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07.11.2003 - 

Marktbeobachter und Community sehen den Kauf mit gemischten Gefühlen

Novell schluckt Suse - mit Segen von IBM

MÜNCHEN (ls) - Novell übernimmt den Nürnberger Distributor Suse Linux AG zu 100 Prozent. Nachdem das Unternehmen im August dieses Jahres schon die Open-Source-Firma Ximian gekauft hat, steigt Novell nun massiv in den Linux-Markt ein. Der Deal hat Rückendeckung von IBM.

Novell bringt 210 Millionen Dollar in bar auf, um Suse bis Ende 2004 zu übernehmen. Der Käufer will den Distributor wie Ximian als eine Product Business Unit führen. Gleichzeitig sichert sich IBM für die Zukunft ein gewisses Mitspracherecht bei seinem bisher wichtigsten Linux-Partner. Big Blue investiert in Novell 50 Millionen Dollar in Form von wandelbaren Vorzugsaktien. Suse hat bisher den größten Teil seines Umsatzes mit IBM gemacht. Derzeit verhandeln die Nürnberger und Big Blue über eine Ausweitung der Verträge zur Anpassung von Suse Linux an IBM-Rechner.

Mit der Übernahme von Suse will Novell sein "Profil als Lieferant vollständiger Linux-Lösungen für Unternehmen abrunden", erklärte Geschäftsführer Jack Messman. Sein Unternehmen habe sich für Suse entschieden, weil der Distributor Technologieführer bei Linux-Lösungen sei. Suse-Chef Richard Seibt betonte die große Bedeutung von "Novells globaler Präsenz und Marketing-Fähigkeit". Suse hoffe, durch die weit verzweigten Vertriebskanäle weltweit besser vertreten zu sein.

Das Engagement der bisherigen Suse-Investoren dürfte sich mit dieser Transaktion rentiert haben. Anteilseigner waren die Venture-Kapital-Gruppen e-millennium (unter Führung von SAP und Deutsche Bank) mit 32 Prozent, Apax Partners mit 21 sowie AdAstra mit 20 Prozent. Hinzu kamen die Industrieinvestoren Intel Capital, IBM, Hewlett-Packard und SGI mit insgesamt zwölf Prozent. Vier Suse-Gründer hielten jeweils rund drei Prozent - den Rest die Belegschaft.

Bisher hat Suse-Chef Seibt immer wieder Gerüchte bestritten, dass sein Unternehmen bald übernommen werde, weil ihm so langsam das Geld ausgehe. Seit Wochen kursierten in der Szene Spekulationen, namentlich Novell und der Distributor Red Hat seien an einem Kauf von Suse interessiert. Inzwischen ist bekannt, dass es tatsächlich mehrere Gespräche zwischen den beiden Distributoren gab. Ein Abschluss soll am von Suse geforderten Preis und am Widerstand der Industrieinvestoren gescheitert sein. Diese wollten offenbar verhindern, dass analog zu Microsoft ein Unternehmen den Linux-Betriebssystem-Markt beherrscht.

Produktpläne bleiben unangetastet

Die Übernahme soll keine unmittelbaren Auswirkungen auf die von Suse angekündigten Produkte haben. So ist vorgesehen, dass der für das zweite Quartal nächsten Jahres anvisierte Suse Linux Enterprise Server 9.0 mit dem künftigen Kernel 2.6 wie geplant auf den Markt kommt. Doch es gibt auch kritische Produktbereiche. Suses "Openexchange Server", der diverse Kommunikationsdienste bis hin zu Groupware-Funktionen umfasst, steht im Wettbewerb zu verschiedenen Produkten von Novell und dessen Tochter Ximian.

Fraglich ist, wie sich Novell im Linux-Lager positioniert. In einer gemeinsamen Presseerklärung von Novell und Suse ist weiterhin von der "Partnerschaft mit Conectiva und Turbolinux" die Rede, aber das mit diesen vertriebene Betriebssystem United Linux wird nicht mehr erwähnt. Besorgt fragt man sich in der Linux-Community, ob es bei der traditionellen Unterstützung von Suse für die grafische Benutzeroberfläche KDE bleibt. Denn durch Ximian verfügt Novell bereits über das Konkurrenzprodukt Gnome.

Steht die Gemeinde hinter Novell?

"Der Support durch die Community ist sehr wichtig, und er könnte gegenüber der Tochter des proprietären Herstellers Novell nachlassen", gibt Alex Pinchev, President International Operations bei Red Hat, zu bedenken. "Das wäre schade für die Entwicklung von Linux." Es sei nicht ausgemacht, dass Suse unter den Fittichen von Novell ein stärkerer Konkurrent werde, so Pinchev. "Novell ist in den letzten Jahren mit seinen Übernahmen nicht glücklich verfahren." Immerhin aber bestätige der hohe Preis für Suse den gegenwärtigen Stellenwert von Linux.

"Die Übernahme ist ein Zeichen dafür, dass Linux erwachsen wird", meint Carlo Velten, Consultant beim Kasseler Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Techconsult. "Aber sie zeigt auch, dass sich die Open-Source-Kultur nicht gegen die Business-Power der großen Player zur Wehr setzen kann." Thomas Uhl, Vorsitzender des Linux-Verbands Live, glaubt, dass mit dem Engagement von Novell "die kommerzielle Bedeutung von Linux weiter steigen wird". Aber er sieht in der Übernahme eines renommierten Unternehmens auch einen "Rückschlag für die deutsche Softwareindustrie". Uhl befürchtet, dass in Nürnberg bald Arbeitsplätze zur Disposition stehen könnten.