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14.03.1997 - 

Widerstreitende Ansätze

Office-Lösungen für den schlanken Client

Gemeinsam ist allen angebotenen und geplanten Büroanwendungen, daß sie auf die weniger leistungsfähige Hardware schlanker Clients Rücksicht nehmen müssen. Das Konzept des NCs beruht außerdem darauf, daß Anwendungen zentral auf dem Server gespeichert und dort konfiguriert werden. Dies soll vor allem die Unterhaltskosten der Arbeitsplatzrechner reduzieren. Verglichen mit dem Fat Client prägen diese beiden Aspekte die Software-Architektur für NCs.

Bisher zeichnen sich für Office-Lösungen zwei Konstellationen ab: Umfangreiche Pakete mit ihrer Funktionsfülle, wie sie aus dem PC-Umfeld bekannt sind, wandern vom Client auf Applikations-Server ab. Die Arbeitsplatzrechner beschränken sich in diesem Szenario hauptsächlich auf grafische Darstellungsfunktionen. Vertreter dieser Philosophie sind die Applix Inc. und die deutsche Star Division GmbH.

Das Gegenmodell repräsentieren Corel, Lotus und Oracle. Diese Hersteller arbeiten an Büropaketen, die vollständig in Java programmiert sind. Solche Anwendungen lädt der Client über HTML-Seiten vom Netz herunter und führt sie im Gegensatz zum ersten Konzept lokal aus.

Die Anbieter Server-basierter Großanwendungen argumentieren, daß sie den enormen Funk- tionsumfang, den die traditionellen Büropakete aufweisen, auch für schlanke Clients anbieten können. Die Arbeitslast übernimmt in diesem Modell ja zum Großteil der Server. Vor allem sei zu erwarten, daß in der DV-Landschaft der meisten Unternehmen zumindest für eine Übergangszeit NCs und PCs koexistieren werden. Beide Client-Typen lassen sich mit dieser Architektur gleichermaßen bedienen.

Bernd Wagner, Leiter Geschäftsentwicklung bei der Münchner Applix GmbH, weist darauf hin, daß sein Haus als Anbieter von Unix-Software langjährige Erfahrung mit dem Network Centric Computing habe. Tatsächlich existiert diese Art der Arbeitsteilung zwischen Applika- tions-Server und schlankem Client schon bisher unter dem X-Window-System. Entsprechend rasch konnte Applix mit dem Office-Produkt "Anywhere" auf den Markt kommen. Das Softwarepaket umfaßt neben Textverarbeitung und Tabellenkalkulation einen E-Mail-Client sowie ein grafisches Datenabfrage-Tool.

Aufgrund zusätzlicher Funktionalität auf dem Server geht Office Anywhere über die Einsatzmöglichkeiten traditioneller Büropakete hinaus: Über Datenbankanbindung bestehen Zugriffsmöglichkeiten auf Unternehmensdaten, die sich dann beispielsweise in der Tabellenkalkulation weiterverarbeiten lassen. Nach der Übernahme des OLAP-Spezialisten TM1 Software bietet Applix zudem Data-Warehouse-Erweiterungen an.

Bei Applix kümmert sich die Client-Komponente um die Bildschirmdarstellung und nimmt die Benutzereingaben entgegen, Speichern und Drucken von Dokumenten ist Sache des Servers. Das Front-end wurde völlig in Java geschrieben und läuft daher auf allen Systemen, die über eine virtuelle Maschine verfügen. Die Java-Applets kommunizieren über das Hypertext Transfer Protocol (HTTP) mit dem Server, in Intranets besteht die Möglichkeit, schnellere Verbindungen über dedizierte Ports aufzubauen.

Die Hamburger Star Division kündigte kürzlich eine Version ihres Büropakets "Star Office" an, die den Großteil der Anwendungslogik auf einen Server auslagern kann. Für die Kommunikation zwischen Client und Server kommt ein proprietäres Protokoll namens "Distributed Component Computing Architecture" (DCCA) zum Einsatz.

Angeblich reichten Standards wie die Common Object Request Broker Architecture (Corba) nicht für die geplanten Funktionen aus. Vorgesehen ist nämlich, die Anwendung je nach Rechenleistung des Clients und Auslastung des Servers dynamisch zu partitionieren. Für das Front-end stehen eine Java-Variante oder ein in C++ geschriebenes Programm zur Auswahl.

Problematisch an diesem Konzept ist, daß es den Network Computer als bloß weniger leistungsfähigen und einfacher zu wartenden PC begreift. Daraus erklärt sich auch der Ehrgeiz, möglichst den ganzen Funktionsumfang der Büroapplikationen für den NC bereitzustellen. Dieses Mißverständnis liegt bei Herstellern von Office-Paketen nahe: Ihre Produkte stehen stärker als andere in der PC-Tradition der "persönlichen Produktivität". Aber gerade ein Netzwerk-Endgerät wie der NC ist von vornherein für Kommunikation und Workgroup-Computing gedacht, Stand-alone-Anwendungen passen nicht in sein Konzept. Es stellt sich deshalb generell die Frage, ob die typischen Anwendungen für Büro-Einzelkämpfer ohne weiteres auf das netzwerkzentrierte Computing übertragbar sind. Daran ändern auch die mittlerweile gängigen Funktionen für das Bearbeiten von HTML-Dokumenten nichts.

