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28.01.2000 - 

Ein augenzwinkernder Ausblick auf die Zukunft des IT-Managements

Notfalls posieren die Verwalter der Weisheit nackt im Web

MÜNCHEN (CW) - Am Anfang eines neuen Jahres richtet sich das Augenmerk gern auf die Zukunft - vor allem, wenn es mit einer neuen Anfangsziffer beginnt. Auch Thomas Davenport* riskierte für die CW-Schwesterpublikation "CIO" einen nicht immer ernst gemeinten Blick in die Glaskugel. Hier sein Orakel.

Die Zukunft, so wie ich sie sehe, hängt von den Antworten auf gewisse Fragen bezüglich Information, IT und Geschäft ab. Diese Fragen sind derart heikel, dass alle Wetten hinfällig würden, wenn die Bürger eines angenommenen "Zukunftsstaates" sie anders beantworteten als ich. Außerdem werde ich offen lassen, in welchem Zeitrahmen ich Anworten auf diese Fragen erwarte. Sollten Sie das hier in 20 Jahren lesen, und meine Vorhersagen sind immer noch nicht eingetroffen, so üben Sie sich einfach in Geduld und warten Sie noch ein wenig. - Ganz schön clever, diese Strategie, nicht wahr? Und das sind meine Fragen:

?Wird es die Rolle des CIO immer und ewig geben?

Nein, das glaube ich nicht. An der Wende zum letzten Jahrhundert gab es Vice Presidents für Elektrifizierung, die dafür verantwortlich zeichneten, wie Elektrizität in ein Unternehmen eingeführt wurde. CIOs benötigten wir, um Computer in die Unternehmen zu bringen. Aber so etwas ist nicht von Dauer. Wir werden immer noch Leute brauchen, die den Firmenbesitz an Informationen und geistigem Reichtum verwalten. Aber ihr Titel lautet Chief Knowledge Officer oder Senior Vice President of Organizational Learning and Intelligence. Die meisten Zuhörer finden das Wort "Wissen" interessanter als "Informationen". Nun, dann werden wir wohl in einigen Jahren "Weisheit" verwalten. (Auf alle Fälle überlege ich, ob ich nicht ein Copyright auf den Begriff "Wisdom Management" beantragen soll.)

?Werden wir künftig weniger Technologie kaufen?

Sicher! Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Nur wenig von dem, was wir tun, erfordert die Mächtigkeit der verfügbaren Technologie. Zudem werden die Mikroprozessoren wohl irgendwann ihren unaufhaltsamen Marsch einstellen, der sie dem Ziel, alle Berechnungen der Welt innerhalb von 14 Nanosekunden erledigen zu können, ständig näher bringt. Wenn die Schaltkreise nicht mehr kleiner oder schneller werden können, haben wir viel weniger Gründe, sie zu kaufen.

?Wer wird die Computer und Netze betreiben?

Outsourcing hat im vergangenen Jahrzehnt mal ab-, mal zugenommen. Auf lange Sicht wird es unausweichlich die Regel sein, denn das beste Rechenzentrum oder das beste verdammte Netz zu betreiben bringt kaum Wettbewerbsvorteile. "Netsourcing", sprich: die Bereitstellung von IT-Anwendungen über das Internet oder andere Netze, wird diesen Trend noch beschleunigen (trotz seiner ungeheuren Ähnlichkeit mit dem Timesharing!). Die Idee, ein eigenes Rechenzentrum zu betreiben, gilt in wenigen Jahren als genauso verschroben wie die, ein eigenes Kraftwerk zu besitzen. Was mich betrifft, so halte ich es für eine gute Sache, dass wir bald die allerletzten IT-Kollegen sehen, die mit Schraubenziehern in ihren Jackentaschen durch das Unternehmen wandern.

?Was wird unsere Arbeit strukturieren?

Zweifellos sind die Computer in zunehmendem Maße fähig, uns die Informationen und das Wissen zu präsentieren, die wir für unsere tägliche Arbeit brauchen. Je weniger kreativ die Tätigkeit, um so wahrscheinlicher ist das heute schon der Fall. Beispielsweise wird die Arbeit für die Mehrzahl der Telemarketing-Beschäftigten mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits durch ein Drehbuch strukturiert, das vom Computer vorgegeben wird. Wenn sich daran nichts ändert, wird dieser Prozess demnächst auch die Arbeitsleben von Börsenmaklern, Kundendienstmitarbeitern, ja sogar Systemanalysten und Managern strukturieren. Das macht den Arbeitsprozess sicher effizienter. Aber ich hätte es schlicht und einfach nicht so gern, wenn ein Computer mir Anweisung gäbe, was ich als nächstes tun soll. Ich mag es, ihn als Werkzeug zu benutzen. Doch Generalunternehmer, Informationsintegrator und Kontrollprogramm, das bin ich lieber selbst.

?Werden wir dank der Technologie länger oder kürzer arbeiten?

