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22.10.1999 - 

Anwenderumfrage spiegelt negatives Stimmungsbild wider

NT und Alpha: Compaqs Politik erhitzt die Gemüter

Von CW-Mitarbeiter Jörg Schröper MÜNCHEN (CW) - Mit der Entscheidung, Windows NT künftig nicht mehr auf Alpha-basierenden Rechnern zu unterstützen, hat Compaq bei seiner Kundschaft einiges Porzellan zerschlagen. Anwender kritisieren die Informationspolitik des Herstellers und sprechen von Vertrauensbruch.

Mancher Compaq-Kunde findet drastische Worte, um die Situation zu beschreiben: "Ich stehe als der Trottel dar, der vor einigen Jahren Windows NT auf leistungsfähigen Alpha-Servern propagiert hat. Noch auf dem Decus-Symposium haben die Vertreter der Firmenleitung auf Fragen nach der Windows-NT-Zukunft auf Alpha große Versprechungen gemacht", ärgert sich ein Mitglied der DEC User Society (Decus). Das Schlagwort vom Vertrauensbruch zieht sich wie ein roter Faden durch die im Web veröffentlichen Ergebnisse einer Umfrage, die die User Group organisiert hatte.

Die Gemüter erhitzen sich besonders an der Informationspolitik Compaqs, die als unklar empfunden wird. Die Chronik der Ereignisse liefert ausreichend Konfliktpotential: Ende August läßt die Nachricht, Compaq werde Windows NT auf Systemen mit Alpha-Prozessoren nur noch bis zum Service Pack 6 unterstützen, Anwender aufschrecken. Rund 100 Compaq-Entwickler werden aus einem gemeinsamen Projekt mit Microsoft in Bellevue bei Seattle abgezogen. Eine künftige NT-Version für 64-Bit-Architekturen sei von der Maßnahme nicht betroffen, heißt es im Haus Compaq.

Rund eine Woche später lassen die Texaner durchsickern, die Portierungsarbeiten für ein 64-Bit-NT auf Alpha-Systemen würden ebenfalls eingestellt. Im Rahmen einer "Plattformbereinigung" wolle man sich mit NT künftig auf Intel-Maschinen konzentrieren, die ohnehin leistungsfähig genug seien. Eine offizielle Erklärung existiert zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Microsoft reagiert prompt: Per Verlautbarung auf der Website geben die Redmonder bekannt, es werde keine neuen NT-Alpha-Varianten der "SQL-Server"-, "Exchange"- oder anderer Back-Office-Software geben. Dies gelte sowohl für 32- als auch für 64-Bit-Versionen. Künftige 64-Bit-Entwicklungen sollen auf Intels "IA-64"-Plattform laufen. Microsoft gibt damit nach "Mips" und "Power PC" die letzte Risc-Umgebung für Windows NT und Windows 2000 auf. Compaq erklärt später ergänzend, die Entwicklungsarbeit am hauseigenen Unix-Derivat "Tru 64" (ehemals "Digital Unix") für die kommende 64-Bit-Architektur IA-64 werde entgegen ursprünglicher Pläne nicht fortgesetzt. Für das eigene Unix-Derivat bleibt als 64-Bit-Plattform demnach nur Alpha.

Aus Anwendersicht stellt sich die Situation im Moment so dar: Besitzer von Alpha-Maschinen unter NT geraten in absehbarer Zeit mit ihren Systemen in eine Sackgasse.

Windows 2000 wird es auf Alpha-Plattformen nicht geben. Wer NT in 64-Bit-Technik benötigt, muß auf die entsprechende Windows-2000-Version für Intel-Rechner hoffen. Anwender, die die 64-Bit-Architektur von Alpha-Systemen nutzen wollen, müssen auf Tru 64, "Open VMS" oder Linux zurückgreifen.

Ärgern über die Entscheidung der Compaq-Strategen dürften sich besonders ehemalige Betreiber von Alpha-Installationen unter Open VMS, die in noch nicht so ferner Vergangenheit mit dem Versprechen einer besseren Zukunft davon überzeugt worden waren, auf NT umzusteigen. Dies ist eine der Schlußfolgerungen, die die aktuelle Umfrage der Decus nahelegt.

Otto Titze, der erste Vorsitzende der Decus-München, versuchte gegenüber der CW die Umfrageergebnisse zu relativieren: "Es kam uns darauf an, ein schnelles Meinungsbild zu erhalten, um gegebenenfalls eine gewisse Tendenz festzustellen und damit den Hersteller auf diesen Sachverhalt hinzuweisen." Man solle das negative Ergebnis nicht verallgemeinern. Zufriedene Kunden würden dadurch möglicherweise verunsichert. "Andererseits sehen wir die Meinungsäußerungen schon als schwerwiegend an", räumte Titze ein.

Dem Argument, die Anworten stammten aus einem elitären Zirkel und besäßen damit wenig Praxisrelevanz, tritt die Anwendervertretung jedoch schon im Vorfeld entgegen: Die Mehrzahl der Reaktionen kam von Mitarbeitern aus Industrieunternehmen und übertraf den Teil aus Wissenschaft und Verwaltung um rund das Dreifache.

