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11.05.1990

Offene oder proprietäre Systeme - das ist keine Grundsatzfrage

Mit GUIDE-Regional-Manager Jürgen P. Dostal, Geschäftsführer der MG-Informationsverarbeitung GmbH in Frankfurt, sprach CW-Mitarbeiter Wolf-Dietrich Lorenz*.

CW: Welchen Auftrag hat eine Benutzerorganisation von Großkunden? Sind die Kunden mit dem Hersteller nicht zufrieden?

Dostal: Benutzerorganisationen wie die GUIDE sind kein Zeichen von Unzufriedenheit mit einem Hersteller, sondern ganz normale Interessenvertretungen . . .

CW: ... normal bei einem Quasi-Monopolisten?

Dostal: Gerade IBM muß auf Anwenderwünsche hören, denn in der Größe liegt ja zugleich auch die Gefahr, sich nicht rechtzeitig auf Entwicklungen am Markt einstellen zu können. Die GUIDE verfolgt deshalb das Ziel, im Sinne der Nutzer Einfluß auf die Produktgestaltung und Entwicklung von IBM zu nehmen. Ein Schwerpunkt der Arbeit ist dabei der Erfahrungsaustausch der Mitglieder untereinander.

CW: Wer sind die aktiven Mitglieder?

Dostal: Die aktive Mitarbeit geschieht primär in den einzelnen, nach Fachgruppen orientierten Arbeitskreisen. Thematische Schwerpunkte sind beispielsweise Betriebssysteme, DB/DC-Systeme, Rechenzentren, Expertensysteme, Sprachen und andere, insgesamt 19 an der Zahl.

CW: Die Mitglieder sind von ihrer Position her eher technologie- als geschäftspolitisch orientiert?

Dostal: In diesen Arbeitskreisen sind DV-technisch orientierte Spezialisten und Manager wie RZ-Leiter, Systemprogrammierer, Methodenfachleute oder auch Datenbankmanager vertreten. In der Vergangenheit ist der geschäftspolitische Aspekt der Zusammenarbeit zwischen Hersteller und Kunde nach meinem Dafürhalten zu kurz gekommen.

CW: Wollen Sie mit einer Aktivität wie dem "Management-Forum" dem Dialog zwischen Hersteller und Anwender eine neue, eine strategische Dimension geben?

Dostal: Ja, deshalb habe ich neben den DV-technisch orientierten Veranstaltungen das "Management-Forum" als einen Kreis für die IS-Verantwortlichen der Mitgliedsfirmen ins Leben gerufen. In der Tat möchte ich den wirtschaftlichen Einfluß einer Benutzerorganisation wie der GUIDE, in der über 600 große deutsche Firmen vertreten sind, einsetzen, um strategische Themen auf einer größeren Basis zu diskutieren und damit unsere Interessenvertretung wirksamer zu machen.

CW: Über den IS-Manager als Führungskraft im Unternehmen gibt es unterschiedliche Auffassungen. Wie würden Sie sein Selbstverständnis beschreiben?

Dostal: Seit Einführung der elektronischen Datenverarbeitung haben sich - wie bei kaum einem anderen Berufsbild - das Bild des IS-Managers im Unternehmen und in der Öffentlichkeit sowie auch sein Selbstverständnis verändert. Ging es früher darum, Technik im Sinn von Rationalisierung beherrschbar zu machen, muß er heute in der Lage sein, Unternehmensziele mit Hilfe der geeigneten Technologien in Informationssysteme und Organisation umzusetzen .

CW: Welchen Stellenwert haben dabei für einen IS-Manager proprietäre und welchen offene Systeme?

Dostal: Für einen IS-Manager, der das skizzierte Selbstverständnis besitzt, wird es keine Grundsatzfrage sein, offene oder proprietäre Systeme einzusetzen. Entscheidend ist vielmehr die Frage, ob er bei der einen oder bei der anderen Lösung die erheblichen, über viele Jahre abzuschreibenden Investitionen in die Software und die Organisation seines Unternehmens sicherstellen kann, die ungleich höher sind als die in irgendeine Hardware.

CW: Keine Grundsatzfrage, wenn Herstellerbindung in eine Sackgasse führen kann?

Dostal: Es haben sich nun einmal in der Vergangenheit von Herstellern gesetzte Standards - sogenannte De-facto-Standards - wie SNA eher am Markt durchgesetzt als die Bemühungen um offene Systeme.

Auf der anderen Seite bedeuten offene Systeme natürlich die Chance, zwischen einer breiteren Palette von Funktionen auswählen zu können und aufgrund von Wettbewerb kostengünstigere Lösungen am Markt verfügbar zu haben. Und warum sollte nicht auch ein Weg von De-facto-Standards zu offenen Systemen führen können? Hier ist sicher ein Ansatzpunkt für strategische Diskussionen zwischen einer Benutzerorganisation wie der unsrigen und dem Hersteller.

CW: Welche Aufgabe kommt einem IS-Manager als dem Verantwortlichen eines Unternehmens in GUIDE zu? Sie sprachen von einer "meinungsbildenden Kraft": Ist das nun Understatement hochinvestierender Kunden oder Auswirkung einer ebenso komplexen wie festen Herstellerbindung?

