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07.12.2001 - 

Offshore-Anbieter drängen nach Deutschland

O2I: Outsource to India

MÜNCHEN (jha) - IT-Dienstleister, die Softwareentwicklung und -betreuung in Indien betreiben, versprechen um bis zu 40 Prozent günstigere Kosten im Vergleich zu hiesigen Beratungshäusern. Wer einen dieser preisgünstigen Anbieter wählen will, sollte auf Qualität, Know-how und ProjektManagement achten.

Obwohl die Offshore-Anbieter gerne mit ihrem Know-how, Qualitätszertifikaten und Beratungsservices werben, schielen die Kunden eigentlich nur auf die günstigen Preise. Eine Umfrage von Forrester Research unter 45 Anwendern (mit einem Umsatzvolumen im Kerngeschäft von mehr als einer Milliarde Dollar) ergab, dass 55 Prozent der IT-Verantwortlichen aus Kostengründen das Modell "Oursource to India" (O2I) wählen. Die Umfrage fand in den USA statt, wo die Offshore-Programmierung sehr viel verbreiteter ist als in Deutschland. Immerhin fließen 62 Prozent der indischen Softwareexporte des letzten Jahres in die USA, nur 24 Prozent hingegen gingen nach Westeuropa.

Inder drängen nach DeutschlandBislang haben die Anbieter den hiesigen Markt aber auch vernachlässigt und ihn allenfalls von den USA aus zu erschließen versucht. Hier scheint sich indes ein Sinneswandel zu vollziehen, denn die Offshore-Programmierer verstärken ihre Präsenz: Der US-amerikanische Anbieter Syntel sowie Wipro Technologies, Tochter des indischen Mischkonzerns Wipro Ltd., wagten im Lauf dieses Jahres den Schritt nach Deutschland. Sie eröffneten eigene Büros in München (Syntel) und Oberliederbach bei Frankfurt am Main (Wipro).

Cognizant, ein weiterer US-amerikanischer Dienstleister mit Softwareentwicklern in Indien, sowie Infosys, eines der größten Softwarehäuser Indiens, sind seit Ende der 90er Jahre hier präsent. Lediglich der indische Marktführer Tata Consultancy Services (TCS) kann auf so etwas wie Tradition in Deutschland verweisen. Bereits 1991 bezog der "Siemens-Konzern Indiens" Räume zunächst in Frankfurt am Main und später in Hamburg. München folgte vor wenigen Monaten, und in Stuttgart wird demnächst eine Niederlassung eingerichtet.

Bei ihren Vertriebsanstrengungen müssen diese Anbieter das Argument der günstigen Preise von Offshore-Dienstleistungen schon gar nicht mehr bemühen: "Die niedrigen Kosten setzen die Kunden voraus. Überzeugungsarbeit fällt hinsichtlich der Qualität und der Methodik des Onsite-Offshore-Modells an", erläutert Dieter Uckelmann, Geschäftsführer der Cognizant Technology Solutions GmbH in Esslingen.

Unbekanntes QualitätssiegelWas die Qualität betrifft, verweisen die Anbieter auf das in Deutschland nahezu unbekannte Zertifikat "Capability Maturity Model Level 5" (CMM Level 5) des Software Engineering Institute (SEI). Die fünfte Stufe dieses Qualitäts-Management-Modells definiert und verlangt bestimmte Kontrollinstanzen bei der Softwareentwicklung. Das Prüfsiegel wurde von der US-amerikanischen Universität Carnegie Mellon University und dem US-Verteidigungsministerium entwickelt. Den Anwendern jenseits des Atlantiks ist das Zertifikat besser vertraut, und zumindest gegenüber Forrester Research haben sie dessen Praxistauglichkeit bestätigt: Auf einer Bewertungsstufe von eins (schlecht) bis fünf (exzellent) vergaben 40 Prozent der Befragten die Note vier und jeweils 20 Prozent die Note drei und fünf.

