Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

29.01.1993 - 

Thema der Woche/ Die Unix-Branche fuerchtet die Monopolbestrebungen von Bill Gates

Novell kauft USL: Eine Kampfansage an Microsoft

Jahrelang hat die Open-Systems-Industrie um Unix-Standards gestritten. Eifersuechtig wachten die Systemanbieter darueber, dass keiner der Mitbewerber sich einen Vorteil sichern konnte. So blieb der Unix-Markt zwar zersplittert, aber durch die Standardisierungsbemuehungen wurden die Voraussetzungen fuer einen tiefgreifenden Wandel in der Industrie hin zu offenen Systemen geschaffen.

Deutlichstes Zeichen dieser Veraenderung ist, dass sich die von der IBM beherrschte Mainframe-Aera dem Ende zuneigt. Im Zuge dieser Entwicklung versuchen immer mehr Anwender, unter dem Schlagwort Downsizing ihre Grossrechner durch kleinere Rechnernetze zu ersetzen, die in der Regel mit Unix arbeiten. Diesem Trend steht das Upsizing bei den PC-Anwendern gegenueber, das die Anzahl der Netze nicht nur auf lokaler Ebene explodieren laesst. In der Folge verlangen die Kunden heute vor allem nach offenen Techniken fuer das Management heterogener Netz- und Hardware-Umgebungen. Auf genau diese Marktbereiche haben sich die Hoffnungen und Investitionen der Unix-Anbieter konzentriert.

Doch nun schickt sich Bill Gates mit Windows-NT an, die von der Unix-Gemeinde gesaeten Fruechte zu ernten. Das Microsoft-Produkt, das im Laufe dieses Jahres freigegeben werden soll, ist wie Unix als Multiuser- und Multitasking-faehiges Server-Betriebssystem fuer alle Plattformen vom PC bis zum Superrechner positioniert. Darueber hinaus wird NT begrenzt netzwerkfaehig sein, auch wenn es fuer die volle Funktionsfaehigkeit nach wie vor den LAN Manager braucht. Unter dem Schlagwort "Wosa" schliesslich unterstuetzt das Produkt die meisten der im Unix-Umfeld erarbeiteten Schnittstellen-Standards. Kurz: Windows NT zielt auf dieselben Maerkte wie Unix.

Angesichts der Marktposition von Microsoft zweifelt schon jetzt niemand mehr an einem Erfolg des Microsoft-Betriebssystems. Auch USL-Chef Pieper geht davon aus, dass "alle Hersteller und OEMs neben Unix- auch NT-Systeme anbieten werden". Pieper - und nicht nur er - zieht aus dieser Sachlage den Schluss, "dass wir es mit einer Monopolsituation von Microsoft zu tun haben. Es ist deshalb unsere Aufgabe, die besten Firmen und Technologien zusammenzubringen, um eine Alternative dagegenzuhalten".

In dieser Situation habe sich Novell, wie es die Gartner-Group- Analysten Roy Schulte und Bob Gill formulieren, als Retter in der Not angeboten. Ray Noordas Unternehmen beliefert nicht nur das amerikanische Kartellamt (Federal Trade Commission) mit Informationen ueber die monopolistischen Praktiken von Microsoft, sondern tritt auch als Unix-Anbieter gegen Microsofts Windows NT an. Als USL-Eigner ohne eigene Hardware-Interessen will er darueber hinaus den zersplitterten Unix-Markt zumindest auf der Anwendungsebene vereinheitlichen.

Jochen Haink, Geschaeftsfuehrer von Microsoft Deutschland, gibt sich angesichts dieser

Kampfansage gelassen. Fuer ihn ist Novell lediglich ein weiterer Anbieter auf dem uneinheitlichen Unix-Markt, der zudem erst beweisen muesse, wie ernst es ihm mit dem neuen Betriebssystem sei. Haink nennt daher als Hauptkonkurrenten nach wie vor den Ex- Partner IBM und dessen PC-Allierte. Haink: "Das Unternehmen verbuendet sich mit allen, die nicht Microsoft heissen, und empfiehlt den Anwendern ausschliesslich deren Produkte."

