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Über Nacht als Standard etabliert, obwohl Big Blue wenig gezeigt und nichts geliefert hat:


30.05.1986 - 

Offene Verkabelungs frage

Der Token-Ring-Ankündigung durch IBM im Oktober letzten Jahres folgte eine ganze Welle von Fremdanbietern auf dem Gebiet der lokalen Netzwerke, die Token-Ring-Schnittstellen vorstellten und Kompatibilität versprachen. Auf amerikanischen Messen, so der Localnet und der Comdex im Herbst '85, dominierte das Thema. In den folgenden Monaten kam ein Anbieter nach dem anderen hinzu. Im Laufe der sechsjährigen Entwicklung hat IBM nicht nur erhebliche technische Mittel in den Token-Ring gesteckt, sondern auch dessen Markteinführung äußerst vorsichtig geplant (siehe auch zum Token-Ring-Announcement den Artikel auf Seite 1 dieser Ausgabe).

Warum aber? Das Unternehmen wird zweifellos nicht reich damit, Adapter für 695 Dollar zu verkaufen, und selbst das komplette Sortiment an Token-Ring-Software und Servern wird für die nächste Zeit vermutlich nur einen kleinen Teil der Einnahmen bei den Großunternehmen darstellen. Zusätzlich hat IBM die Fremdanbieter auf dem Gebiet der

lokalen Netzwerke bei der Entwicklung von Kompatibilität und Schnittstellen teilweise unterstützt; den größten Teil der Verkabelungs- und Installationsaufgaben hat IBM anderen Unternehmen übertragen, und die OEM-Schnittstellen für den Token-Ring werden von Texas Instruments Inc. geliefert. Die Etablierung des Token-Ring-Standards genießt für IBM offensichtlich oberste Priorität, nicht das Verkaufen des Token-Ring.

Der Grund dafür hat viel mit der Systems Network Architecture (SNA) und noch mehr mit der Verkabelung über verdrillte Leiterpaare zu tun.

Die Token-Ring-Architektur ist im Prinzip ein Abkömmling des SNA-Systems und wird von IBM als eine Umsetzung der SNA-Architektur beschrieben, die eine schnellere gleichrangige Kommunikations-Infrastruktur schafft, die auf den unteren SNA-Ebenen arbeitet. IBM hat das System von Anfang an als eine Erweiterung der SNA-Umgebung behandelt. Es gehört zu dem umfassenden Ausbau des SNA-Konzepts, das mittlerweile den Standard LU 6.2 (Logical Unit), den Textkomplex Document Interchange Architecture/Document Content Architecture (DIA/ DCA), 3270 Extended Data Stream, die Bildverarbeitung mit dem Scanmaster und die Mehr-Hostsession Technologie umfaßt, die in Form von mehreren Host-Fenstern auf dem IBM PC 3270 und dem IBM-Plasma-Bildschirm 3290 realisiert ist.

Für die Zukunft hat IBM angekündigt, daß SNA auch für die Unterstützung der Kommunikation über ISDN erweitert wird.

Die Gründe für das starke Engagement von IBM für SNA sind in den langfristigen Strategiezielen des Unternehmens zu sehen. IBM hat erhebliche Mühe darauf verwandt, die Zukunft des Großunternehmensmarktes zu erforschen, und ist sich dessen bewußt, daß die Zuwachsraten im Informations- und Datenverkehr hier am stärksten zunehmen werden. Für IBM ist es überlebenswichtig, dieses Wachstum unter dem globalen SNA-Mantel zu erfassen; hiermit soll sichergestellt werden, daß die Integration von Personalcomputern unter den SNA-Protokollen erfolgt, daß die Integration von Sprache und Daten von der Datenverarbeitung herkommt und nicht von der Telekommunikationsseite und daß die Einnahmeströme von IBM bei den Großunternehmen bis ins 21. Jahrhundert aufrechterhalten und erweitert werden. Angesichts des Rückgangs auf seinen Computermärkten wird es für IBM immer wichtiger, diesen Prozeß zu garantieren, wenn das Unternehmen seine langfristigen Wachstumsziele erreichen will.

