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19.12.2003 - 

Microsoft droht Gefahr auf dem Server und Desktop

Novells Linux-Coup macht Anwendern Mut

Novell erntet für den Kauf des Linux-Distributors Suse Beifall von IT-Managern. Das Unternehmen hat damit nicht nur den Weg aus der proprietären Netware-Sackgasse gefunden, sondern ist auch wieder eine ernsthafte Alternative zu Microsoft.

In der IT-Abteilung von Schwan Cosmetics im fränkischen Heroldsberg reibt man sich die Hände. "Das war das Tüpfelchen auf dem i, das uns noch gefehlt hat", schwärmt Markus Hildebrand, Leiter technische IT, über die bevorstehende Akquisition des deutschen Linux-Distributors Suse durch Novell. Die Schwesterfirma des durch seine Textmarker bekannten Herstellers Schwan-Stabilo liebäugelt bereits mit dem Einsatz von Linux und baut derzeit ein Testnetz auf.

Hildebrand kommt der Open-Source-Coup von Novell sehr gelegen, weil ihm "Suse Linux" sowohl als Server- wie auch als Desktop-Betriebssystem gut ins Konzept passt. Gleiches gilt für die "Nterprise Linux Services 1.0" (NLS), die Novell jetzt ausliefert. Damit portiert der Hersteller erstmals einen Teil seiner Netware-Services auf die Linux-Plattform. Enthalten sind zunächst die Dienste "eDirectory", "DirXML" "iFolder", "iPrint", "Netmail", "Zenworks for Servers" und "Extend Director". Eine zweite, noch umfassendere Version soll Mitte nächsten Jahres folgen. Das für 2005 angekündigte Netware 7.0 wird dann sogar über einen Netware- und Linux-Kernel verfügen.

Novell ist es damit offenbar gelungen, eine glaubhafte Linux-Roadmap zu entwickeln, mit der sich die Kunden identifizieren können. Dabei hatte der Konzern erst im März 2003 auf der Entwicklerkonferenz "Brainshare" seine Open-Source-Marschroute bekannt gegeben, durch die Akquisitionen der Hersteller Ximian und Suse sowie die eigene Entwicklung der NLS dann aber mit Nachdruck umgesetzt. Mit dem Ximian-Kauf holte sich Novell eine Linux-Distribution für Desktops, die Groupware "Evolution", das Management-Tool "Red Carpet" sowie die Entwicklungsumgebung "Mono" ins Haus. Suse rundet das Portfolio nun durch seine Server- und Desktop-Produkte ab.

Aus Sicht von IT-Manager Hildebrand ist damit die Zeit für den professionellen Einsatz von Linux reif. Er sieht in dem Engagement von Novell die Chance, seine heterogene IT-Landschaft schrittweise dort auf Linux umzustellen, wo es Sinn gibt. Die Firma setzt seit einem Jahr Novells Verzeichnisdienst eDirectory ein, um allen Anwendern im Netz Drucker, Anwendungen und Profile zuzuweisen. Dabei greifen auch Novell-fremde Applikationen wie "Navision" oder "Exchange" auf die im eDirectory angelegten Nutzerprofile zurück. Die Anbindung der existierenden Windows-2000-Clients und des "Active Directory" von Microsoft erfolgt über DirXML, die zentrale Softwareverteilung über Novells Zenworks.

Hildebrand plant nun, mit Hilfe von Zenworks einen Linux-Server sowie Linux-PCs für Nutzer einzurichten, die dann anstelle von "Microsoft Office" mit "Open Office" arbeiten. "Damit sparen wir Lizenzgebühren ein und bekommen ein Gefühl dafür, wie stabil Linux in der Praxis läuft", erklärt der IT-Verantwortliche.

Die Firma Schwan Cosmetics ist kein Einzelfall. Auch Hilko Rah, Leiter Kommunikation, Office und Netze bei der Nordseewerke GmbH in Emden, sieht in dem Novell-Suse-Deal die Option, auf Linux zu gehen. "Netware ist zwar schnell und äußerst performant, aber auch sehr proprietär", gibt Rah zu bedenken. Derzeit, so Rah, sei Netware dem offenen Betriebssystem in Technik und Performance noch überlegen. Für den IT-Leiter der Werft hängt der Erfolg des Open-Source-OS in Unternehmensnetzen wesentlich davon ab, wie es Novell schafft, seine Zukäufe zu integrieren. "Wenn die Company nicht die Fehler begeht wie nach dem Kauf von Wordperfect, könnte das ein Schritt sein, künftig auf dem Desktop ohne Windows auszukommen", denkt Rah laut über künftige Optionen nach.