Es sind keineswegs selbstlose Motive, die Novell bewogen haben, gegen Microsoft in den Ring zu steigen. Microsoft-Chef Haink bringt die Position seines Mitbewerbers auf den Punkt: "Novell hat eingesehen, dass man ein universelles Betriebssystem braucht, um am Markt eine wirklich wichtige Rolle spielen und gegen Windows NT antreten zu koennen." Genau diese Ueberzeugung habe sein Unternehmen dazu gebracht, Windows NT nicht nur als Rechner-Betriebssystem, sondern auch als netzwerkfaehiges Server-System zu positionieren. Das ist genau der Markt, den Novell zur Zeit mit dem dezidierten Netzwerk-Betriebssystem "Netware" dominiert.

Kanwal Rekhi, Novells Unix-Guru und Executive Vice-President der Interoperability Group, bestaetigt diese Analyse, wenn er sagt: "Fuer uns ist der Besitz von USL und Unix eine Frage des Ueberlebens." Sein erklaertes Ziel ist es deshalb, einen Massenmarkt fuer Unix auf Desktop-Basis zu schaffen.

Der Markt ist da, denn spaetestens seit PC-Prozessoren wie der Pentium in den Leistungsbereich von RISC-Architekturen vordringen, gilt Intel als die bevorzugte Server-Plattform fuer LANs. Nun hat Novell auch das Produkt, denn fast gleichzeitig mit der Bekanntgabe der Uebernahmeabsicht hat USLs und Novells Joint- venture Univel das PC-Unix "Unixware" auf den Markt gebracht. Vermarktet wird es von den Novell-Haendlern, die bereits seit rund einem Jahr im Umgang mit dem Betriebssystem, dem TCP/IP-Protokoll, dem NFS-Filesystem und anderen Unix-Spezifika geschult werden.

Der Schulterschluss mit den PC-Unix-Anbietern

Um dem bei Unix - im Vergleich zu DOS oder Windows - notorischen Mangel an Anwendungen entgegenzuwirken, arbeiten Novell und USL schon seit einiger Zeit zusammen mit dem Mitbewerber Santa Cruz Operation (SCO) an Spezifikationen fuer binaerkompatible Anwendungen. Dazu gehoert auch, dass die Entwicklungswerkzeuge angeglichen werden. Schon jetzt, so versichert SCO-Marketing- Leiter Frank-Michael

Welsch-Lehmann, laufen mehr als die Haelfte der rund 6000 SCO- Applikationen auch auf jedem anderen PC-Unix.

Der Annaeherung der Mitbewerber SCO und Univel geht so weit, dass offenbar sogar die Maerkte aufgeteilt wurden. USL-Chef Roel Pieper berichtet: "Univel und SCO bedienen den Intel-Markt gemeinsam. SCO zielt mehr auf die branchenspezifischen vertikalen und wir auf die generellen horizontalen Maerkte." Die Kooperation soll jedoch nicht, glaubt man dem SCO-Marketier Welsch-Lehmann, in einer Uebernahme durch Novell muenden. Von Novell-Seite war ein klares Dementi entsprechender Geruechte allerdings nicht zu bekommen.

Auch bei Sunsoft uebt man den Schulterschluss. Die Betriebssystem- Tochter von Sun Microsystems, das auf PC-Ebene bereits das Interactive-Unix vermarktet, will noch in diesem Jahr mit Solaris 2 fuer Intel als Mitbewerber von Novell und SCO antreten.

Michael Beier, Senior Account Manager von Sunsoft Deutschland, sieht in der Akquisition vor allem einen Wachstumsschub fuer den gesamten Unix-Markt. Er weiss sich in Uebereinstimmung mit der gesamten Branche, wenn er argumentiert: "Mit Novell nimmt endlich ein finanzstarkes und engagiertes Unternehmen die Unix-Entwicklung in die Hand. AT&T hat andere Ziele vor allem im Telecom-Markt."

In die Kompatibilitaetsgespraeche zwischen USL und SCO ist Sunsoft laut Beier allerdings nicht involviert. Sein Unternehmen setze auf die von den Open-Systems-Gremien Unix International (UI) und Open Software Foundation (OSF) beschlossene Vereinheitlichung der Anwendungsprogrammier-Schnittstellen (APIs), die die Portabilitaet von Unix-Software auf unterschiedliche Plattformen vereinfachen soll.

