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25.12.1992 - 

Das Personalkarussell drehte sich 1992 schwindelerregend schnell (Teil 1)

Ob Olsen, Lorentz oder Pagé: Die Aufsichtsräte kannten kein Pardon

Zu einem regelrechten Kahlschlag kam es 1992 in den Vorstandsetagen etlicher DV-Unternehmen. Vor allem bei einigen Hardwaremultis hing der Haussegen gewaltig schief, was zu manch spektakulärem Abgang führte - Ken Olsen mußte bei Digital Equipment genauso seinen Platz räumen wie Francis Lorentz bei der Groupe Bull. Personell unauffällig blieb die Softewarebranche - bis Mitte November. Da mußte "Mister Software AG" Peter Pagé seinen Hut nehmen. Nur zwei Wochen später verabschiedete sich Kaj Green vom Debis-Konzern.

Eigentlich hatte der Computerpionier Ken Olsen selbst bestimmen wollen, wann er das Ruder der von ihm vor 35 Jahren gegründeten Digital Equipment Corp. aus der Hand gibt - so recht gelungen ist es ihm jedoch nicht. Zu groß wurde der Druck des Verwaltungsrates, als sich Mitte des Jahres abzeichnete, daß der Mini-Marktführer ein katastrophales Geschäftsergebnis für 1991/1992 würde ausweisen müssen. Tatsächlich fielen tiefrote Zahlen in Höhe von rund 2,8 Milliarden Dollar an. So hatte der Technikvisionär, der 1986 von dem US-Magazin "Fortune" zum Unternehmer des Jahres gekürt worden war, keine andere Wahl, als seinen Rücktritt zu erklären. In einer Rede vor der Belegschaft in Maynard soll der 66jährige denn auch freimütig zugegeben haben, daß er gefeuert worden sei, weil er es nicht verstanden hätte, harte Umstrukturierungsmaßnahmen einzuleiten, um sein angeschlagenes Unternehmen so wieder auf Erfolgskurs zu bringen.

In der Tat war dem als eigenwillig und starrköpfig geltenden DEC-Patriarchen eines verhaßt, nämlich Mitarbeiter entlassen zu müssen. Mahnten ihn US-Analysten schon 1990, als die Erträge des Computerriesen von Quartal zu Quartal wie Schnee in der Sonne schmolzen, den aufgeblähten Kostenapparat unter anderem durch eine drastische Mitarbeiterreduzierung zu straffen, setzte er weiter auf freiwillige und altersbedingte Abgänge - ohne damit freilich die Einsparungen erzielen zu können, die ein konsequenter, wenn auch schmerzlicher Personalabbau beschert hätte.

Seinem Nachfolger Robert Palmer, seit 1. Oktober in Amt und Würden, eilt der Ruf voraus, in dieser Hinsicht aus einem anderen Holz geschnitzt zu sein. So verkündete der 51jährige in einem ersten Gespräch mit amerikanischen Journalisten und Analysten auch gleich, die Mitarbeiterreduzierung forcieren und dabei vor allem Überkapazitäten in Forschung und Entwicklung abbauen zu wollen. Mit konkreten Zahlen hielt er sich indes noch zurück.

Ken Olsens Ablösung hatte bei Digital Equipment ein hektisches Stühlerücken zur Folge. Kaum waren die Rücktrittspläne des Firmengründers bekannt geworden und der designierte Nachfolger benannt, warf Europa-Chef Pier Carlo Falotti das Handtuch. Der 49jährige Italiener hüllte sich über seine Beweggründe zwar in Schweigen, doch mutmaßten Insider, er habe sich selbst Hoffnungen auf Olsens Posten gemacht. Möglich ist aber auch, daß ihn die bröckelnden Umsätze und Erträge im einst glanzvollen Europa-Geschäft zu diesem Schritt veranlaßten. Zumindest scheint sich Falotti schon vor seinem abrupten Abgang bei DEC nach einem neuen Betätigungsfeld umgesehen zu haben. Noch im Juli, gerade einmal zwei Wochen nach seiner Kündigung, gab er mit der amerikanischen Software-Unternehmensgruppe ASK-Companies seinen neuen Arbeitgeber bekannt. Anfang September übernahm der Italiener dort die Position des Chief Executive Officers und ist nunmehr für Wohl und Wehe der drei Geschäftsbereiche Ingres, ASK Computer Systems und Data 3 verantwortlich. Die Gründerin und bisherige ASK-Geschäftsführerin Sandra Kurtzig fungiert seitdem ausschließlich als Chairwoman.

