Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

18.10.1991

Offene Systeme - hoffentlich ist das Thema bald erledigt

Langsam hängt das Thema jedem zum Hals heraus. Doch es hilft nichts. Auf den WunschIisten der DV-Kunden stehen offene Systeme ganz weit oben. Immer lauter - und zunehmend aggressiver - ertönt der Schlachtruf: Offenheit, Kompatibilität, Interoperabilität. Selbst IBM scheint sich dem Druck nicht mehr widersetzen zu können, wie ihre jüngsten Ankündigungen zum Thema "Open Enterprise" zeigen. Was aber geschieht, wenn diese stärkste Bastion proprietärer Systeme fällt? Immerhin war sie der Hauptgrund für das Entstehen der offenen Strömung, meint Frank-Michael Fischer*. Vielleicht, so seine Horfnung, ist es dann endlich so weit: Man kann das Thema abhaken und sich wieder mehr auf die Dinge konzentrieren, für die man die teuren Computer eigentlich angeschafft hat.

Kaum ein Begriff aus unserer Branche ist so vielgebraucht und vieldeutig wie "Offene Systeme". Jeder weiß, daß sie viel mit Standards zu tun haben, sich selbst aber bisher einer Standardisierung versagen.

Generationswechsel in der Computerindustrie wurden zu meist durch Technologiesprünge verursacht, die fast ausschließlich im Hardwaresektor stattfanden. Natürlich gab es auch auf der Softwareseite dramatische Entwicklungen - die aber wurden gewöhnlich erst durch neue, erschwingliche Leistungsklassen bei den Trägersystemen möglich. Man stelle sich nur Tabellenkalkulationsprogramme auf alten 12 K-Rechnern vor.

Offene Systeme hingegen sind wohl eher durch ihre Basissoftware charakterisiert, und die strotzt durchaus nicht derart vor Funktionalität, daß höhere CPU-Geschwindigkeiten Voraussetzung für ihren Einsatz wären. Weshalb wurde dann dieses Produktsegment überhaupt aus der Taufe gehoben?

Es ist wohl eine Art OPEC Syndrom, das den enormen Unix Familienzuwachs erklärt. Der ehemals überwältigende Marktanteil der 1370-Architektur, die unter keinem Blickwinkel je eine kostengünstige Plattform darstellte, führte zu einer immer größeren Nachfrage nach "Ersatzlösungen". Und wie einst bei den Ölkrisen ging es auch hier nicht um die sauberste und billigste, sondern schlicht um eine bloß billigere, schnelle Lösung: Mehrere Lieferanten sollten die Abhängigkeit von einem Monopol beenden. Dafür nahm man gern Mühsal in Kauf (gab es aber nicht gern zu).

Somit ist IBM der Hauptverursacher der offenen Strömung Wenn man zudem bedenkt, daß DEC die erste Unix-Maschine (PDP9) und AT&T das erste Unix-Betriebssystem entwickelte, ist es nicht falsch, offene Systeme als Kind von IBM und DEC mit dem Geburtshelfer AT&T zu betracht einem Wunschkind zu sprechen.

Mittlerweile ist das Kind groß und ansehnlich geworden, und viele Paten, sprich Anbieter kümmern sich um sein Vorwärtskommen. Wo Anbieter tätig werden, wird ein neuer Produkttrend natürlich über die Maßen mit Marketingweihrauch verherrlicht (und vernebelt). Probleme werden unter den Tisch gekehrt, VOT allem jene, die langfristige Auswirkungen haben könnten. Es lohnt sich, einen Blick unter diesen Tisch zu werfen:

1. Offene Systeme beziehen auch heute noch einen Großteil ihrer Daseinsberechtigung aus der Marktstellung und der Geschäftspolitik der IBM. Eigentlich heben sie sich nur vor diesem Hintergrund vorteilhaft ab Das heißt: Viele Anbieter offener Systeme sind gefährdet, wenn die IBM die Steine des Anstoßes auch nur zu einem Teil wegräumt. Das allerdings wird ihr nur mit großen Mühen gelingen, denn es gilt hier "kulturelle" Erblasten von riesigen Ausmaßen zu überwinden.

2 Der Arbeitsmarkt bietet nur eine schmale Basis von Leuten, die Software auf offenen Systemen professionell entwickeln, warten und betreiben können. Selbstverständlich können Produktionssysteme mindestens ebenso stabil auf Unix-Basis entwickelt werden wie auf traditionellen Architekturen. Die mühsame Software-Entwicklung unter MVS oder VSE hat aber immerhin Fachleute hervorgebracht, die eine hohe Projekt Disziplin mitbringen.

Die relative Leichtigkeit der Softwareentwicklung auf Unix-Systemen verführt allzuoft zur Leichtfertigkeit bei der Entwicklung.

3. Das Überleben von Anbietern offener Systeme oder entsprechenden Geschäftseinheiten hängt - wie stets - vom Profit ab. Profit aber ist untrennbar mit einer Differenzierung des Angebots verbunden - was sofort wieder die Offenheit in Gefahr bringt.

Alleinstellungsmerkmale kommen in der Regel Anwenderbedürfnissen entgegen. Zugleich aber zwingen sie dem Kunden Merkmale auf, die ihn an eine über die Zeit immer teurer werdende Plattform binden. Ein Beispiel: Systemverwaltung und -betrieb auf offenen Systemen schreien geradezu nach Software-Hilfsmitteln. Offizielle Standards liegen nicht vor, also wird jeder Anbieter versuchen, mit seiner Terminologie und Benutzerführung die Kundschaft für Alternativen unempfänglich zu machen.