Bei aller Zustimmung zu der USL-Uebernahme durch Novell formuliert Beier aber auch das Unbehagen der Open-Systems-Anbieter, dass die Unix-Entwicklung jetzt einem Unternehmen mit einer proprietaeren Kultur unterliege. "Deshalb", so erzaehlt er, "haben wir uns mit einer Reihe von Unternehmen wie Silicon Graphics und HewlettPackard zusammengetan, um bei den jetzt anstehenden Gespraechen moegliche proprietaere Tendenzen schon im Vorfeld zu verhindern."

Die Gruppe, die laut Beier 15 Prozent der USL-Aktien haelt, will vor allem darauf dringen, dass die Abkommen ueber die Herausgabe von Sourcecode- und Technologietransfer in keiner Weise geaendert werden.

Glaubt man den Aussagen von Kanwal Rekhi und Roel Pieper, dann wird die Gruppe mit ihren Forderungen offene Tueren einrennen. Beide Manager versprechen, es werde sich an den bestehenden Vereinbarungen vorerst nichts aendern. Was die Unix Laboratories betrifft, so seien sie auch kuenftig als eigenstaendige Einheit unter Roel Pieper fuer die Weiterentwicklung von Unix sowie fuer das OEM-Geschaeft zustaendig. Die Kunden wuerden auf dieselbe Weise beliefert wie bisher. Eine bevorzugte Behandlung etwa fuer Univel oder Novell werde es nicht geben.

Der Einfluss der Industrie

Mit einem Schmunzeln reagierte OSF-Chef David Tory auf die Aussage des Novell-Managers Rekhi, auch die Moeglichkeiten der Industrie, ueber die Unix International auf die Unix-Entwicklung Einfluss zu nehmen, wuerden in keiner Weise geschmaelert. Rekhi verspreche damit nicht viel, klaert Tory auf, denn der Einfluss der Industrie sei laengst empfindlich beschnitten, seit Roel Pieper versuche, die USL auf Gewinnkurs zu bringen. "Sicherlich habe ich einige Projekte gebremst und andere forciert", raeumt Pieper ein. Auch die Preisgestaltung habe er veraendert und damit erreicht, dass USL im vierten Quartal 1992 aus den roten Zahlen gekommen sei.

Um alle moeglichen Befuerchtungen bei IBM, HP, Sun, DEC und den anderen OEM-Kunden von USL zu zerstreuen, betont Rekhi, dass Novell keinerlei Ambitionen ausserhalb des Intel-Marktes habe. Eine Mitbewerbssituation mit den Systemanbietern sei in keiner Weise beabsichtigt.

Das Ziel der Beschwichtigungspolitik gegenueber der DV-Industrie ist klar: Nichts wuerde naemlich Novell und auch dem Unix- Betriebssystem in der Auseinandersetzung mit Microsoft mehr schaden als Streit im eigenen Lager.

Sollte es stimmen, dass Novell wirklich keine Ambitionen mit USL verbindet, dann stellt sich die Frage nach dem Grund fuer die Akquisition. Da das Unternehmen bereits Mehrheitseigner von Univel ist, erscheint Rekhis Auskunft nur wenig ueberzeugend, der Kauf sei notwendig geworden, weil USL die naechsten Jahre finanziell nicht ueberstanden haette. Novell habe sich daher den Zugriff auf eine fuer das eigene Ueberleben zentrale Technik sichern wollen.

Einen weiteren Grund fuer die Uebernahme bringt USL-Chef Pieper in die Diskussion ein. Beide Unternehmen haetten sich von ihrer Ausrichtung her aufeinander zubewegt. Die Fusion habe angesichts der Microsoft-Bedrohung vermeiden sollen, dass man sich in absehbarer Zeit als Konkurrenten gegenueberstehe.