Mehr Zeit brauchte Digital Equipment, einen neuen Europa-Chef zu finden - ein Indiz dafür, wie überraschend der Ausstieg Falottis für die Konzernspitze in Maynard gekommen war. Anfang Oktober aber war es dann soweit: Richard Poulsen trat die Nachfolge des abtrünnigen Italieners an und übernahm damit die Verantwortung für 56 Länder in Zentral- und Osteuropa sowie im Mittleren Osten und Afrika. Zuvor war der 57jährige, der 1968 zu Digital Equipment stieß, Präsident der General International Area, die alle Länder außerhalb der USA, Europa sowie Afrika umfaßt, in denen DEC Geschäfte macht. Dieser Aufgabe wiederum widmet sich nun der 57jährige Bobby Choonavala, der bis dahin als Managing Director der Fernostregion mit Sitz in Hongkong fungierte.

Zur gleichen Zeit wurde mit William Strecker (48) auch ein neuer Vice-President Engineering und Chief Technology Officer ernannt. Der findige Ingenieur hatte sich 1972 dem Computerriesen in Maynard angeschlossen und trug maßgeblich zur Entwicklung der VAX-Architektur und zur Zusammenführung der unterschiedlichen DEC-Hardware-Plattformen in einer homogenen Rechnerumgebung bei. Was des einen Freud, ist aber bekanntlich des anderen Leid. Streckers Berufung wiederum gab mit den Ausschlag, daß sich ein anderer verdienter Manager nach 22 Jahren von DEC verabschiedete. Softwarestratege David Stone (50) wechselte vor wenigen Wochen zu AT&T, nachdem er nicht nur beim Gerangel um Olsen Nachfolge Palmer den Vortritt lassen mußte, sondern dieser ihm auch noch seine Kompetenzen beschnitt, indem er ihn künftig an Strecker berichten ließ. Zuvor war Stone Ken Olsen direkt unterstellt gewesen.

Beim Bäumchen-wechseldich-Spiel des Konzerns mischte auch die deutsche DEC-Dependance in München mit. Noch bevor Olsen seinen Rücktritt kundtat, hatte Jörg Rieder, seit 1988 Geschäftsführer der Vertriebstochter, das zweifelhafte Vergnügen bekanntzugeben, daß er seinen Schreibtisch in der Isarmetropole mit einem in der Genfer Europa-Zentrale tauschen werde. Seit 1. Oktober nun darf er sich Vice-President Operations Europe nennen und sich für die Bereiche Fertigung und Logistik, Qualitätsmanagement, Informationsmanagement sowie -technologie engagieren. Daneben übernahm der 50jährige Diplomingenieur den Vorsitz des Verwaltungsrates für das Geschäft in den Beneluxländern.

Daß sich Rieder für diese Position freiwillig zur Verfügung stellte, ist nicht anzunehmen. Als seine "Beförderung" publik gemacht wurde, kam nämlich auch ans Tageslicht, daß DEC Deutschland für das Geschäftsjahr 1991/92, das am 30. Juni endete, einen Verlust in dreistelliger Millionenhöhe werde ausweisen müssen. Der finanzielle Absturz, dessen konkretes Ausmaß die Münchner bis heute nicht veröffentlichten, ist neben mangelnden VAX-Absatzerfolgen sowie des Preisverfalls vor allem bei PCs nicht zuletzt auch auf die schwierige Eingliederung der zugekauften Kienzle-Datentechnik und der Computersparte von Philips zurückzuführen.

Die malade deutsche Vertriebstochter soll nun der Elektronikingenieur und Betriebswirt Hans Wolfgang Dirkmann auf Vordermann bringen. Der seit gut 20 Jahren in Diensten von Digital Equipment stehende 50jährige wurde im März 1991 aus Genf geholt, um die neue, aber finanziell nicht gerade stabile DEC Deutschland-Schwester Digital-Kienzle in Villingen-Schwenningen auf Kurs zu bringen. Dies scheint Dirkmann gelungen zu sein; zumindest verlautete von der Münchner DEC-Pressestelle im Sommer, die Konsolidierungsphase bei Digital-Kienzle sei erfolgreich beendet worden, und das Unternehmen habe das erste vollständige Geschäftsjahr mit positivem Ergebnis abgeschlossen. Auch hier blieb man genaue Zahlen bis heute allerdings schuldig.

