Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

15.04.1994

Offshore-Programmierung entlastet Personalbudget

Bei extrem hartem, weltweitem Wettbewerb trimmt nun auch die Software-Industrie ihre Produktion auf "lean", groessere Flexibilitaet, mehr Konkurrenz- und Dienstleistungsfaehigkeit. In ihrer Not entdecken die Softwerker - nicht nur die grossen wie SNI, IBM oder die Software AG, sondern auch kleine und mittelstaendische Firmen - die Vergabe von Programmierauftraegen an Unternehmen aus Schwellenlaendern. Doch diese Offshore-Programmierung ist ein Politikum: Arbeitsrechtliche Bestimmungen werden durch die Produktionsverlagerung umgangen, und deutsche IT-Spezialisten sehen sich mit Niedriglohnkonkurrenz fremden Mentalitaeten und Sprachbarrieren konfrontiert. Waehrend die Softwarehaeuser vielfach noch diskutieren, haben die Anwender ihren Vorteil im Global Sourcing laengst erkannt - die deutschen Softwarehaeuser werden schlichtweg uebergangen.

Als ein Beispiel fuer viele steht die Christ Juweliere und Uhrmacher GmbH, Hanau: "Ich haette nichts dagegen, wieder mit einer indischen Firma zu arbeiten, doch nur in einem reinen Offshore- Projekt", fasst Kenneth Cooper, Leiter der fuenf- bis zehnkoepfigen Entwicklungsmannschaft, seine Erfahrungen zusammen. Gemeinsam haben die Partner in einem Zweijahresprojekt ein Point-of-sales- System fuer die Christ-Filialen entwickelt, wobei die indischen Fachkraefte jeweils mit einem 90-Tage-Visum ein Vierteljahr im Gastland verbrachten. Nicht - wie erwartet - die Muehe der Kommunikation und die staendig wechselnde Mannschaft verursachten die Hauptprobleme, sondern fehlende Spezifikationen. Diese wurden erst parallel zur Entwicklungstaetigkeit definiert, so dass immer wieder Verzoegerungen auftraten.

Solche Schwierigkeiten sind nicht selten. "Um dem Mittelstand zu zeigen, wie man sich der Global Sources richtig bedient", kuendigt Alex Bojanowsky, Geschaeftsfuehrer des Bundesverbands Informationstechnologien e.V. (BVIT), Beratung und Massnahmen an, zum Beispiel eine Unternehmerreise nach Asien.

Bojanowsky haelt es fuer notwendig, dass die deutsche Software- Industrie lernt, "ueber den eigenen Kaffeetassenrand zu schauen", um sich verlaengerter Werkbaenke in den Schwellenlaendern zu bedienen. "Uns bleibt keine andere Wahl. Der Branche verbleiben zehn Jahre fuer die Internationalisierung ihres Geschaefts, sonst geht sie unter."

"Konzentration auf die Kernkompetenzen" sowie "Abstossen unprofitabler Nebengeschaefte" seien die Strategien, mit denen sich die Softwarehaeuser als "omnipotente Dienstleister, Anbieter von Standardprodukten und Branchenspezialisten" profilieren koennten. In Ergaenzung sieht Bojanowsky Programmierbueros entstehen, die, egal wo sie ihren Standort haben, nichts anderes machen, als nach den Vorgaben technischer Berater den Code "herunterzuklimpern". Diese Arbeitsteilung beduerfe allerdings einiger Voraussetzungen: eine gute Kommunikations-, Personal- und Infrastruktur sowie funktionierende Qualitaetssicherungssysteme beim Auftraggeber und - nehmer. Hoechstes Ansehen geniesst zur Zeit das Dienstleistungsangebot indischer Unternehmen: neueste Hardware, State-of-the-art-Kenntnisse, Geschaeftssprache Englisch, Satellitenstationen, die wie bei der Baan-Gruppe einen Online- Kontakt ermoeglichen, grosse Firmen, die fuer auftretende Maengel haften koennen. (vgl. Kasten). Diese Gegebenheiten finden sich hingegen nach Meinung vieler Kritiker in Osteuropa haeufig noch nicht. "Die kommen nur rueber, wenn sie einen Auftrag haben, stellen sich nicht vor, so dass man nicht weiss, was sie koennen; oft sind sie weder des Deutschen noch des Englischen maechtig. Ausserdem verfuegen sie haeufig nur ueber PC-Kenntnisse, und der Firmenhintergrund besteht aus One-Man-Shows", laesst Lutz Dorn, Geschaeftsfuehrer des Muenchner Schulungsunternehmens Professional Infotech, einen seiner Kunden die Beschwerden zusammenfassen.