Novells Absichten bei der Unix-Entwicklung

Beide Aussagen lassen die Zukunftsplaene fuer Unix im dunkeln. Hinweise gibt Rekhi jedoch mit seiner Ankuendigung, dass nicht geplant sei, Netware und Unix zu einem Produkt zu verschmelzen. Vielmehr werde Novell Netware demnaechst als Native-Server- Betriebssystem auf den RISC-Architekturen von HP und Sun anbieten. Ausserdem will Novell den Unix-Kernel veraendern, damit Netware und Unix auf einer Server-Maschine laufen koennen. Auf die versprochene Abstinenz von Midrange-Bereich, der Domaene von USLs grossen OEM- Partnern, deuten solche Plaene keineswegs.

Noch ist Novells Glaubwuerdigkeit als Retter von Unix jedoch nicht ernsthaft angekratzt. "Solange Novell sich nicht mit einem Hardwarehersteller zusammentut, ist das Unix-Engagement fuer die anderen Anbieter akzeptabel", steckt Unix-Kenner und Ixos- Geschaeftsfuehrer Hans Strack-Zimmermann die Toleranzgrenze der Industrie ab.

Was auch immer die Gruende der Akquisition gewesen sein moegen, die Novell seit einem Jahr betrieben hat, eines ist klar: Sie ist gegen Microsofts Bestrebungen gerichtet, mit Windows NT den gesamten Server-Markt aufzurollen.

Obwohl das Betriebssystem erst fuer den Herbst dieses Jahres in einer fehlerbehafteten ersten Version erwartet wird, scheint Microsofts Position schwer angreifbar: Die integrierten Netzfeatures sollen Netzwerkspezialisten wie Novell vom Markt fegen. Und als Server auf leistungsstarken Pentium-, Alpha- und Power-RISC-Chips - um nur Plattformen zu nennen, fuer die NT bereits beschlossene Sache ist - konkurriert das System direkt mit dem klassischen Server-Betriebssystem Unix. Selbst im High-end- Markt schielen klassische Unix-Anbieter auf NT. So hat Sequent das Microsoft-Betriebssystem bereits auf seinen Parallelrechnern vorgefuehrt.

Vor allem aber weiss Microsoft Legionen von Anwendungsentwicklern auf seiner Seite. Fuer PC-Unix zaehlt SCO dagegen nur etwa 6000 Anwendungen, von denen keineswegs alle dem Intel-Standard IBCS2 entsprechen, der sicherstellt, dass diese Applikationen auch auf anderen PC-Unix-Derivaten wie etwa Unixware funktionieren.

Doch der Trumpf der hunderttausend Anwendungen sticht nicht unbedingt in dem Spiel, auf das sich Microsoft mit Windows NT einlaesst. Auch wenn es richtig ist, dass sich ein Betriebssystem erst dann in grossen Stueckzahlen absetzen laesst, wenn es dafuer ausreichend Programme gibt, die ueberwiegende Anzahl der Applikationen wird auf dem Windows-Front-end laufen und nicht auf dem NT-Server.

Die Bedingungen am Server-Markt

"Zwar", so Ixos-Geschaeftsfuehrer Strack-Zimmermann, "geht es auch beim Client-Server-Computing letztendlich um Anwendungen, aber um solche, die unternehmensweit verteilbar sind." Fuer den Einsatz solcher Software sind jedoch die praktischen Voraussetzungen zu schaffen. Dazu bedarf es technischer Loesungen fuer das Netzwerk- Management und die Verwaltung heterogener Umgebungen.

Hier sind im Unix-Umfeld einige Konzepte wie Distributed Computing Environment (DCE) und Distributed Management Environment (DME) zu nennen, die - obschon nur zum Teil als Produkt verfuegbar - als Standards gelten. Aehnliches gilt fuer den objektorientierten Daten- und Befehlstransfer in heterogenen Umgebungen, wie er von der Object Management Group (OMG) unter der Bezeichnung Common Object Request Broker Architecture (Corba) spezifiziert wurde.

