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13.09.1985

Nur das Miteinander löst Generationsprobleme in der DV

Veränderte Ausbildungswege und -inhalte bringen es mit sich: DV-Newcomer mit viel theoretischem Wissen drängen in die Unternehmen und treffen auf ältere DV-Praktiker, die die Datenverarbeitung aus den Kinderschuhen gehoben haben und mit ihr gewachsen sind. Konflikte können dabei nicht ausbleiben. So hat Klaus Böhle, Leiter DB-Management aus Kassel, erlebt, daß die ältere Generation Vorbehalte gegenüber neuen Verfahren hat, aber auch Ängste entwickelt, von den neuen Mitarbeitern überholt zu werden. Die "DV-Anfänger" dagegen versuchten, ihre theoretischen Erkenntnisse möglichst direkt in die Praxis umzusetzen. Mit Patentrezepten lassen sich diese Konflikte nach Ansicht von Dr. Jürgen Hesse, DV-Leiter beim Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, nicht lösen. Beide Gruppen müssen Tabus überwinden und Zugeständnisse machen und, so fordert Böhle, miteinander arbeiten und voneinander lernen. bk

Dr. Jürgen P. Hess, DV-Leiter, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin

Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat schon vor mehr als zehn Jahren eine zentrale Service-Einheit EDV eingerichtet, um die empirisch-sozial-wissenschaftlichen Projekte bei der Anwendung der DV zu unterstützen. Vorrangig werden Softwarepakete für die statistische Datenanalyse eingesetzt. Nach jahrelanger Arbeit mit wissenschaftlichen Großrechenzentren hat sich das Institut für einen eigenen Minirechner entschieden: Vor etwa zwei Monaten wurde eine VAX 11/750 installiert.

Der Generationskonflikt zeigt sich seit einigen Jahren vornehmlich in einem mühseligen Abstimmungsprozeß zwischen den Mitarbeitern der Service-Einheit und neu hinzukommenden Anwendern, die der Generation von Sozialwissenschaftlern angehören, die bereits an der Universität den Umgang mit dem Rechner kennengelernt und eine entsprechende Ausbildung in der Anwendung der einschlägigen statistischen Analysesysteme durchlaufen haben.

Damit änderten sich die Anforderungen an die Servicegruppe sehr einschneidend: Nun sitzt der Wissenschaftler häufig selbst am Bildschirm und benötigt nur dann Beratung, wenn Fehler auftreten, spezielle Lösungen mit Hilfe der Software gesucht werden oder besondere Anforderungen an die Betriebssysteme gestellt werden. Bis auf Ausnahmebereiche gehen die Routinearbeiten ständig zurück, gefragt ist der Allround-Experte mit den schnellen Antworten und Lösungen.

Klaus Böhle, Leiter DB-Management, Wintershall AG/Kali und Salz AG, Kassel

Generationskonflikte - bei Hardware oder Programmiersprachen sind das bekannte Probleme, die abrupt (zum Beispiel durch Verschrottung) oder sanft (durch Umstellung oder Anpassung) gelöst werden und letztlich immer mit der Vernichtung des Alten enden. Bei Menschen jedoch leben mehrere Generationen gleichzeitig: Alte Menschen spielten eine wichtige Rolle als Vermittler von Erfahrungen und waren hoch geachtet. Heute ist dies, vor allem in der Arbeitswelt, anders. Wenn das Fachwissen in der DV eine Halbwertzeit von fünf Jahren hat, gelten Erfahrungen nicht viel.

In der Anwendungsentwicklung, auf die ich mich beschränken will, habe ich zwei Generationsklassen beobachtet. Kennzeichnend für die ältere Generation ist vor allem der Wechsel in die DV aus einem anderen Beruf. Die meisten Mitarbeiter haben Datenverarbeitung erst als zweiten Beruf erlernt in einer Zeit als es noch keine institutionalisierten Ausbildungsdurchgänge und Berufsbilder gab. Sie hatten vorher eine kaufmännische oder technische Ausbildung. Häufig kannten sie die fachlichen Probleme, die sie jetzt mit Hilfe der DV lösen bereits von ihren früheren Tätigkeiten. Sie mußten die Kunst beherrschen, zwischen den Wünschen der Anwender und den beschränkten Möglichkeiten der DV zu vermitteln.

