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30.10.1987

Öffentlichkeit muß zur Informationstechnik

Dr. Peter Bocker Direktor im Unternehmensbereich Nachrichten- und Sicherungstechnik der Siemens AG, München

Die Informationstechnik ist als ein High-Tech-Gebiet zu einer allgemeinen, wichtigen Grundlage jeder modernen Technik geworden. Sie hat sich aus der Nachrichten- und Datenverarbeitungstechnik herausentwickelt und umfaßt vor allem die Bürotechnik, die Kommunikationstechnik, die Fertigungsautomatisierung und die Unterhaltungselektronik. Eine der Ursachen hierfür ist die ungeheure Steigerung der Komplexität und Leistungsfähigkeit mikroelektronischer Schaltkreise.

Diese Entwicklung bedeutet, daß Geräte, Netze, Maschinen mit immer mehr Informationsspeicher- und -verarbeitungsfähigkeit, mit mehr "Intelligenz", ausgestattet und immer häufiger in umfassende Systeme eingebettet werden. Der Anteil der Software steigt in den Produkten und Systemen und spielt auch eine immer größere Rolle bei ihrer Entwicklung und Herstellung. Die rechnergestützte Entwicklung - Computer Aided Design (CAD) und Fertigung - Computer Integrated Manufacturing (CIM) - sind hierfür ebenso Beispiele wie moderne, "intelligente" Kommunikationsnetze und -dienste - Integrated Services Digital Network (ISDN).

Für ein Land, das wie die Bundesrepublik Deutschland in hohem Maße vom Export und damit von seiner internationalen Wettbewerbsfähigkeit abhängt, ist diese Entwicklung eine große Herausforderung. Wir müssen mithalten bei dem starken Wachstum der Informationstechnik- wir müssen hierfür einen Entwicklungsaufwand leisten, der, bezogen auf den Umsatz, mindestens doppelt so hoch ist wie im Industriedurchschnitt, und wir müssen dabei unsere Erfahrungen auf den traditionellen Gebieten Maschinenbau, Nachrichtentechnik, Bürotechnik und Datenverarbeitung nutzen. Hieraus ergeben sich eine Reihe von Folgerungen für die Ingenieure und Naturwissenschaftler sowie deren Ausbildung.

Die Anforderungen beispielsweise an den Elektroingenieur, haben sich erweitert: Die Informatik ist eine der Grundlagen der Elektrotechnik geworden; jeder Ingenieur braucht heute auch Kenntnisse auf dem Gebiet der Informationstechnik. Es ist nur folgerichtig, daß einige Technische Universitäten dabei sind, dies auch in den Bezeichnungen ihrer entsprechenden Fakultäten zum Ausdruck zu bringen. Es wäre allerdings ein verhängnisvoller Irrtum, wenn hierbei die klassischen Grundlagen der Elektrotechnik vernachlässigt würden. Wer Informationstechnik erfolgreich entwickeln und anwenden will, muß nicht nur Kenntnisse in der Software-Handhabung besitzen, sondern auch ein Verständnis der physikalischen Vorgange etwa bei der Übertragung elektrischer Signale über Leitungen.

Dies gilt unabhängig davon, ob die Informationstechnik dazu dient, Krananlagen in Hafen, Bremsanlagen in Automobilen oder Informationsflüsse in Organisationen oder weltweiten Netzen zu steuern. Die empfindliche Mikroelektronik stellt neue, hohe Anforderungen an Materialien, aber auch an die Präzision im Ablauf der elektrischen Vorgänge, wenn störungsfreier, zuverlässiger Betrieb gewährleistet werden soll.

Es gibt einen ständigen Bedarf, hochwertige, zukunftssichere Arbeitsplatze auf den High-Tech-Gebieten, das heißt auch auf denen der Informationstechnik, zu besetzen. Natürlich werden sich auch hier konjunkturelle Schwankungen bemerkbar machen; aber man muß sich die demografisch bedingte rückläufige Entwicklung der Anzahl der Studienabgänger in den 90er Jahren vor Augen halten: Danach wird die Anzahl der Hochschulabsolventen von 1994 bis 2000 um etwa 25 Prozent abnehmen. Angesichts der schon heute schwer zu befriedigenden Nachfrage nach gut ausgebildeten Ingenieuren und Naturwissenschaftlern mit Kenntnissen auf dem Gebiet der Informationstechnik kann man nur mit ernster Sorge auf diese absehbare Zukunft blicken.

Wie können wir die für unsere wirtschaftliche Existenz entscheidende Wettbewerbsposition auch nur im mindesten halten, wenn bei abnehmender Arbeitszeit auf den Schlüsselgebieten der Technik der Zukunft immer weniger Ingenieure und Naturwissenschaftler tätig sind?

Im Interesse unserer Volkswirtschaft müssen wir alles tun, daß der Anteil der Hochschulabsolventen mit einer Ausbildung als Ingenieur, Physiker, Chemiker, Mathematiker und Informatiker nicht weiter proportional zum Anteil aller Hochschulabsolventen abfällt. Besonders der Anteil der auf dem Schlüsselgebiet Informationstechnik tätigen Ingenieure muß wachsen, damit wir weiter international Schritt halten können.

Basis für die Ausbildung müssen auch in Zukunft die klassischen technisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen sein. Im Hinblick auf die bedeutsame Rolle der Informationstechnik muß aus heutiger Sicht besonderes Gewicht auf die Gebiete Mikroelektronik, optische Nachrichtentechnik und Software-Technologie gelegt werden.

Dabei muß, in Anbetracht auf die sich für die 90er Jahre abzeichnenden Perspektiven, das Ausbildungssystem so gestaltet werden, daß durch eine intensivere und den persönlichen Anlagen und Fähigkeiten des Studierenden besser angepaßte Motivation und Ausbildung die Studienzeit verkürzt wird und der Anteil der erfolgreichen Absolventen wächst.

Die Informationstechnik weist den Weg für neue, fortschrittliche Lösungen auf allen Gebieten der Technik. Um diesen Weg zu beschreiten, brauchen wir aber nicht nur Ingenieure und Naturwissenschaftler, die sich solide fachliche Grundkenntnisse erworben haben und methodisch wissenschaftlich-technisch arbeiten können, sondern auch das Vermögen und den von einer breiten Öffentlichkeit getragenen Willen, Forschungs- und Entwicklungsergebnisse nicht zu zögerlich in geeignete technische Lösungen zum Nutzen aller umzusetzen.