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20.06.1975

"OCR ist keineswegs nur etwas für die Großen"

Mit Sighart Rotter, EDV-Leiter der Gervais-Danone AG, München, sprach CW-Redakteur Dieter Eckbauer

- Obwohl es optische Leser seit 1952 gibt, hat die OCR-Technik heute einen Marktanteil von erst zwei Prozent. Blieb optische Beleglesung bisher das Privileg einiger großer Konzerne mit entsprechendem Datenvolumen?

Es trifft wohl zu, daß OCR nur den von Ihnen genannten Anteil an dem großen EDV-Geschäft erreicht, aber man sollte darauf hinweisen, daß OCR in der Regel nur im Verbund mit Rechnern oder der EDV zuzurechnenden Terminals eingesetzt wird. Und hier ist sicherlich die Beanspruchung der Rechner und Terminals nicht in vollem Umfang in die von Ihnen genannte Zahl eingerechnet.

- Anläßlich des 3. Europäischen OCR-Kongresses vom 3. bis 6. Juni 1975 in Frankfurt sind Sie in den Vorstand der Eurocra, der European-OCR-Association, gewählt worden. Welche Ziele verfolgt Eurocra?

Eurocra besteht seit 1973 und ist ein Zusammenschluß von Anwendern und Herstellern. Ziel ist, Kenntnisse über OCR bei interessierten Anwendern zu fördern

- An welche Maßnahmen denken Sie dabei?

Die Eurocra soll den Mitgliedern schnell zu Ergebnissen und Informationen verhelfen, die die Realisierung von OCR-Anwendungen erleichtern, auch im Sinne eines nutzbringenden Erfahrungs- und Informationsaustauschs zwischen Anwendern und Herstellern.

- Die Beleglesung wird häufig als Stiefkind der Datenverarbeitung bezeichnet. Wie will Eurocra gegen dieses Vorurteil angehen?

Sie haben sicherlich recht, daß OCR noch ein sehr kleines Spezialgebiet im Rahmen der EDV darstellt. Aber gerade der Kongreß in Frankfurt hat gezeigt, daß große Anwendungen wie etwa bei der Sozialversicherung, oder bei den krankenkassenärztlichen Vereinigungen oder bei der Bundesbank ohne OCR heute nicht mehr denkbar sind.

- Glauben Sie, daß von den großen Applikationen, die Sie nannten, eine Signalwirkung auf kleine und mittlere Anwender ausgeht?

Beim Kongreß in Frankfurt kam es uns darauf an, bedeutende oder interessante, auf jeden Fall bereits realisierte Anwendungen vorzustellen. Wir müssen zugeben, daß dabei die vielen mittleren und kleinen Anwendungen, die OCR in gleicher Weise darstellen können, etwas in den Hintergrund getreten sind.

- Der Einsatz von OCR setzt gute Kenntnisse des Verfahrens und seiner Anwendung voraus. Wie will sich eigentlich der Anwender gegen die Hersteller behaupten, die einen Vorsprung an Know-how haben?

Es ist zweifellos so, daß sich der Anwender, der sich erstmalig mit OCR befaßt, schwer tut bei der Auswahl der geeigneten Hardware und Software. Gerade hier will Eurocra Hilfestellung geben.

- Mit Absichtserklärungen ist es sicher nicht getan. Worin besteht diese Hilfestellung?

Wie eingangs erwähnt, ist es das erklärte Ziel von Eurocra, OCR zu fördern. Hierzu gehört selbstverständlich die Unterstützung aller Anwender und gerade des Anwenders, der sich mit OCR erst vertraut machen will. Ein gutes Beispiel haben wir bei diesem Kongreß gegeben und bereits an alle Mitglieder und Kongreßteilnehmer eine "Members Data-Bank" verteilt. Dieses Informationsinstrument soll in den folgenden Monaten noch weiter ausgebaut werden. Das heißt, das Angebot an Material durch Eurocra wird ständig erweitert und vervollständigt. Jeder Anwender kann sich problemlos die notwendigen Informationen über Eurocra und deren Mitglieder besorgen.

- Also auch die Hersteller?

Wir glauben, daß diese Einrichtung von den Herstellern eher dazu benutzt wird, möglichst umfassende Informationen an Eurocra zu geben, weil auch sie hier eine Plattform bekommen, ihre Produkte einer interessierten Öffentlichkeit vorzustellen.

- Die Praxis hat gezeigt daß in der Vergangenheit vielfach Maschinen vom Hersteller quasi am Markt vorbeiproduziert wurden und daß auch auf dem Gebiet der Normung der Anwender nicht zu Wort kam. Wird das bei Eurocra in Zukunft anders sein?

