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15.08.2003 - 

Die traditionell proprietären Netzwerker setzen auf Open Source

Novell: Mit Linux zum One-Stop-Shop

MÜNCHEN (hi) - Im März überraschte Novell-CEO und President Jack Messman die Netware-Gemeinde mit der Ankündigung, künftig verstärkt auf Linux und den Open-Source-Gedanken zu setzen. Aus dieser strategischen Orientierung entwickelten die Netzwerker mittlerweile einen konkreten Produktfahrplan.

Wie ernst es Novell mit seinem Bekenntnis zu Linux ist, zeigt die jüngste Akquisition der Netzwerker: Das Unternehmen schluckt den US-amerikanischen Softwarehersteller Ximian. Dieser hatte sich unter anderem einen Namen mit der für Arbeitsplatzrechner konzipierten Linux-Distribution "Ximian Desktop" oder der Groupware-Anwendung "Evolution" gemacht. Zudem hat das Softwarehaus mit "Red Carpet" Lösungen zur Softwareverteilung und der Server-Administration sowie dem Update-Management für Linux-Distributionen im Portfolio. Ferner erwerben die Netzwerker mit der Übernahme Ximians die Entwicklungsumgebung "Mono". Hinter dem Codenamen verbirgt sich der Plan, Anwendungen für Microsofts .NET-Plattform unter Linux laufen zu lassen.

Linux-Version für den Desktop

Vor dem Hintergrund der Ximian-Akquisition scheint eine strategische Neuorientierung Novells, weg von einem Server-fokussierten Lösungsanbieter hin zu einem One-Stop-Shop, der Produkte vom Desktop bis hin zum Server-Betriebssystem offeriert, sehr wahrscheinlich. Vermutungen, die Novell-Vice-Chairman Chris Stone bekräftigt: "Wir werden den Ximian Desktop mit einigen unserer Produkte bündeln, denn wir wollen Linux vom Server bis zum Desktop verwenden." Offen war zu Redaktionsschluss jedoch noch, ab wann Novell eine Linux-Version für Desktops in sein Programm aufnimmt. Mutmaßungen darüber, dass Novell damit Microsofts Windows-Bastion auf dem Desktop angreifen wolle, widerspricht Stone energisch.

Novell-Kenner entdecken hinter dem jüngsten Zukauf jedoch Paralellen zur Vergangenheit: Anfang der 90er Jahre versuchten die Netzwerker schon einmal, Microsoft anzugreifen. Damals bemühte sich das Unternehmen mit "Novell DOS" (= DR-DOS), den Wordperfect-Applikationen, Netware und Unixware als Application-Server ein durchgängiges Lösungsangebot zu offerieren und der Gates-Company Marktanteile abzujagen. In der Folge erlebten die Netzwerker allerdings ihr Waterloo, da sie die Attraktivität von Windows als Betriebssystem für Desktops und von Windows NT als Server-Plattform sträflich unterschätzt hatten.

Auf dem Weg zum Lösungsanbieter

Heute versteht sich Novell nach den Worten von Chairman und CEO Jack Messman als Lösungsanbieter, der ein Cross-Platform-Computing in heterogenen Umgebungen ermöglicht. Dabei hat man mit dem Linux-Engagement, wie Vice Chairman Stone ergänzt, weniger den Konkurrenten Microsoft im Visier, sondern will vielmehr die neuen Möglichkeiten ausschöpfen, die der Linux-Markt eröffnet.

Und dies könnte für Novell ein lohnendes Geschäft sein. Nach Prognosen des Marktforschungsinstituts IDC ist der Linux-Markt im Bereich der Server-Betriebssysteme in den nächsten Jahren das am schnellsten wachsende Segment. Glaubt man den Prognosen der Auguren, so steigen die Umsätze bis 2006 jährlich um durchschnittlich 19,7 Prozent - ausgehend von einem Weltmarktvolumen in Höhe von 80,8 Millionen Dollar im Jahr 2001. Dabei sehen die Marktforscher für Novell gute Chancen, sich ein großes Stück vom Linux-Kuchen abzuschneiden, denn laut IDC hat Novell zahlreiche Netzdienste für Enterprise-Lösungen im Portfolio, welche die Linux-Community in den nächsten ein bis zwei Jahren kaum selbst entwickeln kann. John Enck von der Gartner Group geht gar noch einen Schritt weiter und ist davon überzeugt, dass es Novell mit seiner Linux-Option gelingt, auch Altkunden, die Netware bereits den Rücken gekehrt haben, zurückzugewinnen. "Novells Linux-Lösungen warten mit einem leistungsfähigeren Directory und ausgefeilteren File- und Print-Services auf als die Angebote der Open-Source-Gemeinde", begründet Enck seine Einschätzung.