Die von den Offshore-Providern betriebene Vorgehensweise bei der Softwareentwicklung soll Bedenken der Kunden zerstreuen, Projekte und Wartungsaufgaben an Experten zu vergeben, die in einem fremden und entfernten Land arbeiten. Die Befürchtungen betreffen nicht allein den Kulturunterschied zwischen Auftraggeber und ausführenden Entwicklern, sondern auch die Kommunikationsschwierigkeiten und den Mehraufwand beim Projekt-Management. Dem versuchen die Anbieter mit einem Onsite-Offshore-Konzept zu begegnen. Dabei arbeitet ein kleines Projektteam des Dienstleisters vor Ort beim Kunden und spricht mit ihm Konzeption beziehungsweise Design ab, übernimmt die Koordination der Arbeiten in Indien und sorgt auch für Tests vor Ort sowie die Einführung der Software. Hier gibt es zwischen den Anbietern nur feine Unterschiede: Syntel und Wipro wollen für die Vorort-Teams hiesige Arbeitskräfte mit Projekterfahrung anheuern. Cognizant und TCS fliegen die entsprechenden Experten je nach Auftragslage ein. Bei allen Anbietern werden Aufgaben wie die Programmierung und das Applikations-Testing in Indien erledigt. Angeblich machen diese Arbieten 80 Prozent eines Entwicklungsprojekts aus. Immerhin versprechen die Anbieter Kosteneinsparungen von 40 bis 50 Prozent im Vergleich zu einheimischen Beratungshäusern.

"Unsere direkten Wettbewerber sind Unternehmen wie EDS, IBM Global Services, Accenture, KPMG und in Deutschland noch Heyde und T-Systems", erklärt Syntels hiesiger Geschäftsführer Mario Raabe. Umgekehrt dürften die genannten Dienstleister jedoch kaum auf den Gedanken verfallen, die Indien-Programmierer als ihre Konkurrenten zu nennen - zurzeit zumindest noch nicht.

Das liegt an dem schmalen Angebotsportfolio der Offshore-Häuser. Zwar stellen nahezu alle Anbieter ihre angebliche Kompetenz für E-Business-, ERP-, CRM- und SCM-Projekte zur Schau, doch das Gros der Aufträge entstammt noch dem Mainframe-Umfeld. Dort anfallende Erweiterungen der Cobol- oder PL/1-Programme sowie Wartungsarbeiten und Applikations-Outsourcing werden oft von indischen Ingenieuren erledigt. Besonders zum Auslagern geeignet sind sich wiederholende Tätigkeiten, so die Aussage eines Anbieters. Projekte, die Einblick in die Geschäftsprozesse und fundiertes Branchenwissen erfordern, vertrauen die Anwender offenbar doch lieber Beratungshäusern an, auf deren Mitarbeiter sie vor Ort einwirken können.

Denn trotz des Onsite-Offshore-Modells wird es manchen Anwender nicht behagen, dass er keinen direkten Draht zu den Entwicklern hat, die an seinem Projekt arbeiten. So nannten 70 Prozent der von Forrester Research Befragten die schlechte Kommunikation und die kulturellen Unterschiede als die größten Hemmnisse für Offshore-Projekte. Sehr anschaulich schilderte dies ein US-Anwender gegenüber den Marktforschern: Bei einer direkten Ansprache wies er die Offshore-Programmierer mit den Worten "Finish up today" an, bestimmte Arbeiten noch heute zu erledigen. Die - in diesem Fall - brasilianischen Mitarbeiter interpretierten die Anweisungen sinngemäß als "Schluss für heute" und verließen das Büro.

Alternativen zu IndienIndien ist nicht das einzige Land, das Programmierarbeiten zu günstigen Preisen anbietet, Kapazitäten gibt es auch in Brasilien und auf den Philippinen. Lange Zeit wurden derartige Dienste auch von Irland aus erbracht, doch nach Angaben des Beratungshauses Gartner hat sich die dortige Wirtschaft mittlerweile vom Lieferanten zum Abnehmer von Offshore-Diensten entwickelt. Indien und Irland haben ihre Reputation mittels eines guten Ausbildungssystems erworben. In dem Ruf, ausgezeichnete Akademiker hervorzubringen, stehen derzeit noch Russland und einige osteuropäische Länder (recherchierbar etwa über www.soft-east.de). Sie haben allerdings das Handicap, den Qualitätsbeweis noch schuldig zu sein. Außerdem ist dort die internationale IT-Sprache Englisch nicht in dem Maße verbreitet wie in Indien. So könnten sich die Anbieter, die indische Experten beschäftigen, in ihrem Erfolg sonnen, gäbe es da nicht das Problem, das der Vertreter eines Softwarehauses gegenüber Forrester nannte: "Die steigenden Gehälter in Indien." Seine Firma erwägt nun, Subunternehmer in günstigeren Ländern als Indien zu beschäftigen. Umschauen könnte er sich in China, Taiwan, Singapur und den Philippinen.

Abb: Erfahrungen mit Offshore-Anbietern

In der Praxis haben sich die Modelle mit Projektmitarbeitern vor Ort offenbar noch nicht bewährt. Die größten Schwierigkeiten bei Offshore-Projekten gibt es immer noch bei der Kommunikation. Quelle: Forrester Research