Als Optimist, der ich immer bin, entscheide ich mich für kürzer. Bald werden wir feststellen, so glaube ich, dass uns die Informationstechnik bis jetzt nur hat länger arbeiten lassen. Im Unterschied zu den klügeren Europäern haben wir Amerikaner die Früchte unserer Produktivitätsgewinne nicht in Form von Freizeit, sondern als ein Mehr an Konsum genossen. In der Folge mussten wir noch schwerer arbeiten, um die Rechnungen dafür zu begleichen. Und die IT war unser williger Partner. Sie erlaubte es uns, zu jeder Tages- und Nachtzeit zu arbeiten - zu Hause, im Urlaub und im Auto. Heute verbringen wir mehr Stunden bei der Arbeit als jede andere Nation auf Erden. Sollte es im Leben nicht noch etwas anderes geben?

?Wird sich die IT weiterhin so schnell entwickeln?

Wohl nicht. Ich denke, wir erleben gerade eine Zeit, in der die IT einen erstaunlichen Lauf hat. Aber für gewöhnlich verschiebt sich die Energie von einer Technologie zur nächsten. Das Geld und Talent, das die IT vorantreiben, wird möglicherweise zu einer anderen Technologie abwandern: zu Biologie, Werkstoffen, Ackerbau oder höchstwahrscheinlich zu irgendeiner Kombination aus all dem.

?Wird der Internet-Hype jemals enden?

Ja, dem Himmel sei Dank - aber nur bis zu einem gewissen Grad. Alle großen neuen Technologien wurden in ihrer Anfangszeit von allzu heftiger Begeisterung begleitet, bis dann plötzlich etwas anderes daher kam. Jetzt schon gilt als ausgemacht, dass E-Business ganz einfach ein gutes Geschäft ist. Allerdings gibt es einen wichtigen Faktor, der das Intenet und das Web auf den Titelseiten hält: das hochgradig unausgewogene Verhältnis von Information und menschlicher Aufmerksamkeit. Meiner Ansicht nach wird es darauf hinauslaufen, dass die Leute und die Unternehmen im Web ständig interessante Dinge tun, um von uns beachtet zu werden. Wenn die Besucherzahlen abnehmen, werden einige CIOs ohne jeden Zweifel gezwungen sein, auf ihren Sites nackt zu posieren, um von sich reden zu machen.

?Welche Informationstechniken bestimmen die Zukunft?

Mein Geld habe ich in unterhaltungsorientierte Technologien gesteckt. TV und Internet nähern sich einander an, und Sie wissen, was mit serösen Informationen im Fernsehen geschieht. Wir werden lebensechte Videosimulationen und begehbare Virtual-Reality-Umgebungen für richtig wichtige Informationen verwenden. Und die viele Zeit, die Ihre Kinder damit zugebracht haben, auf dem Nintendo zu spielen, ist auf einmal sinnvoll verwendet.

?Wie werden personenbezogene Informationen verwaltet?

In den vergangenen Jahren habe ich Filme gesehen, die darstellen, wie in einer nicht allzu fernen Zukunft böswillige Unternehmen oder Regierungen viel zu viel über Individuen wissen, und wie sie deren Leben nach Gutdünken manipulieren können. Als ich mir diese Streifen so anschaute, dämmerte mir plötzlich, dass es dieser Vision ganz und gar nicht an Plausibilität mangelt. Tatsächlich könnten all diese Akte der Persönlichkeitsinvasion heute erfolgreich vollzogen werden - wenn auch langsamer und auf einer niedrigeren Stufe der Integration. Dieses Stück Kino-Futurismus hat mich gelehrt, dass unsere persönliche Freiheit Probleme bekommt, wenn wir nicht die Bremse ziehen. Ich denke, den Unternehmen und Regierungen wird letztlich untersagt werden, aus dem, was sie über uns erfahren, allzu viel zu machen. Selbstverständlich werden einige Gruppen das ingnorieren, was uns auch weiterhin haarsträubende Filme beschert.

?Werden die Unternehmen so organisiert sein wie heute?

So ungefähr. Es wird große Unternehmen geben, die große Projekte organisieren und finanzieren. Aber der Aufstieg des Internet und das kontinuierliche Wachstum wissensbasierter Arbeit werden dazu führen, dass die Arbeitnehmer zumeist freie Agenten sind, die sich den Unternehmen für ein Projekt anschließen und dann ihrer Wege ziehen. Zusammenschließen werden sie sich primär nicht in Unternehmen, sondern eher in "Gilden", also Vereinigungen von Menschen, die ähnliche Arbeiten verrichten.

?Und was wird sich kaum verändern?

Die meisten Dinge! Zum Glück, denn ich mag das Leben, wie es ist. Die Leute werden sich nach wie vor zu bestimmten Gelegenheiten am selben Ort treffen wollen. Sie werden immer noch Spaß haben und Zerstreuung suchen. Sie werden ihre eigenen Wünsche, Hoffnungen und Ziele haben - unabhängig davon, was ihre Organisationen oder ihre Computer ihnen vorschreiben. Sie werden sich mehr um Essen, Kleidung, Schutz und das Wohlergehen ihrer Familien kümmern als um so ziemlich alles andere. Und Computer werden als selbstverständlich hingenommen - einfach deshalb, weil sie überall und in allem sind.

*Thomas Davenport ist Professor für Management-Informationssysteme an der Boston University School of Management und Direktor des Andersen Consulting Institute for Strategic Change. Er ist unter thomas.h.davenport@ac.com erreichbar.