Die Aussagekraft der Umfrage läßt sich außerdem durch eine einfache Rechnung untermauern: Compaq spricht von insgesamt rund 1400 installierten Alpha-Rechnern unter NT in Deutschland, so daß die über 200 Rückläufe durchaus eine Wertung zulassen.

In fast zwei Dritteln der Antworten wird angegeben, man sei von der Entscheidung gegen NT betroffen. Deutlich ist die Reaktion auf die Frage "Wie sehen Sie die Entscheidung?": Der Anteil aller Teilnehmer, die den Compaq-Entschluß negativ beurteilen, beträgt 69,5 Prozent. Bei den Alpha-NT-Nutzern, die sich selbst als "betroffen" einstufen, liegt die Rate der Unzufriedenen bei satten 83 Prozent. Die "nicht Betroffenen" fällen zu 46 Prozent ein ebenfalls signifikant negatives Urteil.

Die nüchternen Zahlen sprechen bereits eine deutliche Sprache, der geballte Unmut der Decus-Mitglieder macht sich aber in den zusammen mit den Ergebnissen der Umfrage publizierten Kommentaren noch weiter Luft. Ein Beispiel: "Das ist nach der sehr intensiven Werbekampagne in den letzten Jahren gewissermaßen ein Vertrauensbruch, was NT anbelangt. Ich bin zwar nicht betroffen, werte diese Entscheidung aber als Destabilisierung einer langfristigen Planungssicherheit bei Compaq. Ist nun Open VMS wirklich bis 2005 gesichert? Kann ich das noch glauben?"

Als weiteren Knackpunkt bewerten die meisten Anwender die Hilfe, die Compaq bei einer nötigen Umstellung von Systemen zu leisten bereit ist. Für die Vereinigten Staaten hatte Marion Dancy, Vice-President Marketing von Compaq und zuständig für Hochleistungs-Server, in einem CW-Interview vor kurzem angekündigt, es werde eine Reihe von Migrationsprogrammen geben (siehe Grafik). Dancy versprach NT-Nutzern mit Alpha-Rechnern kostenlose Lizenzen für Tru 64, Open VMS oder das ohnehin nahezu kostenfreie Linux. Außerdem war von günstigen Konditionen bei der Inzahlungnahme von Alpha-Maschinen die Rede, wenn auf "Proliant"-Server umgestiegen werden sollte.

Für hiesige Anwender stellt sich die Situation nach Auskunft von Compaq-Sprecher Herbert Wenk ähnlich dar. Das Angebot gelte im Prinzip auch in Deutschland, man spreche jedoch einzeln mit jedem Kunden, um die Anpassung möglichst problemlos zu gestalten. Durch die Unterstützung bis zum Service Pack 6 bleibe dafür noch ausreichend Zeit, beschwichtigt Wenk.

Wolfgang Schwab, Berater bei der Meta Group, sieht in dieser Frage einige Schwierigkeiten: "NT auf Alpha-Systemen wurde bislang im wesentlichen dann eingesetzt, wenn sowohl eine hohe Rechenleistung als auch die Integrationsfähigkeit in Wintel-Umgebungen gefragt waren." Alle Umstiegsmöglichkeiten hätten besonders für Anwender, die allein NT betreiben, schwerwiegende Nachteile. "Linux wirft Fragen beim Support auf, Tru 64 besitzt eine zu geringe installierte Basis, und einen Neubeginn mit Open VMS wird niemand wagen. Bei diesen Alternativen sucht der Kunde sich einen anderen Hersteller", vermutet Schwab.

In einer Stellungnahme zur Umfrage bekennt sich Peter Droste, Chef der Compaq Computer GmbH in Dornach, noch einmal zur eingeschlagenen Strategie. Laut Droste laufen nur vier Prozent der europaweit ausgelieferten Alpha-Rechner unter NT, was einer der Gründe für die Entscheidung gewesen sei. Der im letzten Jahr mit Produkten und Dienstleistungen aus dem Umfeld von Tru 64 und Open VMS weltweit erzielte Umsatz habe dagegen mit acht Milliarden Dollar fast ein Viertel der Gesamtsumme betragen. "Die Umsätze dieses profitablen Geschäftsbereichs würden es Compaq keinesfalls erlauben, die Zukunft dieser Plattformen in Frage zu stellen", so Droste wörtlich in seinem Brief.

In bezug auf Open VMS sieht der Meta-Group-Berater Schwab die Situation unkritisch: "Der wahrscheinlich beste Kunde für Open VMS ist die amerikanische Armee. Diese Tatsache sollte dafür sorgen, daß Compaq seine Zusicherung einhält." Die Zukunft von Tru 64 beurteilt Schwab jedoch skeptisch: "Eine schlechte Unterstützung durch unabhängige Softwarehäuser für das Betriebssystem und geringe Stückzahl des Chips können stets dafür sorgen, daß die gesamte Kombination eingestellt wird.