Gute Erfahrungen mit verlaengerten Werkbaenken im Osten Europas haben dagegen die Quantum GmbH, Dortmund, und die KHK Software GmbH & Co. KG, Frankfurt. Die Quantum-Niederlassungen in Tschechien und Polen mit zusammen 30 Leuten programmieren nach den Dortmunder Vorgaben "unkritische Projektteile" zu Werkvertragsbedingungen. Eine Gruppe an der Universitaet Minsk soll Software-Tools herstellen.

Somit nimmt die Programmiertaetigkeit im Dortmunder Stammhaus auf die Dauer ab. Die Entwickler werden laut Quantum-Geschaeftsfuehrer Helmut Ludwigs entweder "in die Beratungskompetenz wegbefoerdert" oder als "Manoevriermasse fuer den technischen Support umgeschichtet". Ludwigs schaetzt die Kosten fuer eine Programmierstunde im Osten auf ein Fuenftel im Vergleich zu einer deutschen. Allerdings, so raeumt er ein, sei der Kommunikationsaufwand erheblich, und er bemaengelt, dass die Auftraege vorfinanziert werden muessen.

Bis zu einem Fertigungsgrad von 90 Prozent laesst die KHK Teile ihrer Applikationsloesungen seit September 1992 von acht ungarischen Mitarbeitern in Budapest entwickeln. KHK erreicht damit eine Kostenersparnis im Verhaeltnis eins zu vier.

Die 30-Mann-Softwareschmiede Turck GmbH, Muenchen, plant dagegen ein Joint-venture in Indien. Neben den dortigen Niedrigloehnen und der persoenlichen Vorliebe des Chefs fuer das Land ist fuer die Ueberlegungen wesentlich, dass die Firma auf dem deutschen Markt keine gut ausgebildeten Leute bekommen konnte. Ist Offshore- Programmierung fuer die kleinen und mittelstaendischen Softwerker noch ein Novum, dessen Vor- und Nachteile sorgfaeltig geprueft werden, koennten die Grossen der Branche auf reichhaltige Erfahrung verweisen - wenn sie nicht schamhaft schwiegen.

So tauschte einstmals die Siemens AG ihren alten Rechnerbestand gegen Programmierkapazitaeten aus Ungarn, und SNI laesst sowohl in Russland als auch in Indien entwickeln. Allerdings fand dort niemand Zeit, darueber ein Wort zu verlieren.

Das indische Joint-venture SISL Siemens Information Systems Ltd. wirbt mit SAP als Referenzkunden. Doch beteuert SAP-Pressesprecher Michael Pfister: "Offshore-Entwicklung ist fuer unsere Firma derzeit kein Thema." Russische Programmierer beispielsweise verfuegten gar nicht ueber das notwendige betriebswirtschaftliche Know-how. Brancheninsider aber behaupten, SAP beschaeftige alleine in Russland um die 200 Entwickler.

Die Lohnstueckkosten-Verlagerung traegt sozialen Sprengstoff in sich. "Auf der einen Seite muessen wir Mitarbeiter freisetzen, auf der anderen Seite wollen wir billige Arbeitskraefte von aussen hereinholen", erlaeutert BVIT-Geschaeftsfuehrer Bojanowsky. Ungeachtet dieser Misere fuer deutsche Programmierer urteilt Roland Schuetz, Pressereferent der Bundesanstalt fuer Arbeit: Das Phaenomen sei "nicht erfreulich", doch werde lediglich "eine bislang privilegierte Gruppe von der Realitaet eingeholt".