Diese Frage ist sehr interessant. Es gibt in Genf die ECMA, in der alle Hersteller vertreten sind. Diese European Computer Manufacturers Association befaßt sich mit Normung in jeder Form, die für OCR von Bedeutung ist. Da sind vor allem zu nennen Zeichen und ihre Darstellung. Hier gibt es jedoch eine Reihe von Themen, die ohne eine aktive Mitarbeit von Anwendern nicht lösbar sind.

- An dieser aktiven Mitarbeit der Benutzer hat es bisher gefehlt?

Es trifft durchaus zu, daß die Hersteller bisher in zu starkem Maße die Entwicklung von OCR-Geräten beeinflußt haben und in mancher Entwicklung den Anforderungen der Anwender nicht gerecht wurden.

- Welche Erfahrungen haben Sie im Hause Gervais-Danone mit optischer Beleglesung gemacht?

Wir haben uns sehr gründlich mit einer Reihe von Aspekten, die im weitesten Sinne zu OCR gehören, auseinandergesetzt. Es war unser erklärtes Ziel OCR nur dann einzusetzen, wenn es uns gelingt, die Basisdaten am Ursprung zu erfassen, also Daten des Lieferscheins, Daten der Milchabnahme am Bahnhof, Daten der Zeiterfassung bei der Stempelung oder Erstaufschreibung und so weiter. Unsere Entwicklungen wurden durch die Tatsache gefördert, daß wir eine sehr datenintensive Verarbeitung hatten und mit dem Problem von Massendaten fertig werden mußten. Wir können feststellen, daß wir heute über die 1968 und 1969 getroffenen Entscheidungen für den OCR-Einsatz sehr glücklich sind und unsere Zielsetzung in vollem Umfang erreicht haben.

- Gab es nie Schwierigkeiten?

Hier kann man nur kurz und bündig antworten: keine einzige Panne. Selbstverständlich haben wir unsere Vorbereitungen sehr gründlich und überlegt durchgeführt.

Wir haben heute mit OCR ein Instrument, daß uns gestattet, unsere Daten außerordentlich wirtschaftlich aber auch außerordentlich sicher, das heißt mit einer geringeren Fehlerrate wie bei den herkömmlichen, klassischen Methoden, zu erfassen.

- Dann trifft also das Argument nicht zu, daß die OCR-Technik noch nicht zuverlässig genug sei?

Hier muß fairerweise gesagt werden, daß uns gerade die Entwicklungen der letzten Jahre einen guten Schritt vorangebracht haben. Es ist heute so, daß bei vorhandenem Know-how und der Beachtung der jeder Anwendung eigenen Gesetze eine sehr gute Zuverlässigkeit beim Lesen von Zeichen erreicht wird.

- Es besteht vielerorts die Meinung, da OCR-Geräte zu teuer sind.

Die Entwicklung der Geräte hat auch mit diesem Vorurteil aufgeräumt. Die Preise für OCR-Leser jeder Größenordnung und für recht unterschiedliche Anwendungen sind heute so, daß sie wettbewerbsfähig sind sowohl zu vergleichbarer Hardware wie auch im Vergleich der Kosten für bestimmte Anwendungen oder Verfahrenslösungen.

- Bei welchen Anwendungen ist Beleglesung am rentabelsten ?

Eine typische Anwendung, die die Entwicklung der Preise verdeutlicht, läßt sich am Point of Sale (POS) demonstrieren. Die elektromechanischen Kassen liegen heute preislich höher als elektronische Kassen die mit OCR-Technik - sei es mit Lesestiften oder mit Handlesern - arbeiten.

- Demnach steht einer weiteren Verbreitung der OCR-Technik nichts mehr im Wege. Wird im Jahre 1980 nicht mehr gelocht?

Es ist keine Frage, daß OCR in den kommenden Jahren zunehmend an Bedeutung gewinnen wird. Die Hardware wird billiger die Software interessanter und die Anwendungen vielseitiger. Aber, man wird sicherlich auch 1980 noch lochen und prüfen.

Sighart Rotter (42)

war Personalchef in einem 3000-Mann-Unternehmen, bevor er 1957 mit der Datenverarbeitung in Berührung kam. Seit 1966 ist er Leiter der Hauptabteilung Datenverarbeitung bei der Gervais-Danone AG in München, einem multinationalen Lebensmittel konzern.

Bereits 1968 befaßte er sich zum ersten Mal mit OCR, als bei der Gervais-Danone AG die Zahl der monatilch zu fakturierenden Verkaufspositionen die Millionengrenze überschritt. In den folgenden Jahren realisierte er umfangreiche OCR-Anwendungen mit Handschriftlesung. Heute verarbeitet er im Service Datenbelege für 15 Fremdfirmen.

Rotter hört es gern, wenn man ihn als OCR-Pionier bezeichnet. Anläßlich des 3. Europäischen OCR-Kongresses, der Anfang Juni 1975 in Frankfurt stattfand wurde er zum deutschen Vertreter im Board der Eurocra (Eurapean-OCR-Association) gewählt.