Nur wenige würden es wagen, die Erfolgschancen von IBM zu bezweifeln, und die meisten Industriebeobachter sind der Ansicht, IBM sei unschlagbar. Die Tatsache, daß die größte Bedrohung, der sich IBM auf diesem Markt gegenübersieht, von etwas so Unscheinbarem und Unwichtigem wie verdrillten Leiterpaaren für Telefonkabel ausgeht, ist daher schon mehr als etwas ironisch. Das Problem von IBM besteht darin, daß derartige Kabel und Leitungen in Unmengen installiert sind. Bei einem durchschnittlich großen Anwender werden typischerweise Coax-Kabel für die Punkt-zu-Punkt-Verbindung der IBM-Systeme 3270 sowie Twinax-Kabel für Systeme der Serie /36 oder /38 verwendet. IBM kontrolliert dies mehr oder weniger, und bei neuen Gebäuden war IBM recht erfolgreich darin, die Anwender zu überzeugen, die teureren, aber auch zuverlässigeren abgeschirmten Kabel des IBM-Kabelsystems der Typen 1 und 2 zu installieren.

Aber damit ist das Problem der bestehenden Anlagen nicht gelöst. Telefone werden über nichtabgeschirmte verdrillte Leiterpaare angeschlossen, die meisten Personalcomputer kommunizieren auf die gleiche Weise, und entsprechende ASCII-Geräteverbindungen bilden ein Problem für IBM, weil die zunehmende Zahl von 3270-PC-Protokollkonvertierungssystemen leicht dazu führen könnte, das Interesse am System-3270-PC zu schmälern. Berücksichtigt man die verschiedenen IBM-Typen von Coax- und Twinax-Kabeln und die bereits existierende Basis lokaler Netzwerksysteme mit Coax-Kabeln, so zeigt sich, daß über 90 Prozent der Geräte in Großunternehmen noch nicht in geeigneter Weise verkabelt sind.

IBM hat die Folgen hieraus erst spät erkannt. In den ursprünglichen Token-Ring-Plänen scheint IBM Ethernet und gleichwertige Systeme als Hauptkonkurrenten angesehen zu haben, das heißt dedizierte lokale Netzwerk-Systeme, die auf Coax-Kabeln arbeiten. Diese Auffassung wurde in eine Strategie umgesetzt, die auf der Annahme basierte, daß ein lokales Netzwerksystem eigentlich etwas ist, für das die Verkabelung geändert werden müßte. Natürlich hatte IBM keine große Wahl in dieser Sache, als es schließlich um das lokale Netzwerk auf der Basis des Token-Ring ging.

Zur Unterstützung der Übertragungsraten von 4 Megabit pro Sekunde beziehungsweise 16 Megabit pro Sekunde und der komplexen Protokolle des Systems waren abgeschirmte verdrillte Leiterpaare als Minimum erforderlich, wenn das System für vernünftige Entfernungen geeignet sein sollte. Wie die Ankündigung des IBM-Kabels Typ 3 im Oktober 1985 zeigte, kann der Token-Ring auf normalen Telefonleitungen Entfernungen von maximal 100 Metern überbrücken.

Dennoch war IBM der Ansicht, mit besseren Kabeln einen Vorteil gegenüber anderen Anbietern von lokalen Netzwerken zu erhalten. Die Kabelkombinationen von IBM aus Glasfasern und verdrillten Leiterpaaren sollten wesentlich attraktiver sein als Coax-Kabel.

Dann kamen die ersten Zweifel auf. Das um 1983 vorgestellte ursprüngliche Kabelsystem von IBM umfaßte vier anstelle von zwei Haupttypen. Typ 1 (2 abgeschirmte Datenleiterpaare und 4 Leiterpaare für Sprechverkehr) und Typ 2 (2 abgeschirmte Datenleiterpaare) wurden im Mai 1984 vorgestellt; Typ 3 (Typ 1 mit Glasfasern) und Typ 4 (Typ 2 mit Glasfasern) wurden nicht angekündigt.

IBM schien damals von seinem ursprünglichen Engagement für Glasfaserkabel Abstand zu nehmen und mehr Interesse an Kabeln mit verdrillten Leiterpaaren zu zeigen. Die im Mai 1984 eingeführten Kabeloptionen mit abgeschirmten verdrillten Leiterpaaren wurden nur für Neuinstallationen angeboten; das Unternehmen hatte anscheinend zu diesem Zeitpunkt schon erkannt, daß die Konkurrenz sich verändert hatte. IBM sah weniger auf die Anbieter von lokalen Netzwerken mit Coax-Kabeln, sondern vielmehr auf Firmen wie AT&T und Northern Telecom, Inc.