Auf die DCE- und DME-Techniken hat sich Novell als OSF-Mitglied schon seit laengerem festgelegt, und auch die neue Konzerntochter USL arbeitet damit. Ausserdem hat sich Novell durch die Kooperation mit Hyperdesk den direkten Zugriff auf die Corba-Technik gesichert. Das kalifornische Softwarehaus, an dem Novell jetzt zu 20 Prozent beteiligt ist, gehoert zu den ersten Unternehmen, die die Corba-Technik als Produkt anbieten koennen.

Microsoft geht technisch eigene Wege

Was Microsoft im Bereich System-Management unter Windows-NT zu bieten hat, liegt demgegenueber noch im dunkeln. Zwar verfuegt es ueber ein netzweites Update-Verfahren fuer Software, das allerdings dem Vernehmen nach anders arbeitet als die entsprechende DCE- Funktion. Auch bei den Hardware-uebergreifenden Objekt-techniken geht Microsoft eigene Wege. Als eines der wenigen Unternehmen der Branche orientiert sich das Unternehmen nicht an den OMG- Spezifikationen, sondern an der hauseigenen OLE-Technik.

Als die Hauptstaerke Novells heben Analysten und Insider immer wieder das weltweite Vertriebsnetz hervor. Dabei kommt es nach Ansicht von Sunsoft-Manager Michael Beier weniger auf die Groesse an als auf die Qualitaet. Damit spielt er darauf an, dass Windows NT neben dem LAN Manager das erste beratungs- und dienstleistungsintensive Produkt von Microsoft sein wird.

Anders bei Novell: Als Netzwerk-Anbieter war das Unternehmen schon immer auf qualifiziert Haendler angewiesen und hat daher ein weltweites Schulungskonzept eingefuehrt. Im Fall von Unix laeuft die Ausbildung zum zertifizierten Novell-Haendler schon seit ueber einem Jahr. Allerdings hat inzwischen auch bei Microsoft der Schulungsbetrieb begonnen.

Probleme mit den USL-Mitarbeitern

Durch all diese Massnahmen scheint Novell gut auf ein Kraeftemessen mit Microsoft vorbereitet zu sein. Doch lauert im eigenen Hause ein noch ungeloestes Problem, das den hochfliegenden Plaenen des Netzwerk-Spezialisten ein jaehes Ende bereiten koennte. Mit dem Erwerb von USL uebernimmt das Unternehmen naemlich nicht automatisch die dort arbeitenden Unix-Spezialisten.

Schon als vor drei Jahren die Unix-Laboratories von AT&T ausgegliedert wurden, befuerchteten die Mitarbeiter, der Konzern wolle die wenig lukrative Unix-Abteilung loswerden. Um nicht die fuer die Unix-Entwicklung unverzichtbaren Fachleute zu verlieren, bekamen die Mitarbeiter nicht nur Unternehmensanteile uebertragen, sondern auch das Recht zugestanden, jederzeit zu AT&T zurueckzugehen. Daran soll sich auch unter der Novell-Aegide nichts aendern, verspricht Roel Pieper und hofft, dass wie damals nicht mehr als zwei Mitarbeiter das Unix-Boot verlassen.

Hermann Gfaller

Die Details des Novell-USL-Deals

Am 21. Dezember 1992 haben der Telecom-Konzern AT&T, New York/Palo Alto, und der Netzwerkspezialist Novell Inc., Provo, Utah, einen Vorvertrag ueber die Uebernahme des Unix-Lizenzgebers Unix System Laboratories Inc. (USL), Summit, New Jersey, abgeschlossen (vgl. CW Nr. 1/2 vom 8. Januar 1993, Seiten 1 und 46).

Der Kaufwert fuer das Unternehmen, das im vergangenen Jahr 91 Millionen Dollar Umsatz erwirtschaftet hat und im letzten Quartal erstmals aus den roten Zahlen gekommen ist, liegt je nach Quelle zwischen 350 und 380 Millionen Dollar. Ausgezahlt wird der Betrag in neu aufgelegten Novell-Aktien.