Ebenso positiv fällt das Echo auf Anwenderseite aus. So begrüßt etwa der Finanzdienstleister MLP in Heidelberg Novells Entscheidung zugunsten von Linux. Das Unternehmen will dieses Betriebssystem künftig Server-seitig einsetzen, dabei aber Novell und seinen Netzdiensten die Treue halten. Auch bei der Lufthansa Systems, einem großen Novell-Shop, nahm man die Entscheidung zugunsten von Linux positiv auf. Der Ansatz der Netzwerker, der sich mit der aktuellen Netware 6.5 herauskristallisiere, gebe der Fluglinie die Möglichkeit, das Beste beider Welten zu nutzen. Dies ist für Lufthansa Systems auf der einen Seite eine standardbasierende Plattform, die Open-Source-Techniken unterstützt, und zum anderen die Zuverlässigkeit und Skalierbarkeit der Novell-Netzservices im Corporate-Umfeld.

Migrationspläne

Allerdings ist das gerade erst erschienene Netz-Betriebssystem Netware 6.5 nur ein erster Schritt auf Novells Weg in Richtung Linux und Open Source. Ende des Jahres folgt mit den "Nterprise Linux Services 1.0" Novells erste Adaption der hauseigenen Netzdienste auf Basis dieses Betriebssystems (siehe Kasten Seite 13: "Novells Produktpläne im Detail"). Nach Novell-Angaben werden die Linux Services in der ersten Version etwa 50 Prozent der Funktionalität einer klassischen Netware abdecken. Die Netzdienste lassen sich anfangs auf den Linux-Distributionen von Red Hat und Suse nutzen. Für später zieht der Hersteller auch eine Unterstützung von anderen Varianten wie etwa Turbo-Linux in Betracht.

Anfang 2004 migriert die Company dann ihre Collaboration-Plattform "Groupwise" auf Linux. Zu diesem Zeitpunkt sollen sowohl ein entsprechender Client erhältlich sein als auch die eigentliche Groupware-Anwendung unter dem Pinguin-Betriebssystem laufen. Zudem ist ein Konnektor im Gespräch, der eine Verbindung zwischen Novells Groupwise und Ximians Evolution sicherstellt. Das Fernziel ist allerdings die Verschmelzung beider Groupware-Plattformen in einem Produkt. Ebenfalls im Frühjahr 2004 will Novell mit einem automatischen Patch-Management den Update-Wirrwarr der Vergangenheit endgültig auflösen. Bei der Entwicklung dieses Tools wird die Company vermutlich von Ximians Know-how in Sachen Red Carpet profitieren.

Einen weiteren Meilenstein in Richtung Linux markieren Ende 2004 die Nterprise Linux Services 2.0. Sie warten dann, so die heutigen White Papers, mit 98 Prozent der Netware-6.5-Funktionalität auf. Die endgültige Verschmelzung der Linux- und Netware-Linien ist dann für Mitte 2005 mit dem Nachfolger von Netware 6.5 anvisiert. Netware 7.0 besitzt nämlich sowohl einen Linux- als auch einen Netware-Kernel, wobei sich beide Varianten bezüglich des Funktionsumfangs nicht mehr unterscheiden sollen.