Auf der anderen Seite gibt es seit etwa zehn Jahren Mitarbeiter, die nach ihrem Schulabschluß eine spezielle DV-Ausbildung absolviert haben, beispielsweise ein Informatikstudium. Sie haben oft ein umfassendes DV-Wissen ("überschießende" Kenntnisse, die sie nicht direkt benötigen), haben gelernt, in Modellen zu denken und haben relativ früh begonnen, komplexe Systeme mit Methoden des Software-Engineering zu entwickeln. Insgesamt sind sie formal oft höherqualifiziert, kennen die Probleme der Anwender allerdings nur aus der Sicht der DV-Mitarbeiter.

Natürlich gibt es Konflikte, wenn die ältere Generation der "Künstler" auf junge Software-Ingenieure mit einem Sendungsbewußtsein trifft. 'Vereinfacht betrachtet werden diese Konflikte ausgelöst einerseits durch Vorbehalte gegenüber neuen Verfahren und durch Ängste, von neuen Mitarbeitern schnell überholt zu werden, andererseits durch den Versuch der Anfänger, ihre theoretischen Erkenntnisse möglichst direkt in die Praxis umzusetzen.

Eine Lösung des Konfliktes ist meiner Meinung nach nur möglich, wenn beide Gruppen miteinander arbeiten. Wenn alte und neue Mitarbeiter gemeinsam ein Projekt realisieren, können die einen lernen, daß methodisches Vorgehen zwar .den persönlichen Arbeitsstil beschneidet, aber auch neue Freiräume schafft. Die anderen werden feststellen, daß zu den Methoden vor allem Verständnis der fachlichen Probleme hinzukommen muß.

In der Teamarbeit erlebe ich außerdem immer wieder, daß die persönlichen Eigenschaften der Mitarbeiter bestimmender sind als die berufliche Biographie. Aufgeschlossenheit ist glücklicherweise nicht an eine Generation gebunden!

Gotthard von Törne, Personal- und Unternehmensberatung für Technik, Information und

Zeltmanagement, München

Das Aufeinandertreffen von Menschen mit lebens- und berufsaltersbedingten Unterschieden erheblichen Ausmaßes ist für den Personalberater tägliche Thematik bei Neubesetzungen, Trainings- und Organisationsentwicklungsprojekten. Technologische Dynamik, Explosion der Anwendungsgebiete Beginn praktisch am Punkte Null ohne zwangsläufige Berufsherkunft hat innerhalb von rund 25 Jahren eine Sogwirkung auf Um- und Einsteiger aus allen Berufs- und Funktionsbereichen ausgelöst. Von einer fast ausschließlichen Herstellerschulung über den Bereich der Fachhochschulen und Universitäten bis hin zu einem Massenangebot schwer durchschaubarer Qualität drängt jetzt die zweite und dritte Generation von Mathematikern, Physikern, Ingenieuren und Informativeren in das Berufsleben.

Die Datenverarbeitung wächst zunehmend aus einer instrumentellen, nachgeordneten Bedeutung heraus und nimmt eine zentrale Bedeutung im Forschungsprozeß an. Damit könnten die DV-Mitarbeiter die Anforderungen nur dann voll erfüllen, wenn sie als Experten ganz im Forschungsvorhaben integriert wären. Praktisch verhindert jedoch das zunehmende Arbeitsvolumen immer mehr den tieferen Einblick in die Forschungsprojekte.

So muß sich die zu Beginn der siebziger Jahre rekrutierte Service-Mannschaft hohen Weiterbildungs- und Leistungsansprüchen stellen, um den erwähnten Anforderungen halbwegs nachkommen zu können. Hierbei wird deutlich, daß nur eine breite Fachhochschul- oder Hochschulausbildung die Voraussetzung dafür bietet, auch viele Jahre nach Abschluß der Ausbildung mit der raschen Entwicklung im DV-Bereich Schritt zu halten. Das bedeutet daß in diesem Forschungsbetrieb die "neue" Generation von Anwendern und Anwendungen mit der "alten" Generation von DV-Arbeitern und DV-Produktion einen gemeinsamen Weg entwickeln müssen.

Konsequent werden bei Neueinstellungen derartige Voraussetzungen erwartet, und das auch in eher bescheidenen Gehaltsgruppen. Diese Tendenz wird noch durch die gegenwärtigen Stellenmarktverhältnisse gefördert, die den öffentlichen Arbeitgeber hoffen läßt, den geeigneten Mitarbeiter auch für zwei oder drei Gehaltsgruppen weniger zu finden. Bewerber, die diesen Ansprüchen genügen, sehen sich dann am Arbeitsplatz sehr unterschiedlichen Eingruppierungen gegenüber. Damit scheint der Konflikt auch zwischen den DV-Mitarbeitern angelegt zu sein.