4. Informationstechnik ist Infrastruktur. Da Infrastruktur zwar möglichst unauffällig, aber doch ständig vorhanden sein muß setzt kaum jemand Bauteile- oder Bausatzlieferanten als direkte Partner im Infrastrukturbereich ein, es sei denn, er trifft eine bewußte Entscheidung, selbst Infrastruktur zu entwickeln, statt sie nur für seine Aufgaben einzusetzen.

Geschäfte in einer arbeitsteiligen Industrie basieren immer auf Abhängigkeiten. Es kann realistisch nicht darum gehen, diese Abhängigkeiten aufzulösen, sondern nur darum, sie er träglich und vor allem für beide (!) Seiten gewinnbringend zu gestalten. Der Geschäftsauftrag eines Unternehmens wird existenzgefährdend verwässert wenn es anfangt, eigene Straßen, eigene Telefonanlagen und eigene Fahrzeuge zu entwickeln, um aus der Abhängigkeit von Bundespost, Verkehrsministerium oder dem LKW-Marktführer herauszukommen.

Die dabei geschaffenen Lösungen tendieren zu einer gewissen Einmaligkeit. Der Wartungsaufwand kann nicht auf viele Kundenschultern verteilt werden. Die Abhängigkeit von solchen Gruppen oder Abteilungen kann schmerzlicher sein als von einem Anbieter, zumal, wenn aufgrund der internen Personalpolitik erstklassige Fachleute nicht eingestellt werden können.

5. Der Konflikt in den Unternehmen zwischen Kostendruck einerseits und Wettbewerbsfähigkeit durch Differenzierung und schnelle Anpassung an die Marktanforderungen andererseits läßt den Ruf nach anpassungsfähiger, flexibler, also in diesem Sinne offener Standardsoftware immer lauter werden.

Auf dieser Ebene gestalten sich die Abhängigkeiten mittlerweile so absurd, daß namhafte Unternehmen ernsthaft überlegen, ihre Organisation und Struktur an die Erfordernisse ihrer DV-Lösungen anzupassen. Hier sehen wir die ersten Anzeichen des Aschenputtel-Syndroms: Ein Schuh erscheint so attraktiv, daß man sich gern die Ferse abhackt, um ihn tragen zu können. In späteren Stadien findet man eine solche Amputation wahrscheinlich großartig.

Bei den von dieser Krankheit nicht Befallenen verlagert sich das Interesse hingegen zu deutlich flexibleren Anwendungen. Dann interessiert an den offenen Systemen nur noch, inwieweit sie flexiblere Anwendungen ermöglichen. Leider bedeutet Offenheit nicht automatisch auch Flexibilität - diese nämlich ist vor allem ein Entwurfsmerkmal der Anwendung. Ganz Analoges geschah im Automobilbau, wo metrische Schrauben ein wichtiger Schritt zur Marktentwicklung waren, es aber heute keinen mehr interessiert, ob sein Fahrzeug derartige (oder überhaupt) Schrauben enthält. Allerdings würde es ihn sehr stören, wenn die nächste Werkstatt 1000 Kilometer entfernt oder Kupplungs- und Gaspedal vertauscht wären.

6. Legt man die installierte Basis an offenen Systemen zugrunde, fallt auf, daß auf ihr - zumindest am deutschen Markt - kaum "mission-critical"-Anwendungen verbreitet sind. Überhaupt hat die Softwareindustrie längst nicht mit dem Elan auf das offene Pferd gesetzt, wie es die Zahlenbasis erwarten ließ.

Der Hauptgrund liegt in der Unternehmenskultur und dem Geschäftsmodell erfolgreicher Softwarehäuser auf diesem Gebiet wie SAP oder Software AG. Ihre Profit- und Cash-flow-Kurven folgten mehr oder weniger denen der IBM-Basissoftware. Derartige Margen jedoch läßt die Erwartungshaltung der Kunden im offenen Sektor nur sehr bedingt zu. Das heißt, es müssen Finanzierungswagnisse eingegangen werden - und das in einem Land, wo sich selbst Großbanken bei der Beurteilung von Kreditrisiken in der Softwarebranche schwer tun!

Die sechs aufgezählten Kritikpunkte entlarven weder einzeln noch in Summe die offenen Systeme als wertlos; sie befördern diese Produktkategorie lediglich von der Ebene der Götzenverehrung (auf die sie vor allem die marktverzerrenden Grundsatzbeschlüsse der öffentlichen Hand gehoben hatten) auf die Ebene der höchst erfreulichen Alternativen, deren Wert vor allem darin besteht, daß sie helfen, aus übermütigen Anbietern wieder nüchterne Geschäftspartner zu machen, und zugleich überlebte und damit - durch die technische Entwicklung bedingt - überteuerte Architekturen in das Computermuseum zu befördern.

Die offenen Systeme im heutigen Verständnis werden in der Zukunft nur noch für einen engeren Kreis von Weiterverarbeitern ein Thema bleiben; dagegen wird der Ruf nach anpassungsfähigen - und in diesem Sinne offenen! - Standardanwendungen den Markt umkrempeln und so manchem Softwareanbieter noch heftige Probleme bereiten. Der Sekundärmarkt für Softwareanpasser wird sich damit drastisch erweitern.