Diese Unternehmen hatten sich zuvor mit lokalen Netzwerktechnologien und Architekturen befaßt, die mit normalen Telefonleitungen arbeiteten und folglich in bestehenden Einrichtungen wesentlich einfacher zu installieren waren. Wie wichtig IBM die Sache war, zeigte sich an den 1,2 Milliarden Dollar, mit denen die Rolm Corp. aufgekauft wurde; dieser Gewaltakt sollte das Token-Ring-Netzwerk auf nichtabgeschirmten Telefonkabeln sowie die bemerkenswerte Unterstützung unabhängiger Anbieter bei der Entwicklung von Token-Ring-Kompatibilität fördern. Später stellte sich heraus daß IBM hinter den Kulissen mit Firmen wie Ungermann-Bass Inc., Corvus Systems Inc., 3Com Corp., Nestar Systems Inc., Bridge Communications Inc., Novell Inc. und Protean Inc. zusammengearbeitet hatte.

Nach einer ziemlich merkwürdigen Wende wurden jetzt auch die Anbieter lokaler Netzwerke mit Coax-Kabeln zu Befürwortern des Token-Ring-Standards für lokale Netzwerke gegenüber den Herstellern von privaten Nebenstellenanlagen, die sich in der Zwischenzeit als ernsthafte Bedrohung für die Pläne von IBM erwiesen hatten. IBM war stets um eine offene Architektur für den Token-Ring bemüht, um die rasche Annahme als Standard sicherzustellen. Daß IBM so weit ging, seinen Konkurrenten zu helfen und mit einem Szenario auf der Basis des Rolm CBX II auf ein zweites Pferd setzte, ist vor allem auf die Tatsache zurückzuführen, daß der Token-Ring auf Telefonleitungen nicht besonders gut arbeitet. Dies wäre für IBM nicht schlimm gewesen, wenn nicht in der Zwischenzeit eine Reihe von Anbietern aufgetaucht wäre, deren Systeme hier keine Probleme hatten. Unter dem Strich heißt dies nur daß die lokale Netzwerkstrategie von IBM in ihrer Marktdeckung eine große Lücke aufweist. Dies zeigen auch neuere Untersuchungen. Da ist erstens das im Mai 1984 angekündigte IBM-Kabelsystem. IBM behauptet, mehr als 24 Millionen laufende Meter der Kabel vom Typ 1 und 2 installiert zu haben; dies wird durch die entsprechenden Vertriebshändler und Installationsunternehmen bestätigt. Diese Kabel wurden jedoch größtenteils in neuen Gebäuden verlegt, während nur wenig auf die Modernisierung bestehender Systeme entfällt. Im allgemeinen haben nur solche Organisationen ihre Verkabelung geändert, die eine Probekonfiguration auf einer Etage oder in einem kleinen Betrieb installierten.

Der typische Anwender des IBM-Kabelsystems ist ein großes Rechenzentrum, das mit seinen IBM-Geräten in ein neues Gebäude umzieht und mehr als 17 000 laufende Meter IBM-Kabel verlegt. Bei praktisch all diesen Anwendern müssen IBM-Geräte vom Typ 3270-PC unterstützt werden, und mehr als 60 Prozent haben auch Systeme der Reihe /36 und andere IBM-Systeme mit Twinax-Kabeln. Als wichtigster Grund für die Installation des IBM-Kabelsystems wurde die Möglichkeit genannt, auf die älteren Coax- und Twinax-Kabel für IBM-Systeme verzichten zu können.

Trotz einiger Kritik an den Preisen der IBM-Kabel gelten diese doch als sichere Möglichkeit, und Kostenfaktoren stehen meist an zweiter Stelle hinter dem Gedanken, eine dauerhafte Kabelinstallation zu erhalten. (Nach Angaben von IBM reicht das IBM-Kabelsystem für den Zuwachs der nächsten 30 Jahre im Datenverkehr aus.) Mit der garantierten Unterstützung durch IBM halten die meisten dieser Anwender die Kosten für vertretbar. IBM hat nur sehr wenige seiner großen Datenverarbeitungskunden verloren, die in neue Gebäude umgezogen sind. Zu den Anwendern des IBM-Kabelsystems gehört eine Vielzahl von Firmen und Betrieben, wobei es sich meist um Rechenzentren handelt, die viele Geräte vom Typ IBM 3270-PC und Twinax-Kabelsysteme installiert haben. Aber nur für wenige Anwender war die Unterstützung von Personalcomputern ein Grund, sich für das IBM-Kabelsystem zu entscheiden.