Das Problem der Altlasten

Auch wenn Unternehmen wie MLP oder Lufthansa Systems Novells Linux-Ausrichtung begrüßen, etliche Netware-Anwender dürften noch Kopfschmerzen bekommen, wenn es zum endgültigen Linux-Schwur kommt. Zwar versprechen die Netzwerker, dass traditionelle Netware-Benutzer auch künftig nicht in die Röhre schauen, der Wechsel der Betriebssystem-Plattform hat in der Praxis aber tief greifende Konsequenzen. So laufen etwa Applikationen, die in der Vergangenheit auf Basis von Novells NLM-Konzept (NLM = Netware Loadable Modules) entwickelt wurden, nicht unter Linux. Anwender, die also vorhandene Netware-Anwendungen wie Fax-Server oder Backup-Programme in einer Linux-Umgebung weiternutzen wollen, sind somit gezwungen, parallel zu den Netware Services for Linux einen dedizierten Netware-Server weiterzubetreiben. Oder sie migrieren ihre Anwendungen auf Open Source, Java oder Web-Services. Das Problem mit den Legacy-Programmen sieht zwar auch Novell, doch in den Augen der Netzwerker überwiegen bei der Abkehr vom NLM-Modell die Vorteile: Durch die Unterstützung von Open Source, Java und Web-Services werde die Anwen-dungsentwicklung für Partner und unabhängige Softwareentwickler vereinfacht, da sich diese über standardisierte APIs und Schnittstellen in die Novell-Netzdienste einklinken könnten. Letztlich dürfte bei dieser Argumentation die Hoffnung mitschwingen, auf diese Weise wieder mehr Entwickler für Zusatzdienste zu gewinnen, denn in den letzten Jahren sank die Zahl der NLM-Programmierer kontinuierlich.

Die Bindery im Directory-Context

Ebenfalls Geschichte ist in der Linux-Welt die Bindery der älteren Netware-2.x- und -3.x-Server. Dieses flache Verwaltungsprinzip wird unter Linux nicht mehr unterstützt - auch nicht in Form einer Emulation wie unter Netware 4.x und 5.x. Sollen die älteren Server im Einsatz bleiben, so kann auf sie nur zugegriffen werden, wenn ein weiterer Netware-Server mit einer neueren Version des Betriebssystems die Bindery in den Directory-Context überträgt. Das Aus für die Bindery dürfte vor allem Anwender schmerzen, die bereits seit langem die Netware-3.x-Plattform als stabilen File- und Print-Server schätzen. Denn diese Urversionen laufen, wie User berichten, teilweise seit 1995 ununterbrochen ohne einen einzigen Reboot und erlauben selbst einen Festplattenwechsel im laufenden Betrieb. Eine Zuverlässigkeit, von der Microsoft nur träumen kann.

Open Source und das Geld

Des Weiteren suchen Netware-Administratoren der ersten Stunde künftig einen anderen alten Novell-Bekannten vergeblich: Das Netzwerkprotokoll SPX/IPX der Netware-Versionen 2.x und 3.x. Das Protokoll, das zwar nicht mit dem Funktionsumfang von TCP/IP aufwartet, dafür aber um ein erhebliches Maß performanter und sicherer als das Internet Protocol ist, gehört für Novell ebenfalls nicht mehr zur langfristigen Strategie. Soll dieses in einem Linux-Verbund weiter genutzt werden, ist der Einsatz von IPX-IP-Gateways erforderlich.

Skepsis ist zudem gegenüber Novells Bekenntnis in Sachen Open Source angebracht. Wie andere IT-Hersteller hat Novell Linux und den Open-Source-Gedanken nicht aus reinem Altruismus entdeckt, sondern will damit Geld verdienen. Deshalb haben die Netzwerker auch nicht die Absicht, Eigenentwicklungen wie etwa "Novell I-Folder" als Open Source zur Verfügung zu stellen. Lediglich Open-Source-Code, den Novell im Falle von Apache, PHP oder MySQL verwendet und ändert oder erweitert, wird das Unternehmen der Community wieder als frei zugänglichen Code bereitstellen. Alles andere wird die Company jedoch nicht offen legen, wobei Novell-Manager Michael Naunheim überzeugt ist, "dass der B-to-B-Bereich auch künftig bereit ist, für hochwertige Produkte, selbst unter Linux, entsprechende Linzenzgebühren zu bezahlen".