Raus aus dem "Microsoft-Knast"

Überlegungen in diese Richtung scheinen in vielen IT-Abteilungen angestellt zu werden. Chris Nevener, Geschäftsführer der Beratungsfirma Networkingpartner GmbH und Vorstand der Anwenderorganisation Novell Users International Germany e.V. (NUIG), weiß aus zahlreichen Projekten, wie sehr sich Administratoren über die Lizenzpolitik von Microsoft ärgern, die Kunden gegen ihren Willen zum Kauf eines Updates zwingt. "Viele IT-Manager stellen sich die Frage: Wollen wir nochmals zehn Jahre im Microsoft-Knast sitzen?", bringt Nevener den Unmut über das Desktop-Monopol von Windows auf den Punkt. Die Unzufriedenheit vieler Microsoft-Anwender attestieren auch Analysten. Carlo Velten, Consultant des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Techconsult, bestätigt das Murren in der Szene über die umstrittene Lizenz- und Upgrade-Politik von Microsoft.

Obwohl Novell durch seine Linux-Strategie nun wieder Chancen hat, dem Erzrivalen Paroli zu bieten, hält sich das Topmanagement sehr bedeckt. Laut CEO Jack Messman sei der treibende Faktor für die Akquisition von Suse nicht gewesen, Microsoft effektiver bekämpfen zu können. Ziel war es, Unternehmenskunden, die alte Hard- und Softwareplattformen ablösen wollen, preiswertere und flexiblere Lösungen anzubieten.

Langfristige Perspektive für Bestandskunden

Trotz der bewusst leisen Töne in Richtung Microsoft klingt unterschwellig aber doch die Hoffnung durch, wieder Marktanteile zu gewinnen. "Natürlich registrieren wir, dass Microsoft-Kunden nicht alle angekündigten Veränderungen mitmachen wollen", sagt Horst Nebgen, Geschäftsführer der Novell GmbH, und spielt auf Exchange 5.5 an. Es gebe bereits Kunden, so Nebgen, die auf Groupwise wechseln.

Der deutsche Novell-Chef sieht aber nicht nur bei den Collaboration-Tools Potenzial, die Company werde generell durch die Linux-Ausrichtung gestärkt. Damit werde es nicht nur leichter, die Tür zu Neukunden aufzustoßen, sondern hätten die Bestandskunden nun auch wieder eine klare und langfristige Perspektive. "Mit der Übernahme von Suse sind wir der einzige Softwarehersteller, der im Linux-Umfeld vom Desktop über den Server bis hin zu notwendigen Tools alles im Portfolio führt", erklärt Nebgen die Stärke der neuen Plattform neben dem hauseigenen Betriebssystem Netware.

Nach Ansicht von Analyst Velten ist es Novell mit dem Kauf von Suse tatsächlich gelungen, einige Lücken zu schließen. Damit habe das Unternehmen wieder die Chance, "sexy Lösungen" auf den Markt zu bringen. Der Erfolg hänge jedoch stark davon ab, ob und wie schnell Synergien aus Novell-, Ximian- und Suse-Produkten erzeugt werden können. Velten rät Novell, nun zügig ein Gesamtpaket zu schnüren und mit Hardwareanbietern zu kooperieren, um rasch Referenzprojekte vorweisen zu können.

"Viele Anwender trauen Novell einen Linux-Rundumeinsatz in Unternehmensnetzen nur dann zu, wenn er in der Praxis nachgewiesen wird", weist Velten auf einen nicht zu unterschätzenden psychologischen Effekt im Zusammenhang mit Open-Source-Überlegungen hin. Er will damit sagen, dass die Administratoren erst noch Vertrauen in das OS fassen müssen. Eine Meinung, die IT-Manager Hildebrand teilt: "Bei Linux hatte man bisher immer den Eindruck, das ist eine Bastelbude und deshalb für den professionellen Einsatz nicht geeignet", bringt er Ressentiments auf den Punkt.

