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27.02.2004 - 

A.T.Kearney-Studie sieht Informatiker vor großen Problemen

Offshoring bedroht 130 000 Arbeitsplätze

MÜNCHEN (jm) - Eine Studie von A.T. Kearney malt die Zukunft der deutschen IT-Branche in düsteren Farben: Wegen des zu erwartenden massiven Trends, IT-Aufgaben in Niedriglohnländer zu verlagern, sind hierzulande bis zu 130 000 Arbeitsplätze in der IT-Industrie bedroht. Lokale IT-Dienstleister und Hochschulabgänger hätten große Probleme zu erwarten.

Seit dem Ende der 90er Jahre lagern europäische Unternehmen zunehmend Funktionen aus, die nicht zu ihrem Kerngeschäft gehören. Wurden zu Beginn vor allem IT-Tätigkeiten verlegt (Outsourcing), so werden inzwischen auch personalintensive Geschäftsprozesse fremdvergeben. Die Öffnung der "Niedriglohnländer" in Osteuropa und auf dem asiatischen Kontinent hat neue Möglichkeiten des Outsourcing, nämlich das Offshoring beziehungsweise Nearshoring (Osteuropa), geschaffen.

In den USA sind bereits 20 Prozent der IT-Budgets in klassische Offshore-Länder - allen voran Indien - abgewandert. Hohe Lohnkostenunterschiede und der anhaltende Kostendruck werden diesen Trend in den kommenden drei Jahren auch in Deutschland verstärken. Die Auswirkungen auf die IT-Branche haben in einigen Bundesstaaten der USA bereits den Ruf nach protektionistischen Maßnahmen ausgelöst und in manchen Staaten zum Eingreifen des Gesetzgebers geführt. So hat etwa die New Yorker Senatorin Hillary Clinton ein Gesetz vorgeschlagen, das Unternehmen, die Offshoring betreiben, schlechter stellt.

30 bis 50 Prozent weniger Kosten

Internationale Offshoring-Anbieter wie etwa die indischen Unternehmen TCS, Wipro und Infosys werben damit, deutschen Firmen insgesamt mehr als zwei Milliarden Euro pro Jahr einsparen zu können. Das bedeutet auch für die deutsche IT-Wirtschaft eine massive Bedrohung der Arbeitsplätze. Dies insbesondere bei lokalen IT-Dienstleistern, aber auch in unternehmensinternen IT-Abteilungen.

A.T. Kearney schreibt, dass Unternehmen durch die Auslagerung von IT-Tätigkeiten in Niedriglohnländer die einschlägigen Kosten um 30 bis 50 Prozent senken können. Deshalb werde der Offshore-Anteil an deutschen IT-Budgets und Arbeitsplätzen in den nächsten drei Jahren von unter fünf auf rund 20 Prozent anwachsen. Steuern die Wirtschaft, die Ausbildungsinstitute und die Politik nicht mit geeigneten Maßnahmen gegen, müsse mit einem Verlust von über 130000 Arbeitsplätzen allein im Bereich Software und IT-Services gerechnet werden.

Nach Meinung von A.T.Kearney wird der deutsche IT-Dienstleister-Markt von den Offshoring-Tendenzen in unterschiedlicher Weise betroffen. Da gibt es zum einen die ausgegliederten IT-Töchter von Unternehmen, die vorwiegend Dienste für das Mutterunternehmen erbringen und zusätzlich versuchen, den externen Markt zu bearbeiten. Diese Unternehmen hätten heute bereits Probleme, profitabel zu sein, wenn sie ihre Leistungen zu marktgerechten Preisen anböten. Häufig hätten IT-Töchter Überkapazitäten oder verfügten im Zweifelsfall nicht über das vom Kunden geforderte innovative Kow-how.

Zum anderen existieren kleinere, lokale IT-Dienstleister, die sehr eng mit ihren Kunden zusammenarbeiten und ihre Mitarbeiter teilweise über lange Zeiträume dort beschäftigen. Gerade in der Softwareindustrie herrschen in Deutschland vor allem in kleineren, national operierenden Unternehmen noch monolithische Strukturen mit hoher Fertigungstiefe. Eine Trennung zwischen Innovation und Produktion existiere nur selten, schreiben die Düsseldorfer Analysten. Diese Strukturen werden bald nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Die kleinen IT-Unternehmen müssen also versuchen, mit Kernkompetenzen zu punkten wie Individualisierbarkeit der Produkte, Qualität, Innovation oder Produktdesign.

Drittens dienen sich große, internationale IT-Dienstleister wie IBM, Accenture und EDS mit einem breiten Angebotsspektrum und internationalen Standorten selbst als Offshoring-Anbieter an. Sie haben bereits eigene Standorte in Offshore-Regionen aufgebaut, nutzen ihre globale Präsenz und erbringen IT-Leistungen am jeweils kostengünstigsten Standort.