Wolfram Berger, Ministerialrat im Bundeswirtschaftsministerium, ergaenzt: "Wir koennen und wollen den internationalen Handel nicht unterbinden - auch wenn sich bei steigender Konjunktur keine Entspannung auf dem Arbeitsmarkt einstellt." Uebrigens unterstuetzt auch die deutsche Entwicklungshilfe Partnerschaften mit Firmen aus den Schwellenlaendern - ausgenommen das Bodyshopping (vgl. Kasten).

So wundert es nicht, dass sich Anwenderfirmen direkt der Programmzulieferung aus den Schwellenlaendern bedienen - insbesondere Handel, Banken und Versicherungen. "Wir muessen uns mit diesem Thema auseinandersetzen", meint Manfred Barth, Leiter der Abteilung Anwendungsentwicklung 3 bei der Berliner Handels- und Frankfurter Bank BHF.

Die Deutsche Bank laesst bereits von Tata Consultancy Services, Bombay, entwickeln, einer 3770-Mann-Softwarefabrik mit 3200 Software-Professionals.

An einer in diesem Jahr abgehaltenen Konferenz in Muenchen und Frankfurt, die das indische Konsulat zusammen mit SNI, der Dresdner Bank, der IHK Muenchen, Diebold und der ITM-International Trade Marketing GmbH veranstaltet hat, nahmen 60 Firmen teil. Vor zwei Jahren verzeichnete die gleiche Konferenz laut Frank Hillenberg von ITM lediglich fuenf Besucher.

Stellvertretend zeigt sich Veit Fritzenschaft, Abteilungsleiter im ODP-PKW-Bereich von Mercedes-Benz, ueberrascht von der Qualitaet der indischen Offshore-Erzeugnisse. Inwiefern sich allerdings die Mercedes-eigenen Softwarewerkstaetten durch die moegliche Konkurrenz anstacheln lasse, steht fuer ihn noch nicht fest. In jedem Fall sei eine echte Partnerschaft ins Auge gefasst, die "ganz vorsichtig" vorangetrieben werden koenne.

Deutschland Goes Shopping: Software aus Indien

In Indien gibt es derzeit etwa 2,5 Millionen Computer- und Softwarespezialisten. Jaehrlich bringt das Land rund 20 000 Universitaetsabsolventen in Informatik und 12 000 Abgaenger von Computerfachschulen hervor. Somit koennen Herstellerfirmen Produktionsmannschaften praesentieren, die bis zu 90 Prozent aus Hochschulabgaengern bestehen.

Die im Vergleich zu Hochlohnlaendern geringen Loehne und Gehaelter fuer ausgebildete Programmierer machen die Erstellung von Software um 40 bis 50 Prozent billiger als beispielsweise in den Vereinigten Staaten. Rund 60 Prozent der Offshore-Entwicklungen gehen in die USA, bislang nur 18 Prozent nach Europa. Zusammengenommen beliefen sich Indiens Software-Exporte 1992 auf 144 Millionen Dollar. Das entspricht 57,64 Prozent vom Gesamtumsatz der indischen Software-Industrie, die seit 1989 mit einer jaehrlichen Wachstumsrate von 30 Prozent aufwarten kann. Nach Schaetzungen wird bis 1995 das Exportvolumen auf 350 Millionen Dollar angestiegen sein.

Zur Foerderung des Branchenaufbaus senkte die Regierung Indiens 1993 die Importzoelle fuer Hardware von 150 auf 60 Prozent und erlaubt nun den Softwarefirmen mehr Freiheit im Umgang mit Devisen. Auslaendische Unternehmen koennen 100 statt wie zuvor 40 Prozent der Stammaktien erhalten.