Das IBM-Kabelsystem wurde auf dem restlichen Markt mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Die einzigen Anwender mit einem ernsthaften Interesse an einer Neuverkabelung mit IBM-Kabel sind einige wenige große Rechenzentren. Dies sind meist Universitäten und Großunternehmen, die in mehreren Gebäuden untergebracht sind, bei denen eine umfassende Neuverkabelung wirtschaftlich zu rechtfertigen ist. Die Mehrzahl der großen Anwender, selbst jene, die ausschließlich mit IBM-Geräten arbeiten, sehen keinen großen Sinn darin, neue Kabel zu verlegen. Weniger als 20 Prozent können sich vorstellen, in größerem Maße auf das IBM-Kabelsystem umzustellen, und selbst unter diesen gibt es Zweifel an den Überlebenschancen dieses IBM-Konzepts.

Das IBM-Kabelsystem wurde jedoch deutlich besser aufgenommen als das Token-Ring-Netzwerk. Bei den MIS-Abteilungen herrscht nach wie vor eine abwartende Haltung, und selbst viele der Anwender, die das IBM-Kabelsystem installiert haben, äußern Zweifel. Die Anwender sind fast ohne Ausnahme skeptisch in bezug auf das System und zögern, sich festzulegen, ehe sie mehr von dem System wissen und praktische Erfahrungen damit vorliegen. Fast drei Viertel der befragten MlS-Abteilungen geben an, möglicherweise mit dem Token-Ring-Netzwerk zu arbeiten, aber nur 12 Prozent schien es damit wirklich ernst zu sein.

Das im Moment größte Hindernis bei einer Festlegung auf den Token-Ring ist die Frage der Verkabelung. Nur wenige Anwender wollen sie völlig erneuern, und die maximale Entfernung von 100 Metern über normale Telefonleitungen erweist sich als schwerwiegender Nachteil. Eine Umstellung auf das Token-Ring-Netzwerk setzt nach allgemeiner Auffassung eine Neuverkabelung voraus, und selbst die aggressive Preisgestaltung von 695 Dollar für einen Token-Ring-Anschluß kann diesen Effekt nicht aufheben.

IBM wäre aber nicht IBM, wenn man nicht noch ein As im Ärmel hätte. IBM als Token-Ring-Anbieter hat mehr Probleme als die Token-Ring-Architektur an sich.

Dieser Unterschied ergibt sich zum großen Teil aus der Art und Weise, wie IBM mit Fremdanbietern umgegangen ist. Dieser Aspekt, und nicht die Aktionen des Unternehmens selbst, könnten sich als das wichtigste Element des Token-Ring-Phänomens erweisen. Durch die Zusammenarbeit mit führenden unabhängigen Herstellern von lokalen Netzwerken hat IBM bewirkt, daß die meisten Konkurrenten des Unternehmens jetzt dessen Produkt befürworten. Der IBM-Ankündigung des Token-Ring-Netzwerkes im Oktober vergangenen Jahres folgte eine ganze Welle von Kompatibilitäts-Ankündigungen seitens anderer Unternehmen, und auf der Localnet und der Comdex brach dann ein Token-Ring-Fieber aus.

Fast über Nacht hat sich der Token-Ring als sehr wichtiger Standard für lokale Netzwerke etabliert, eine ganz ordentliche Leistung, wenn man bedenkt, daß IBM recht wenig gezeigt und nichts geliefert hat. Die meisten unabhängigen Anbieter von lokalen Netzwerken und eine wachsende Zahl Systemhersteller und Softwarefirmen sind auf diesen Zug aufgesprungen, der in nur wenigen Monaten mehr Tempo erreicht hat, als es Ethernet in fünf Jahren möglich war. Eine Firma, Nestar Systems Inc., verkauft bereits den IBM-Token-Ring, und andere werden vermutlich im Laufe des Jahres 1986 folgen.