Novells Produktpläne im Detail

Mit der seit Mitte August erhältlichen Netware 6.5 setzt Novell seine bisherigen Ankündigungen in Sachen Open Source in die Tat um. Die neue Version des Netzwerk-Betriebssystems enthält Techniken wie Apache, MySQL, Perl, PHP und Tomcat. Diese arbeiten nahtlos mit Novells Verzeichnisdienst Novell Directory Services (NDS) sowie den Sicherheits- und Management-Produkten der Netzwerker zusammen. Ferner untermauert das Unternehmen mit diesem Release, dass die Idee von plattformübergreifenden Applikationen auf Novell-Servern keine Vaporware ist. Der integrierte "Extend Application Server" erlaubt nämlich die Entwicklung von J2EE-Applikationen und Web Application Services. Zudem können IT-Manager mit Netware 6.5 Server-Systeme in zentralen Storage Area Networks (SANs) konsolidieren sowie Server-Cluster räumlich getrennt einrichten. Zur Verwaltung von Zweigstellen in der IT-Infrastruktur dient das "Novell Branch Office". Ferner trägt das Unternehmen dem Trend zur Gruppenarbeit und Mobile Computing mit dem "Novell Virtual Office" Rechnung. Anwender können hier ohne Unterstützung der IT-Abteilung virtuelle Büros einrichten, um unternehmensübergreifend und vom Standort unabhängig an einem Projekt zu arbeiten. Unterwegs kann ein Mitarbeiter dann per Web-Browser auf Informationen wie E-Mail, Kalender oder Drucker zugreifen.

Im Selbstverständnis der Company markiert Netware 6.5 einen wichtigen Schritt hin zu den folgenden Netware-Versionen, die den Einsatz aller Netware-Funktionen unter Linux ermöglichen sollen. Einen ersten Eindruck, wohin die Linux-Reise geht, vermitteln die "Novell Nterprise Linux Services", die sich seit Juli im Betatest befinden.

Die erste Version der Linux Services besteht aus Novell-Netzwerkdiensten, die zu einer einheitlichen Unternehmenslösung zusammengefasst wurden. Dazu gehören ein Identitäts-Management über "Novell Edirectory" und "Dir XML", Dateidienste wie "Novell I-Folder" oder die Druckdienste "Novell I-Print". Zum Messaging steuert Novell "Netmail" bei. Als Management-Dienst enthält die Lösung "Novell Zenworks for Servers". Ein virtuelles Büro für Anwender kann über den "Extend Director Standard Edition" genutzt werden. Die Administration der Linux Services erfolgt zentral und Browser-gestützt über den "Novell I-Manager".

Diese Version soll gegen Jahresende erhältlich sein und dann auch von Hardwareherstellern wie Dell, HP und IBM angeboten werden. Entsprechende Abkommen haben die Netzwerker bereits unterzeichnet. Mit der Einführung der Linux-Dienste wird Novell auch sein Schulungsprogramm erweitern und Ende 2003 das "Novell Certified Linux Professional Program" starten .

Allerdings beinhalten die Netzdienste für Linux in der ersten Version nur Teile der Netware-Funktionalität. So sind etwa die File-Dienste (Novell Storage Services = NSS), mit denen Novell groß wurde, noch nicht integriert. Diese sollen mit der zweiten Version der Linux Services Ende 2004 folgen. Zu diesem Zeitpunkt will Novell nach Aussagen von Manager Michael Naunheim das gesamte File System inklusive Verwaltung, Rechtevergabe, Skalierbarkeit und Verfügbarkeit auf Linux portieren. Die Netzwerker betrachten ihr Dateisystem als einen der Softwarediamanten des Unternehmens, denn die NSS seien im Gegensatz zu Konkurrenzprodukten in der Lage, riesige Datenmengen in kürzester Zeit zu mounten. Eine Funktion, die heute so unter Linux noch nicht möglich sei. Ähnlich wie bei Unix werden die NSS unter Linux als Dateisystem in einer Partition abgelegt.

Mit den NSS, I-Folder und dem hauseigenen Directory unter Linux sieht sich Novell gut gewappnet für den Angriff von Datenbankherstellern wie Oracle, die versuchen, ihre Collaboration-Plattformen als Dateisysteme zu etablieren. Nach Novells Lesart sind diese datenbankgetriebenen Ansätze zu sehr auf den Benutzer ausgerichtet und deshalb nicht in der Lage, unterschiedlichste Dateien, wie sie etwa in heterogenen Umgebungen von Messgeräten und Industrie-Produktionsanlagen anfallen, schnell und zuverlässig zu speichern. Zudem glaubt man bei Novell, dass File-Systeme auf Datenbankbasis mittelfristig nicht die Performance und Zuverlässigkeit aufweisen, um Daten schnell und verteilt abzulegen.

Mitte 2005 sollen dann die Produktlinien Netware und Nterprise Linux Services in der Netware Version 7.0 zu einem Produkt verschmelzen.

Abb: Netware goes Linux

Das Fernziel, eine Netware mit Linux- und Netware-Kernel, steuert Novell über mehrere Zwischenschritte an. Quelle: Novell