Sowohl der Generationskonflikt mit den Benutzern als auch mit nachrückenden Kollegen, der auf unterschiedlicher Vorbildung, unterschiedlichen Kenntnissen und Erfahrungen und auch auf unterschiedlicher Arbeits- und Umgangsweise mit dem Rechner beruht, konnte und kann im Institut nicht durch Patentrezepte gelöst werden.

Eine Chance für eine sinnvolle Zusammenarbeit zwischen Endbenutzern, jungen und gestandenen DV-Leuten sehe ich zunächst im Abbau von Tabus: Erst wenn sowohl Benutzer wie DV-Mann offen zugeben können: "Das weiß ich nicht!" lassen sich Defizite orten und überwinden. Vorwürfe, "Drängelei", Show, "Mauern" - das alles sind ganz untaugliche Versucher mit den Schwierigkeiten umzugehen.

Um Klarheit der Zielsetzung und Übersicht für Akzeptanz und erfolgreiche Integration zu schaffen, empfiehlt sich die Berücksichtigung folgender Analyseobjekte unter den Aspekten Dynamik, Homogenität und Qualifikationslevel: System- und Informationsgestaltung, Mitarbeiter- und Führungssituation sowie Ressourcenmanagement und schließlich das Planungsniveau.

Erkenntnisziel ist, sehr vereinfacht: Hat der Praktiker mit breiter Erfahrung und spezifischen System- und Software-Kenntnissen oder etwa der Fachschulabsolvent beziehungsweise der DV-Schüler mit Ehrgeiz und erster DV-Praxis ein Chance, akzeptiert zu werden und sich langfristig zu entwickeln?

Zur Abgrenzung scheinen typologische Unterschiede zwischen den Extremgruppen hilfreich hinsichtlich ihres Arbeitsvorgehens und ihres Karriereverständnisses: Ingenieurmäßige DV-Arbeit hebt sich ab durch Intensivierung des analytischen Anteils versus Realisation, Maschinen-/ Tool-Unterstützung versus Hinterkopf, strukturierte, dokumentierte, benutzerorientierte Entwicklung, zum Teil losgelöst vom sehr engen Anwendungsfall, versus individueller, optimaler Realisation für die konkrete Hardware und Systemumgebung.

Stellt man zwei Szenarien gegenüber: Das Unternehmen mit jahrzehntelangem DV-Einsatz, DV-Bereich mit mehreren hundert Mitarbeitern langjähriger Betriebszugehörigkeit und gewachsener Sachkompetenz aus zahlreichen Großprojekten von Batch- bis zu zaghaften ersten Dialog-Großanwendungen, intensiver Kenntnis von Anwendern und DV-Fachpartnern, erhebt sich die Frage: Hat der Junginformatiker eine Chance? Er hat, wenn ein Nachwuchs- und Einarbeitungskonzept besteht, durch das er von sinnvoller Projektmitarbeit über Methodeneinweisung, mit Kollegen durchgezogener gemeinsamer Schulung bis zur Übernahme von profilierungsträchtigen Sonderfragestellungen Konturen und Akzeptanz gewinnen kann.

Alternativ ein Software-Haus mit hochkarätigem Management, akademischen, alters- und geschlechtgemischten Mitarbeitern. Welche Perspektive findet ein Praktik mit 20 Jahren DV-Erfahrung? Keine! Sie reden aneinander vorbei.

Diese Gegenüberstellung ist charakteristisch für ein zentrales Problem: Die Herstellerbranche, Software- und Systemhäuser, Anwender und mit einer Sonderstellung Vertriebsunternehmen und Dienstleistungs-Rechenzentren bieten eine Rangfolge Absteigender Dynamik, aber je nach Unternehmensgröße, -alter und branchentypischem DV-Einsatz bestehen beim Anwender erhebliche Unterschiede.

Hauptpotentiale der Gründergeneration der DV-Gesellschaft sind die geleistete Aufbauarbeit und erreichte DV-Durchdringung der Anwender, die erlebten Irrwege und Herstellerstrategien sowie vor allem das langjährige Zusammenleben mit selbsterstellten Realisationen und Usern.

Die daraus gewachsene sachliche und soziale Anwendungsund Anwenderkenntnis in einem speziellen Unternehmen können Hemmschuh auch Hilfestellung künftigen Umwälzungen vor allem in der Büro-Automatisierung (administrativ wie technisch) sein.