Den Chefposten im Schwarzwald bekleidet nunmehr Hanns-Joachim Ehrhard, der Dirkmann 1991 bei Digital-Kienzle als Geschäftsführer Marketing und Vertrieb zur Seite gestellt worden war. Der 47jährige ist ein alter Philips- und Kienzle-Hase und dürfte damit nicht die schlechteste Wahl gewesen sein.

Daß es keine leichte Aufgabe werden würde, den französischen Computermulti Bull in die 90er Jahre zu führen, kalkulierte Francis Lorentz wohl ein, als er im Juni 1989 Jacques Stern als Präsident ablöste und die alleinige Verantwortung für den Staatskonzern übernahm. Nachdem er 1987 zum Vorstandsvorsitzenden avanciert war, hatte er sich ohnehin weitgehend selbsttätig um die Belange der Pariser Unternehmensgruppe gekümmert. So dürfte es ihn auch nicht überrascht haben, daß sein Start- als Konzernchef gründlich daneben ging. Kaum war er nämlich in Amt und Würden, mußte er stante pede rote Halbjahreszahlen verkünden - die ersten seit 1985 und der erneute Beginn einer langen finanziellen Talfahrt mit Milliardenverlusten, aber auch Startschuß für einen umfangreichen Umbau des Computermultis.

Lorentz ist es nicht vergönnt, die Früchte seiner 1990 eingeleiteten ehrgeizigen Umstrukturierung mit Tausenden von Entlassungen und zahlreichen Werkschließungen sowie der überraschenden Hereinnahme zweier neuer Gesellschafter (erst NEC und dann IBM) zu ernten. Zwar wird Bull auch in diesem Geschäftsjahr keine Nettogewinne einfahren, so wie es sich der 50jährige Konzernchef mit seinem Transformationsprogramm zum Ziel gesetzt hatte, wenigstens aber ist ein operativer Profit in Sicht. Nur wird es nicht Lorentz sein, der diesen Teilsieg der Öffentlichkeit verkündet. Mitte des Jahres lief sein Dreijahres-Vertrag als Bull-Chef aus und wurde von der Regierung nicht verlängert. An seine Stelle trat der Branchenneuling Bernard Pache.

"Die anhaltenden Verluste bei Frankreichs DV-Champion spielten bei der Entscheidung, Lorentz den Laufpaß zu geben, wohl nur eine untergeordnete Rolle; zumal Bull für die ersten sechs Monate des laufenden Geschäftsjahres eine Halbierung der roten Zahlen auswies. Vielmehr waren es politische Grunde, die den Ausschlag gaben. Lorentz scheiterte letztlich an der Wahl der Partner, denen er eine Beteiligung an dem französischen Computermulti gestattete. Gegen den Willen von Ex-Premierministerin Edith Cresson, einer erklärten Gegnerin von Allianzen mit Japanern, setzte der Bull-Chef Mitte 1991 eine knapp fünfprozentige Beteiligung der NEC Corp. an dem Staatskonzern durch.

Auch daß sich Computermogul IBM ein Stück von Bull zulegte, paßte Madame Cresson nicht in den Kram. Sie bevorzugte Hewlett-Packard als Teilhaber und Tehnologiepartner. Doch nach harten Auseinandersetzungen mit Lorentz mußte sich die Premierministerin erneut geschlagen geben. Als Edith Cresson schließlich Ende März von Frankreichs Staatspräsidenten Francois Mitterand ihres Amtes enthoben wurde, soll sie in Richtung Lorentz geäußert haben, sie werde dafür sorgen, daß auch er nicht mehr lange Bull-Chef sei.

Daß mit Pache nun ein Branchenneuling an der Spitze der Groupe Bull steht - er war bis dahin Vorsitzender des Kohleproduzenten Charbonnages de France gewesen -, ist möglicherweise darauf zurückzuführen, daß Jean Claude Albrecht, Präsident der Bull S.A. und damit verantwortlich für die Geschäfte in Frankreich, im Juni das Handtuch warf. Der Sanierungsexperte, den man Anfang 1990 von der britischen ICL ins Unternehmen holte, war immer wieder als potentieller Nachfolger von Lorentz gehandelt worden. Unterschiedliche Auffassungen über die zukünftige Konzernstrategie aber ließen Albrecht schließlich das Feld räumen. Mehr noch: Er verabschiedete sich damit auch ganz von der Computerindustrie.