Last, but not least betreten verstärkt die klassischen Offshore-Anbieter den deutschen Markt. Sie wollen, so A.T. Kearney, Deutschland als Brückenkopf für Europa ausbauen. Mit gut gefüllter Kriegskasse hat beispielsweise das indische Unternehmen Aftek Infosys die Münchner Arexera Information Technologies übernommen. Ein weiteres Beispiel stellt die Akquisition der Mannheimer AD Solutions durch das indische Offshoring-Unternehmen NIIT dar.

Die lokalen IT-Dienstleister beschäftigen einen Großteil der zirka 380000 Mitarbeiter allein im Bereich Software und IT-Services in Deutschland. Und gerade sie können einen massiven Beschäftigungsrückgang nur dann abwenden, wenn sie jetzt die richtigen Skills aufbauen oder sich spezialisieren.

Im schlimmsten Fall könnten in Deutschland in den kommenden Jahren 130 000 IT-Arbeitsplätze verloren gehen. Der Beginn des Offshoring-Trends ist bei den IT-Dienstleistern durch abnehmende Auslastung der Ressourcen, insbesondere in der Anwendungsentwicklung und -wartung, bereits zu spüren. Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind ab 2005, spätestens 2006 zu erwarten.

A.T. Kearney befürchtet auch, dass ein Großteil der deutschen Informatikstudenten und -auszubildenden im Inland keinen Arbeitsplatz finden wird, weil es ihnen an Zusatzqualifikationen fehlt, die sie von ihren Offshoring-Konkurrenten in Niedriglohnländern unterscheiden. Programmierkenntnisse allein reichen da bei weitem nicht mehr. Gefragt seien verstärkt Projekt- und Informations-Manager mit Verständnis von Geschäftsabläufen und Gesamtzusammenhängen. Weder der klassische Diplom-Informatikstudiengang noch die Informatik-Berufsausbildungen würden aber solche Ausbildungsinhalte bieten.

Fachlicher Hintergrund fehlt

Die in Zukunft benötigten Kenntnisse verschafft eher ein Wirtschaftsinformatik-Studiengang oder eine andere interdisziplinäre Ausbildung, die Informatik mit einem fachlichen Hintergrund verbindet, wie etwa Medizin- oder Bioinformatik. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus: Dirk Buchta, Leiter der Studie "IT-Offshoring und Implikationen für den Standort Deutschland", sagt, von den jährlich mehr als 40000 Informatikabsolventen der deutschen Hochschulen verfügten nur rund 25 Prozent über solcherlei Qualifikationen. Die rund 126000 Studenten des Studienbereichs Informatik müssen also versuchen, sich auf den späteren Beruf teilweise außerhalb des Studiums vorzubereiten.

Kernthesen der Studie

1. Lokale IT-Dienstleister müssen sich jetzt strategisch richtig positionieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Problematisch wird es vor allem für:

- Ausgegliederte IT-Töchter von Unternehmen,

- kleinere, lokale IT-Dienstleister,

- große, internationale IT-Dienstleister,

- klassische Offshore-Anbieter.

2. Der IT-Branche in Deutschland droht ein massiver Beschäftigungsrückgang Im schlimmsten Fall gehen bis zu 130 000 Stellen verloren.

3. Deutsche Unternehmen können aber auch von Offshoring profitieren.

4. Offshoring stellt neue Anforderungen an die IT-Ausbildung - die bestehenden Studieninhalte werden dem noch nicht gerecht.

Die Methode

A.T. Kearney befragte im Oktober und November 2003 mehr als 40 Unternehmen nach ihren Erfahrungen mit IT-Offshoring und ihren Einstellungen dazu. Im Rahmen dieser Studie wurden regional und international operierende Unternehmen mit Hauptsitz im angloamerikanischen Sprachraum und in europäischen Ländern aller Größen betrachtet.

Die Unternehmen decken die wichtigsten Branchen in Deutschland ab: Am stärksten vertreten waren Finanzdienstleister (17 Prozent) und die Logistikbranche (zehn Prozent). Darüber hinaus nahmen IT-Dienstleister sowie andere Firmen aus dem produzierenden Gewerbe, aus der Energiewirtschaft, der Konsumgüterherstellung und dem Handel, der Pharmaindustrie und dem Gesundheitswesen, der Telekommunikationsbranche sowie aus dem öffentlichen Sektor teil.

Ergänzt wurden die quantitativen Daten durch Interviews und Workshops mit hochrangigen Managern aus IT-Industrie und Dienstleistung sowie Professoren deutscher Hochschulen.