesamtheit geprüft - vom Ausstellen des Bußgeldbescheids bis zur Buchung der Zahlung, vom Antrag auf Wohngeld bis zur Überweisung der Beträge.

Noch lägen alle Einzelprojekte "im grünen Bereich", sollen alle kritischen Bereiche bis zum Sommer umgestellt und sicher sein. Jedoch wurden inzwischen Prioritäten gesetzt, so zum Beispiel auf die finanztechnisch wichtige Haushaltsplanung. Riedel schließt nicht aus, daß weniger bedeutende Bereiche in Verzug geraten können, falls bei den Tests größere Probleme auftreten und der Zeitplan nicht zu halten ist. Der Jahr-2000-Controller rechnet mit allem: "Es ist einfach unmöglich, alle Risiken hundertprozentig zu erfassen."

Für wichtige Verfahren liegen Notfallpläne in der Schublade oder sollen noch erarbeitet werden. Im Falle eines Falles will man Vorgänge wie die Auszahlung der Sozialhilfe oder die Ausstellung verschiedener Dokumente relativ schnell wieder manuell bearbeiten.

Mit Bedrohungen, die von außen auf die Verwaltung zukommen könnten, befaßt sich der Katastrophenstab der Stadt. Der Sprecher der zuständigen Innenbehörde gibt sich jedoch bedeckt. "Wir überlegen, was alles passieren kann. Das Szenario einer Sturmflut am 1. Januar 2000 spielt dabei durchaus eine Rolle." Man habe bereits mit der Bundeswehr Kontakt aufgenommen, aber noch nichts Konkretes vereinbart.

Die 2300 Hamburger Feuerwehrleute sind in Katastrophenschutz und Sturmflutbekämpfung eng eingebunden. Eine vierköpfige Arbeitsgruppe unter Oberbrandrat Wolfgang Lindner hat es seit September 1998 mit der Jahreszahlenumstellung zu tun. "Das Einsatzlenkungssystem ist neu und deshalb unkritisch", meint Lindner. Doch es könnten Fahrzeuge und Geräte, Notstromaggregate und das Funksystem betroffen sein. Tests stehen hier noch aus, dennoch soll bis Mitte des Jahres alles sicher sein.

Die Notfallplanung der Feuerwehr - ebenfalls noch nicht abgeschlossen - wird verschiedenste Szenarien umfassen. Auf jeden Fall wird die Personal- und Materialbereitschaft in der Silvesternacht sehr stark erhöht. Auch die Kraftstoffvorräte will Lindner aufstocken, um kein Risiko einzugehen.

Der Wasserversorgung traut der Jahr-2000-Feuerwehrmann ebenfalls nicht: Alle Hamburger Feuerwachen werden in diesem Jahr spezielle Übungen absolvieren, in denen das Ansaugen von Löschwasser aus Flüssen und Teichen gedrillt wird. Weitere Szenarien sehen vor, Notstrom aus Dieselaggregaten in Kliniken und sicherheitssensible Unternehmen einzuspeisen und gegebenenfalls ganze Krankenhäuser zu evakuieren.

Auch für den Fall, daß das Telefonnetz ausfiele, gibt sich die Feuerwehr nicht geschlagen: Man könne, so Lindner, ein spezielles Kabelnetz verlegen oder notfalls ganz auf personengestützte Meldesysteme umsteigen.

Und was geschieht, wenn der städtische Verkehr zusammenbricht und die Anfahrt der Feuerwehr verhindert? Die Baubehörde, Betreiber der rund 1650 Hamburger Ampelanlagen, schließt das kategorisch aus. Denn 80 Prozent der Anlagen sind noch relaisgesteuert; die Mikroprozessoren der restlichen 300 werden derzeit getestet und - falls erforderlich - bis spätestens Sommer umgerüstet.

Auch einige der elf zentralen Verkehrsrechner benötigen ein Update, das sie in Kürze erhalten sollen. Verkehrsrechner und Ampelanlagen verfügen über eine Notstromversorgung, und sollte die zentrale Steuerung ausfallen, spulen die Ampeln ein Standardprogramm ab. Allerdings: Urlaubssperren wird es auch in der Baubehörde geben.

Geht es nach den Hamburger Wasserwerken, die rund zwei Millionen Verbraucher beliefern, ist die Sorge der Feuerwehr unbegründet. Seit über einem Jahr befaßt sich dort eine Arbeitsgruppe mit der Lösung des Jahr-2000-Problems. Momentan wird noch analysiert und umgestellt, erste Tests haben bereits stattgefunden.