Die Hereinnahme von IBM als Financier und High-Tech-Stütze hatte nicht zuletzt bei der deutschen Bull-Tochter personelle Folgen. Daß man sich ausgerechnet mit dem erklärten Erzrivalen, mit dem man sich über Jahrzehnte hinweg gnadenlose Fights um Kunden und Marktanteile geliefert hatte, nun verbrüdern sollte, rief bei vielen altgedienten Bull-Managern in Deutschland Fassungslosigkeit, Ablehnung und Verbitterung hervor. Ein er von ihnen zog Mitte des Jahres die Konsequenzen: Werner Sülzer, seit 22 Jahren treuer Bull-Gefolgsmann, quittierte seinen Dienst als Geschäftsleiter Marketing und Vertrieb und schloß sich mit Olivetti einem Unternehmen an, dessen Oberhaupt Carlo De Benedetti IBMs Liebeswerben die kalte Schulter gezeitig hatte. Einmal auf den Geschmack gekommen, schien Big Blue der französischen Liaison nämlich auch noch ein italienisches Techtelmechtel hinzufügen zu wollen. Einen Einstieg gestattete Tiger Carlo wenige Monate später Digital Equipment.

Seit 1. Juli sitzt Sülzer nun auf dem recht wackligen Chefsessel bei der deutschen Olivetti GmbH in Frankfurt. In den letzten elf Jahren gaben sich dort die Geschäftsführer in rascher Folge die Klinke in die Hand - fünf an der Zahl - weil es bis auf Fritz Dieckmann (1981 bis 1984) niemand schaffte, mit dem deutschen Sprößling Gewinn zu machen. Abgesehen von möglichen eigenen Defiziten in Sachen Unternehmensführung, scheiterten sie alle vor allem an einer von Tiger Carlo auferlegten, gleichwohl zum Teil chaotischen Konzernstrategie und -struktur, die sich zudem permanent änderte. Die noch bis Mitte der 80er Jahre vielgelobte Corporate Identity ging dabei genauso verloren wie die Ertragskraft der gesamten Gesellschaft.

Sülzer, der Wolfgang Reiling ablöste, obliegt nun die schwere Aufgabe, zum einen Ruhe in die deutsche Tochter zu bringen, zum anderen aber auch strukturelle Änderungen vorzunehmen, um das bestehende krasse Mißverhältnis zwischen Kundenbestand und Umsatzausbeute zu beheben. An Ideen scheint es dem 46jährigen Vertriebs- und Marketing-Profi dabei nicht zu mangeln. Ob er sie umsetzen kann und ob er erfolgreich ist, hängt aber sicherlich auch davon ab, ob und wann die Zentrale in Ivrea ihm dazwischenfunkt.

Einen weiteren Top-Manager verlor Bull mit Udo Mäder, Geschäftsführer und Vice-President Zentraleuropa der Zenith Data Systems GmbH, Schwestergesellschaft der Kölner Bull AG. Der 47jährige PC-Profi, der schon als Vertriebsdirektor bei Apple und danach als Geschäftsführer Zentraleuropa bei Compaq wenig Fortune bewies, hatte im September 1989 bei der deutschen ZDS-Tochter angeheuert - wenige Monate bevor die Groupe Bull den amerikanischen PC-Hersteller aufkaufte. Anfang des Jahres legte er jedoch seine Ämter nieder.

Der Grund für sein plötzliches Ausscheiden blieb im Dunkeln. Zwar hieß es, sein Rücktritt stehe im Zusammenhang mit der laufenden Reorganisation der Groupe Bull, die zur Folge habe, daß das Europa-Management in einer zentralen Schaltstelle in Paris konzentriert werde, für Mäder indes ein Umzug in die Seine-Metropole nicht in Frage käme. Zum 1. Oktober aber wurde seine Position bei der Zenith Data Systems GmbH wieder besetzt. Neuer Geschäftsführer und Vice-President Zentraleuropa ist Wolfgang Hirsch (50), der von Toshiba zu der mittlerweile in Langen ansässigen PC-Division von Bull (zuvor Dreieich-Sprendlingen) wechselte. Vielleicht hatte Mäder auch nur genug von der Computerindustrie. Mittlerweile nämlich umgibt er sich im Norden Deutschlands mit schönen Düften - der PC-Profi wurde Vorstandsmitglied der Aurel-Gruppe, ein Franchiser in der Parfümerie-Branche.

(wird fortgesetzt)