Dostal: In der Vergangenheit haben insbesondere die großen IBM-Kunden bilateral Einfluß auf die Produktpolitik im Hause IBM zu nehmen versucht. Ich möchte daneben vor allem für die Vielzahl unserer Mitgliedsfirmen mittlerer Größenordnung einen Kreis schaffen, in dem sich viele Kunden zu grundsätzlichen, strategisch wichtigen Themen gemeinsam artikulieren können. Dies meine ich mit "meinungsbildender Kraft".

Daß umgekehrt die in der GUIDE agierenden Mitgliedsfirmen alle eine gewisse Herstellerbindung an die IBM haben, versteht sich per definitionem von selbst.

CW: Ist Partnerschaft zwischen Kunde und Anbieter in einem von IBM dominierten Markt eigentlich möglich?

Dostal: Ja, sie ist in einem gewissen Umfang durchaus möglich und geradezu notwendig. Partnerschaft heißt dann, daß in einem besonders innovativen Markt versucht wird, Kundenbedürfnisse und Lieferanteninteressen längerfristig und fair aufeinander abzustimmen. Ich verstehe Partnerschaft aber in keinem Falle so, daß damit ein Verzicht auf Wettbewerb verbunden ist. Es geht ja nicht darum, Produkte zu verkaufen, sondern gemeinsam Lösungen zu finden!

CW: Wer ist König in der IBM-Welt - der Kunde oder der Anbieter? Von der reinen Kapitalbindung einmal abgesehen, geht es ja um eigene "matters of concern", also um nichts weniger als wettbewerbsbestimmende Informations- und Kommunikationswerkzeuge für die eigene erfolgreiche Unternehmensstrategie.

Dostal: Ich glaube nicht, daß IBM heute noch König ist, vielleicht mit der Ausnahme Großsysteme Bei ihnen zumindest gilt der IBM-Standard, auch wenn andere Hersteller vergleichbare Rechner und Peripherie anbieten.

König ist umgekehrt sicher auch nicht der IS-Manager, sondern König - also Herr der Entscheidungen - ist in einer nicht mehr nur von IBM geprägten Welt der Gesamt-Informationstechnologie in zunehmendem Maß der Endanwender. Er besitzt mehr und mehr Wahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen Technologien, um daraus für seine Wettbewerbsstrategie passende organisatorische und technische Lösungen zu entwickeln.

CW: Ein Reibungspunkt für IBM-Kunden scheinen Versäumnisse des Herstellers - Thema Requirements - zu sein. 600 GUIDE-Mitgliedsfirmen investieren, wie zu hören ist, jährlich über 100 Mannjahre in Verbesserungsarbeiten: Erledigen Kunden also Arbeiten des Herstellers?

Dostal: Ein Punkt, bei dem wir als Benutzervereinigung mit der IBM unzufrieden sind, und zwar in ganz Europa, ist in der Tat die Behandlung von Requirements, also der Anforderungen an existierende Hard- oder Softwareprodukte. Sie betreffen Qualität, Funktionalität oder Performance. Zuständige fachliche Arbeitskreise adressieren sie an das für das Produkt verantwortliche Labor.

Übrigens ergeben sich die von mir genannten 100 Mannjahre aus den gesamten Aktivitäten des Arbeitskreises, von denen die Beschäftigung mit Requirements nur einen kleinen Teil ausmacht.

Aus den Requirements darauf zu schließen, daß der Kunde die Arbeit des Herstellers erledigt, wäre sicher falsch. Es ist bei der Komplexität von Softwareprodukten und der Bandbreite ihrer Nutzung selbstverständlich, daß sich über die Nutzungszeit zahlreiche Verbesserungswünsche ergeben.

CW: Gleichzeitig warten diese IBM-Kunden bei rund 150 Anforderungen an den Hersteller seit über einem halben Jahr auf eine allererste Antwort. Unzufriedenheit wird da verständlich.

Dostal: Unzufrieden sind wir ja nicht mit der Tatsache, Requirements erstellen zu müssen - das ist vielmehr ein Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit den Produkten. Vielmehr bedrückt uns, daß die Labors, die ja vornehmlich in den USA sitzen, bei ihrer Bearbeitung eindeutige Priorität auf die Anforderungen aus dem amerikanischen Markt legen, die übrigens in einer ungleich größeren Zahl kommen.

Diese Unzufriedenheit haben wir als europäische Organisation in den letzten Jahren an die IBM Europa adressiert, und wir haben uns gefreut, daß der Vertriebschef der IBM Deutschland, Herr Dorn, sich nachdrücklich für unsere berechtigten Forderungen eingesetzt hat.

CW: In einer freien Marktwirtschaft kann man doch zu Wettbewerbern wechseln.

Dostal: Die Möglichkeit, bei Unzufriedenheit mit einem Produkt dieses einfach zu wechseln, ist natürlich in den allermeisten Fällen nicht gegeben. Wir arbeiten ja, was die Software betrifft, und fast alle Requirements richten sich an die Software, im Großrechner-Segment in einem Bereich, in dem es oftmals - denken Sie an Betriebssysteme, Compiler und vieles andere - keine oder keine gleichwertige Alternative zu IBM-Produkten gibt. In vielen Fällen fehlt die Möglichkeit, zu Wettbewerbern zu wechseln. Dies macht es umgekehrt geradezu notwendig, als Benutzerorganisation Druck auf den Hersteller auszuüben - am besten durch das IS-Management.

* Wolf-Dietrich Lorenz leitet den Bereich CSE Conferences, Seminars, Education der IDG Communications Verlag AG, München.