Dieses massive Engagement so vieler Fremdanbieter für die Token-Ring-Architektur wird mit Sicherheit größere Auswirkungen auf die Richtung des Geschäfts mit lokalen Netzwerken haben. Das Ethernet-System, das am ehesten einem lokalen Netzwerkstandard vor dem Token-Ring nahekommt, verdankte seinen Erfolg weitgehend der Kombination einer offenen Architektur mit den Anstrengungen verschiedener Entwickler, die sich auf bestimmte Anwendungen oder Umgebungen konzentrierten. Es ist ziemlich offensichtlich, daß jetzt das gleiche mit der Token-Ring-Architektur geschehen wird. Bis alles vorbei ist, werden wir ohne Zweifel Token-Ring-Systeme auf Breitband- und Basisband-Coax-Kabeln, alternativ Token-Ring-Systeme auf verdrillten Leiterpaaren, verbesserte Token-Ring-Netzwerke, spezielle Token-Ring-Netzwerke und - vor allem - Token-Ring-Netzwerke haben, die auf normalen Telefonkabeln bessere Leistungen bringen. Unabhängig davon, was IBM hiervon selbst schafft, Fremdanbieter und Entwicklungsunternehmen werden für eine beträchtliche Marktdurchdringung sorgen.

Das ist wieder typisch IBM. Nachdem man den Markt für Telefon-Nebenstellenanlagen nicht mit eigenen Produkten erobern konnte, kaufte IBM Rolm auf. Als Satellite Business Systems auf dem Markt für Datenfernübertragung nur wenig erfolgreich war, kaufte sich IBM in MCI Communications Corp. ein. Für das Zellenfunksystem (cellular radio) wandte man sich an Motorola Inc. Für die ISDN-Technologie sucht IBM entsprechend einer kürzlichen Ankündigung nach einem geeigneten Partner.

Bei PC Network wandte IBM sich an Sytek Inc. Bei einem industriellen lokalen Netzwerk bediente man sich der Hilfe externer Entwickler und Standards.

Diesmal mobilisierte IBM also die Ressourcen aller wichtigen Anbieter lokaler Netzwerke, um so die eigenen Konstruktionsmängel wettzumachen, eine "Leistung", die möglicherweise einen stärkeren Wettbewerbsdruck auf die Anbieter privater Nebenstellenanlagen haben wird, als irgend etwas, das IBM selbst hätte tun können.

Der Effekt wird wahrscheinlich ähnlich sein wie damals mit der PC-Familie, bei der die Fremdanbieter die Marktdurchdringung von IBM erhöht haben und dabei auch selbst zunächst ganz gut gefahren sind. Für den Anwender bedeutet dies langfristig, daß die zuverlässige lokale Netzwerk-Option von IBM in einer schmackhafteren Form präsentiert werden wird. Dies verbessert die Marktchancen des Token-Rings, aber IBM ist noch weit davon entfernt, das Spiel zu gewinnen.

Lokale Netzwerke auf normalen Telefonkabeln sind immer noch ein Bereich, in dem die Anbieter von privaten Nebenstellenanlagen einen Vorsprung haben. Das Token-Ring-Netzwerk von IBM wird über Entfernungen bis l000 Meter mit diesem Medium eingesetzt werden können. Die Fremdanbieter des lokalen Netzwerks von IBM verkaufen im allgemeinen immer noch Coax-Systeme für exakt definierte Umgebungen und eine begrenzte installierte Basis. Vieles wird jetzt davon abhängen, ob die Anbieter von privaten Nebenstellenanlagen eine echte Herausforderung für den Token-Ring auf die Beine stellen können und ob es ihnen gelingen wird, die bestehende Kundenbasis mit normalen Telefonkabeln auf entsprechende Weise zu erreichen.

Das Ganze ist ein Spiel mit sehr hohen Einsätzen. Das entschlossene Vorgehen von IBM beim Token-Ring stellt eine Bedrohung nicht nur für die etablierten lokalen Netzwerk-Standards wie Ethernet und Arcnet dar, sondern auch für die gerade aufkommenden Systeme von AT&T, Northern Telecom und anderen Telekommunikationsfirmen auf der Basis privater Nebenstellenanlagen. Auch deren Position ist sowohl durch Stärken wie durch Schwächen gekennzeichnet. Der Token-Ring-Standard ist derzeit verwundbar, weil er eben auf normalen Telefonkabeln nicht besonders gut ist, aber eine Gegenentwicklung kann nur dann Erfolg haben, wenn sie mehr Elan am Markt aufweist und die MIS-Umgebung und deren Bedürfnisse besser abdeckt. Angesichts des Drucks von IBM beim Token-Ring müssen diejenigen, die alternative Verfahren und Strategien unterstützen, wirklich eng zusammenhalten. Tun sie dies nicht, werden sie abgehängt.

*Brian Jeffery ist Autor der CW-Schwesterpublikation COMPUTERWORLD; der Text wurde übersetzt und entnommen aus COMPUTERWORLD Focus vom 15 Januar 1986, Seite 33.