Auf diese Weise erhaelt der AT&T-Konzern, der rund 65 Prozent der USL haelt, eine dreiprozentige Novell-Beteiligung. Die rund 21 Prozent Anteile der restlichen USL-Eigner Amdahl, Fujitsu, ICL, sowie des taiwanischen Institute for Informations Industrie (III) und der Motorola, NEC, Oki, Olivetti, Sun Microsystems, Toshiba und indische Tata Consultancy Services werden in einen einprozentigen Novell-Anteil umgewandelt. Auch zehn Prozent USL- Anteile der derzeit 580 Mitarbeiter werden in Novell-Aktien umgetauscht. Novell selbst besass schon vor der Uebernahme 4,6 Prozent von USL und war 1992 mit einem Umsatz von 933 Millionen Dollar nach Microsoft (2,76 Milliarden Dollar) das groesste Software-Unternehmen.

Nachdem die Ankuendigung der Ausgabe von 12,3 Millionen neuer Aktien den Novell-Kurs im Dezember letzten Jahres von knapp 30 auf 26 Dollar drueckte, ist die Bewertung inzwischen wieder auf 30,625 Dollar am 22. Januar gestiegen.

Die Unix System Laboratories Inc.

Die Unix System Laboratories sind ein Ableger der A&T-eigenen Bell Laboratories, in denen vor ueber zwanzig Jahren das Unix- Betriebssystem aus der Taufe gehoben wurde.

- Als AT&T Ende der 80er Jahre versuchte, durch eine straffe Lizenzpolitik und eine Kooperation mit Sun Microsystems Unix unter Kontrolle zu bringen, wurde das Unternehmen im Rahmen der sogenannten Unix-Kriege gezwungen, der Industrie Einfluss auf die Betriebssystem-Entwicklung zu geben.

- Dazu gehoerte, dass die Unix-Entwickler 1990 unter der Bezeichnung Unix System Laboratories neu organisiert wurden. Die Entwicklungsrichtlinien fuer die AT&T-Division kamen jetzt von dem Industriekonsortium Unix International.

- Im April 1991 gliederte AT&T die USL als eigene Company aus und ging auf die Suche nach Investoren fuer das mit 29 Millionen Dollar tief in den roten Zahlen steckende Unternehmen. Noch im selben Jahr fanden sich elf Unternehmen, die Minderheitsbeteiligungen bis zu 4,6 Prozent erhielten, unter ihnen auch Novell.

- Im selben Jahr wurde Roel Pieper als Geschaeftsfuehrer der USL beauftragt, das Unternehmen auf Gewinnkurs zu bringen.

- 1992 zeichnete sich ab, dass das aktuelle USL-Unix V.4 sich gegen Konkurrenzprodukte wie OSF/1 von der Open Software Foundation durchsetzen wuerde.

- Am 21. Dezember 1992 gaben AT&T und Novell nach ueber einem Jahr geheimer Verhandlungen bekannt, dass USL zu 100 Prozent in die Haende des Netzwerk-Spezialisten uebergehen sollte. Kurz zuvor hatte Novell das gemeinsam mit USL entwickelte PC-Unix Unixware auf den Markt gebracht.

Die Novell Inc. aus Provo, Utah

Die Novell Inc. wurde 1983 von Ray Noorda gegruendet, der auch heute noch CEO des Unternehmens ist. Mit dem Produkt Netware, das in verschiedenen Versionen erhaeltlich ist, hat die in Provo, Utah, ansaessige Company rund 70 Prozent Marktanteil erobert und ist damit bei Netzwerk-Betriebssystemen der unangefochtene Marktfuehrer. Im vergangenen Geschaeftsjahr betrug der Umsatz weltweit 933 Millionen Dollar, das entspricht einer Steigerung von 46 Prozent gegenueber dem Jahr 1991 (640 Millionen Dollar). Damit ist das Unternehmen nach Microsoft der umsatzstaerkste Software- Anbieter der Welt.

Das international operierende Unternehmen beschaeftigt heute ueber 3200 Mitarbeiter und hat neben der geplanten Akquisition von USL schon durch die Uebernahmen von Excelan und insbesondere Digital Research von sich reden gemacht. Mit dem frueheren Digital-Research-Produkt DR-DOS - der einzigen

ernsthaften Konkurrenzsoftware zu MS-DOS - versucht sich Novell seit 1991 im Markt fuer PC-Betriebssysteme, musste allerdings starke Absatzeinbussen verzeichnen.