Simulationen für die Wasserversorgung und den kaufmännischen Bereich sind im April geplant, danach sollen gegebenenfalls weitere Umstellungsarbeiten erfolgen. Dabei soll der Jahreswechsel in den SPS-basierten Steuereinheiten der 19 Wasserwerke lediglich in einem Werk simuliert werden. Man nimmt in Kauf, daß sich eventuell einige "unkritische" DV-Anwendungen in der Verwaltung nicht mehr rechtzeitig umstellen lassen.

Trotzdem ist man sicher, daß am 1. Januar 2000 das Wasser in ganz Hamburg fließen wird. Urlaubssperren wird es hier ebenfalls geben, und Notfallpläne existieren sowieso: Die Wasserwerker könnten ihre Anlagen bei einem Ausfall der Elektronik auch per Hand fahren. Es bleibt nur ein Risiko: Fließt kein Strom, fließt kein Wasser. Denn es gibt kaum Hochbehälter in Hamburg, und die Pumpen im Rohrnetz haben keine Notstromversorgung.

Dem Jahr-2000-Problem wollen die Manager der Hamburgischen Electricitätswerke (HEW) mit professionellem Projekt-Management zu Leibe rücken. "Schließlich sind wir keine Behörde", betont Mario Spitzmüller, Pressesprecher des seit einigen Jahren unabhängig agierenden Stromgiganten.

Das Unternehmen nimmt in der öffentlichen Infrastruktur und damit in der Jahr-2000-Problematik eine Schlüsselposition ein. "Der Strom wird im Jahr 2000 durchgehend fließen", verspricht Spitzmüller den 1,7 Millionen Hamburgern.

Doch ähnlich wie bei den Behörden hat man das Problem lange Zeit verdrängt. "Eine unternehmensweite Sensibilisierung findet erst seit Mitte 1998 statt", räumt Spitzmüller ein. Damals hat das Unternehmen für jeden der 13 Geschäftsbereiche Jahr-2000- Beauftragte ernannt sowie ein Kernteam aus 30 Mitarbeitern eingerichtet, das die Datumsumstellung koordinieren soll und direkt an den Vorstand berichtet. Alle erforderlichen Aktivitäten sind in einem minutiösen Projektplan erfaßt.

Vorstandsassistent Niels Stahlke ist Mitglied des Kernteams und kennt den Projektstand: "Die Analyse wurde Ende 1998 abgeschlossen." Resultat ist eine spezielle Datenbank mit 4000 unterschiedlichen Systemen und Komplexen - von der Hard- und Software über die Leittechnik, Mikroprozessoren und Geräte bis hin zu datumsrelevanten Verträgen. Rund ein Drittel dieser Objekte hat "essentielle" Priorität für das Unternehmen, ein weiteres Drittel gilt als wichtig.

"20 Prozent der Systeme sind geprüft und Jahr-2000-konform. Bei weiteren 20 Prozent warten wir auf Angaben der Hersteller", so Stahlke. 40 Prozent gelten als unkritisch, die restlichen 20 Prozent müssen noch geprüft werden. Der Projektplan sieht vor, die Umstellungsarbeiten und Einzeltests bis März abzuschließen und spätestens im Sommer Integrationstests zu fahren. "Am 31. August 1999 soll alles erledigt sein", hofft Stahlke.

Weiter ist man in der zentralen DV. Betrieben wird ein IBM-Host 9672 mit 2300 Workstations und 150 Servern. Stahlke: "Von den 800 Systemen, die darauf laufen, sind 50 Prozent überprüft und umgestellt."

Im Brennpunkt stehen die vier Kernkraftwerke im Hamburger Umland, an denen die HEW beteiligt sind. Für die Leittechnik gebe es Garantien der Hersteller. Zudem seien die Kernkraftwerke nicht digital gesteuert, sondern analog und deshalb unkritisch. Warum aber verweist der Strom-Manager an dieser Stelle für genauere Auskünfte an das Kieler Energieministerium?

Notfallpläne gibt es noch nicht, sind aber vorgesehen. Stahlke weist zudem auf die Jahr-2000-Zertifizierung durch den TÜV Rheinland hin, die die HEW als erster deutscher Energieversorger im Januar erhielt. "Sie bestätigt natürlich nicht, daß wir jetzt schon fit für den Datumswechsel sind", erklärt Stahlke. "Das Zertifikat besagt, daß wir professionell vorgehen und das Ziel mit höchstmöglicher Wahrscheinlichkeit erreichen werden."