Es ist daher kein Zufall, daß Anbieter von Workgroup-Produkten wie Lotus und Oracle für Office-Funktionen auf dem NC eine andere Strategie verfolgen. Beide Hersteller entwickeln Büroanwendungen vollständig in Java. In erster Linie sind sie dafür gedacht, die Front-ends von Lotus Notes und Oracles "Inter Office" um Funktionen für Textverarbeitung, Tabellenkalkulation oder Präsentationsgrafik zu erweitern. Als solche können auch Java-fähige Browser dienen. Die Erstellung von Dokumenten oder Kalkulationstabellen ist in diesem Kontext nicht Selbstzweck, sondern erfolgt im Rahmen von Vorgangsbearbeitung oder eines weitergehenden Informations-Managements. Im Gegensatz dazu hält man bei Star Division Textverarbeitung und Tabellenkalkulation für den Dreh- und Angelpunkt der Unternehmens-DV (daher auch der Slogan "Do everything in one place" - gemeint ist damit der "Star Desktop").

Lotus und Oracle wollen ihre Java-Anwendungen auch unabhängig von ihrer Groupware vertreiben. Oracle als lautstarkem Verfechter des NCs geht es darum, die Akzeptanz des schlanken Clients durch Verbesserung des Software-Angebots zu erhöhen. Allerdings kann "Hat Trick" genausowenig wie die von Lotus unter dem Codenamen "Kona" entwickelten Java-Komponenten mit der Funktionsfülle traditioneller Büropakete konkurrieren. Christine Nelkowski, bei der Oracle GmbH zuständig für die angekündigte Java-Suite, weist aber mit Recht darauf hin, daß NCs ja vor allem an Arbeitsplätzen eingesetzt werden sollen, wo komplexe PC-Anwendungen gar nicht erforderlich sind.

Die am Client ablaufenden Java-Anwendungen basieren im Gegensatz zu den Applikations-Servern durchwegs auf einem Komponentenmodell, nämlich Javabeans. Zusätzlich benutzen Lotus und Corel ein in Java entwickeltes Framework, das die Erstellung zusammengesetzter Dokumente erlaubt. Aufgrund des komponentenorientierten Ansatzes ist es Anwendern bei den Java-Produkten ohne großen Aufwand möglich, Erweiterungen und Anpassungen vorzunehmen. Zwar lassen auch die Applikations-Server über eingebaute Tools individuelle Benutzerkonfigurationen zu: Beispielsweise können Systemverwalter den Menüaufbau für jeden Arbeitsplatz maßschneidern und so unnötige Funktionen ausblenden. Schwierig wird es jedoch, wenn vorhandene Funktionen durch Komponenten anderer Hersteller ersetzt werden sollen. So wartet Star Office mit einem Browser auf, der fest in das Büropaket verdrahtet ist. Wer statt dessen den in NCs eingebauten Browser nutzen will, wird dabei eine schlechtere Integration mit den Büroanwendungen in Kauf nehmen müssen.

Daß das PC-Office-Konzept bei der Umsetzung auf den NC Schwierigkeiten bereitet, gesteht auch Florian Kreutz von der Corel Corp. zu. Er sieht "Office for Java" in erster Linie als Plattform, die aufgrund ihrer offenen Architektur für Workgroup- und Dokumenten-Management-Lösungen herangezogen werden kann. Zu Corels Java-Anwendungen gehört im Back-end ein Dokumenten-Server, der für das Speichern und Drucken der Informationen zuständig ist. Nachdem der kanadische Hersteller seine klassische Bürosuite in der Version 8.0 mit Netscapes "Communicator" ausliefern wird, ist bei der Java-Variante eine weitere Kooperation im Server-Bereich denkbar.

Microsoft in Warteposition

Microsoft gerät durch den Trend zum schlanken Client unter Zugzwang. Der Marktführer bei Büropaketen muß daher in absehbarer Zeit die weitere Strategie für seine Office-Produkte darlegen. In puncto Funktionsumfang ist mit Office 97 ohnehin ein Stand erreicht, der die Sehnsucht nach Office 98 oder 99 in Grenzen hält. Die bloße Fortführung der Office-Politik wird deshalb kaum noch für Umsatzzuwächse sorgen.

Stefan Leiprecht, Pressereferent für Desktop-Applikationen, geht davon aus, daß die amerikanische Zentrale in den nächsten Wochen ihre Marschrichtung darlegen wird. Zur Debatte steht die Öffnung von MS Office für Client-Server.

Möglicherweise setzt Microsoft aber statt dessen auf Multiuser-Erweiterungen von Windows NT. Solche sind schon heute von Drittanbietern wie Citrix mit "Winframe" zu haben. Vor kurzem wurden Pläne bekannt, wonach Microsoft solche Funktionalität selbst in das Betriebssystem integrieren wolle.

Die Technik gleicht jener von X-Window unter Unix: Die Darstellungslogik wird von der Applikation abgetrennt und kann von einer eigenen Client-Software übernommen werden. Damit ließe sich Office ohne Änderungen in einem Client-Server-Modus ausführen. Probleme könnte dabei allerdings die Skalierbarkeit bereiten.