Über die Vorbehalte darf nach Ansicht von Velten auch nicht die Tatsache hinwegtäuschen, dass sich Linux auf dem Server schon einen Namen gemacht hat. Auf der Desktop-Seite tue sich nämlich noch sehr wenig. Das könne sich mit Novell jetzt ändern, weil dann hinter Linux nicht nur ein solider Name, sondern auch eine weltweite Vertriebsstruktur sowie professioneller Support ständen.

AOK steht zu Windows

Wie sehr sich Novell mit Microsoft ins Server- und Desktop-Gehege kommen wird, bleibt abzuwarten. Manfred Wendland, Geschäftsbereichsleiter System-Management bei der AOK Berlin, hält eine komplette Rückkehr zu Novell für ausgeschlossen. Die Krankenkasse war vor drei Jahren, wie der IT-Spezialist sagt, "mit allem Drum und Dran" von Netware auf Windows umgestiegen und steht damit exemplarisch für viele Anwender. "Im Desktop-Bereich ist ein Wechsel in größerem Maßstab nicht denkbar, weil die AOK strategisch auf Windows festgelegt ist", erklärt Wendland, auch wenn er dem eDirectory von Novell etwas nachtrauert und zugibt, dass mit Novell ein potenter Name hinter Linux steht.

Eine reine Polarisierung zwischen Novell und Microsoft ist aus Sicht des Marktforschers Velten nicht zwingend zu erwarten: "Dort wo Linux eingeführt wird, fliegt nicht automatisch Microsoft raus." Häufig würden auch kostenintensive Unix-Derivate ausgemustert oder Linux-Anwendungen ganz neu aufgesetzt. Eine Gefahr für den Softwarekonzern sieht der Analyst eher in einer denkbaren Entwicklung, dass Betriebssysteme für bestimmte Server-Architekturen künftig nichts mehr kosten.

Regeln der Community beachten

Novell scheint sich jedenfalls an die Spielregeln der Community halten zu wollen. "Wir werden uns den im Linux-Umfeld herrschenden Marktgegebenheiten anpassen. "Die Betriebssystem-Lizenz ist kostenlos, für Maintenance und Services muss der Kunde bezahlen", gibt Nebgen einen Ausblick auf das geplante Geschäftsmodell, das nicht nur Anwender, sondern auch die Linux-Gemeinde mit Spannung erwarten.

Wie dünnhäutig die Community in diesem Punkt ist, haben kürzlich die erbosten Reaktionen auf die Ankündigung des Suse-Konkurrenten Red Hat bewiesen, für seine Enterprise-Lösungen Lizenzgebühren pro Nutzer zu erheben. Red Hat wurde daraufhin als "Microsoft in der Linux-Welt" beschimpft. Darin könnte die große Chance für Novell liegen, sich nicht nur die Gunst der Gemeinde zu sichern, sondern Red Hat auch Kunden abzujagen. "Linux hat durch Novell nun ein legitimiertes Pepsi zu Red Hats Coke", beschreibt IDC-Analyst Dan Kusnetzky plakativ die neue Wettbewerbssituation.

Auch NUIG-Vorstand Nevener rät, sensibel mit dem Thema Lizenzierung umzugehen. "Wenn Novell das gleiche Lizenzmodell einführt wie Red Hat, wird es sich in der Community ein blaues Auge holen", warnt er und ist überzeugt, dass der Hersteller nur für Server Gebühren berechnen wird. Novell-Chef Nebgen kündigte zumindest eine intensive Zusammenarbeit mit der Open-Source-Szene an.

Auch seitens der Anwender kommen mahnende Stimmen: "Novell darf Open Source nicht stoppen, sondern über Linux nur den Mantel der Seriosität und des Supports breiten", meint Hildebrand. Der IT-Leiter von Schwan Cosmetics signalisiert aber durchaus Bereitschaft, für Novell-Dienste auf Linux-Basis zu bezahlen, sofern Lösungen und Support stimmen. "Damit haben wir kein Problem", räumt er ein, warnt aber: "Das ist alles eine Frage der Gesamtkosten. Wenn Novell nur fünf Euro billiger ist als Microsoft, haben wir nichts gewonnen."

Peter Gruber, pgruber@computerwoche.de