Der Vorstandsassistent wird Silvester vor Ort sein, erwartet aber eine ruhige Nacht. Hoffentlich wird er nicht durch schlechte Nachrichten aus Fernost gestört: "Wir werden mit Energieversorgern in Japan und Australien in Kontakt stehen", erläutert Stahlke. "Wenn an der Datumsgrenze etwas schiefläuft, sind wir zehn Stunden vorher gewarnt.

Vorhang auf zum letzten Akt

Das Jahr 2000 steht auch auf dem Spielplan der staatlichen Hamburger Theater. Die DV wurde bereits umgestellt, die Bühnentechnik gilt noch als kritisch. Gewißheit soll ein Livetest verschaffen. Während der Theaterferien im Sommer wird das ehrwürdige Hamburger Schauspielhaus eine ungewöhnliche Welturaufführung erleben: Das Jahr 2000 wird auf die Bühne gebracht. Doch kein Weltuntergangsszenario steht auf dem Spielplan, sondern ein kompletter Durchlauf eines modernen Spektakels mit dem feinsinnigen Titel "Schlachten!".

Nervenkitzel ist garantiert: Die Systemuhren in DV und Bühnentechnik werden 23 Uhr am 31.12.1999 anzeigen. "Wir wollen ganz sicher gehen, daß auch im Jahr 2000 der Vorhang aufgeht und die gesamte Technik funktioniert", erläutert Rainer Bogsch die skurrile Inszenierung. "Selbst die Sprinkleranlage ist aus versicherungsrechtlichen Gründen in den Test einbezogen."

Bogsch ist Geschäftsführer des gemeinsamen Rechenzentrums der Hamburger Staatstheater und Herr über einen AS/400-Host mit einem Netzwerk von 100 Clients. Staatsoper, Schauspielhaus und Thalia- Theater wickeln damit unter anderem die gesamte Ticketbuchung, die Finanzbuchhaltung sowie die Lohn- und Gehaltsabrechnung für etwa 2000 Mitarbeiter und zahlreiche Honorarkräfte ab. Die Datumsumstellung wurde Ende 1998 abgeschlossen.

Der Zentralrechner stammt aus dem Juni 1998, IBM gibt eine Jahr- 2000-Garantie darauf. Die Clients wurden mit neuen Betriebssystemen, teilweise mit neuen Motherboards aufgerüstet. Auf der Anwendungsseite wurden die Lohn- und Gehaltsoftware "Paisy" und die Finanzbuchhaltung "Orgaratio" in Zusammenarbeit mit den Herstellern fit gemacht.

Die exotische Ticketsoftware "Muethos" (Münchner Theater- Organisationssoftware) gibt es nur zweimal in Deutschland; die Theaterinformatiker haben sie in Eigenarbeit abgeklopft. Auf externe Dienstleister konnte verzichtet werden, der Gesamtetat betrug 300 000 Mark.

Nur die Bühnentechnik bereitet Bogsch noch Probleme: "Wir haben die betroffenen Abteilungen rechtzeitig informiert, aber die erkennen das Problem noch nicht so ganz." Momentan laufen Anfragen an die Hersteller der teilweise 15 Jahre alten Licht- und Tonsysteme und Bühnenmaschinerie.

Bogsch geht davon aus, daß einiges ausgetauscht werden muß. Letzte Gewißheit soll dann der Test in den Ferien bringen. "Vorher geht es nicht, denn der Betrieb läuft sieben Tage die Woche rund um die Uhr."

Daß an den Hamburger Bühnen nichts schiefgehen wird, glaubt Bogsch sicher vorhersagen zu können. Den Banken traut er allerdings nicht: "Ich werde rechtzeitig vor Silvester genügend Geld abheben." Verschmitzt fügt er hinzu: "Zum Glück bekommen Beamte ihr Januargehalt schon Mitte Dezember." Na, dann toi, toi, toi!

Angeklickt

Keine Schönfärberei. Offen bekennen einige wichtige Institutionen in Hamburg, daß sie sich erst spät um das Problem 2000 gekümmert haben. Jetzt laufen die Arbeiten unter Hochdruck. Doch die meisten Verantwortlichen möchten nicht ausschließen, daß die Zeit und die Mittel eventuell nicht reichen, daß es Probleme geben könnte. Allerorten existieren Notfallpläne. Und für den Fall der Fälle sehen diese Handarbeit vor.

Ludwig Mertens ist freier Journalist in Hamburg.